Sonntag, 19. April 2015

INTRIGATIVE FESTE oder KEINE KONFLIKTE IN DER MODERNE

"Unter all den Lügen", sagte sie, "bricht etwas auf." Das erste Kichern unter der Haube. (Jetzt setzen die Kontexte ein: Motor oder Bändel?) "Intrigativ." Das war keine Verwechslung, kein Sprachfehler, keine Wortverdreherei. Eine Schöpfung. "Lass uns doch bitte noch mal darüber reden." Wie sehr er diesen Satz hasste. Schon die Fülle der Füllwörter wirkte, so empfand er es, entlarvend. Diese unwiderstehlichen Befehle im Bittstellerton, darin war sie groß. Er vermutete, dass Frauen ihres Milieus und Alters schon als Mädchen darauf getrimmt worden waren. Vielleicht war das ungerecht. Er redete Klartext, bildete er sich ein. In Wahrheit schützte er sich durch verbale Vorne-Verteidigung, besser als jeder Panzer.  (Die Rollen sind mal wieder geschlechterstereotyp verteilt. Ich kann es nicht ändern. Doch es wird sich ändern. Beim nächsten Paar.) Er schob das vegetarische Grillgut auf die Vorspeisenplatte.


Sie rutschte aus auf diesem aalglatten Parkett rücksichtslos belangloser Kommunikation mit hohem Anspruch, immer wieder, stolperte, nahm ernst, was nur gemeint war und lachte so, dass es nur als Auslachen verstanden werden konnte. Dabei hatte sie sehr gemocht werden wollen in dieser Runde: Schöne kreative, junge Menschen, die sich mit Fleiß verunstaltet hatten. Überlange schräge Ponys, schmuddelige Pullover, tiefsitzende Hosen über gerippter Unterwäsche, dicke Wollmützen bei 20 Grad im Schatten, neuerdings immer öfter auch Bärte wie Propheten, Boyfriend-Jeans über schlanksten Hüften, alle Berührungaufhänger vermieden. Körper mit Starpotential, wo sie hinsah, aber eingepfercht in die Seelen von Kaninchen in warmen Gehegen. Engagiert und wütend immerhin: das Unbegreifliche, die Toten im Mittelmeer,  diese Herzlosigkeit, die Kleinlichkeit der Kleinbürger und die eigenen Existenzängste, stinkende und lärmende Mitbewohner in Billigst-WGs, Einreisebestimmungen, Scheinehen und so. Alles wie gehabt. Palaver, Palaver, aber voll ernst, todtraurig, ganz zynisch oder total abgeklärt. Jung halt. Wie wir auch mal waren. Vor tausend Jahren. "Und die Bullen." Da wäre es ihr beinahe herausgerutscht: "Sind auch Menschen." Sie nahm noch einen Hähnchenflügel.

Dabei war es schön. Eingetaucht in den samtenen Sonnenschein eines überfrühen Frühfrühlingsabends. Hinterhofidyllen, rosa Wäsche auf der Leine, keine führt keinen am Band. Sie sind so frei, dass sie sich nicht binden können. Generation: "Kommt noch was Besseres?" Auch darüber werden Artikel geschrieben, die keine lesen braucht. Das ist ungerecht und alt. Zuckerschock in der rechten Backe. Diese moderne Welt ist scheinbar voll individualisiert und doch ganz nett. Selbst der Hipster hat eine Mama, die ihm zum Geburtstag Kuchen backt. Es gibt immer irgendwo eine alte Frau, die einen jungen Mann mag. Oder umgekehrt. Reine Mädchenaugen, märchenhaft umflort, erheben sich zu grauen Brauen. Wir haben viel weniger Generationenkonflikte als alle unsere Vorfahren. (Und: "Wer war schon im Krieg?") Er griff nach den Chipstüten im letzten Karton.

Alle Einschusslöcher übermalt. Tanz den Bären mit deinem heimlichen Bewegungdozenten. Zwei vor, eins zurück. Posiere auf einem Motorrad: Wer hat, der hat. Kinn vorgeschoben, Härte simuliert aus dem weichen Leben heraus. Nur Idioten sehnen sich nach mehr Einsamkeit, Schmerzen und Hass. Auch sie leben unter uns und frönen ihrer Leidenschaft. "Die Menschen sind voll die Arschlöcher", sagte zuletzt der Aktivist. Darauf noch ein Schlappeseppel. 

Nach Hause gehe ich durch den idyllisch beleuchteten Park. Die Turmuhr schlägt. Ich bilde mir ein, dass meine Röcke rauschen. Den zarten Beginn einer großen Liebe beobachtet, das hätte ich gern. Es ist eine Möglichkeit. Ein Kichern habe ich gehört, bevor die Tür zuschlug. Dann fielen sie über einander her. 

Auch wir waren einmal jung und gut.

Sonntag, 29. März 2015

SELBST LOS (Aus der Serie: WIR)

Pippilotta Rist: Selfless in the battle of love
Und trugen wir nicht ohne Klage deine Kinder in unseren Leibern? Wir riefen nicht: Kehret um, unsere Töchter! Wir ließen es zu. Wir wurden alt und gaben sie hin, wie vordem uns. Sprachen wir nicht so: "Nehmet einen Mann und gebäret." (Doch nicht: ihm. Diesen Zusatz ließen wir weg, wenn wir unseren Töchtern rieten. Den fügtest du hinzu oder die in deinem Namen sprachen, den wir nicht nennen.) Wir verlangten nicht, dass sie, die Erzeuger, blieben, bis unsere Töchter groß wären. Auch das kam erst durch dich auf uns: die Sorge um die bleibenden Herren. Wir, damals, ließen sie gehen. Aber, fragten unsere Töchter, später: Liebtet ihr nicht? Wer liebt, hält nicht zurück, sagten wir. (Warum erfandest du Eifer und Sucht und führtest ein: Nur mich! als Zeichen der Liebe? Warum nur?) Wir gaben selbstlos und waren frei. Erst du nahmst in Besitz und sprachst von der Liebe als Gehören und Gehorsam. Stumpf klingen nun die Töne aus dem Loch, in das du unsere großen Lieben versenkt hast. Wir hatten mehr als du zu geben. Ach, was weinten wir um die Liebe, seit du die sprechen und klagen ließest: "HERR, tue mir dies und das." und "Nur der Tod noch kann euch scheiden." Ach, was? Wir mochten lachen darüber zuerst und doch verging es uns. Du siegtest auf ganzer Linie und machtest auch die Liebe zum Kampffeld, wo Sieger und Besiegte ausgerufen wurden, bis wir sie nicht mehr erkannten. 

   

Sonntag, 22. März 2015

ANT.WORTE (und MO: Weil wir es sind!?)

MO:
Sie sagte: „Was wäre wenn..?“ Sie fügte nicht hinzu: „Du und ich.“ Aber später: „Wir sind es.“ (Ihr Gesicht ist so stark, dass ich es immer sehen kann, wenn ich die Augen schließe. Spröde und sinnlich zugleich. Nachdenklich, ohne Denker-Pose.)

Versuchte Ant-Worte
Ich kam bis hierher, weil ich es wollte, behaupte ich gern. In Wahrheit folge ich einem Stern, der mich will. (Das ist der einzige Trick.) Ich bin sehr zuverlässig und versage jetzt nicht. Systemen habe ich niemals vertraut, ebenso wenig wie Systemtheoretikern und Systemkritikern.

MO:
Wiederum: „Was wäre wenn...?“ (Jede Antwort zieht eine Frage hinter sich her.)

Wenig Ant-Worte
Ich bin schnell und wendig, ich wechsle ständig die Stellung, aber niemals die Haltung: Ich bin eine flüssige Echse. Stundenlang. (Sammeln liegt mir nicht. Ich verschwende.)Ich halte die Realität nicht für wirklich. Nein. Jede Nacht springt ein Tiger auf meine Decke. Ich wache immer auf, bevor er mich frisst.

MO:
Spring! (Ich möchte so gern. Mo.)

Noch weniger Ant-Worte
Ich kann, ohne mich zu langweilen, stundenlang die Decke anstarren und nichts dabei denken. Meine Haut ist dünn und wird faltig (Einzahl). Ich lebe. Gut. MO. Kein Mal.

MO:
Du kannst! (Ich bin klein, mein Herz ist rein. Mo.)

Was für Ant-Worte?
Die mich lieben. Ich weiß es von Rennfahrerinnen und Holzverarbeitern, Bäckern und Malerinnen, Putzmännern und Lichtgestalten. Immerzu. Weihnachtsglühen. Küsse. Nein.

MO:
Nur die.

Ziemlich kurze Ant-Worte
Hmm. Vier immer, manchmal bis zu sieben. Ich bin eine kryptophantastische Realistin. Ich bleibe. Tanzen im Kreis.
Sehr troy. Aus der Büchse. Keines. Es ist eine Träne. 
Ich kann fliegen.

MO:
Heb ab!

Ganz kurze Ant-Worte
Schleierhaft. (Mir.) Nie. Nö. Nie. Es gibt keine Information. Nein. Blöd. Nö.

Ich bin gültig. MO.

***

Obwohl ich kein "potentieller Geliebter" bin, nehme ich die Fragen. An. Mich. Ant-Worte. Können sich schon morgen ändern. Weil Fragen immer interessanter ist, als Behaupten. Deshalb gebe ich Ant-Worte. Gegen-Worte. Die sich mir entgegenstellen. 

***

Frage
Wofür steht MO?


Mittwoch, 18. März 2015

#Blockupy (et.al.) KEIN KRIEG MEHR DEN PALÄSTEN!? Luisa Muraro über "Stärke und Gewalt"

"Ich finde es daher richtig, damit aufzuhören, auf die Politik der Paläste zu schauen, und ich finde es zwecklos, noch etwas von ihnen zu erwarten, um dann zwangsläufig enttäuscht zu werden."
Luisa Muraro



Luisa Muraro beginnt ihren Essay über "Stärke und Gewalt" mit der Reflexion über ein Graffiti, das ihr, als sie es entdeckte, "wie von mir im Traum geschrieben erschien":

Dio è violent !

"Gott ist gewalttätig!" heißt das und eine andere Hand sprühte unter diesen schwarzen Schriftzug auf die sandsteinfarbene Wand in Lecce in Rot: "Und belästigt mich". Kleiner. Undeutlicher. 

Muraros Essay über die Gewalt sorgte in Italien nach seinem Erscheinen 2012 für Aufruhr. Die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, auf die er sich in spezifischer Weise bezieht, sind jedoch längst nicht mehr italienische, sondern - auch wenn in den Medien und von Macht-"Politiker_innen" weiterhin nationalstaatliche Diskurse bevorzugt werden - längst europäische. Was das heutige Blockupy-Desaster in Frankfurt gezeigt hat - und wenigstens das kann als ein Erfolg gewertet werden - ist: Es gibt eine europäische Öffentlichkeit und Ansätze einer europäische Politik jenseits des Austausches nationaler Macht-Eliten in den Hinterzimmern von "Institutionen". 

Für Muraro ermöglicht das Wort "Gott" es, in den bürgerlichen, rationalistischen Diskurs Denkweisen und Wissen einzuführen, denen er sich sonst verschließt. Die Verbindung von Gott und Gewalt eröffnet auf diese Weise gleichsam einen neuen Blick auf die Bedeutung und den Bezugsrahmen von Gewalt, meint Muraro. Denn "Gott", so die rationalistische Erzählung, lässt sich vergewaltigen, wird zur Gewalt missbraucht  Das Graffiti aber wendet diesen laizistisch-rationalistischen Blick: Gott ist gewalttätig. Muraro liest das nicht als Vorwurf, sondern als distanzierte Feststellung. Gewalt ist aus dieser Perspektive keine Option, sondern eine Potenz, die wir nicht strategisch einsetzen können, sondern die uns in bestimmten Situationen gebraucht.

Muraro setzt sich in ihrem Essay mit der Konstruktion des Gesellschaftsvertrages auseinander, durch die zu Beginn der Moderne mächtige Männer eine Erzählung schufen, um den Status der Machtbeziehungen zwischen Männern und Frauen, Reichen und Armen, Fremden und Einheimischen ohne den Rekurs auf Gott zu rechtfertigen. Muraro gibt zu, dass die Fiktion des Gesellschaftsvertrages mit seiner Begründung eines staatlichen Gewaltmonopols für eine gewisse Phase "nützlich" gewesen sei. Dies gelte aber nicht mehr, seit die "Autoritäten" jede Autorität eingebüßt hätten. Diesen Zustand konstatiert sie für die Gegenwart. Die Institutionen, die aus der Erzählung vom Gesellschaftsvertrag hervorgingen, existierten weiter, aber sie hätten jede Glaubwürdigkeit eingebüßt. Das Ideal, von dem her sie ihre Autorität bezogen hätten, sei hinfällig geworden: der Glaube an den Fortschritt, daran, dass die Bedingungen des Vertrages allen mehr Wohlstand ermöglichen (das gilt gleichermaßen für die Hobbesche, die Lockesche oder die Rousseausche Variante des Vertrages). Mit dem Verlust dieses Ideals kehre indes das Gesetz der Stärkeren zurück, das eben von jenen Institutionen durchgesetzt werde, die es eigentlich kontrollieren und seine Gewalt einhegen sollten.

Was also tun? Muraro schaut das Graffiti genau an. Jemand hat mit weißer Farbe einen Buchstaben zwischen dem t von "violent" und dem Ausrufungszeichen hinter dem Satz entfernt. Hätte dort ein o gestanden, so wäre Gott männlich gedacht, hätte dort ein a gestanden, so wäre Gott eine Frau. Gott hat kein Geschlecht, oder? Von einer Frau her kann jedoch vielleicht etwas Neues gedacht werden, nicht weil Frauen klüger wären als Männer, sondern weil sie jene Erfahrungen mitbringen, die dem männlichen Denken fehlen. Denn der Gesellschaftsvertrag, die Fiktion, auf der unser Gemeinwesen so lange basierte, hat gleichermaßen negative wie positive Veränderungen bewirkt: sexistische Unterdrückungsverhältnisse und die Verschleierung der Ausbeutungsverhältnisse ebenso wie die Ideale von Recht und Gleichheit. Die Erfahrung der Frauen gegenüber dieser Erzählung im positiven wie negativen Sinne ist ihre Abwesenheit. Aus dieser Erfahrung heraus können Frauen das Andere denken, eine Vision von Freiheit für Männer und Frauen entwerfen, die nicht auf der Fiktion der Unabhängigkeit basiert, die die Gebürtlichkeit ignoriert und leugnet. Stattdessen ginge es um Freiheit, die sich aus Beziehungen entwickelt. Der Feminismus der Differenz bricht daher radikal mit dem Ideal der Gleichheit. Es geht ihm nicht darum, sich zu integrieren, also Gleichstellung zu erreichen, sondern frei zu werden für ein anderes Denken, dem dann (unter anderem) die Idee des Gesellschaftsvertrages in ihrem Kern heute als eine Verabredung zur kollektiven politischen Verantwortungslosigkeit erscheint. Denn laut Vertrag tritt ja ***der Einzelne*** seine individuelle Verantwortung für die Politik, für die Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens, an den Staat und seine Repräsentanten ab, die es über Gesetze regeln. Politische Stärke hieße, diese Verantwortung wieder zu übernehmen, also sich nicht länger auf den "Vertrag" zu beziehen, den "wir" nicht nur nie geschlossen haben, sondern in dem "wir", die Frauen, auch fiktiv nicht als Subjekte mitgedacht waren. Daher kann "uns" dieser Schritt leichter fallen als Männern, da wir ihn, den Vertrag, nicht einmal kündigen müssen. (Spannend für mich an dieser Stelle, die Schnittmenge, aber auch die Differenzen von Muraros Thesen zu Martha Nussbaums Kritik am Gesellschaftsvertrag in ihrem 2014 auf Deutsch erschienenen Buch "Die Grenzen der Gerechtigkeit".)

Von dieser Überlegung her denkt Muraro nun auch das Problem der Gewalt um: Gewalt wird  eben nicht mehr als Mittel begriffen, das sich für diese oder jene Zwecke gebrauchen lässt, sondern Gewalt wird als eine Potenz erkannt, die Menschen gebraucht, denen es gerade nicht offen steht, sie zu nutzen oder auf sie zu verzichten, die nämlich in Gewaltverhältnissen schon leben. Weil Macht und Politik nicht dasselbe sind, geht es jedoch nicht darum, diese Verhältnisse gewaltsam zu brechen, sondern sich der eigenen (politischen) Stärke wieder bewusst zu werden. Dieser Stärke kann sich aber gerade keine vergewissern, solange sie sich in ihrem (politischen) Handeln auf die Herrschenden bezieht. Dass das Ende des Fortschrittsglaubens (des Willens zu mehr Wohlstand für alle; an dieser Stelle eröffnet sich eine spannende Verbindung zum "Mangel an Denken" in der traditionellen Ökonomie, nämlich wahrzunehmen, dass "Wirtschaft Care ist") nicht in seiner Konsequenz  gedacht worden ist, führte zum Aufbäumen und Dahinsiechen der autoritätslos gewordenen "Autoritäten", unter ihnen die Institution "Mann", durch die das Gewaltmonopol des Staates in die Familie verlängert wurde. Die auch in der Linken verbreitete Denkfaulheit, diesen Zusammenhang wahrzunehmen, erklärt, so Muraro, "den nicht-intelligenten Gebrauch von Gewalt durch politisch linke Gruppen. Überzeugt davon, tödliche Gegner des Staates zu werden, ahnen sie nicht (abgesehen natürlich von Spitzeln), dass sie genau dadurch zu seinen Komplizen werden. Dieses objektive Komplizentum zeigt sich heute im Schwarzen Block, der perfekten Verkörperung des Komplizentums von privater Gewalt, Kriminalität und Staatsgewalt." 

Frauen wachse, so zeigt Muraro, eine zweifache Kompetenz zu, die Frage der Gewalt neu zu definieren: einerseits hätten sie gleichermaßen innerhalb wie außerhalb des Gesellschaftsvertrages gestanden; zum Zweiten hätten Frauen die Erfahrung sexueller Gewalt gemacht. Die Kompetenz der Frauen entstehe daraus, dass sie aus diesen Erfahrungen eine symbolische Unabhängigkeit gegenüber der Macht erlernt hätten: Die Fähigkeit nämlich, "Gehorsam" - scheinbar - zu leisten, ohne zu glauben. (Eben das, was im "männlichen" Diskurs die Hinterlist, die Un-***Ehrenhaftigkeit***, kurz die Minderwertigkeit der Frau bezeugt, ihr mangelnder Wille, ihren Glauben oder Unglauben mit den Mitteln der Macht durchzusetzen). Symbolische Unabhängigkeit ermöglicht, die Macht nicht mehr anzuerkennen, ohne an ihr zu zerbrechen. Und es bedeutet: Als Maßstab nicht den "Erfolg", nämlich die Anerkennung als individuelle "Heldin" im Kampf gegen "die da oben", zu setzen, sondern das Begehren, den Herzenswunsch: Wie wir leben wollen. Gewalt ist dabei kein Mittel, sondern eine Kraft, die möglicherweise ausbricht. "Die Formel, die ich gefunden habe", schreibt Muraro, "lautet: So viel wie nötig, um zu kämpfen, ohne zu hassen, so viel wie gebraucht wird, Bestehendes aufzulösen, ohne zu zerstören." 

Gewalt dient nicht dazu, "das System" zu "zerschlagen". Gewaltsam kann es aber erscheinen, wenn Altbekanntes und Vertrautes sich verändert, entzerrt, verzerrt - und Neues entsteht. Wichtig ist zu erkennen: Wenn wir den "Institutionen" und ihren Repräsentanten nicht glauben, müssen wir uns auch nicht an sie wenden, sie nicht bekämpfen und nicht zerstören. Wir müssen stattdessen gleichsam an ihnen vorbei agieren: 


"Und belästigt mich" 

Der undeutlichere, offener und rätselhaftere Teil des Graffitis ist es, auf den es ankommt. Vielleicht sind Formen des Protestes wie Blockupy (gewaltfrei oder gewalttätig) längst überholt. Ich persönlich möchte das Neue ohne die Chiffre "Gott" denken können, die für mich durch die Tradition entwertet ist. 


***

Frankfurt, 18. März 2015


"Verschwendet erscheint mir auch die Sprache des Protestes, der sich an die Regierenden wendet. Die Parolen der Entrüstung sind erbärmlich (nicht der Protest, der damit einhergeht)."




Samstag, 7. März 2015

Hart kämpft (Teil 1) (DREI SABINEN)

Sie war und wollte eine auffällige Erscheinung sein. Immer Auftritt, aber im Inneren die Angst und die Depression stets auf der Lauer. „Ein heißer Feger“, flüsterte es hinter ihr her, wenn sie die Treppe hinaufstieg ins Turmhaus, wo die Schönen und Reichen und Gebildeten das Tanzbein schwangen. Lippen auf Alarmrot, die Nüstern gebläht, wie eine Zuchtstute das Haupt in den Nacken gelegt, eine edle Bewegung, dafür aber der Hals zu kurz, eigentlich. Sie kompensierte das mit einem Blick unter exakt geschwungenen Brauen aus giftgrünen katzenhochmütigen Augen. Das lockige Haar schwang um ihre Schultern in falschem Tizianrot. Sie wollte keine Naturgewalt sein, sondern das hohe Bild der zweiten Natur: Mehr Erotik als Sex, aber stets ein Angebot, unter der Hand, für den Mann, der das Alpha-Tier vorstellte oder den sie dazu machen konnte. Jede Geste zeigte an: „Ich bin der große Preis.“

So tauchte die wieder auf, die einmal die Bohnenstangen-Sabine gewesen war und sich jetzt Sabia Hart nannte, modelhaft, und keine konnte einer wie ihr ohne Vorurteile begegnen. So viel Schau, da ließ sich leicht an der Substanz zweifeln. Das war ein Fehler und nicht unser einziger. Sie hatte sich verwandelt und wir sogen die Luft ein. Doch das Spiel, das sie spielte, begriffen wir weder damals noch später. Die Kampfszene, in die sie eingestiegen war, vielleicht hatte einsteigen müssen, auch um unseretwegen, unserer Worte und Blicke willen, verstanden wir nicht. Sie wollte gesehen werden, aber die Blicke, die sie trafen und die sie verschoss, galten nicht gleich viel.

Kerstin, die einmal „die Schlaue“ gewesen war und nun ein Mittelstandsmusterleben in der Provinz führte, hatte den berühmten Pianisten, dessen Einspielungen sie sammelte, an jenem Abend hören wollen und den Freund überredet, sie zu begleiten. Von ihr hörten wir später, wie diese Begegnung mit der, die wir vor Zeiten Bohnenstangen-Sabine gerufen hatten, verlaufen war. Das meiste mussten wir uns zusammen reimen, denn Kerstin war keine gute Erzählerin. Mit geschlossenen Augen, so stellten wir uns vor, hatte Kerstin dem Spiel gelauscht, ihre Hand sanft und trocken in die ihres  Begleiters gelegt. Sie saßen in der ersten Reihe der Stühle, die an jenem Abend im Halbkreis auf den Tanzboden gestellt waren, um dem Pianisten eine Bühne zu schaffen, die Beine einander spiegelnd übereinander geschlagen, ihre Füße sich gelegentlich leicht berührend. Der Meister spielte gut, wenn auch, wie Kerstins Gefährte später feststellte, beinahe zu virtuos. Zu sehr, so fanden beide, war sich der Mann in jedem Augenblick seiner selbst und seiner Begabung bewusst, spielte vor, gab sich nicht aus. „Trotzdem, war´s gut.“, resümierten sie im Foyer danach. Nach dem Vortrag standen die geladenen Gäste noch eine Weile herum, Weingläser wurden ausgeschenkt, Brezeln aus Körben angeboten. Ein alter Bekannter stellte Kerstin den Pianisten vor.

Sie, so behauptete sie, sei überrascht gewesen wie dieser Mann sie taxierte, als sei sie solo gekommen, aus tiefliegenden, von schweren Lidern verschatteten, beinahe schwarzen Augen. Das dunkle geölte Haar und sein Monjou-Bärtchen, über das er sich fortwährend strich, verstärkten die, ohne Zweifel beabsichtigte, Reminiszenz auf einen ruchlosen Dandy der 20er Jahre. Seine Stimme war rauchig, ein heiseres Flüstern, als hätten sie beide etwas miteinander zu verbergen, so legte er ihr seine Hand auf den Unterarm: „Sie kennen meine Musik? N´ est pas?“ Die Bewegung hatte etwas Entblößendes. Kerstin fühlte sich nackt. Ein leichtes Tippen seiner Fingerspitzen, kaum spürbar. Dann ließ er wieder los.

Dieser Flirt aber, so stellte Kerstin es dar, galt nicht ihr, nicht wirklich, sondern dem, der sie begleitete, ihrem Mann, wie der Klaviervirtuose offenbar annahm, und ihr, der Roten, der schönen Sabia, seiner Frau. Die sie nicht war, andererseits, was eine Rolle spielte, die aber Kerstin an jenem Abend noch nicht durchschauen konnte. Wir waren nicht überzeugt, denn wir ahnten, wie sehr Kerstin, die Spröde, ihre eigene Anziehungskraft unterschätzte.

Was jedoch sicher stimmte: Das Spiel, das hier gespielt werden sollte, zwischen Hart und dem Pianisten, überforderte die schlaue Kerstin. Was sich an jenem Abend zwischen Sabia, Kerstin und dem Pianisten anbahnte, beruhte schon auf so tiefen Missverständnissen, dass sie auch später keine Erneuerung der alten Freundschaft - die in Sabias Augen ohnedies niemals bestanden hatte- je würde wieder auflösen können. Kerstins Begleiter reagierte nicht auf den Pianisten. Er sah wohl das Spielbrett, aber die Spieleröffnung, die ihm galt, entging ihm. „Magst du ein Glas Roten?“, fragte er und als Kerstin nickte, wandte er sich ab, unbesorgt, um sich in der Schlange anzustellen. Der Pianist lächelte, kein anderes Wort passt besser als: maliziös. Weniger galt seine Verachtung ihr, der kühlen Blonden, die der Verteidigung nicht wert zu sein schien, als dem anderen Mann, der den Kampf nicht angenommen hatte.

Hart dagegen nahm an. Mit dem Oberkörper lehnte sie sich leicht seitwärts gegen die Brust des Pianisten. Hätte sie ihren Arm, wie eine Bürgerliche des 19. Jahrhunderts im Stadtpark, unter seinen Arm geschoben und einen Schirm geschwungen, die Geste hätte nicht besitzanzeigender und abwehrender zugleich sein können. Sie hatte Kampfstellung bezogen. „Wir Künstler“, lächelte sie, „müssen euch sehr kapriziös erscheinen.“ Er genoss es, ungemein. „Aber warum denn, meine Liebe, darf ich Ihnen Sabia Hart vorstellen, eine sehr, sehr gute Freundin.“ Das war geschickt. Er sagte nicht: meine Freundin. Oder: meine Geliebte. Dennoch war es eindeutig: sehr, sehr, das e gezogen und das r gerollt. Aber auf eine Weise ausgedrückt, die die Geliebte auf Distanz hielt. Die Botschaft an Kerstin, der er tief in die Augen schaute, lautete: Wenn Sie wollen... Die ehemalige Bohnenstange bemerkte das wohl und fuhr die Krallen aus. „Wirk kennen uns“, ließ Kerstin ihn wissen, „von früher. Obgleich du dich“, wandte sie sich an Sabine-Sabia, „sehr verändert hast. Kaum wiederzuerkennen.“ Hart schnurrte. Das Angebot, das er Kerstin gemacht hatte mit den Augen, brachte sie in Wallungen. Das war der Preis, um den er zu haben war, und der seinen Wert steigerte. Dass er sie kämpfen ließ. Ohne die dauernden Kränkungen hätte sie ihn gar nicht haben wollen. 

Was ging in ihr vor an jenem Abend, als sie eine von uns zum ersten Mal wieder traf nach so langer Zeit? Sah sie in Kerstin ein Mäuschen, das es wagt, mit der Katze zu spielen? Wir hatten sie bedauert, früher, aber Kerstin schauderte es nun, wenn sie an den Blick dachte, mit dem Hart sie gemustert hatte. Durchdringend, gierig, verlangend. Spiel mit uns. Wags doch. Und was sah er? Die Beute eines anderen, um die es sich zu streiten lohnte? Es waren andere Frauen anwesend, schönere, teurere als Kerstin an jenem Abend. Warum sie? Die versuchte ein Gespräch in Gang zu bringen: „Du bist Sängerin geworden?“, fragte sie. Hart legte den Kopf in den etwas zu breiten Nacken, als wolle sie jenen kleinen Makel durch die Dehnung ausgleichen, bevor sie Kerstin ihr breitestes Lächeln schenkte: „Du hast bestimmt von  meinem Engagement in H. gehört.“ Kerstin verneinte. Harts Züge erstarrten, jedoch nur für einen winzigen Moment. 

„Holst du mir meinen Mantel?“, wandte sich Kerstin, der kalt geworden war, an ihren Begleiter. Er strich sanft mit der Hand über ihren Rücken. „Müde?“ Sie nickte, erleichtert. Als er zur Garderobe ging, beugte sich der Pianist zu ihrem linken Ohr: „Wir werden uns wiedersehen.“, flüsterte er, die Lippen fast gegen ihre Muschel gepresst. Kerstin zitterte. Der Pianist lachte entspannt auf: „Sie sind eine wunderbare Zuhörerin.“  Er hob ihre rechte Hand seiner Nasenspitze entgegen und hauchte einen angedeuteten Kuss darauf. Hart neben ihm schüttelte sich kaum merklich, aber Kerstin war sich dennoch sicher, die Bewegung wahrgenommen zu haben. Kerstins Begleiter kam mit dem Mantel zurück und sie schmiegte sich  an ihn, strich mit ihrer Wange über seine Hand, die ihr den Ärmel half. Er suchte, ein wenig irritiert, ihren Blick. „Alles in Ordnung?“. Sie nickte und klammerte sich noch etwas enger an ihn. Sabine Hart legte ihr zum Abschied eine Hand auf den Arm: „Wir werden uns wiedersehen.“, wiederholte sie exakt die Worte des Pianisten.

Kerstin benutzte, als sie uns davon erzählte, nicht das Wort Flucht. Aber so etwas muss es gewesen sein. Sie glaube nicht, sagte sie, dass sie Sabine Hart, die Bohnenstange, die eine Rote geworden war, sinnlich, ergreifend, besessen von ihm, dem Pianisten, je wiedersehen werde. Sie jedenfalls, behauptete Kerstin, wolle das nicht. „Irgendwie“, sagte sie, und das Wort entlarvte sie mehr als das Zittern ihrer Stimme, machten die ihr Angst, diese unbekannte Sabine-Sabia und ihr Pianist. Damals ahnten wir noch nicht, was kommen würde. Aber keine von uns glaubte Kerstins Beteuerungen.

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