Samstag, 8. Juli 2017

LINE LEUCHTE 1 (Was hat das mit den "Drei Sabinen" zu tun?*)

Wir können im Falle Karoline Pfeifers kaum durch Rückgriffe auf Briefe, Tagebücher, Notizen den Eindruck erwecken, was wir erzählen wollen, könne beglaubigt werden durch Dokumente, geschrieben von der eigenen Hand der Protagonistin. Denn Line hatte, mindestens in den letzten 30 Jahren ihres Lebens, nichts aufgeschrieben, nicht einmal hatte sie noch von eigener Hand die Beileidsbekundungen, die sie von Jahr zu Jahr häufiger zu verschicken hatte, verfasst. Die diktierte sie vielmehr erst der Tochter, später der Enkelin. Der Verdacht, dass Line in Wahrheit gar nicht schreiben konnte, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Denn das Schreiben spielte in Lines Leben, nachdem sie die Volksschule verlassen hatte, keine Rolle. Sie schob es auf ihre rauhen Hände, dass sie sich weigerte, einen Stift in die Hand zu nehmen, um die schwarz geränderten Karten zu beschriften. Vielleicht aber wusste sie auch längst nicht mehr, wie die Buchstaben zu malen waren. Lesen allerdings konnte Line: die Koch- und Haushaltskladden ihrer Mutter und Tanten, eng liniert und sorgfältig geführt in Sütterlinschrift, Lore-Hefte, die sie unter dem Spülstein verbarg und, von vorne bis hinten an jedem Sonntag, das Gemeindeblatt. Als Lines Todesanzeige im August 2001, wenige Wochen vor den Anschlägen auf das World Trade Center, in eben jenem Sonntagsblatt erschien, betrauerten zwei Töchter, ein Sohn, eine Schwiegertochter, ein Schwiegersohn, drei Enkelinnen und zwei Enkel die „nach langer schwerer Krankheit im Kreise der Familie Verstorbene“.  Das stand so da und war doch nur ein Schein, denn in Wahrheit hatte Line niemals ein Kind geboren, war ihr Leib unfruchtbar geblieben und die da zeichneten als ihre Kinder und Kindeskinder waren ihr nicht anverwandt. Den einen war sie Stiefmutter geworden in der zweiten Hälfte ihres Lebens und die anderen hatten sie als „Oma“ immer gekannt. Wer Line gewesen war, was sie verbarg und jenen immer verborgen bleiben sollte, die da an ihrem Grab standen, war die Tatsache, dass Line eine der großen Liebenden ihres Jahrhunderts gewesen war. 

Woher glauben wir das zu wissen? Wir sahen die Blicke und Gesten, vor allem die vermiedenen, mehr als ein halbes Jahrhundert.  Einige von uns wurden Zeuginnen jener beiden unvergesslichen, verräterischen Ausbrüche, auf die jedoch keine von uns jemals die beiden ansprach, weder auf den Vorfall im Jahre 1970, als Peter Leuchte seine Frau Antonia, genannt Toni, beinahe geschlagen hätte, noch auf Lines Weinkrampf an seinem Grab siebzehn Jahre später. Wir besitzen zwei Briefe, die ganz hinten in Lines Bibel abgelegt waren und einige verschwommene Fotos, die Peter Leuchte sorgsam vor seiner Frau in der untersten Schublade seines Schreibtisches im Laden versteckte, eines mit einer Widmung Lines darauf. Wir sind dennoch, trotz dieser dürftigen „Beweislage“  vom Wahrheitsgehalt unserer Erzählung überzeugt, davon auch, dass diese Liebesgeschichte, der wir den Namen „Line Leuchte“ geben werden, in Nichts den großen Liebesdramen der Literatur nachsteht, weder in ihrer Tragik noch, ja auch dies, in ihrer Komik. 

Alles andere in Lines und Peters Leben ist gesichert. Beide verließen einen Radius von 80 km rund um Haselberg nie. Ihre Geburts- und Sterbeurkunden, die  Überschreibungen des Geschäfts und der Äcker an Lines Stiefkinder und Peters Neffen, die Aktordner mit Steuerbescheiden und Stromrechnungen wurden über die Jahre sorgfältig aufbewahrt. Es scheint keine Lücke zu geben. Zwei offenbar unspektakuläre Leben, die wie alle ihrer Generation zwar von Weltkrieg Nr. 2 geprägt wurden, jedoch dem Anschein nach weniger dramatisch, als es bei vielen anderen der Fall gewesen war. Wegen seiner Behinderung hatte Peter nicht zur Wehrmacht gemusst und Haselberg war auch noch in den letzten Kriegsjahren von Bombenangriffen verschont geblieben. 


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* Ich weiß es noch nicht. Das kollektive Erzähler-"Wir". Vielleicht. 

Fantastischer Claus?


Dienstag, 25. April 2017

LUGMERTRUG. Ein Traumbild. "Es ist immer wahr, was mir keiner glaubt."

"Mir träumte", sage ich, "von einer Frau Lugmertrug." Pause. Lange Pause. "Und?" fragst du. "Weiß nicht.", sage ich. 

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Sagen wir: Sie lugte. Um die Ecken. So gut wie sie log. Beispielsweise. Wie ich log. Ich lüge immer gut, wenn es nicht drauf ankommt. "Es spinnt sich was z´ammen." "Sie glaubt´s selbst.", sagt die Frau Mama. Was wahr ist. Es ist immer wahr, was mir keiner glaubt. Und nur das. Lugt um die Ecken. Er. Sie. Es. 

Was passiert, wenn eine um die Ecke lugt. Wie sich das Bild bildet, das verruckte. 90 Grad verdreht, wie der Kopf schief liegt. Der Mond auf halber Höhe. Könnte ihn auftippen lassen wie einen Ball. Und einlochen. -  Dabei scheint gar kein Mond. ("Das war doch nur ein Beispiel." "Aus dem Romantik-Fundus." "Woher sonst?")

Wir könnten ans Meer fahren. Lug. Meer. Trug. Ich ziehe einfach das "e" in die Länge. Schon sitze ich in einem weißen Spitzenkleid mit hochgeschlossenem Kragen unter einem seidigen Sonnenschirmchen auf einer Bank am Meer. Das Wetter ist zugig, aber die Luft wird silbrig, mit bläulichem Schimmer. Das Meer unterm Himmel jadebusiggrün. Wie ein Smaragd, nein, ein Opal, wenn er um meinen Hals liegt als schimmerndes Oval, gefasst in mattes Gold. Weil ich edel bin, hilfreich und gut. Ein echtes Luxusweibchen. Immer am Meer. Reich mir den Arm, geleite mich zu meiner Kutsche, hilf mir hinein. Leg die Hand an die Hosenbeine, steif! Benimm dich!

Und trug es uns dahin. Wie ein Betrug. Rattert das fort. "Jeder Betrug zeugt einen Tod in meinem Herzen." (Ja, ja, ja. Wie du die pathetischen Wendungen hasst. Aber lass mich doch. Ein wenig trudig sein. Ein bisschen 19.Jahrhundert-Madam. Warum denn nicht?) Die Leute (also die andern) denken beim Betrug immer an Geschlechter+Liebesverhältnisse, Eheversprechen, so Zeugs, weißt schon? Wir nicht. Wir nicht. Dieser Schmerz, jemanden an seinen eigenen Maßstäben scheitern zu sehen. Oder geschätzte, mindestens ("Minimum!") geachtete Mitmenschen sich selbst entblödend beobachten zu müssen. Wenn sie unterhalb ihrer Möglichkeiten bleiben. Moralisch-ästhetisch gesehen. Bei Leuten ist es egal. Leute bleiben immer unter. Wir nicht. Bei uns ist es am schlimmsten. Der Trug. 

Wie ich dich niemals sehen wollte. Mich niemals sehen wollte. 

Danach ist alles anders. 

Und möglich.

Kein guter Anfang. Kein schlechtes Ende.

Danach ist Danach.

Lugmertrug.



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"Sahst du auch einmal, im Traume, meine ich, Herrn Lugmertrug? Aus dem Schatten treten? Dunkel?" Pause. Lange Pause. Keine Antwort.

Montag, 17. April 2017

Frust-Post oder Schluss mit diesen Forderungen nach Liebe undsoweiterundsofort

Morgen muss ich nach 2 Wochen Urlaub wieder zur Arbeit antreten. Unvermeidlich dabei zugleich: Die Begegnung mit nicht wenigen jener Türkischstämmigen, die "Evet" gewählt und damit die Demokratie in der Türkei zugunsten eines Autokraten abgewählt haben. Das frustriert mich. Mehr noch: Das dümmlich-dreiste Argument, das mir  - wie schon seit Wochen - entgegenschlagen wird: das Demokratische des Verfahrens sei ja gerade dadurch bewiesen, dass die Mehrheit sich schonungs- und rücksichtslos durchsetzen könne. Erdogans Anhänger verstehen Demokratie als Diktatur der Mehrheit bzw. "des Volkes", mit dem sie sich ähnlich blöde wie die Anhänger der hiesigen AfD- und Pediga-Apologeten oder der "Front National" mirnichtsdirnichts gleichsetzen. Wer anderes will, ist ein "Verräter" (Frauen denken sie gelegentlich gar nicht oder - behauptet - irgendwie immer mit). 

Jetzt wird wieder mal von interessierter Seite behauptet, das Wahlverhalten der in der BRD zum Teil schon in der 3. oder 4. Generation Ansäßigen (über 60% für Erdogan) sei darauf zurückzuführen, dass ihnen die Integration verweigert worden sei. Hätten "wir" nur..., wären "wir" nur....Die Hybris dieser - meist sich als "links" verortenden - Denkschablone ist unüberbietbar: Was immer "unsere Opfer" tun, es liegt an dem, was "wir" getan oder unterlassen haben. Das ist auf seine Weise eine nicht weniger herablassende (oder im Duktus dieser Leute: "rassistische") Sichtweise als jene rechtsnationale, deutschtümelnde, die sie so vehement und in der tiefen Überzeugung ihrer moralischen Überlegenheit bekämpfen. 

Die aus der Türkei stammenden Menschen haben ganz überwiegend so gestimmt wie die Verwandten und Bekannten aus ihren "Heimatregionen". Stammen sie aus ländlichen Regionen, so verehrt eine Mehrheit von ihnen den religiös motivierten Despoten, stammen sie aus säkularen Familien und urbanen Verhältnissen, so verabscheuen sie dessen Stil und Politik zumeist. So einfach ist das. Und so unangenehm. Denn es heißt tatsächlich, dass die Bindungen und Prägungen aus dem "Herkunftsland" (das für die meisten ja gar keines mehr sind), tiefer reichen als jene neu geknüpften im Alltagslebensland Deutschland. 

Vielleicht muss man bei der Analyse dieses Phänomens (des Wiedererstarkens dumpf-nationaler, religiös-ausgrenzender, illiberaler Politikangebote), das sich ja nicht auf die Türkei beschränkt, tiefer schürfen: Ganz offensichtlich handelt es sich fast überall um einen Konflikt, der sich zwischen urbanen liberalen Lebensstilen und ländlich geprägten, kollektivistisch-"volkstümlichen" abspielt (siehe Österreich, Frankreich, USA...etc.pp.) Es sind zwei verschiedene kulturelle "Prägungen", die offenbar auch tief in familiären Bindungen verwurzelt sind: ein Verständnis von "Kultur" als Angebot zur Selbstbildung trifft auf ein Verständnis, das "Kultur" als identitätsstiftenden, stabilisierenden und abgrenzenden Panzer gegen eine unverständlicher werdende komplexe, vielfältige Welt einsetzt. 

Es kann politisch gegenüber jenen Bewegungen, die auf Ausgrenzung, Hass, Diskriminierung des Anderen setzen, kein "Entgegenkommen" geben, auch keinen "sozialpädagogischen" Ansatz der Belehrung durch mehr "Angebote" zur Teilhabe an deren jeweilige "Identitätsgruppen" (seien sie durch Religion, Nation, Heteronormativität oder was immer bestimmt). Solche Zugeständnisse sind schlicht deswegen ausgeschlossen, weil sie menschenfeindliche und diskriminierende Rückschritte darstellen würden. 

Was tun? "Kultur" als Angebot zur Selbstbildung, Selbstreflexion und Selbstkritik zu verstehen, ist eine Chance, die jeweils immer nur eine Einzelne, ein Einzelner für sich, geleitet von ihrem je eigenen Begehren ergreifen kann. Die Wege sind unterschiedlich, trotzdem lohnt es sich vielleicht, hinzuschauen, wo, wie und warum das Einzelnen gelingt. Es geht um "Prägungen", wie ich oben schrieb, tief sitzende, die dennoch überwunden, mindestens modifiziert werden können. 

Der Vater einer Schülerin, dessen Deutsch sehr schlecht ist, trotz vieler Jahre, die er in Deutschland gelebt und gearbeitet hat, ist für mich ein solches Beispiel. Der Mann kommt sicher aus dem, was man "einfache Verhältnisse" nennt oder "bildungsferne" Schichten. Im - sprachlich holprigen - Gespräch erlebte ich ihn als einen Vater, der sich für seine drei Töchter einsetzt, der sich für sie und ihre Gedanken, Hoffnung und Träume interessiert und um sie sorgt. Das ist der Unterschied ums Ganze: In jedem Satz wurde deutlich, dass ihm wichtig ist, seine Töchter als jeweils Einzelne und Unterschiedliche zu verstehen und ihnen dabei zu helfen, das zu werden, was sie sein wollen. Ich habe das in den vielen Jahren immer wieder erlebt: Den Ausschlag, ob ein Kind sich frei entwickeln kann, seine Potentiale verwirklichen, gibt nicht allein der Bildungsstand oder die Einkommensgruppe der Eltern (obwohl es hier Korrelationen gibt), sondern vor allem dieser Wille, diese Bereitschaft von Eltern, das eigene Kind nicht als Besitz, als Fortführung des "Eigenen" zu begreifen, sondern "über ihren Schatten zu springen", um ihr Kind auf seinem eigenen Weg zu begleiten. Und natürlich gibt es eben auch die anderen: die ihr Kind nicht sehen (wollen oder können), denen es fremd bleibt und die diese Fremde, die alle Menschen voneinander unterscheidet und trennt, zukleistern mit "Identität", klebrigem "Wir-gegen-die-anderen-Gefühl", mit dem Ersticken von Neugier auf die "Ungläubigen", die "Fremden", die "Schwarzen", die "Schwulen" undsoweiterundsofort. 

Was lässt sich politisch daraus folgern? Wenig vielleicht. Und doch, was mir wichtig ist: Ich kann politische Bewegungen, die Identitätspolitiken unterstützen, in denen die Zugehörigkeit zu diskriminierten Minderheiten markiert wird, die sich am Konzept der "Intersektionalität" oder der "Privilegienkritik" orientieren, nicht länger unterstützen. Denn aus meiner Sicht stärken sie mit diesen Ansätzen in letzter Konsequenz genau jene grundsätzlich aus- und abgrenzende Perspektive auf "Kultur", die sie nur noch da bekämpfen, wo sie nach ihrer Ansicht hegemonial ist (also hier: der viel zitierte "alte, weiße Mann"). (Diese Dramatisierung von Minderheitenzugehörigkeiten führte in der Praxis u.a. zu problematischsten Allianzen von linken und feministischen Gruppen mit Anti-Israel-Aktivistinnen, bei denen ich schaudere.) Stattdessen geht es mir um eine Politik, die ihre Hoffnung aus der je Einzelnen und dem Einzelnen hernimmt, deren/dessen Vermögen sich zu ändern, neue Bindungen einzugehen (gelegentlich, indem sich von alten gelöst werden muss - was eben kein "Verrat" ist - , gelegentlich in jener Ambivalenz zwischen Altem und Neuem, die schwer auszuhalten, aber auch sehr bereichernd und verbindend sein kann). Solidarität gilt also nicht "Schwulen" oder "Muslimen" als Gruppe, bewertet wird nicht (auch nicht positiv) eine sexuelle Orientierung, die Zugehörigkeit zu einer Minderheitenreligion oder welche Gruppenidentität auch immer. Wer Menschen beleidigt, kränkt, verfolgt und entrechtet, weil sie lesbisch sind, weil sie Muslime oder Christen oder Ungläubige sind, weil sie schwarz, weiß oder gelb sind, wer bewertet, was Menschen sind und nicht, was sie tun, kann auf Solidarität eben gerade nicht setzen. 

"Liebe für Alle" ist keine Lösung. (Auch, obwohl und weil es so "nett" klingt.) Die Wahrheit ist nämlich: Es gibt keine Lösung. Wir müssen mit Menschen leben, deren Lebensentwürfe uns fremd, auch abstoßend erscheinen. Es gibt nur Hoffnung. Auf die Bewegung der Einzelnen, auf die Vielfalt der Begegnungen, der Ablösungen und Konflikte. Darauf, dass immer mehr Menschen begreifen, wie gefährlich und falsch die Sehnsucht nach "Harmonie" (völkischer, religiöser, nationaler etc.ppp.) ist. Ich werde Menschen, die die AfD wählen oder mit "Evet" gestimmt haben, morgen noch genauso wenig mögen wie heute. Ich betrachte sie als politische Gegner, aber ich nehme sie ernst. Sie sind kein Fall für die Pädagogik oder die Psychologie. Sie folgen ihrem Begehren. Dahinter stecken Sehnsüchte nach Gemeinschaft, Verantwortungslosigkeit und Herrschaftswillen. Zum Beispiel. Sehnsüchte, die ich nicht teile und durch die ich mich und meine Lebensweise zurecht bedroht sehe. Denen stelle ich meine eigenen entgegen: Sehnsucht nach Höflichkeit und Distanz, nach Individualität und Schönheit. Zum Beispiel. 

Aber: Ich kann damit werben, auch bei denen: Dass meine Sehnsüchte ihre Lebensweise nicht bedrohen. Weil es mir egal ist, wie sie ihren Gott verehren, sich kleiden, welche Musik sie hören oder wie sie feiern. Die Kränkung, dass es mir egal ist, die kann ich ihnen allerdings nicht ersparen, sofern sie dies als Kränkung wahrnehmen. Denn ich verlange von ihnen auch nichts weiter, als was ich zu geben bereit bin: Nicht "Liebe statt Hass", sondern "Leben und leben lassen" und das friedliche Austragen von Konflikten, selbstverständlich. 

Deshalb: Ich werde die Beleidigungen und Verunglimpfungen nicht vergeben und nicht vergessen, mit denen Erdogan Menschen wie mich überzogen hat. Ich merke mir das. Es ist wichtig, den Gegner zu kennen und ihm auch mit der gebotenen Härte zu begegnen, wo es nötig ist. Man muss gelegentlich unfreundlich werden und dennoch höflich bleiben. Jene, die Erdogan bestätigt haben, werde ich auch nicht als seine Opfer betrachten, sondern als seine Komplizen. Und daher an der Seite all der anderen stehen: Jener fast 50% in der Türkei, die mutig HAYIR gesagt haben. 

Zum Beispiel.



Sonntag, 5. März 2017

NICHT DIREKT GEMEINT. ("Jetzt kann plötzlich alles passieren.") Ein Traumbild.



Du magst es direkt, sagst du. Obwohl direkt ein hässliches Wort ist. Ich widerspreche dir leise. Denn so habe ich dich nie erlebt. Direkt.


Die Grimms kannten dieses Wort noch nicht. "Das halte ich für keinen Zufall." Ohne Umschweife. Verzicht auf Vermittlung: Mittellos. Es ist ein Wort für die Fastenzeit. Für die Fastenden. Für jene Distinguierten, häufig aus dem protestantischen Milieu, die sich auch dieses letzte Distinktionsmerkmal nicht versagen wollen in ihrer ostentativ zur Schau gestellten Demut der Reichen: Sehet her, wie ich mir´s versage! (Auto, Süßigkeiten, Social Media, Alkohol, Fleisch, Billigklamotten - "Nicht, dass ich sonst zu Primark gehe, außer..." - etc. ppp.) Direkte Umsetzbarkeit von gar nicht guten, nutzlosen (Un-)Taten. Man gönnt sich ja sonst nichts. Direkt. ("Nur indirekt, sozusagen.")

Ich träume von diesen Leuten, sage ich dir. Du lachst. Ein bisschen schäbig, finde ich. "Ich möchte jetzt mal direkt etwas loswerden.", setze ich noch mal an. Damit bin ich dich los. Plötzlich. Löst du dich auf. Vor meinen Augen nur noch Helligkeit. Du löst dich nicht ins Dunkle, das ahnte ich immer schon. "Jetzt kann plötzlich alles passieren." "Schmarrn!"

Ein Flipchart wird aufgestellt im weißen Nichts. Rechts: "Direkt", Links: "Plötzlich". Ich versuche verzweifelt, mich zu erinnern: Wie konnte ich mich an diese Stelle verlieren? Wo bin ich fehlgegangen? Ein gackerndes Lachen aus dem Hinterhalt. Ich habe mich überreden lassen. Von einem sehr direkten Menschen. Unverblümt kam der "zur Sache". Prompt. Hop oder top. So. Dem hatte ich nichts entgegenzusetzen. Einmal, in seiner Gegenwart, war ich plötzlich weggetreten, wie ausgeblendet, sah noch seine Lippen sich bewegen, mit seinen direkten Fragen und direkten Ansagen, aber hörte nichts mehr. Als ich zurückkam, ebenso plötzlich, war nichts geschehen. Er sprach weiter und weiter. Alles verloren von da an. Ich wusste es, aber was hätte ich vorbringen können? Wir saßen in großer Runde. Hätte ich sagen sollen: Das ist mir zu direkt. ("Ja!")

Ich weiß seit langem, dass ich die Eindeutigen meiden muss. Das ist keine Idiosynkrasie. Sie gefährden mich in meiner Existenz. Sie bringen mich vom rechten Weg ab. Ich stolpere unter ihren unmissverständlichen Beteuerungen in undurchdringliche Dickichte. Je direkter sie rundweg aussprechen, was "Sache ist", häufig in dozierendem Ton, meist in missionarischer Absicht, desto ungewisser, verworrener, lustloser wird mir alles. Vor meinen Augen verschwimmt mir unter ihren Aussagen und rhetorischen Fragen die Welt. 



die sinnliche plötzlichkeit des widerspruchs zwischen mittel und zweck. 

Jean Paul



Denn meine Welt ist kryptisch. Zögerlich. Verfranst. Unaufgeräumt und noch nicht ausgeträumt. Wohin ich sehe: Plötzlichkeiten. Es kann einer das Herz erschrecken, wie plötzlich sich die Farben ändern, der Wind dreht, der Boden wankt. Ich kann hier jetzt keine Synonyme auf Flipcharts schreiben. Denn plötzlich bin ich daheim. Im Augenland, wo ich gezähmt werde. Wo alles sich ändern kann. Im Plötzlichen verbirgt sich die Möglichkeit dessen, was nicht geschieht. Es ist mehr und anders als "Schwarze Schwäne." Gegenwärtige Wundersamkeit. Ohne Aussage und Ansage. ("Versöhnt dich das nicht? Zeige dich doch! Ich verspreche dir, dass ich den Direkten den Rücken gekehrt habe.") Dieses unsagbare Glück, wenn plötzlich, alles, alles, alles unsinnig sinnlich wird...Der Schein eines unscheinbaren Augenblicks. ("Nicht wahr"?)

"Ich werde plötzlich da sein." 

Wieder. 

Man kann sich nicht trauen. Niemand. 

"Du, ich bin nicht traumatisiert. Mir geht´s gut."

Doch plötzlich....

Ich werde dir das nicht durchgehen lassen. Wir werden uns in die Augen sehen. Selbstverständlich. Aber nicht direkt!

Samstag, 18. Februar 2017

SOLIDARITÄT #freedenizyücel

Am Arbeitsplatz werden Galgen auf die Tische für sogenannte "Fetö"-Mitglieder und HDP-Anhänger gemalt und Herzchen für Erdogan. Das gibt nach meinem Eindruck durchaus die Mehrheitsmeinung der Türkischstämmigen in meinem Umfeld wieder. Die Gegner des türkischen Präsidenten sind dagegen (zumindest analog) sehr still. Ich rege mich auf und drohe mit einer Anzeige (die höchstwahrscheinlich im Sande verlaufen würde?). Mich ekelt vor diesen Leuten, die immer ihr Recht auf Meinungsfreiheit hierzulande einklagen (Service-Tipp: "Meinungsfreiheit" heißt nicht, das jede deine Meinung gutheißen und unwidersprochen stehen lassen muss!), aber die staatliche Unterdrückung in der Türkei  vehement verteidigen. 

Auf der Heimfahrt von der Arbeit dann die Nachricht, dass Deniz Yücel, Korrespondent der "Welt" in der Türkei, sich in Polizeigewahrsam befindet. Seit 2 Monaten habe ich das befürchtet, nachdem Ende Dezember eine Erdogan-nahe Zeitung geschrieben hatte, dass gegen Yücel ein Haftbefehl vorliege. Offensichtlich sind Bemühungen, den Bundesbürger Yücel, der - wie man in diesem Fall sagen muss: bedauerlicherweise - auch noch einen türkischen Pass besitzt, sicher nach Hause zu bringen, gescheitert. 

Heute wird der Verwalter der Autokratie in der Türkei, Ministerpräsident Yildirim, in Oberhausen für die Abschaffung der Gewaltenteilung - voraussichtlich unter dem Beifall Tausender Deutschtürken - werben. Der Rechtsstaat, der die BRD ist, kann das nicht verbieten. Vielleicht hätte die deutsche Regierung aber Herrn Yilidirim darauf hinweisen können, dass ihm als Privatmann (als der er in Oberhausen, uneingeladen durch die Regierung dieses Landes, auftritt) in Deutschland eine Vernehmung zur Spionage durch Ditib-Imame drohen könnte. Vielleicht wäre der Herr dann daheim geblieben. 

Derweil: Schweigen auf den Twitter-Kanälen vieler sonst sehr aktiver muslimischer Aktivist_inn_en türkischer Herkunft. Während Amtshandlungen und Tweets des neuen US-Präsidenten eifrig kommentiert werden, bleibt Kritik am Regime in Ankara  von dieser Seite aus. Nicht zu erwarten ist, wie schon seit Jahren, dass einige, die hierzulande und in Übersee prominent Solidarität einklagen, wenn es um die Diskriminierung von Muslim_inn_en geht, sich mit eben solcher Verve einsetzen gegen die Diskriminierung von Atheist_inn_en und Agnostiker_inne_n in muslimisch geprägten Ländern, gegen Nationalismus in der Türkei und Verschleierungszwang in Saudi-Arabien. Während der sogenannte "Muslim Ban" Donald Trumps weltweite Empörung auslöste, blieben muslimische Staatsführer seltsam still, unter ihnen auch Erdogan. Und kaum jemand wies auf die Einreiseverbote hin, die seit Jahrzehnten für israelische Bürger_innen in vielen arabischen Staaten gelten (und beispielsweise die Teilnahme israelischer Sportler_innen an internationalen Wettbewerben, die dort ausgetragen werden, verhindern). Auch wurde keine Solidarität von hiesigen Kopftuchträgerinnen mit den Schachspielerinnen erkennbar, die sich entweder dem iranischen Kopftuchzwang unterwerfen mussten oder von einer Teilnahme an der Schachweltmeisterschaft ausgeschlossen waren. Solidarität ist offenbar eine Einbahnstraße - für einige. 

Es gibt, selbstverständlich, auch viele - rühmliche - Ausnahmen. Sie alle stehen unter erheblichen Druck durch die "Community", aus der ihnen immer wieder Verrat und Schlimmeres vorgeworfen und sogar massiv gedroht wird, z.B. zuletzt Ismael Küpeli und Ali Mutlu oder Mürvet Öztürk und Turgut Yüksel. Auch außerhalb des Netzes bin ich selbst Zeugin solcher massiven Angriffe und Übergriffe geworden. 

Am Fall Deniz Yücel zeigt sich zudem auf verquere und entlarvende Weise die Nähe von AfD- und AKP-Anhängern, die den Freigeist gleichermaßen hassen, weil er keinen Respekt vor ihren heiligen Kühen (ihrem Nationalismus, ihrer Religionsinterpretation, ihrer "Ehre") zeigt. Und es wird offenbar, wo die Grenzen der Solidarität jetzt und in Zukunft zu ziehen sind.

Für mich ist klar: Ich werde mich an Aktivitäten und Petitionen nicht beteiligen, deren Protagonist_inn_en keine eindeutige Distanz zu AKP, Ditib oder Milli Görüs herstellen, die auf Kundgebungen (wie z.B. auf dem Women´s March in Washington) "Free Gaza" fordern, aber damit nicht das Terror-Regime der Hamas meinen, oder Personen zu ihren Sprecherinnen machen, die auf Twitter die Sharia in Saudia-Arabien verteidigen

Von der seltsamen und erschreckendem Solidarität von Teilen der feministischen Bewegung und der Linken mit Personen, deren Bekenntnis zu Rechtsstaatlichkeit, Meinungs- und Pressefreiheit, Religionsfreiheit, die auch Freiheit von Religion meint, bestenfalls fragwürdig ist (weil es nicht universal zu gelten scheint, sondern nur im sogenannten "Westen"), distanziere ich mich. 

Wer sich über Trump aufregt, aber zu Erdogan schweigt, entlarvt sich selbst. Denn in den USA scheint zumindest noch die Gewaltenteilung zu funktionieren, wird der Handlungsspielraum des Präsidenten, der die freie Presse verachtet, sich um Fakten nicht schert und dessen Nähe zu Rassismus und Rassisten unverkennbar ist, durch Gerichte eingeschränkt. Davon ist in der Türkei kaum mehr etwas zu sehen. 

Sie werden sich sicher gut verstehen, nehme ich an, der Herr Erdogan und der Herr Trump, wenn sie sich einmal begegnen. Die ideologischen Differenzen lassen sich vielleicht übersehen, von beiden Seiten, im Verständnis für die jeweilige Not der beiden, sich mit diesen lästigen Demokrat_inn_en, dem investigativem Journalismus, dem "Gender-Wahn" und den "Terroristen/Volksfeinden" (vulgo: Opposition) auseinandersetzen zu müssen. Die Apologeten der beiden Möchtegern-Autokraten werden sicherlich Argumente in ihrem Neusprech finden, um die Freundschaft zwischen dem islamophoben Trump und dem islamistischen Erdogan zu rechtfertigen. Darauf darf man gespannt sein. (Oder auch nicht.)


Petition für die Freilassung von Deniz Yücel: 

https://www.change.org/p/free-welt-correspondent-deniz-yücel?recruiter=70738988&utm_source=share_petition&utm_medium=facebook&utm_campaign=autopublish&utm_term=mob-xs-share_petition-no_msg

Bitte unterschreiben!

Sonntag, 5. Februar 2017

Die Schönheit von Gottes Arsch (oder: "Die Leichtigkeit" - eine Graphic Novel von Catherine Meurisse)



Das Cover der autobiographischen Graphic Novel von Catherine Meurisse ist noch recht düster. Die Protagonistin geht mit gesenktem Kopf im dunklen Anorak einen Strand entlang. Ein Tag an der See, das dunklere Grau der Wellen diffus abgesetzt vom helleren des Sandes, ein unklarer Horizont, der sich ganz zart ein wenig aufhellt. Es klart auf, aber nur langsam. Die einsame Figur, mit wenigen Pinselstrichen, aber starker Kontur ins Aquarell gesetzt, schreitet dem Hellen entgegen, noch gebeugt zwar.

Catherine Meurisse kam am 7. Januar 2015 zu spät in die Redaktion, weil sie wegen Liebeskummers verschlafen hatte. So überlebte sie. Zehn Jahre lang hatte sie für das Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ gearbeitet. Nach dem Massaker an ihren Freunden und Freundinnen, Kolleginnen und Kollegen, so schreibt und zeichnet sie es in „Die Leichtigkeit“, verstummte ihr Körper. Ihr Empfindungsvermögen und ihr Gedächtnis wehrten sich gegen das Ungeheuerliche. Einzig die Augen der Zeichnerin blieben lebendig, nahmen mit neuer Schärfe wahr: die Krümmung des Horizonts, die Gewalt der Farben, die Weite, die Leere.

Meurisse stellt ihre Protagonistin in Aquarelle, in aufwendige, an kunsthistorischen Vorbildern orientierte Zeichnungen, genauso wie in scheinbar hastig hingeworfene Skizzen. Dem ganzen Band ist der Formwille anzumerken, das Wissen der Künstlerin darum, wie sehr Form und Inhalt miteinander verschränkt sein müssen, um aus dem Erlebten Kunst zu formen und es damit begreifbar und wieder - als Erinnerung - belebbar zu machen. Meurisse schert sich dabei nicht um eine krude Unterscheidung zwischen E- und U-Kunst, zwischen Malerei, Zeichnung und Comic Strip, von einer Seite auf die andere können Technik, Stil und ikonographischer Bezugsrahmen wechseln.

Der Weg heraus aus der Schockstarre ist schwer und weit. Die Fähigkeit zu zeichnen, scheint verloren gegangen hinter den Absperrgittern, mit denen die verwüstete Redaktion gesichert wird, nachdem es zu spät ist. Unsentimentale Erinnerungen steigen auf an die ermordeten Kolleginnen und Kollegen, an den schwarzen, unanständigen, mutigen Humor von Chefredakteur  Charb und den anderen. Die Getroffenen weigern sich, sich die Namen der Mörder zu merken: "die Brüder Kichi". Keine Ehre, wem keine gebührt. „Charliett ist nicht tot. Im Frühling lass ich mir die Titten machen.“ Verzweifelte Versuche, nicht aufzugeben, wofür „Charlie“ stand: Keine Kameraderie mit der Macht, dem „guten Geschmack“, der wohlfeilen, abgewogenen „Meinung“. Währenddessen wird draußen „JeSuisCharlie“ zum Modehit. Selbst der Tod abonniert jetzt das Magazin, das doch immer fast vor der Pleite stand. Die Protagonistin ist derweil eingeklemmt zwischen den Personenschützern, die sie nun rund um die Uhr bewachen.

Es geht nicht. Nach so einem Schock ist „Weitermachen“, einfach so, keine Option. Der Widerspruch zu einer Solidarität, die nichts versteht, ergibt sich von selbst und lähmt.  „Nach dem Tsunami der Gewalt folgt der Tsunami der Unterstützung.“ Jede Nacht quält die Protagonistin derselbe Albtraum: ein Sturz ins Meer. Meurisse zeichnet und ironisiert das mit den Mitteln des Comics: „Platsch“Denn es geht hier nicht um Mitgefühl. Es geht um eine angemessene Sprache. Um Kunst. Die Mutter der Protagonistin bringt es auf den Punkt: „Der Terrorismus ist der Erzfeind der Sprache.“ Während die Zeichnerin daran scheitert, sich wiederzufinden: weitere Massaker im Bataclan und den Cafés von Paris. Es hört nicht auf. Der Therapeut verwandelt sich in einen Frosch, der weiß: „Inzwischen bezeichnet man die Ohnmacht, die einen jeden angesichts einer Flut von Schönheit ergreifen kann, als ´Stendhal-Syndrom.´“ Das, erkennt sie, braucht sie: Schönheit, die eine in Ohmacht fallen lässt.

Die Protagonistin fährt zur Rekonvaleszenz nach Rom in die Villa Medici. Besucht die Vatikanischen Sammlungen, schaut sich die Carravaggios an, die überall rumhängen. Die fragmentierten Körper der antiken Statuen erinnern sie an die Körper der Opfer: In Schönheit erstarrt. Die Ungläubige besucht gerne die unzähligen barocken Kirchen der Heiligen Stadt. Blickt sie nach oben in das Gewölbe des Petersdoms, so erschaut sie nicht, wie die Architekten es planten, Gott (im Himmel?), sondern „das Ende des Tunnels“. Aber auch - weil sie bei Charlie gearbeitet hat - einen riesenhaften Darmverschluss. Gott. Hoffnung. Darmende. Nichts ist ihrem Blick heilig, auch das Schöne nicht. Das tut der Schönheit keinen Abbruch. Denn: Die schöne Welt der Bilder ist eine Welt der Gewaltdarstellungen, auch. Die Kunst zeigt, was ist. Und mehr: Dass, was ist, unter den Augen, durch den menschlichen Willen, durch menschliche Gestaltung schön werden kann. Oder zerstört. Die Option, die die Mörder wählten. Dennoch: Es ist eine Lust, an die Schönheit zu glauben. Dafür kann sich eine entscheiden. Und, zum Beispiel, den schönen Arsch Gottes an der Decke der Sixtinischen Kapelle entdecken.

(Denn: Meurisse, die Malerin und Zeichnerin,  ist - stolze und glückliche - Erbin einer Kultur, in der sich über Jahrhunderte das Recht  und die Fähigkeit erstritten, ermalt und erschrieben wurde - auf Umwegen, gegen Feigenblätter-Widerstände und Common Sense-Appelle, im Disput - alles mit den Mitteln der Kunst in Frage stellen zu dürfen. Auch Heiliges. Erhebendes und Erhabenes. Kann auf seine Lächerlichkeit geprüft werden. Das kann weh tun. Das soll und darf es auch. Und es steht denen zu, die sich selbst nicht schonen. Aber denen uneingeschränkt. Sie schöpfen. Und: Schöpfer_innen können sich irren, zu weit gehen, Unschönes schaffen. Aber: Von den eitlen Gottesanbetern, die ihre Bilderverbote herbeischießen wollen, wird nichts bleiben. Vergesst sie!)

Meurisse´ Protagonistin fällt am Ende nicht - wie angeblich beinahe Stendhal - in Ohnmacht angesichts der brutalen, überbordenden, vielfältigen Schönheit der römischen Kunstwerke. Die Schönheit der Kunst, durch welche die Verluste nicht geschmälert, der Schmerz nicht geleugnet, das Grauen nicht verborgen, sondern gezeigt werden, ermächtigt sie vielmehr, wieder selbst das Schöne zu sehen, ohne sich schuldig zu fühlen.

So endet der Band mit dem ruhigen Bild der Protagonistin, die auf die Arme gestützt am Meer sitzt, und in die Ferne schaut: „Ich habe fest vor, wach zu bleiben, schon auf das kleinste Anzeichen von Schönheit zu achten. Jene Schönheit, die mich rettet, indem sie mir die Leichtigkeit zurückgibt.“



Donnerstag, 5. Januar 2017

PROSIT NEUJAHR! Es leben die gottlosen Schurken! Hoch!

Was sind die ehrbaren Leute doch für Schurken.

Emile Zola

Tour Eiffel Januar 2017

Paris, Marais - in einen kalten Nebel getaucht. Und dennoch: Die Place des Vosges bleibt der schönste Platz der Welt. 25 Jahre später. Wiederholten Morel und ich die Hochzeitsreise nicht, die uns über Silvester 1991/92 nach Paris führte, in ein kleines Hotel nahe der Place des Vosges. Wir waren schon vorher öfter gemeinsam in Paris gewesen. Und immer glücklich. Ein billiges Nachtzug-Ticket von Frankfurt/Main aus, Ankunft im Morgengrauen am Gare d´Est, unvergessliche Ausstellungen, halbe/ganze Tage im Kino unter den Hallen, Retrospektiven von Alan Rudolph u.a. Damals.

Wiederholungen funktionieren selbstverständlich nie. Paris indes bleibt Reisen wert. Diesmal mieteten wir uns in eine kuschelige kleine Wohnung in einer Passage nahe dem Centre Pompidou ein. Ein selbst gekochtes Silvester-Gourmet-Menü, das wir nicht einmal zu Ende schafften, so üppig, traditionell und französisch war es:  verschiedene Ziegenkäse auf winterlichem Feldsalat, Entrecote mit Sauce Béarnaise und Pommes frites, zum Abschluss geplant: Tarte Tatin mit Vanilleeis. Dazu Champagner, Sauvignon blanc, ein Likör. Wie gesagt, wir schafften das nicht, ganz.  

Places des  Vosges  Dezember 1991
Und immer wieder: das Marais, touristisch, verschachtelt, jiddisch, prächtig, mondän, verkommen, gentrifiziert. Passt alles. Wunderbar. Es duftete verführerisch in der Rue des Rosier. Wie vor einen Vierteljahrhundert. Und selbstverständlich anders. Eine Stadt der Schauwerte, an jeder Ecke, auch verwundet überall, viele Male schon: die Zerschlagung der alten Viertel durch die gigantischen Boulevards der Spekulanten des 2. Kaiserreichs, Kriege, Besatzung, Deportationen, Anschläge. Auch unsere Passage d´Ancre. Deportiert die Bewohner 1943.  Man erinnert sich der Wunden. Aber man pflegt sie nicht. In Paris. Man lebt. Gut. (So gut es geht.) Und ohne das protestantische schlechte Gewissen. Vielleicht einer der Gründe, warum ich immer glücklich gewesen bin in Paris.

Places des Vosges, Dezember 2016

Die Grande Nation feiert ihre Siege. (Trotz vieler Besuche in Paris zuvor: Ich war zuvor noch niemals in Versailles. Aus Gründen. Die sich in diesem neuen Jahr als richtige erwiesen. Die Galerie der Schlachten und den Spiegelsaal - ich kann sie nicht anders betrachten als  mit dem schaurig-bösen Triumphgefühl der eingefleischten Republikanerin, die Köpfe rollen lassen wollte, wenn Köpfe noch zu haben wären. ... Winterkorn. Ach nein, wir fordern keine Laternen. Mehr.) Auch das Frankreich von heute gibt sich wehrhaft, gewaltig, gewalttätig, prächtig und schön. Der Laizismus immerhin - anders als die deutsche Linke in ihrer relativistischen Pseudo-Toleranz - erkennt seine Feinde und stellt sich ihnen entgegen, stolz, herrisch auch. Die Geschichte des Kolonialismus, zum Beispiel, unaufgearbeitet. 


Elegante Frauen unter originellen Mützen durchforsten die Designerläden. Superschlanke junge Herren frieren in halblangen dünnen Mänteln in den Schlangen vor den Museen. Das Gewühl in den Galeries Lafayette wirkt beängstigend, aber die gigantische Dekoration beruhigt: alles wie immer. Hier, im Konsumtempel, fehlen sie allerdings nicht, die Kopftuchträgerinnen in ihrer ostentativen Religiosität mitsamt ihren männlichen Begleitern, anders als vor und in den historischen Museen und kunstgeschichtlichen  Ausstellungen, die stattdessen geduldige Asiatinnen und Asiaten zuhauf anziehen. Auch solche An- und Abwesenheiten an symbolischen Orten setzen Zeichen, werden (vorläufig, vorsichtig) gedeutet von der Besucherin. Es zeigen sich in solchen Beobachtungen gruppenbezogene Interessen und Desinteressen. Selbstverständlich kann man das nicht verallgemeinern. (Denn: Auch Fakten wirken stets diskriminierend. Was jede/r Soziolog_in im ersten Semester lernt. Oh dear. "Facts are such horrid things", wie Lady Susan, Jane Austens geniale post-faktische Überlebenskünstlerin, schon weiß. ...Ich habe Whit Stilmanns "Love and Friendship" noch nicht sehen können, werde das aber nachholen...

Der Besuch im Musée d´Orsay war am Sonntag, dem ersten Tag des neuen Jahres, kostenfrei. (Just in case: Falls eine die soziale Karte zu spielen gedenkt, um kulturelles Kapital zu verleugnen - und zu vergeuden. Diesem Judas wird der Kuss verweigert: Denn es geht ja gerade auch um den Wert (oder die Un/mwertung) kultureller Kapitalvermögen. Und ich gedenke das meinige zu verteidigen: Ein Hoch auf die Verherrlichung des Konsums, den Warenfetischmus samt der ihm gewidmeten marxistischen und postmarxistischen Kritik, auf die Individualisierung des Geschmacks, die guten Weine und regionalen Schweinswürste, sogar auf den auvergnischen Kartoffelbrei mit Käse, der im Magen ungut rumpelt, auf den überteuerten Champagner, die Nackten Manets und die Seerosen Monets, auf die Porträts der Berthe Morisot und die Selbstporträts Claude Cahuns im Spiegel, auf die bösen Witze Oscar Wildes und die wilden und unanständigen Feste des 2. Kaiserreichs (dem eine sehenswerte Ausstellung im Musée d´Orsay gewidmet ist), auf "Soulévements" allerorten und allerzeiten (eine fantastische Ausstellung im Jeu de Paume über kollektive Aufstände, Ausstände, Bewegungen und Emotionen, interdisziplinär, wobei mich vor allem die Fotografien beeindruckten), ein Hoch auf die Neugier,  auf die Lust, auf Tradition, die sich nicht für Gott gewollt hält, und vor allem auf den Zweifel. Vive!


***


Jede Reise begleiten Lektüren. Ich bin noch immer bei den "Rougon-Macquarts" des Emile Zola, die ich schon im Sommer begonnen hatte. Ich quälte mich durch die religiösen Erweckungen und Verstrickungen des Abbé Mourets. Das dauerte. Ich lernte, wie auch aus der Lektüre der Luther-Biographie im Herbst,: den religiösen Fanatismus noch mehr zu fürchten und zu verachten (Das muss sich nicht ausschließen.) Der Spekulant Rougon und der Präsident Rougon, Finanzier und Politiker, dagegen faszinieren mich: ein Panorama, ein Panoptikum von  Figuren und Konstellationen, wie sie aktueller mir nicht erscheinen könnten: die Machinationen des Politischen und der Finanzjongleure, die selbstverschuldete (?) Abhängigkeit der "Massen" von deren Machenschaften, Renditen und Risiken, die Schau der Schausteller und die Verachtung des Realen, der Umschlag: wie die Schau real wird und die Realität zur Darstellung drängt - all das kann Zola zur Anschauung bringen, nicht perfekt, denn er folgt einem "Programm", einer "Theorie", die ihn daran hindert, was er beschreibt, nicht nur zu analysieren, sondern auch zu erfahren. Es hilft (wie meistens): Humor. Der allerdings geht ihm - wie mir - ab, wenn es um den religiösen Fanatismus geht. 


In ehrendem Andenken an  

Stéphane Charbonnier,
Jean Cabut,
Bernard  Verlhac,
Philippe Honoré, 
Georges Wolinksi,
Bernard Maris, 
Mustapha Ourrad, 
Michel Renaud,
Elsa Cayat,
Franck Brinsolaro und
Ahmed Mehrabet,

die am 7. Januar 2015 von islamistischen Terroristen in Paris ermordet wurden;



Clarissa Jean-Philippe,

die einen Tag später von einem Komplizen der Attentäter getötet wurde



und 

Yohan Cohan
Yoav Hattab
Philippe Graham und
Francois-Michel Saada,

die derselbe Mann am 9. Januar in einem jüdischen Supermarkt ermordete.




Dienstag, 6. Dezember 2016

BERGENDE BOTSCHAFT (Nikolaus-Tagebuch 2016)

Waren es Fittiche einst
eines Adlers, unter denen
mich zu bergen mir ziemte?

Das ist doch nur leeres Gewäsch. Nachahmung des fliegenden Türmers auf niedrigem Niveau. Wie wenn eine die Arme ausbreitete, winzige Momente lang, Flügel wüchsen und dann würde gefedert. Denn so geht es doch immer aus: Etwas sinkt zu Boden. Die Gravitation, unser Beharrungsvermögen, die Sehnsucht nach dem Bestand. Wir wollen Erben hinterlassen, sagte ich. Nur den Trägen mag es genügen Testamentsvollstrecker zu sein. Wir anderen wollen sorgen und versorgen weit über unsere Zeit hinaus, den Horizont strecken, der sich vor uns dehnt und uns so sauber verzwergen. Es steckt in unserem Bemühen ein verzweifelter Kampf gegen die Sterblichkeit. Ich gebe dir jederzeit zu, wie lange ich das geleugnet habe. Denn ich bin eine Gebärerin (wider Willen).

Wie wenn sich die Felder weiter erstreckten, über jede annoncierte Feldrandlage hinaus. Immer sind die Nachbarn hier draußen im Einöd in Wahrheit jedoch gesellig und hören grausige Musik. Es wandert kein Lied um den Mond und fliegt kein Ton zitternd nach Haus. Heimat ist, was verloren ist oder nicht (ist). (Wie Eifersucht zu Liebe.) Feindrandlage. Wo ich mich immer finde. 

Außerdem halte ich fest: An diesem Nikolaustag einen flüchtigen Moment deine Hand berührt zu haben. Ein Lächeln bis zu meinen Augen gezaubert, nicht bloß die Mundwinkel nach oben gezogen. Die Verkrampfung meiner Hände, die nach innen gestellten großen Zehen, die Traurigkeit, die mich grundlos überrollte, als du den Flur hinunter gingst, ohne dich umzudrehen, all das, so hoffe ich, blieb unbemerkt.

Es wird weiter regiert, wie gehabt. Kim-Faktor nicht ganz erreicht. Die Zufriedenheit derer, die ihre Feindbilder klar sortiert haben. Ich entfreunde mit Absicht den einen nicht, der Die Achse des Guten mit Likes verziert. Ich muss das lesen. Wie die Tiraden jener, die für Hamas Spenden sammeln. Die abscheuliche Sippensolidarität der von Erdogan enttäuschten Kopftuchträgerinnen. Den Aktivismus der popular-vote-getriebenen verzweifelten Clintoniaer. Wie von einem anderen Stern. Es steigt kein Fest, kein Himmel bricht. In Italien gibt es auch Weihnachtsmärkte, Demokraten, die Renzi verlassen und Hasardeure, die Weine testen. Alles wird gut, glaube ich, denn falls ich mich irre, werde ich das noch früh genug erfahren.

Es soll leicht sein, in einer Gruppe die Psychopathen zu identifizieren. Schizophrene erleben ihre manischen Phasen als unbeschreibliches Glück. Dann explodieren die Sterne. Ich könnte in die dunkle Rhön hinausfahren, in die wellige Wetterau auch und Sternschnuppen jagen. Ich wüsste schon, was ich mir wünschen würde XXX.

Luvm

Keine Rätsel. Nur Antworten. 

Ich habe die Frage vergessen. Mit Absicht.

Denn:

Donnerstag, 10. November 2016

IN DIESEN TAGEN ("Die Geschmacksfrage ist politisch.") Ein Traumbild

Ach du. Wir sollten um die Häuser ziehen. Gerade jetzt. Menschen, die sich lieben, sitzen auf Barhockern und schieben sich Shots zu. Berühren sich nie. Du.



Ich stelle mir das so vor: Wir spielen Pingpong mit Worten, wie wir es tausendmal getan haben. Stichworte genügen uns. Denn wir sind eingespielt. Ein Team, wie man so sagt. Ein verdammt eingespieltes Team. Wir müssen keine langen Argumentationsketten bauen. Manchmal, oft, genügt das Hochziehen der Augenbrauen. Wir sind so verdammt fit. Kein metaphorischer Pingpong-Ball fällt uns jäh zu Boden. (Ich habe dir schon ewig nicht mehr in die Augen gesehen. Ich fürchte mich. Wir könnten beide sehr traurig werden.)

Die Angst, sagt das Establishment, ist ein schlechter Ratgeber. Mir hat sie immer gute Dienste getan. Weil ich so feige bin, passieren mir die schrecklichen Dinge nie. Kein Irrer will mir im Zugabteil seine Schlümpfe zeigen und keine öffnet für mich ihre bodenlose Handtasche. Keine/r küsst mich in Grund und Boden. Habe ich mir geschworen. (Du siehst so unglücklich aus, dass ich am liebsten alle Schwüre brechen würde. Aber das tue ich nicht.)

Als ich noch träumen konnte, in eine Schachtel zu passen, fühlte ich mich freier. Inzwischen bin ich groß geworden und an den Rändern ausgefranst. Ich hoffe weniger und schlafe fester (gelegentlich). Ich lasse mich seltener anfassen, im buchstäblichen und metaphorischen Sinne. (Deiner Troye bin ich gewiss.)

Jetzt ist Goldfinger ein teuflischer Frisör mit fliegendem Salon. Er strebt immer noch die Weltherrschaft an und steht auf platinblond bis margarinefarben. Seine bösartige Armee ist hell und ihre Anführer toupieren sich die Haare. "An meinem Haarspray sollt ihr mich erkennen." Es funktioniert. Nicht. Etwas steht stets ab. Windschnittige Struwwelköpfe allesamt. Aber vielleicht ist auch genau das die Absicht. Dieser weiße Mann ist eh an allem schuld und kann uns leid tun. ("Mir nicht.") 

Der Zusammenhang zwischen Interieur, Design und Diktatur ist unverkennbar. Goldene Türgriffe. Spiegelsäle, Brokat. Die Geschmacksfrage ist politisch. Das will bloß keine wahrhaben. Wir sind ja liberal. ("In dieser Hinsicht nicht.") Ein Verbot goldener Wasserhähne und Pussy-Schleifen könnte mehr Gutes bewirken als alles P.C.-Vokabular zusammen. ("Please. Please." Ich höre deine Verzweiflung. Ich mache dumme Witze doch auch auf meine Kosten. "Please.")

Wir könnten ja auch einmal zusammen weinen. Was hältst du davon? Oder uns unter die Tische trinken. (Ich glaube nicht, dass wir das schaffen.) Der Heil-Mann, den ich meinte, hat seine Zauberkräfte eingebüßt. Er weiß es besser. Und das artet in Besserwisserei aus. Doch schenkte er mir (und ich ihm?) herrliche Sätze, die ich in deinen Schoß legen will, am Tage unserer Niederlage: "Drohend braute sich das Schweigen der Erinnerungen zusammen." und "Die Phantasie lebt, solange der Mensch lebt, der sich zur Wehr setzt."  und "Glaube mir, dass ich dich habe, diese Stunde habe, das ist mein Glück." Zwischen Drohungen, Träumen und Illusionen habe ich geglaubt, dich zu lieben. Glaub ich es mir noch. 

Ach du. Halte. Ich bin dir troy. In diesen Tagen. Auch.