Mittwoch, 30. Juli 2014

MUTTER-TOCHTER: DAS LEUCHTEN DER VERSTELLUNG. Über Marlene Streeruwitz´ Roman "Nachkommen"

Auf der Einbandrückseite des neuen Romans von Marlene Streeruwitz steht: 

„´Nachkommen´ ist ein Roman über die Ordnung der Generationen und wie sie durch Gier und Vernachlässigung außer Kraft gesetzt wird.“ 

Das Umschlagbild  zeigt einen rot-orange gefärbten Ausschnitt aus dem  Griseldis-Tryptychon eines unbekannten Meisters, vor dem Nelia Fehn, die Hauptfigur, ganz am Ende des Romans im Museum in London sitzt. Auf ihrer Homepage weist Marlene Streeruwitz darauf hin, dass „Nachkommen“ Teil ihres „Griselda-Projektes“ sei, gerade so wie der für September diesen Jahres angekündigte Roman, den sie als Nelia Fehn geschrieben hat: „Reise einer jungen Anarchistin nach Griechenland“.

In „Nachkommen“ ist eben dieser Roman der jungen Autorin auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreises nominiert. Nelia Fehn, deren Großvater gerade verstorben ist, reist nach Frankfurt, um an der Preisverleihung teilzunehmen. Nelias verstorbene Mutter Dora Fehn war eine bekannte Autorin und in Frankfurt trifft Nelia erstmals seit Jahren wieder ihren Vater, einen im Literaturbetrieb mächtigen Romanistik-Professor.

Die meisten Rezensenten und Rezensentinnen haben die Hinweise auf das Griselda-Projekt weitgehend ignoriert (mit dieser Ausnahme: Hier). Marlene Streeruwitz ist, so scheint es auf den ersten Blick. daran ein bisschen selbst schuld. Denn mit dem Setting des Romans im Literaturbetrieb, rund um die Verleihung des Deutschen Buchpreises zur Messe in Frankfurt am Main, liefert sie „dem Betrieb“ in seinen vorherrschenden Erscheinungsformen (Presse, Funk und Fernsehen) Anlass genug, die Zeilen und Sendeminuten genüsslich mit Analysen darüber zu füllen, ob "Nachkommen" nun ein Schlüsselroman oder eine Satire auf eben diesen Betrieb sei. 

Die Begegnungen der Protagonistin Nelia mit den (meist männlichen, meist über 50jährigen) „maßgeblichen“ Vertretern des Betriebs sowie deren (meist weiblichem, meist unter 40jährigem) Gefolge in Gestalt von Assistentinnen, Sekretärinnen, Haushälterinnen, Ehefrauen, PR- und Medienfachfrauen wird witzig und ein bisschen böse erzählt. Der Verleger Gruhns (ehemals Lektor bei einem renommierten Groß-Verlag, jetzt mit eigenem Kleinverlag unterwegs) spart an der Betreuung und Unterbringung seiner Autorin soviel er kann, versucht aber ihre Jugend, ihren Namen und ihre Nominierung auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises so gut wie möglich im Hinblick auf Vermarktung und Geldgeber des Verlages auszuschlachten. Er nennt Nelia „das beste Pferd im Stall“. Solche Ausdrücke kennt sie indes nur von Zuhältern, lässt sie ihn wissen. Eine „delikate Angelegenheit“, meint er, sei das zwischen Autoren und Verlegern. „´Und Autorinnen´“, sagt sie. 

Was hier erzählt wird über Benehmen und Gerede beim Feilschen und Feiern in einem männerdominierten Gewerbe, ist an keiner Stelle übertrieben. Allerdings: Es ist scharf und unbarmherzig beobachtet aus der Perspektive einer jungen Frau, die nicht (mehr) bereit ist, mitzumachen, mitzulachen oder ernst zu nehmen, nur weil einer älter, männlicher und/oder wohlhabender ist. Der alte „Stewardessen-Traum“ gewisser Männer von der schönen, intelligenten und eloquenten Trophäen-Frau und gewisser Frauen vom Aufstieg über einer ruhmreichen, mächtigen und/oder reichen Mann ist halt noch nicht von jedem und jeder ausgeträumt. Das gibt es überall, wo Macht und Männer in Verbindung auftreten, immer noch, in jeder Branche, und die Auswüchse in Verhalten und Auftreten, die dieses Geschäftsgebaren im Geschlechterkampf hervortreibt, werden in Streeruwitz´ Roman keineswegs satirisch ausgereizt. 

Nelia Fehn ist als ein introvertierter Mensch dargestellt. Sie nimmt auf und wahr, was um sie herum geschieht und verarbeitet es langsam, nachhaltig. Und: Sie ist die Tochter ihrer Mutter. Denn darum geht es eigentlich in „Nachkommen“. Deshalb ist das Setting im Literaturbetrieb kein bloßer PR-Gag, um zwei Romane einer bereits bekannten Autorin zu lancieren, sondern notwendig. In „Nachkommen“ geht es um die Auseinandersetzung mit dem literarischen Erbe. Es geht um Erzählungen wie jene über Griseldis, die weiterhin Selbstverständnis und Verhalten von Menschen prägen, mit denen es Nelia Fehn in Frankfurt zu tun bekommt. Die junge Autorin, die Mutter-Tochter der Dora Fehn  steht für einen radikalen Bruch mit dieser Tradition. Marlene Streeruwitz erzählt in "Nachkommen" (das insofern auch als Verb gelesen werden kann) vom Ringen um diesen Bruch, von seiner Gefährdung und letztlich von seinem Vollzug. Es ist ein Bruch, der nicht mehr als Kritik oder Revolte daherkommt, sondern als Zurückweisung: "Ich kritisiere nicht", sagt Nelia Fehn, "ich lehne ab." Gerade deshalb (weil und wie dieser Bruch zuletzt gelingt) ist „Nachkommen“ aus meiner Sicht der bisher optimistischste Roman von Marlene Streeruwitz.

Griselda ist die Erfindung einer vollkommenenen Frau durch einen schreibenden Mann. Es handelt sich um die zehnte und letzte Erzählung am zehnten und letzten Tag in Boccaccios „Decamerone“. Ein Markgraf nimmt mit Absicht eine arme Bauerntochter zur Frau, damit er sie vollständig beherrschen kann. Die Frau soll nach der Ehe keine Herkunft mehr haben, vor allem keine mütterliche. Der fiktive Erzähler warnt zwar seine Zuhörer dem krassen Beispiel dieses Mannes zu folgen, stellt aber die erfundene Frau durchaus als einen Ausbund an Tugenden dar, an der sich seine Zuhörerinnen ein Vorbild nehmen könnten. Der Markgraf erlegt seiner Frau eine Reihe von furchtbaren Prüfungen auf, um ihre Treue und ihren Gehorsam zu erproben. Er gibt vor, die gemeinsamen Kinder zu töten; er verstößt Griselda und heiratet zum Schein eine andere (die gemeinsame Tochter). Griselda erträgt das alles und bleibt ihm stets gewogen. Es kommt zum „Happy End“, da der Graf zuletzt von der Geduld und unerschütterlichen Unterwürfigkeit seiner Frau gerührt ist. Unter den Zuhörerinnen und Zuhörern wird die Erzählung, lässt uns Boccaccio wissen, diskutiert, indes erfahren wir nicht, ob wenigstens eine der Damen das Verhalten der so gepriesenen Sklavin ihres Eheherrn von Herzen verdammte.

Boccaccio also erzählt von einer Frau, die ihrem Mann sozial und finanziell unterlegen ist und die er durch die Heirat herkunftslos gemacht hat. Gerade dies macht sie für ihn attraktiv. Zugleich wird sichergestellt, dass diese Frau ihren Mann mehr liebt als ihre Kinder, um die tief sitzende Angst des patriarchalen Familienherrschers zu beruhigen, das enge Band zwischen Mutter und Kindern könnte Ausgangspunkt einer familiären Revolte gegen ihn werden. Griselda ist zudem die Mutter einer Tochter, die ihr zur Konkurrentin wird, mindestens scheinbar. Mutter und Tochter verbindet allein der Mann, der über beide herrscht. Die Erzählung von der Griselda treibt damit auf die Spitze, was das Verhältnis der Geschlechter in unserer Kultur pervertiert: eine behauptete männliche und väterliche Autorität, die unbedingte Treue verlangt und die voller Angst ausschließen muss, dass die Frau andere wertvolle, stützende Bindungen hat, als jene zum Mann und Vater. (In der "Realität" hat das nie geklappt, wohl aber in den tradierten bzw. tradierbaren Erzählungen bis heute. Der Bechdel-Test lässt grüßen!)

Mit Nelia Fehn schafft Marlene Streeruwitz in "Nachkommen" eine Figur, die sich auf die Suche macht „zu den Verstecken des Gehorsams“, jenen Mythen und Bildern, um derentwillen eine jede sich nach der Anerkennung durch den Vater oder den Mann sehnen und dafür alles auf sich nehmen soll. Aber Nelia ist eben keine Griseldis-Tochter, die – auf- und preisgegeben von einer auf den Mann fixierten Mutter – eine Vater-Figur sucht und braucht. Dora Fehn hat den Erzeuger-Vater aus dem Leben ihrer Tochter verbannt. Nicht weil sie, die erfolgreiche Autorin, eine Männer-Hasserin gewesen ist (wie es ja gelegentlich auch der Autorin Marlene Streeruwitz unterstellt wird), sondern weil eben dieser spezielle Vater, der Professor, ein Mann ist, der die alten Geschichten und Verhältnisse zwischen den Geschlechtern tradiert, feiert und lebt. Dabei fühlt sich dieser Herr ganz offenbar angezogen von Frauen, die eine „Herausforderung“ für ihn sind, gebildeten und selbstständigen, daher besonders schmückenden Frauen, die aber zuletzt doch bereit sein sollen, um ihn zu kreisen, ihm zu dienen und um seine Anerkennung zu buhlen. Nelia wird Zeugin einer solchen Aufführung von miteinander konkurrierenden Frauen  um ihren Vater: „Es war traurig mit anzusehen, wie diese Person um Fassung rang. Wie sie während des Schluchzens verzweifelt auf der Suche nach dem besten Mittel war, die anderen zu verletzen. Ins Unrecht zu setzen. Wie sie einen Weg suchte, ihre Selbstachtung zu behalten, aber dennoch sich selbst als Opfer zu beklagen.“ 

Ein gefährlicher Vater ist so einer für eine Tochter, hat Dora Fehn offenbar gewusst, die ihrer Tochter ein Leben, ein Denken und Schreiben jenseits dieser Tradition ermöglichen wollte. Noch die Anerkennung durch diesen Vater-Typus ist in Wahrheit eine Vernichtung. Nelias Vater sucht den Kontakt zu seiner Tochter erst in dem Moment, indem sie ihn schmücken könnte: als schöne und begehrte Preisträgerin. Jeden möglich Erfolg verwandelte das Lob eines solchen Vater in „Dreck“: „Er musste mit jedem Satz seine Dominanz einfordern. Alle diese Verkleinerungen und Einschränkungen.“ Der Mann, der Doras Tochter gezeugt hat, sagt 20 Jahre später zu eben dieser Tochter: „Deine Mutter konnte man nicht verlieren. Sie hat einem nie gehört, und das war ihr sehr ernst damit. Mit ihrer Unabhängigkeit. Verstehst du.“  Er versteht nichts. Eine Frau wie Dora Fehn, die drei Kinder versorgt hat, ist nicht „unabhängig“ in jenem Sinne, den er meint. Aber eine andere Abhängigkeit (oder Verpflichtung) der Frau als jene von und für sich (oder gegenüber einem anderen Mann seiner „Liga“) kann er sich eben gar nicht vorstellen.

Ins Leben ihrer jüngsten Tochter, der sie diesen Mann als Erzeuger nicht ersparen hat können, ließ Dora Fehn hingegen nur andere Männer ein; Männer wie den Dichter Valeriu, einen Exil-Rumänen, der aufhört zu schreiben, nachdem Ceaucescu gestürzt ist, oder Herbert, Doras letzten Lebensgefährten, der nicht die Wohnung mit ihr teilt, aber das Leben. Dora Fehn hat ihrer Tochter Beziehungen zu Männern vorgelebt, in denen es nicht bemerkenswert wirkte, das eines den anderen nicht besitzen will und kann, sondern  dies Voraussetzung der Beziehung war. Doch Dora Fehn ist früh verstorben, so früh, dass die noch minderjährige Tochter Nelia zurück musste, in deren eigenes patriarchales Elternhaus, zum dominanten Großvater und zur sich in ihrer Opferhaltung suhlenden Großmutter. Jahre, so empfindet es Nelia, hat sie durch den frühen Tod der Mutter verloren, Trauerjahre, in denen sie lernen musste, den Schutzmantel gegen die falschen Traditionen und Verhältnisse, den ihr die Mutter gewoben hatte, selbstständig zu erhalten. 

Streeruwitz´ Roman beginnt mit der Totenwache am Sarg des Großvaters. Der Abschied, den Nelia nimmt, ist vor allem der endgültige Abschied von der Mutter, deren Leben und Tod der Großvater für falsch befunden hatte. Die Reise nach Frankfurt ist die Probe darauf, ob die Immunisierung gegen die Forderungen der patriarchalen Macht, die ihr die Mutter eingeimpft hat, der erzwungenen Rückkehr in den großväterlichen Haushalt standgehalten hat. Aber das begreift Nelia erst ganz am Ende des Romans.

Zwar lässt Nelia sich auf die Begegnung mit dem fremden Vater, dem interessanten Erzeuger ein. Aber sie bleibt distanziert, beobachtend. Sie erkennt in diesem Mann, wovor die Mutter sie bewahren wollte. Den tradierten Erzählungen von der Treue der Frauen (oder warnend und vernichtend: von ihrer Untreue) stehen die zahllosen Vater-Sohn-Konflikte in Mythen und Literatur zur Seite, die Revolten und Revolutionen, in denen scheinbar immer eine männliche Macht die andere ablösen muss. Auch davon ist im Roman und im Literaturbetrieb immer wieder die Rede. 

Konfrontiert mit den irritierenden Autorinnen, die solches nicht zu erzählen haben, verlangt der Betrieb neuerdings nach Mutter-Tochter-Konflikten, die ein ähnliches Muster aufweisen: „´Every mother is a daugther also and hates her mother.´“ Die Beschreibung von tödlicher Aggression zwischen den Frauen, den Müttern und Töchtern, den Konkurrentinnen um die Gunst der Männer, könnte erzählerisch das wankende Verhältnis wieder ins rechte, ins tradierte Lot bringen. Nichts scheint aus der bisherigen Perspektive unbegreiflicher und unerzählbarer als die Liebe zwischen Müttern und Töchtern, Schwestern und Freundinnen. Aber Nelia muss ihre Mutter nicht verleugnen. Sie hat ihr eigenes Leben beginnen können, ohne die Mutter symbolisch zu töten: „Sie hatte ihre tote Mutter aus der Wörtlichkeit in die Erinnerung verschoben. Sie hatte die Liebe nicht verloren. Was sollte ihr geschehen. Was konnte ihr geschehen, was nicht schon kannte. Wusste. Konnte.“

Am Ende des Romans sitzt Nelia im Londoner Nationalmuseum vor dem Tryptychon des namenlosen, mittelalterlichen Meisters der Griselids. Es sind Bilder, die Dora Fehn wichtig gewesen sind. Aber Nelia ist gelangweilt. Bis sie erkennt: „Und das war es. Das war die Erbschaft. Sie starrte auf Reunion. Ihr Erbe war, dass sie sich das so denken hatte können. Ihre Mutter hatte sich vor diese Geschichten gestellt. Hatte sie von diesen Geschichten ferngehalten. Hatte ihr die Sicht verstellt. Undurchsichtig. War ihr Spiegelung gewesen. So. Hatte mit der Verstellung ihr das Leuchten erhalten und deshalb. Das hatte sie alles nicht berührt. Sie war sicher gewesen.“ Zuletzt wendet sich Nelia dieser Griseldis dennoch zu. Versteht sie neu. Versteht deren Haltung nicht mehr als Treue gegenüber dem Mann, sondern als Verpflichtung gegenüber ihren Kindern, die sie mit ihrer scheinbaren Unterwürfigkeit vor dem Vater schützt: „Und währenddessen machte Griselda alles, was für das Leben ihrer Kinder notwendig ist.“

Im September wird „Die Reise einer jungen Anarchistin nach Griechenland“ erscheinen, der Roman, den Marlene Streeruwitz als Nelia Fehn geschrieben hat. In ihm wird sie, wahrscheinlich, von Mario erzählen, Nelias griechischem Geliebten, dem Revolutionär. "Aber alle Revolutionäre wollten es den Vätern zeigen. War das ihr Motiv gewesen. Oder Suche. War sie auf der Suche. Aber sie war auf keiner Suche. Und der Revolutionär. Das war der Marios. Und seiner Freunde. Die machten das. Revolution. Das konnten die alle nur noch nicht sehen. Das würde sich schon noch zeigen. Und sie. Sie war auf keiner Suche. Sie lebte." Was kann die Liebe? Zwischen einem jungen Mann und einer jungen Frau? Die Ungleichzeitigkeit der Verhältnisse. Patriarchat und/oder Kapitalismus? Das wird spannend zu lesen sein. Ob die Liebe unter diesen Bedingungen nur Bestand hat, weil und solange zwei nicht dieselbe Sprache sprechen?


Marlene Streeruwitz hat mein Exemplar  - auf unsere Bitte hin – mit dem Denkumenta-Satz: „Das Patriarchat ist zu Ende.“ signiert. Fast. Sie hat ein „fast“ eingefügt. Vielleicht ist sie nicht ganz so optimistisch, wie ich ihren Roman über Nelia Fehn, die Nachgekommene, lesen möchte. Es ist auch wirklich schwer, nicht gehorsam zu sein (ohne Revolte zu spielen).

Marlene Streeruwitz: Nachkommen, Fischer 2014   € 19,99
Kindle Edition € 17,99



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Samstag, 26. Juli 2014

VORBEIGESCHAUT (Aus der Serie: WIR)


Caterina van Hemessen: Selbstbildnis
Geh zur Seite, geh!

Wir werden draußen sein, weißt du, wenn wir an dir vorbeikommen. Wirst du auf den Stufen sitzen und verloren mit den Händen durch deine Haare fahren? Trägst du dein Haar offen oder verbirgst du es unter einer Haube? Das wagten wir nicht zu fragen. Was trägst du am Körper, Körperloser, oder bleibst du dir nackt?

Wie die Sterne auf ein Haar scheinen könnten, das du nicht trägst. Denn: Der Geist ist haarlos. Dem Geist glänzt eine Glatze: Spiegelnde Sterne auf deiner Stirn strahlen wie eine Krone. Oh, wie sie strahlt über deinem Haupt, das du in Händen hältst auf deinen Stufen. 

Wir werden uns erheben. Wir werden den Stift in die Hand nehmen, den Pinsel schwingen und schauen.

Und du wirst uns nachsehen. Zieh die Vorhänge zu, Herr, wenn du nach drinnen gehst. Deine Haut ist empfindlich, wenn die Sonne kommt, wird es schmerzen. Wie bleich du bist. Bedecke deine Augen, wenn du welche hast. Schau nicht nach oben. Wir erheben unseren Blick. Nicht zu dir. Nach draußen. Vor das Bild.

Wir können nicht warten. Wir sind draußen. Jenseits deiner Schuld.

Bleib. Wo du bist.

Freitag, 25. Juli 2014

"...dass mir nichts Schlimmeres passieren kann."

Wie fängt das an, wann und womit? Und warum geschieht es einigen stets und anderen - scheinbar - nie? Fremdheit kennt eine jede. Aber nur manchen wird sie zur besten Freundin. Nur für wenige wird die Furcht, sich selbst fremd zu werden, immer größer sein, als jene, anderen fremd zu bleiben. 

Erkennungszeichen: Hilflos mit dem Glas in der Hand herumstehend wird verzweifelt eine Frage gesucht oder ein schlichter Satz, der kompatibel ist. Small Talk. Damit geben viele an, dass sie den nicht beherrschen. Etwas anderes ist die Angst, von ihm beherrscht zu werden. Immer noch nett wirken, wenn es in den Eingeweiden gärt. Oder diese unterschwellige Aggression, die sich in der Tonlosigkeit der Stimme offenbarte, wenn jemand hier Offenbarungen erwartete. Das bleibt - trotz aller Bemühungen, herzliches Lächeln stilecht zu imitieren - nicht unbemerkt, niemals. Darüber darf man sich keine Illusionen machen. Die Liebe zur Fremdheit dünstet einen Geruch aus, den noch die eifrigste Parfümierung mit geheucheltem Interesse in Gestik und Stimme nicht überdecken kann. Den selbstbefriedigenden Widerwillen gegen den Gemeinschaftsgeist kann noch die willfährigste Bereitschaft zum Teamwork nicht vollständig verdecken.

Initiation: Ich stehe auf dem Garagendach und will springen. Ich habe das schon hundertmal getan: Atem holen, Anlauf nehmen, Ausatmen, fliegen. Bis ich mich eines Tages stehen sehe, Atem holen höre, stehen bleibe, hinabschaue. Ich werde nie mehr springen. Es könnte sein, dass ich die Gefahr erkannt habe. Aber ich erinnere es anders: Es war als habe ich mich erkannt. Ich werde danach niemals mehr irgendwo einfach dabei sein und machen. Ich weiß jetzt, wer ich bin, was heißt, dass ich nicht bin, wie andere und nicht wie ich, wenn ich mich nicht sehe. Ich kann mich von nun an auch nicht mehr nicht sehen. Ich kann mich immer noch anpassen und wohlwollen. Aber ich kann nicht mehr dazu gehören. Ich kann es nicht einmal mehr wollen. 

Versteckspiel: Seit ich mich sehe, will ich weniger gesehen werden. Es wäre falsch, das mit Schüchternheit zu verwechseln. Ich bleibe trauriger, aber ich lasse es nicht raushängen. Ich trage kein Grau und gewöhne mich an das Schauspiel, das ich anbiete. Je besser ich als Darstellerin meiner selbst werde, desto mehr habe ich zu sagen. Mit meinen Erfolgen werde ich mir fremder und ich muss mich selbst sabotieren, um mich wieder einmal zu spüren. 

Die Anstrengung ist nicht immer gleich groß. Manchmal bin ich federweich und -leicht. Manchmal sinke ich schwer. Es gibt keine Hoffnung, nur die Sehnsucht anzukommen und das Wissen darum, dass mir nichts Schlimmeres passieren kann. 

Montag, 21. Juli 2014

Spätvorstellung: DE MAYERLING A SARAJEVO (1940)




Ein Beitrag von Morel


Max Ophüls Film über Erzherzog Ferdinand und die tschechische Gräfin Sophie Chotek, die Opfer des Attentats von Sarajevo, hatte am 1. Mai 1940 in Paris Premiere. Wenige Tage später begann der als Blitzkrieg bekannte Westfeldzug. Der nächste Krieg hatte begonnen, die Schüsse von Sarajevo hallten immer noch nach. Das Land, in dem De Mayerling a Sarajevo gedreht wurde, war schon bald von den Deutschen besetzt und ein weiterer Film eines der besten deutschen Regisseure begann seine Karriere als unbekanntes Meisterwerk. Ophüls hatte in den zwanziger und dreißiger Jahren an renommierten Theaterhäusern in Deutschland und Österreich gearbeitet, unter anderem am Burgtheater. Dabei war er immer wieder antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt, weshalb er selten länger als ein Jahr an einem Haus beschäftigt war.  Anfang der dreißiger Jahre begann er damit Filme zu drehen, am bekanntesten sicherlich das Melodram Liebelei mit der jungen Magda Schneider. Hier zum ersten Mal und in der Folge immer wieder zeichnet der Saarländer Ophüls ein romantisiertes Bild Österreichs vor seinem Untergang – eine Kulissenwelt, in der nur die Liebe und die Musik den Raum öffnen. Die bewegliche Kamera dynamisiert die oft gerahmten Bühnenbilder Ophüls und umkreist es immer wieder gerne: das Walzer tanzende Paar im instabilen Zentrum einer untergehenden Welt. In den Tagen nach dem Reichstagsbrand verließ er Deutschland und ließ sich mit seiner Familie in Paris nieder. 1938 wurde er französischer Staatsbürger. Hier griff er mit De Mayerling a Sarajevo kurz vor dem nächsten Weltuntergang erneut ein österreichisches Thema auf. Trotz seiner linken Ausrichtung und der politischen Verfolgung ist Ophüls nicht wie Brecht ein im herkömmlichen Sinne der Agitation politischer Künstler. Die Politik ist immer Außen, Teil der Bühnendekoration, sie zerstört mit ihren Manipulationen das Leben. Der Erzherzog Ferdinand ist daher nicht die historische Figur, ein fanatischer Jäger und reaktionärer Katholik, sondern ein romantischer Liebhaber, dessen Reformideen am Hof auf Widerstand stoßen (eine ähnliche Konstellation wie im vorher gedrehten Film Mayerling von Anatol Litvak, der aber mit dem unglücklichen Rudolf einem anderen Thronfolger gewidmet ist). In den klassischen Liebesfilmen geht es für das Paar immer darum, Widerstände zu überwinden. In der Komödie sind diese Wiederstände meistens nur eingebildete: das Paar gehört zusammen, es weiß es nur noch nicht. Im Melodram (heute außerhalb des Kunstkinos so gut wie ausgestorben) sind die Widerstände dagegen gesellschaftlicher Natur. Das Liebespaar weiß sehr wohl, was es will, nur die Gesellschaft duldet diese Unbedingtheit in ihrer Mitte nicht. Das macht ausgerechnet das bei der Linken so verhasste Melodram zu einem Kino der Kritik. Fassbinder zumindest wusste das. In den Liebes-Melodramen von Ophüls sind die Liebenden nie allein, sie stehen immer unter Beobachtung. Wenn der Walzer, bei dem sie nur für einander Augen hatten, verklungen ist, haben die anderen Tanzpaare etwas zu erzählen. Das neben dem Walzer zweite visuelle Thema in Ophüls-Filmen, mit dem De Mayerling a Sarajevo auch beginnt, greift das immer wieder auf – die Nachrichtenübermittlung, die Verbreitung von Gerüchten. So wandert am Anfang eine Botschaft für den Hof von Hand zu Hand, wie bei Kafka zahlreiche Räume durchquerend, immer von der Kamera verfolgt. Tödlich für Ferdinand und Sophie ist letztendlich die Kälte, auf die sie als nicht standesgemäße Verbindung am Hof stoßen (es handelt sich um eine sogenannte morganatische Verbindung, die ihre Kinder von der Thronfolge ausschloss). Letztendlich führt das bei Ophüls auch zu den unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen in Sarajevo. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf, wo das Glück gehasst wird. Wer Die Schlafwandler, das spannende Buch Christopher Clarks über die Julikrise 1914 liest, wird öfters solchen Figuren begegnen: Männer, die das Leben fürchten und das Glück verachten. Die Filme Ophüls werden inzwischen kaum noch gesehen, dabei sind sie in ihrer tänzerischen Leichtigkeit, ihrem Witz und ihrer technischen Brillanz pures Glück. Sein in Wikipedia zusammengefasstes Leben besteht aus ungefähr 300 Wörtern, das von Veit Harlan aus 1000. Um das noch unabgeschlossene Leben und Werk von Til Schweiger zusammenzufassen, sind jetzt schon 1.100 Wörter nötig.

Sonntag, 20. Juli 2014

AUFSTAND GEGEN DIE WILDNIS (Ein Traumbild)

Ob wir uns darin unterscheiden oder gleichen, ahne ich nicht einmal. Der Garten taugt mir wie kaum etwas zur Metapher. Damit bin ich weder allein noch originell: Hortus conclusus. Doch kann ich das Geständnis an dieser Stelle nicht vermeiden, dass ich nicht gärtnere. Nie.

***

Ich erwachte unter einem Baum. Noch im Erwachen erinnerte ich, wie selbst im Traum das sanfte Schaukeln der Blätter im Licht im Sekundentakt den Charakter der Szenerie verändert hatte. Nicht grausam indes oder beängstigend, sondern sanft, weich, als Zeichen für den gleitenden Wechsel, das sanfte Hineinwachsen in ein Anderes, das ich ersehnte.

Im Traum hatte ich deine Berührung gefürchtet. Ich wusste, wie leicht die kaum sichtbaren goldenen Haare auf meinen Schenkeln, der zarte Flaum unter meinen Achseln oder gar die zärtliche Wölbung meines linken, fest verwachsenen kleinen Ohrläppchens deine Aufmerksamkeit, dein Begehren erregen konnten. Deine Hand, die nach meinem Fußgelenk greifen könnte, nicht fesselnd zwar, noch nicht, aber in Besitz nehmend - wie hätte ich mich dagegen wehren können? Ich wollte mich nicht sehen lassen vor dir, deshalb. So schmiegte ich mich tiefer in die Kuhle des Feldes und bedeckte mich mit Erdkrumen. 

Ich war nicht nackt, selbstverständlich nicht, sondern in meinem schwarzen Badeanzug aus dem See gestiegen, hatte im Gegenlicht gestanden, das Wasser abschüttelnd, glitzernde Tropfen fielen zurück wie ein ganz kurzer Sommerschauer. Meine Sohlen wurden dunkelbraun von den wenigen Schritten, die ich hinaustrat aus dem Schatten, der den Waldsee umgab, ins freie Feld. Der hiesige Boden ist karg und sandig, nicht zu vergleichen mit der öligen Erde meiner Heimat. 

Woraus schloss ich, dass du nach mir suchtest, an diesem Morgen? Ich hörte das Laub unter deinen Füßen rascheln, lange bevor du dich hinter den Büschen verbargst. Du willst mir nur zuschauen, weiß ich, mich nicht überfallen. Dennoch musste ich ein Zeichen setzen, das du verstehst. Wie ich mich der Erde anvertraue, dass wird dich lehren, deine Hände von mir zu lassen.

Der Apfelbaum, unter dem ich erwachte, nachdem ich mich zur fruchtbaren Scholle geträumt hatte, bildet den Mittelpunkt eines prächtigen Bauerngartens. Hoch reckt sich der Rittersporn am Zaun, Blaukissen rahmen die Schotterwege, Löwenmäulchen recken ihre Häupter, Ringelblumen locken die Bienen an und rechts von mir blüht der Lavendel. Ich sitze auf meiner Bank und strecke die Hand nach ihm aus, um den Geruch aufzunehmen, mit dem ich mir durchs Gesicht fahren werde. Links sind in Reih und Glied die Möhren, der Kohl und die Bohnen angebaut. Gerade aus sehe  ich zum Gartentor, das rosafarben und üppig die Kletterrosen umranken. Dahinter: das Nichts.

***

Als ich jünger war, dachte ich immer, ich könnte morgen anfangen: zu pflanzen, Klavier zu spielen oder zu tanzen. Heute habe ich Mühe, die wilden Brombeeren zurückzuschneiden. Ich wollte säen, aber ich schaffe es nur noch zu stutzen, bevor ich überwuchert werde. Ich gärtnere nie. Aber ich genieße die Früchte der anderen. Und sehne mich mehr und mehr nach der Frau mit dem grünen Daumen. 


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Freitag, 18. Juli 2014

Eigentlich...

Eigentlich sollten Posts, die mit "eigentlich" beginnen, gar nicht geschrieben werden. Denn eigentlich ist "eigentlich" ein gar verdächtig Wort. Kein Schatz. (Kein Fall also für den Wort-Schatz, das pädagogische Projekt, das auch schon lange brach danieder liegt.)

Trotzdem mal geschaut, was eigentlich  im Grimm´schen so steht. Ohne Goethe geht´s eigentlich nie:

ich macht ihm deutlich, dasz das leben,
zum leben eigentlich gegeben,
nicht sollt in grillen, phantasien
und Spintisiererei entfliehen


So lässt´s sich´s zusammenfassen, Dichterkönig: Das "Eigentlich" ist die In-die-Pflichtnahme gegen die Grillen, Phantasien und Spintisierereien, gegen das Uneigentliche, Irrelevante, gegen die Prokrastination und Verschwendung. Den Verdacht hat der Mann aus Frankfurt nur noch erhärtet: "Eigentlich" will aufzwingen, was wichtig ist, richtig und gut. Was eigentlich zu denken, zu tun, zu sagen wäre. Wenn da nicht wären: Grillen, Phantasien, Spintisierereien, Schlaf- und Traumlust, Wägbarkeit, Sowohl-als-auch, Muße. Das "eigentlich" ist also eigentlich ein Wort, das aus dem Wort-Schatz verbannt gehört, weil es ihn mindert und seine Bedeutungshöfe einschränkt.

Manches Mal indes braucht es das "Eigentlich" dann doch. (Sie sehen: Ich schreibe nicht, diesmal, "sie", "wir" oder gar "ich". Mit Grund.) Denn eigentlich will es gar nichts schreiben. Schlapp sein. Sich aus der Sonne legen. Gesichtsgymnastik machen. Oder so. Aber auf der Seite steht oben noch immer der depperte Tanz, von dem es sich ärgert, dass es überhaupt was dazu geschrieben hat. 

Das war doch so gewesen, eigentlich: "Haste das gesehen?", wurde sie gefragt und hat sich das aus der ARD-Mediathek hochgeladen. "Bisschen dämlich.", hat sie gesagt und damit hatte es sich. Erst später dann, als auf Facebook und Twitter im Sekundentakt beleidigt wurde, hat sie sich aufgeregt. Als die Leberwürstchen ans Werkeln gingen, die es nicht ertragen konnten, dass in der sogenannten Qualitätspresse das ARD-Sponsoren-Spektakel auf seinem Höhepunkt nicht ganz so doll gepriesen wurde wie bisher gewohnt. Als sich zeigte, dass gegen "unsere Helden" keine/r auch nur ein Flüsterwörtchen sagen darf, ohne dass die Volksseele kocht. Da ist sie sauer geworden und hat vom Leder gezogen (sagt man/n so???)  Und sie mag Fußball, trotzdem. Das Spiel, wohlgemerkt. 

Dennoch ist´s ihr/mir jetzt peinlich. Dass es so breit oben steht auf der Seite. So wichtig scheint. Eigentlich. Ist´s mir das nicht. Sondern. Davon heute nichts. Denn eigentlich will ich heute nix posten.

Eigentlich...
Denn was geschrieben ist, das steht eigentlich fest. 

(Hehe, da kommt der Schalk raus vom Aufpasser "Eigentlich": Denn eigentlich ist ja immer auch das Gegenteil genauso wahr. So gründlich ist der - eigentlich - nämlich gar nicht. Denn eigentlich ist "Eigentlich" immer nur ganz eingeschränkt plausibel. Uneigentlich  wenn eine so will. Eine Doppel-Existenz: Ordnungshüter und Chaot in einem.) 


(To whom it may concern: Ich schalte hier grundsätzlich keine anonymen Kommentare frei. Wer sich nicht mal die Mühe macht, sich eine wiedererkennbare Open-ID zuzulegen, dessen Beiträge sind hier obsolet. Ich hatte das öfter schon mal geschrieben, aber es weiß vielleicht noch nicht jede/r Fan der Seite. Insgesamt tendiert meine Lust mit Menschen im Netz zu diskutieren, die sich bedeckt halten, sich z.B. hinter immer wieder wechselnden Nicks verstecken oder sich Fake-Identitäten zulegen, gegen Null. Ich glaube nicht an das Habermas´sche - oder irgendein anderes -  Kommunikationsmodell, bei dem logische Argumentationsketten von neutralen Vernunftsmenschen ausgetauscht werden, bis d i e Wahrheit sich zeigt. Ich glaube an Beziehungen. Und gehe von Wahrheiten aus.)



Mittwoch, 16. Juli 2014

GAUCHO-DANCER sind DOOF*-DEPPEN!

Schön, dass es nun (fast) jede mal gesehen hat: So sieht sie aus, die Männer-Fußball-Kultur. Wo man(n) Angst hat, mit Schwulen zu duschen, aber gern die Mütter der "Anderen" als Huren beschimpft. Wo Doofie-Delling (ARD) eine Aufnahme von Schweinsteiger mit Lebensgefährtin und Pokal mit den Worten: "Doppel-Trophäe" kommentiert. Wo Niersbach und Co. zur Pokalvergabe lebende weibliche Statuen als Dekoration anfordern. Wo ungepflegte, feiste Bierbäuche rumgrölen und schon mittags besoffen in den Graben pissen. Die schmuddelige Hand am Schritt. "Normale" Männer halt, wo sie noch sein dürfen, wie sie in echt sind. (Und dabei, freilich, wer wollte es leugnen: Frauen, die so "ganz normale" Männer toll finden, ihnen das Bier anschleppen und auch gern brüllen, wenn einer am Boden liegt: "Steh auf, du Sau!")

Ich finde das lustig, echt! Ich finde so "normale" Männer (und Frauen) so lächerlich, dass ich mich wegschmeiße, wenn ich die seh´. Kaum zu glauben, dass es sowas noch gibt. Echt gruselig und eklig und saukomisch. Eine Gaudi, Gauchos!

Nur blöd: Diese Fan-Männer sind sehr wehleidig. Ihre "normalen" Frauen auch. Jetzt heulen sie wieder. Weil manche ihre "ganz normale" Fußballwelt öffentlich nicht so toll (sondern eher ziemlich Scheiße) finden (in der Taz, der FAZ, dem Spiegel z.B. gibt´s solche Spaßbremsen und Humorlosen, echt eh!). Manche haben halt keinen Bock drauf. Oder wenden sich angewidert ab. Oder lassen mal grob raus, was sie von solchen Typen halten. 

Zur Beruhigung derjenigen, die ihren Spaß immer dann am besten haben, wenn sie irgendwen niedermachen oder beleidigen: Klar, das ist nicht verboten! (Freies Land und so... Man wird doch noch...) Ihr könnt das machen! Aber leider, leider, Heulsusen, müsst ihr damit leben, dass es nicht jedem und jeder gefällt. Dass manche nicht lachen, sondern ihre Schlüsse ziehen. Keine sehr schmeichelhaften für euch. So ist das halt. Manche verlieren Fußballspiele und werden danach von den "Siegern" und deren Anhängern runtergemacht. Und manche benehmen sich deppert - und werden dann auch noch verhöhnt. Gemein, gelle? Wie hier. Zum Beispiel.

Mensch, Normalo-Männer-Fußball-Kultur-Liebhaber und -Liebhaberinnen, das müsst ihr abkönnen! Wer austeilt, muss auch einstecken können. Man wird das doch noch mal sagen dürfen, echt jetzt, dass man euch für öd und eklig hält. Da müsst ihr ´nen bisschen Spaß verstehen, Flachhirne und Bierwampen! Ist doch nicht so gemeint! Ist doch nur Spaß! Nur Spaß, echt, ehrlich und drum. Kriegt euch ein. 

(Und noch eins, Dösboddel: Ich kenn´ mich aus auf den Fußballplatz-Rängen vom Männerfußball. Da tummeln sich auch ganz viele nette Leute. Wie Helmut zum Beispiel. Und Dumpfbirnen, wie der F. zum Beispiel. Das nur, falls jetzt wieder die alte Leier anfängt: Akademiker_innen verderben Prolos den Spaß. Humor und Benimm sind keine Frage der Bildung oder des Geldbeutels. Manche Leute haben Eltern, die sie so erziehen, dass sie Mobben, Dissen und Beleidigen blöd finden. Und manche Leute haben Eltern, die ihnen beibringen, dass das ganz besonders lustig ist. Die ersteren sind nicht immer gebildet oder reich und die letzteren nicht immer ungebildet und arm. Ich habe eher öfter das Gegenteil erlebt.)

Ach ja, und außerdem: Ich hab´ mich während der WM über ein paar sehr schöne Spiele gefreut und über den Sieg der deutschen Männer-Fußball-Nationalmannschaft im Endspiel auch. Mit den notorischen Anti-Deutschen, die jede exotische Kultur und jedes chauvinistische Gehabe aller möglichen Gruppierungen und Nationen ganz toll und ganz schützenwert finden, aber es bei den Deutschen immer ganz, ganz schlimm, mit denen hab´ ich auch nix am Hut. Gregor Keuschnig hat über diese Spezies einen feinen Text geschrieben, dem ich voll zustimme: Die Gesinnungs-Euphoriker. Hättet ihr nicht gedacht, was? Deshalb: Die Diskussion, ob "Deutsche sowas dürfen", ist tatsächlich vollkommen kenntnisfrei. Das ist internationaler Männer-Fußball-Standard und erhebt international Anspruch auf allseitig Anerkennung als eine der letzten standhaften Bastionen des untergehenden Patriarchats. Deshalb auch die Wut, wenn´s nicht jeder gefällt :-). 

Und: Das ist kein Skandal, der Gaucho-Tanz. Beileibe nicht. Nicht mal ein Skandälchen. Nur doof. Wird man ja wohl noch mal sagen dürfen...


*Ursprünglich stand da: Dorf-Deppen. Das nehm´ ich zurück. Die Art Deppen gibt´s in der Provinz so gut wie in den Metropolen.