Donnerstag, 30. Juni 2016

It´s ideology and religion, stupid! - Widerstand gegen den radikalen Islamismus

"Die Attentäter von Istanbul kamen aus Kirgisien, Russland und Usbekistan." Die IS-Kämpfer in Syrien und dem Irak kommen aus Tunesien, Marokko, Syrien, Irak, Tschetschenien, Belgien, Türkei, Großbritannien, Frankreich, Deutschland... Auch in Nigeria, Somalia und Mali kämpfen einheimische Gruppen und Söldner aus vielen Ländern, die sich auf den sogenannten islamischen Staat berufen und dem selbst ernannten "Kalifen" die "Treue" schwören. 

Gegen die Faktenlage (und offensichtlich auch aus Eigeninteresse) halten manche europäische "Linke" dennoch hartnäckig daran fest, die Ursache des islamistischen Terrors sei "mangelnde Integration" und mangelnde Anerkennung von Muslimen im sogenannten "Westen" oder die "Politik des Westens" (der als monolithischer Block wahrgenommen wird) oder die ewige Kränkung der Kolonialzeit, statt die hinter dem Terror stehende religiös begründete Ideologie ernst zu nehmen und zu bekämpfen. Es fällt den ewigen inneren Sozialarbeiter_innen offenbar ganz genauso schwer, die fanatischen Kämpfer des einen und großen Gottes als Subjekte anzuerkennen, wie dem von ihnen verfemten politischen Establishment. Ganz egal, was und wie sich der Terrorist/die Terroristin erklärt: Wir erklären ihm/ihr sich selbst. Als Opfer, selbstverständlich.

Wie sollten nicht einfach zusehen, wie der dümmliche, rückwärts gewandte, geschichtsvergessene wahabitisch-salafistische Islam den innerislamischen Kulturkampf gewinnt: In Frankreich gibt es einen Aufruf von Intellektuellen, dem Islamismus gemeinsam entgegenzutreten.

Sonntag, 26. Juni 2016

FRAUSEIN. Ein Gespräch mit Antje Schrupp auf bzw in 4 Teilen

Mit Antje Schrupp führte ich im Mai ein langes Gespräch über Frausein, die Bedeutung der biologischen Geschlechterdifferenz, Schwangerwerdenkönnen und Körperpolitik, das nun in vier Teilen vollständig auf der Internetplatfform beziehungsweise - weiterdenken erschienen ist.


Antje und ich vertreten unterschiedliche Standpunkte, vor allem mit Blick auf die Bedeutung  der biologischen-genetischen Voraussetzungen für den Begriff "Frau", aber auch wenn es darum geht, den gesellschaftlichen Ist-Zustand zu beschreiben und daraus Schlüsse für eine politische Positionierung zu ziehen. Es war ein spannendes und herausforderndes Gespräch, das mir geholfen hat, meine eigene Position - wenn auch, selbstverständlich, nicht endgültig - zu klären. Mehr noch als vorher ist mir deutlich geworden, wie eng für mich "Frausein" mit meiner Körperlichkeit, mit dem Bewusstsein schwanger werden zu können, der Monatsblutung, den Hormonschwankungen, der Erfahrung der "Wechseljahre" (hierzu gab es in letzter Zeit einige interessante Beiträge unter dem "Label" Menopausen-Bloggen, auf die ich unten verlinke) und - ja! - auch mit dem Schwangersein und Muttersein verbunden sind. Ich frage mich, wie sehr es schon Ausgrenzung ist, wenn ich Frausein auch und vor allem auf diese biologischen Voraussetzungen und Möglichkeiten beziehe - und andersherum, wie sehr jede andere Definition von "Frausein" (insbesondere die subjektive Selbstdefinition) nicht gerade gefährdet, was sie politisch bekämpft: die erneute und vielleicht noch klischeehaftere Zuschreibung des "Frauseins" an Gefühlslagen und Geschmacksfragen, an Selbstdarstellungscodes und kulturelle Prägungen. 

Wie immer, denke ich, geht eine jede auch in der Theoriebildung mindestens unbewusst "von sich selbst aus", kann die Bildung "blinder Flecken" aus dieser subjektiven Beschränktheit und Selbstbeschränkung gar nicht vermeiden. Ich lebe ein konservatives, d.h. hier dem Bewahren verpflichtetes Leben mit einem hohen Übereinstimmungsfaktor gegenüber traditionellen Vorstellungen und Prägungen der Geschlechterdifferenz: als heterosexuelle Frau in fester Beziehung mit Kindern. Die traditionelle Familie ist mir weniger Gefängnis als Zufluchtsort. Als Tochter eines stets "anwesenden Vaters" erlebe ich genetische Elternschaft nicht als arbiträr, sondern identitätsstiftend. Es fällt mir daher schwer, in neuen Familienkonstellationen, die diese Beziehung - die genetische Verwandtschaft - als beliebig begreifen (Leihmutterschaft, Samenspende, Ausschließlichkeit sozialer Elternschaft), das befreiende Moment stärker wahrzunehmen als die - aus meiner Perspektive - Gefährdung der Identität. 

Letztlich geht es bei all diesen Fragen um Freiheit. Je älter ich werde, desto gefährlicher erscheint es mir, Freiheit vor allem als Ausweitung der Wahlmöglichkeiten zu begreifen. Freiheit, so glaube ich, ergibt sich erst aus der Einsicht in unsere Beschränktheit und Beschränkungen. Sie kann sich nur da entfalten, wo wir die Verantwortung für die Folgen unserer Wahl übernehmen können. Dieser Spielraum scheint mir weniger groß, als "postmoderne" Theoreme (oder deren vereinfachte Rezeption) oder Queer-Theorien ihn sich auslegen. Wo er überdehnt wird, so glaube ich, wird weniger Freiheit erreicht als vernichtet. Denn wir begeben uns in neue Abhängigkeiten und Beziehungskonstrukte, für deren Verbindlichkeit wir keine Traditionen haben und keine Verantwortlichkeiten übernehmen wollen oder können. Das ist für diejenigen am gefährlichsten, die noch keine Stimme haben: die Ungeborenen. In unseren Theorie- und Rechtskonstrukten "schulden" wir ihnen, den "Nochnichtexistierenden", nichts. Genau darin sehe ich schon lange die Leerstelle, den "blinden Fleck" der meisten Theorien "über den Menschen": dass sie die Gebürtlichkeit unseres Lebens ausblenden. Keine/r von uns lebte, wenn nicht eine Frau auf sich genommen hätte, dieses noch nicht eigenständige Leben "auszutragen". Neue Technologieangebote machen sich diese (gedankliche, eben nicht faktische) Leerstelle zunutze, indem sie das menschliche Leben/die menschlichen Körper in eine Ware zu verwandeln suchen. Alles ist oder scheint modifizierbar (und käuflich) geworden. Noch aber gibt es die "elektrische Gebärmutter" nicht. Noch lebt kein Mensch auf dieser Welt, der nicht im Körper einer biologischen Frau, in einer Gebärmutter, seine Geburt erwartete. 

Kämpfe ich auf verlorenem Posten, wenn ich hoffe, dass es so bleibt? Meine Phantasie bewegt das Neue in Kopf und Herz. Mit Sternchen und Schnuppe habe ich vor Jahr und Tag ein "Geschwister"-Paar mir erdacht, für das nicht mehr gilt: eine Mutter hat uns geboren. Was das mit ihnen macht? Versuche ich schreibend weiter zu ergründen. (Was Zeit braucht und Mut, weil ich eine Zukunft erschauen und erfühlen will, gegen die ich mich sträube).

Es ist wichtig, dass es über solche existentiellen Fragen strittige Gespräche gibt, die nicht polemisch werden, sondern "beziehungsweise" miteinander um Antworten ringen (und damit selbstverständlich neue Fragen produzieren). Dafür danke ich Antje Schrupp! Und ich denke, das Gespräch geht, auf verschiedenen Ebenen und bei unterschiedlichen Anlässen, weiter. Meine Haltung bleibt vorläufig, tastend, kritisch gegenüber Gewissheiten und doch achtsam gegenüber den eigenen Zuwendungs- und Abwehrgefühlen. Ich versuche nicht, sie zu überwinden, sondern sie zu verstehen und dann - vielleicht - zu verändern. 


Noch mehr Links:
Menopausen-Bloggen

Samstag, 25. Juni 2016

No Man is an Island (Sad story of an unwanted divorce)

Cornwall 2010


No Man is an Island

No man is an island entire of itself; every man
is a piece of the continent, a part of the main;
if a clod be washed away by the sea, Europe
is the less, as well as if a promontory were,
as well as any manor of thy friends or of thine
own were; any man´s death diminishes me,
because I am involved in mankind.
And therefore never send to know for whom
the bell tolls; it tolls for thee.
John Donne
Verwandte Beiträge
Morel 2012 über das, was wir verlieren, wenn wir die Briten verlieren:
http://gleisbauarbeiten.blogspot.de/2012/01/englische-notizen-erste-lieferung.html?spref=fb

Sonntag, 5. Juni 2016

FALLING FOR LOVE. CONTRAPUNTALLY. Gegen korrekte Gefühle und für weibliche Freiheit. Die Romane Mary Wesleys


 „You can´t insure an emotion, it´s a pleasure like eating or drinking.“

Quelle: https://victoriacorby.wordpress.com/tag/mary-wesley/

Worüber sie schrieb: Die Freiheit der Frauen im Krieg. Dass Liebe und Monogamie nicht miteinander identisch sind. Aber Liebe stets wehtut. Schwerer, einen Mann zu ertragen, den eine nicht mehr riechen kann, als einen, der sie schlägt. Mary Wesleys Schreiben kennt keine Korrektheiten des Gefühls. Ihre Protagonistinnen sind treu, obwohl oder gerade weil sie nicht nur einem Mann angehören. Sie gehen stur ihren Weg, einen der weder moderne Selbstverwirklichung sucht, noch Selbstverleugnung notwendig macht. Versprechen, die diese Frauen geben, halten sie. Aber sie geben nicht allzu viele. Sie stammen aus zerrütteten Verhältnissen und sogenannten guten Familien. Verwundete Kinderseelen, die zu Frauen werden, die putzen, kochen, huren, um Geld zu verdienen. Denen die Unterscheidung zwischen Gabe und Tauschhandel zentral bleibt, die das bürgerliche Bewusstsein stets verwischt, indem es die Tauschbeziehungen zu moralischen Schuldverhältnissen auflädt. Die tun, was verlangt wird, aber keine Gefühle heucheln. Die viel schweigen und wenig preisgeben. Geheimnisvolle Schattenexistenzen im Dienstleistungsgewerbe oder im Schein-Scheinwerferlicht des bürgerlichen Lebens.

Mary Wesley veröffentlichte ihren ersten Roman „Jumping the Queue“ mit 71 Jahren. Sie stammte aus der englischen Oberklasse und wurde als Mary Mynors Farmar 1912 geboren. In ihrer Kindheit wurde sie von 16 verschiedenen Gouvernanten betreut. Als sie ihre Mutter einmal fragte, warum die Betreuerinnen so häufig wechselten, antwortete diese: „Weil sie dich alle nicht leiden können.“ Sie hatte Kinder von drei verschiedenen Vätern, einem Baron, einem tschechischen Kriegshelden und mit ihrer großen Liebe, dem versoffenen Schriftsteller Eric Siepmann, den sie kurz nach dem 2. Weltkrieg heiratete. Siepmann starb 1970 und ließ seine Frau völlig mittellos zurück. Erst nach seinem Tod begann Wesley ernsthaft zu schreiben. In den 80er und  90er Jahren veröffentlichte sie kurz hintereinander sieben Romane. (Patrick Marnham hat eine sehr lesenwerte, noch von Wesley selbst autorisierte Biographie geschrieben: Wild Mary. A Life of Mary Wesley, VintageBooks, London 2006)

Man hat Mary Wesleys Romane als „Jane Austen with sex“ bezeichnet, was sie lächerlich fand. Ihre scharfen Beobachtungen erinnern tatsächlich an Jane Austen. Wenig haben jedoch ihre verschachtelten, vielschichtigen Plots, die große Zeiträume abdecken und mehrere simultane Handlungsstränge entwickeln, mit Austens stringenter, zielstrebiger Handlungsführung zu tun. Auch erweist sich Wesley als sehr zurückhaltend, wenn es um die Nutzung der Mittel des auktorialen Erzählens geht. Zwar wechselt sie die personalen Perspektiven, aber sie rückt ihren Figuren nicht auf die Pelle. Sie spiegelt vielmehr deren Zurückscheuen vor Nähe und Selbstrechtfertigung in der Erzählhaltung wieder. Es gibt kaum Sätze nach dem Muster von „Sie dachte...“, „Er hoffte,...“. Wesley lässt die Figuren entweder unmittelbar aussprechen, was sie denken, oder überlässt es den Leserinnen, ihre eigenen Schlüsse aus deren Handlungen zu ziehen. Die Schärfe der Dialoge erinnert dabei bisweilen auch in ihrer fast schon sarkastischen Komik an Ivy Compton-Burnetts Romane. Während sich bei Austen stets der Plot wiederholt (ein paar Familien auf dem Land, Heiratskandidatinnen und –kandidaten, das Finden des „richtigen“ Paars), durchziehen Wesleys Romane, die ganz unterschiedliche Geschichten erzählen, sich wiederholende Motive: zwei Männer und eine Frau, dysfunktionale Familien, unklare Vaterschaft, große Altersunterschiede zwischen Paaren, Inzest, Abtauchen in beinahe unsichtbare, aber selbstständige Existenzformen wie Haushaltshilfen, Putzfrauen, Köchinnen. Wesleys Figuren verhalten sich dabei häufig widersprüchlich, ohne unglaubwürdig zu werden. Es ist möglich einen zu lieben und dennoch einem anderen zu verfallen. Eine kann an etwas glauben und dennoch zur selben Zeit etwas anderes für richtig halten. Mary Wesley hat dieses Denken und Handeln in einem ihrer Roman „contrapuntually“ genannt. Auch und gerade ein Leben, in dem eine sich um Treue (zu sich selbst und ihren Versprechungen) müht, verläuft nicht geradlinig. Wesleys Romane erzählen von der Rücksichtslosigkeit der Jugend, der Trauer und den Verlusten des Älterwerdens, den Veränderungen, die an Menschen und Orten zu beobachten sind, gerade jenen, die wir am meisten geliebt haben.

Durch das vergangene Jahr haben mich die Romane Mary Wesleys begleitet. Ich bin dieser Autorin verfallen, wie nur wenige Male zuvor einer: Jane Austen, Virginia Woolfe, Barbara Pym, Alice Munro. Es ist vielleicht kein Zufall, dass alle diese Autorinnen weiblich sind und in englischer Sprache schreiben. Als der unwiderruflich letzte ihrer Romane von mir „ausgelesen“ war, fiel ich in ein tiefes Loch, fast wie nach dem Ende einer heftigen und verzehrenden Liebesleidenschaft. Erst jetzt, ein halbes Jahr später, habe ich eine Distanz gefunden, die mich über diese Romane schreiben lässt.

Als Appetizer ein paar „Klappentexte“ zu ihren Romanen (die der Vielfalt der Erzählebenen und der Ausgestaltung der verschiedenen Figuren sowie den erzählerischen Verschränkungen zwischen den Romanen keineswegs gerecht werden). Die Links führen jeweils zur E-Book-Ausgabe des Romans:


„´That´s were you´re wrong´, said Polly. We all lived intensly. We did things we never would have done otherwise. It was a very happy time.´“

Wesleys erfolgreichster Roman erzählt von den fünf Nichten und Neffen Richard und Helena Cuthbersons, die sich im Sommer 1939, kurz vor dem Beginn des zweiten Weltkriegs, ein letztes Mal bei ihrem Onkel und ihrer Tante in Cornwall treffen. Erst im Jahre 1980 kommen sie zu einer Beerdigung wieder im Landhaus zusammen. Der Ausbruch des Krieges und das Chaos, das er verursacht, beschleunigen das Erwachsenwerden der jungen Menschen. Oliver ist hoffnungslos in seine Cousine Calypso verliebt. Polly liebt die Zwillingssöhne des lokalen Pastors, der ein deutsch-jüdisches Migrantenpaar aufgenommen hat, dessen Sohn in einem Konzentrationslager verschwunden ist. Sophy, die jüngste, schwärmt für Oliver, der sie kaum beachtet. Die Befreiung aus konventionellen Zwängen geht über Missbrauch, Begehren und Leichen. Die Tante wird sich den deutschen Musiker als Liebhaber nehmen, Polly schwanger werden und nicht wissen, von welchem der Zwillinge, Oliver wird desillusioniert aus dem Spanischen Bürgerkrieg zurückkehren und Calypso wird sich in den gewalttätigen, reichen Ehemann verlieben, den sie nur um des Geldes willen genommen hat. Am Ende des Romans stehen Calypso und Sophy in der Küche und öffnen eine Flasche Wein. Calypso, die Schöne, „looked quite old but a lot more human since her stroke than the girl on the camomile lawn.“



„´Why do woman always do expect this one-at-a-time business? It makes no sense.´“

In die „Bändigung der Pfauen“ steht Hebe im Mittelpunkt, die als Waise bei ihren Großeltern aufgewachsen ist. Auf Hebes Schwangerschaft reagieren die Großeltern, Onkeln und Tanten mit Empörung und der Organisation einer Abtreibung. Hebe verlässt jedoch vorher ihr Zuhause. Zwölf Jahre später lebt sie allein mit ihrem Sohn Silas im Westen Englands. Um ihrem Sohn den Besuch einer teuren Privatschule zu ermöglichen, arbeitet Hebe als Köchin in privaten Haushalten und schläft, um sich zusätzliche Einnahmen zu verschaffen, mit den Söhnen oder Schwiegersöhnen ihrer Kundinnen.  Hebes Privat- und Arbeitsleben sind strikt voneinander getrennt; die Arbeitgeber kennen ihre Adresse nicht, sie vereinbart Löhne und Arbeitszeiten stets nur über eine Agentur mit ihnen. Dieses wohlgeordnete Leben gerät in Gefahr, als sich einer von Hebes Kunden in sie verliebt, ein anderer sich als Vater eines Schulfreundes ihres Sohnes herausstellt und gleichzeitig der leibliche Vater des Sohnes beginnt nach Hebe zu suchen. Die Bändigung der „Pfauen“, jener Männer, die Hebes erotische Dienste gekauft haben, aber glauben, sich mit diesem Deal auch die Realisierung ihrer gefühligen, romantischen Ausbruchsträume aus dem bürgerlichen Leben erworben zu haben, wird für Hebe im Verlauf des Romans immer schwieriger und für die Leserin immer komischer.


„`I was under the delusion that what I wanted was a lover, a pleasure man. I thought I might try Victor or Fergus or both. (...) Stuck under that lorry I realised that it wasn´t just pleasure I wanted, I want the lot. Right?“

In diesem Roman geht es, wie der Titel schon sagt, um die Unentschiedenheit der Poppy Carew. Er beginnt mit dem Tod ihres Vaters, der sich lachend von ihr und dem Leben verabschiedet, als er hört, dass ihr Freund, den er nie leiden konnte, sie verlassen hat. Letzter Wunsch des Vaters war es, dass sie eine  „lustige“  (fun) Bestattung für ihn organisieren solle. Sie findet ein seltsames Bestattungsunternehmen mit Pferden und altem Fuhrwerk, dass zwei junge Männer gerade gegründet haben. Es stellt sich heraus, dass ihr Vater ein Vermögen hinterlässt (beim Pferderennen und durch Erbschaften von reichen Liebhaberinnen erworben) und sie ihn kaum gekannt hat. Ihr Ex-Freund versucht sie zurückzugewinnen, um an das Geld zu kommen. Die beiden Bestatter verlieben sich in sie und ein junger, von der Liebe enttäuschter Schriftsteller, der seine Tante Calypso zur Beerdigung begleitet hat, kann Poppy nicht vergessen. Poppy lässt sich von ihrem Ex-Freund entführen, begleitet ihn auf eine Geschäftsreise in ein diktatorisch regiertes Land in Nordafrika, wo sie Zeugin einer Hinrichtung wird. Die meiste  Zeit verbringt sie jedoch im Hotelzimmer, während ihr Ex-Freund mit seinem Geschäftpartner Bordelle besucht. Schließlich kommt es zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung und Poppy flieht. Der Roman endet mit einem grässlichen Lastwagen-Unfall und einer Entscheidung.



„So you are married boring old Ned and are stuck with him and protect him and mother him and defend him from blackmail.“

Rose liebt den unvermögenden Mylo Cooper, aber heiratet auf Wunsch ihrer Eltern den Landbesitzer Ned Peel. Rose liebt den Mann nicht, aber den Landsitz „The Slepe“, der ihm gehört. 48 Jahre dauert Rose Ehe mit Ned und ihr Verhältnis mit Mylo. Niemand in Rose Umgebung, nicht einmal das bösartige, inzestuöse Geschwisterpaar Emily und Nicolas Thornby, ahnt in all den Jahren, dass die „anständige“ Mrs. Peel stets einen Liebhaber hatte. Ihr Sohn und ihre Schwiegertochter übernehmen nach Neds Tod „The Slepe“ und Rose verlässt den Landsitz mit ganz wenigen Besitztümern. In einem Hotelzimmer erinnert sie sich an die vergangenen Jahre und das Versprechen, das sie Ned in der Hochzeitsnacht gegeben hat: ihn niemals zu verlassen. Mit 67 ist Rose nun frei, aber sie hat keine Ahnung, was sie mit dieser Freiheit anfangen soll.



„There was nothing to build on except imagination.“

Der zwanzigjährige Claude Bannister schmeißt sein Studium hin und beschließt Schriftsteller zu werden. Nach einem Konzert wird er der 45jährigen Laura Thornby vorgestellt. Laura nimmt seine kindlichen Träume ernst, organisiert ihm eine Bleibe, liest seine Entwürfe, lässt sich von ihm anbeten und verführt ihn. Dabei bleibt sie stets reserviert, nimmt seine Liebesschwüre scheinbar ungerührt entgegen. Doch Laura, die bisher immer nur kurze Affären hatte, beginnt Claude zu lieben. Die Lektüre seiner Romanentwürfe zeigt ihr jedoch, dass seine weiblichen Hauptfiguren immer weniger ihrem Bild gleichen, dass sie die „zweite Geige“ wird, und er sich in seiner Imagination längst von ihr zugunsten einer jüngeren Frau verabschiedet hat. Ihr jedoch gelingt es nicht mehr, „to reduce Claude to similar, mangeable size, find a secure cubby-hole for him.“



„In old age Flora would smile, remembering the child who believed that love was for one person, for ever, for Happy Ever After.“

Mitte der zwanziger Jahre verbringen Mr. und Mrs. Trevelyan mit ihrer zehnjährigen Tochter Flora ihren Urlaub an der bretonischen Küste. Die beiden verbergen weder vor dem Kind noch vor den anderen Urlaubern, dass sie die Tochter am liebsten los werden möchten. Sie planen eine Rückkehr nach Indien ohne das Kind, das sie in irgendeiner bezahlbaren Schule unterzubringen versuchen. Das kleine Mädchen verliebt sich in seiner Verlassenheit gleich in drei Jungen, die ebenfalls an der bretonischen Küste Urlaub machen und die sie in den folgenden Jahren immer einmal wiedersehen wird. Die nächsten sieben Jahre verbringt sie in einem Internat, mit siebzehn soll sie ihre Eltern in Indien besuchen, taucht aber unter und wird Hausmädchen in London. Sie führt ein zurückgezogenes, aber eigenständiges Leben als Hausangestellte und hat über die Jahre mit den drei Jungen aus der Bretagne bei verschiedenen Gelegenheiten Sex.



„You can love after only one meeting.“

Das ist einer der düstereren Romane von Mary Wesley. Während des Weltkrieges hat Henry Tillotson eine unaustehliche Frau geheiratet, die er heimbringt nach Cotteshaw in Westengland. Später stellt sich heraus, dass sein Vater ihn in einem Brief gebeten hatte, diese Frau, die in Ägypten festsaß, sicher nach England zu bringen. Sie macht Henry das Leben zur Hölle,  verlässt fast nie ihr Schlafzimmer, außer um ihn vor seinen Freunden zu blamieren. Henry verliert jedoch niemals die Geduld. Zwei Paare besuchen in den folgenden Jahrzehnten immer wieder Cotteshaw. Henry hat Affären mit beiden Frauen. Das Thema der Ehe, die um der Sicherheit willen geschlossen wird, durchzieht diesen Roman. Die beiden Paare heiraten aus einer Mischung aus Anziehungskraft, Machtansprüchen und Versorgungswünschen. Beide Frauen werden gleichzeitig (wahrscheinlich von Henry) schwanger.



„It´s irrational, it was an obsession. I hated Giles, hated him, hated him; and Christy I loved. But he had Gile´s hair, Gile´s eyes, Gile´s mouth, Gile´s expression, his gestures! He was Giles in miniature. The likeness has grown in my mind until it is monstrous and I cannot see my little boy any more.“

Julia Piper hat Mann und Sohn bei einem Autounfall verloren. Später stellt sich heraus, dass der Ehemann Liebhaber ihrer Mutter war. Julia hat er vergewaltigt und die Schwangere dann in die Ehe gezwungen. Die Mutter gibt Julia die Schuld am Verlust ihres Liebhabers und ihres Enkels. Julia arbeitet als Putzfrau in London. Die Wohnungen putzt sie, wenn ihre Auftrageberinnen nicht anwesend sind, so dass sie fast keine sozialen Kontakte hat. Einer ihrer Kunden, Sylvester Wykees, hat Julia auf einer Zugreise zufällig gesehen, ohne zu ahnen, dass sie seine Wohnung putzt. Er ist fasziniert von ihr und versucht mehr über die junge Frau herauszufinden. Dabei lernt er einen Stalker kennen, der Julia mit nächtlichen Anrufen drangsaliert und bedroht.


„´Yes, yes, but she knows and he knows it was to repair the old ego when her husband strayed -´´And the husband?´´Oh, I expect he knew, they were all friends.“

Die 17jährige Juno Marlowe ist verliebt in die Brüder Jonty und Francis, bei deren Familie sie und ihre Mutter nach dem Tod des Vaters Unterschlupf gefunden haben. Beide werden zu Beginn des 2. Weltkrieges als Soldaten eingezogen. Zum Abschied haben sie gemeinsam Sex mit Juno, die sie danach einfach in London auf der Straße stehen lassen. Während eines Luftangriffs findet sie Unterschlupf im Haus von Evelyn Copplestone. Dieser stirbt an Herzversagen,  als sie während des Angriffs bei ihm ist. Auf sich gestellt reist sie in den Westen Englands zu Evelyns Vater. Dort arbeitet sie als Erntehelferin und entdeckt schließlich, dass sie schwanger ist. Trotz des großen Altersunterschieds verlieben sich Julia und Evelyns Vater. Viele Jahre später trifft sie mit ihrer Familie in einem Restaurant Francis wieder, der sie einst als „part of the furniture“ bezeichnet hatte

*** 


Nach 1997 veröffentlichte Mary Wesley keinen weiteren Roman mehr. Als sie gefragt wurde, warum sie mit dem Schreiben aufgehört habe, antwortete sie: „If you haven´t got anything to say, don´t say it.“ Zwischen 1984 und 1997 hatte sie mehr zu sagen, als die meisten in einem langen Leben. Oder andersrum: Sie hatte sich die glücklichen und schmerzhaften Erfahrungen eines langen, wilden Lebens aufgespart, um in diesen wenigen Jahren Romane zu schreiben, die die Fülle ganzer Leben nicht ausbreiten, sondern aufscheinen lassen: Frauenleben jenseits von Klischees und Männerphantasien, bürgerlicher Sexualmoral oder ausgestellter Selbstermächtigungsbehauptungen. Jeder ihrer Romane ist auf diese Weise ein Plädoyer für weibliche Freiheit. 

Mary Wesley starb am 30. Dezember 2002.

Dienstag, 17. Mai 2016

Binsenweisheiten: Wir sind halt auch anders. (Multikulti kann verdammt anstrengend sein)

Auf Spon gibt es eine Fotostrecke mit Flüchtlingen. In den Texten darunter formulieren sie, was ihnen in Deutschland, an den Deutschen auffällt. Das ist interessant. Weil es "uns" einen Spiegel vorhält. Aber auch, weil vielleicht an einigen der Texte deutlich wird, wie unterschiedlich Kulturen ausprägen, was als angenehm oder unangenehm, als angemessenes oder unangemessenes Verhalten wahrgenommen wird. Selbstverständlich sind es Momentaufnahmen, versammeln sich hier Klischees und kann im Einzelfall immer noch alles ganz anders sein. Dennoch sind solche Wahrnehmung spannend, weil sie dabei helfen, die Probleme, die durch Zuwanderung entstehen können, jenseits von Rechtsfragen und aufgepeitschten Debatten, jenseits übersteigerter Ängste und schriller Töne zu verstehen. Das Eigene und das Fremde nicht als "gut" oder "böse" zu bewerten, aber durchaus auch zu erkennen, warum es nachvollziehbar sein kann, auf dem "Eigenen" zu beharren und es bewahren zu wollen, warum "Multikulti" nicht immer und für jede/n als Bereicherung erscheint und dass dieses Empfinden durchaus wechselseitig ist (und nicht schlimm.)

Ayham Askar aus Syrien zum Beispiel beklagt, dass die Nachbarn in Deutschland kaum Verbindung zueinander hätten und sich bloß freundlich grüßten. Albert Addai aus Ghana vermisst das Tanzen und Singen auf den Straßen. Shahrbanoo Ganavati aus dem Iran stellt fest, dass man für alles einen Prüfungsnachweis braucht. Faten Dukhen vermisst Geschäfte, die auch um Mitternacht noch offen sind. Auch Sajjad Ebadi aus dem Iran findet es schade, dass die Straßen nachts so leer sind. Farah Farho zeigt sich überrascht darüber, dass ältere Menschen zum Arzt alleine gehen müssen, unbegleitet durch Töchter oder Söhne. 

Während ich das lese, bemerke ich, dass ich vieles, was die Zuwanderer als unangenehm beschreiben, besonders schätze: Dass meine Nachbarn freundlich sind, aber auf Distanz halten, dass die Nachtruhe weitgehend gewahrt wird, dass Berufe geschützt sind und ich mich auf bestimmte Qualifikationen verlassen kann, dass meine Eltern alleine zum Arzt/zur Ärztin gehen, solange ihnen das möglich ist. Ich schätze es, keiner sozialen Kontrolle durch Nachbarn und Verwandte zu unterliegen, Ruhe zu haben, nicht - wie ich es empfinde - zwanghaft "mitfeiern" zu müssen, wenn ich lieber allein sein und ein Buch lesen möchte, dass meine Eltern auch gegenüber ihren Kindern ihre Privatsphäre schätzen und umgekehrt die unsere achten (wozu z.B. auch Arztbesuche gehören können). Ich mag Distanz, Ruhe, fühle mich durch - vor allem körperliche - Nähe bedrängt, will mich nicht offenbaren, finde, dass auch familiäre Bindungen nicht dazu verpflichten oder berechtigen, in die Intimsphäre der anderen einzudringen. Was manche Zuwanderer als Kälte erfahren, empfinde ich als Schutzraum, den ich nicht preisgeben will. 

Als wir türkische Gäste beherbergten, fotografierten sie, wie Deutsche am Zebrastreifen und an roten Ampeln tatsächlich anhalten. Sie waren erstaunt, dass Termine pünktlich eingehalten wurden und fanden es - glaube ich - nicht gerade amüsant, dass Deutsche immer gleich "zur Sache" kommen, ohne vorher durch freundliches Palaver erst einmal eine gute Stimmung herzustellen. Ich dagegen fühlte mich im mediterranen Raum als Gast oft "überbetreut" und manchmal sogar genötigt: Immer kümmern sich alle um alles, wer mal allein sein will oder etwas für sich erledigen, gilt als Problemfall, wirkt verstört oder unzufrieden, kritisiert durch Abweichlertum die Gastgeber. 

Es ist schwierig, im Alltag diese unterschiedlichen Erwartungen unter einen Hut zu bringen. Deutsche  aus dem "alternativen" grün-rot-roten Milieu neigen dazu, das "Andere" erst einmal als exotisch, schillernd und erstrebenswert wahrzunehmen und sich den Blick der Anderen auf sich selbst anzueignen. Dann gilt es, Distanziertheit und Kälte zu überwinden, sich "einzulassen", locker zu machen und mitzufeiern. 

Mir geht es inzwischen anders. Ich habe verstanden - für mich - , dass ich es wirklich schätze, pünktlich zu sein und Pünktlichkeit zu erwarten, dass ich Distanz zu Nachbarn und Kolleginnen wahren will, dass ich übermäßige soziale Kontrolle durch Familie und Bekannte ablehne. Dass ich unangemeldete Besuche, auch von Freunden und Verwandten, nicht schätze und auch selbst darauf achte, die Privatsphäre der anderen nicht unaufgefordert zu verletzen. 

Dabei glaube ich nicht, dass dies die "richtige" Lebensweise ist. Es ist lediglich die, die mir besser gefällt. Und ich komme deshalb besser und leichter mit Menschen aus, die ähnlich empfinden. Dabei ist das wohl keine Wahl, sondern hat viel mit Erziehung und Kultur zu tun. Es ist also "normal", dass wir mit Menschen, die aus einem ähnlichen kulturellen Umfeld kommen, leichter und häufig auch besser auskommen. Das Fremde und die fremden Gewohnheiten sind anstrengend. Alles muss dauernd ausgehandelt werden. Es gibt kein: "Das tut man eben nicht" (auf der Straße rumhängen und laute Musik machen, seine Eltern überall hin begleiten und umgekehrt, rote Ampeln ignorieren...). Ich weiß: Wir leben in einer Gesellschaft, in der viele dieser vorgeblichen Gewissheiten längst im Wanken befindlich sind. Kaum eine muss mehr um 6 Uhr zum Abendbrot daheim sein. Trotzdem finde ich es nachvollziehbar und verständlich, dass Menschen an ihren Gewohnheiten, die sie als angenehm empfinden, festhalten. Und dass sie es unangenehm finden können, mit neuen und fremden Gewohnheiten konfrontiert zu werden (Zuwanderer wie Einheimische). 

Alles wandelt sich. Es gibt keine Alternative zum Aushandeln. Dennoch bleibt eine (vielleicht auch unangenehme) Wahrheit: Ich bleibe bis auf Weiteres froh und nehme es als Privileg wahr, in einem Umfeld zu leben, in dem Nachbarn nicht jeden Abend beieinander sitzen, in dem lauter Gesang und Tanz auf der Straße Ausnahme sind, in dem Alleinsein zu wollen nicht als Absonderlichkeit oder Unglück gilt. Das - dieser Wunsch - wirkt jedoch auch ausgrenzend. Darüber sollte man sich Rechenschaft ablegen. Ohne den eigenen Wahrnehmungen Gewalt anzutun. Es ist weder das als exotisch empfundene Fremde so "toll", wie es manchen auf den ersten Blick erscheint, noch ist "unsere" Kälte alternativlos. Wir sind halt auch anders. Als die anderen.  


Donnerstag, 12. Mai 2016

SEXY-NESS ("Und ich hasse es, wenn du mir unerbetene Ratschläge erteilst") Ein Traumbild

Ich träume dich nie. Nicht mehr. Was ich träume, kannst du nicht werden. Schlafräuber!

Wir zogen über die Lande. Ich hielt gewaltige Reden. Brüder, Schwestern! Wir plünderten (nicht). Wir waren so blond und heldenhaft wie später nie mehr wieder. Ach, ich wollte immer schon einmal sagen: Landsleute! Lasst uns ziehen! Verfluchte aller Lande! Wir kriechen nicht! Oder so. Eine lächerliche Geste in zerlumpten Fetzen.

Eigentlich will ich nur dich beeindrucken. Du sollst denken: Sie. Ist wie keine. Wie sie das Fäustchen ballt. Ich stelle mir mich als Film vor, den du in einem altmodischen Kino guckst. Und dann will ich doch nur ein kleines Mädchen sein, dass dir den Kopf in die Armbeuge schmiegt. Du sollst stark sein und ich will mich beugen. 

Aber sobald du die Stimme erhebst, fange ich an zu rebellieren. Sei lieber witzig. Charmant. Steh auf erwachsene Frauen. Zeig mir, dass du Esprit hast. Aber zwinkere mir niemals zu. Ich hasse das. (Und ich hasse es, wenn du mir unerbetene Ratschläge erteilst.) Lass deinen Schritt leicht federn wie Reinhold Messner mit seinen kaputteren Knien. Aber verzichte auf einen Bart. Am schönsten wäre es, wenn du dich in eine bezaubernde schwarzhaarige Frau verwandeln könntest, die einteilige Badeanzüge trägt: My Ava. Aber ich werde nicht Adam sein. Love me tender. 

Ich will deine Knochen nicht sehen. Du solltest schon etwas Fett auf den Rippen haben. (Keine Chance für Hungerleider.) Aber lass die Haare auf deinen Handrücken wachsen. Wenn der Wind sie bewegt, bin ich maximal erregt. Falls du den kleinen Finger richtig streckst. Es liegt immer nur an den Kleinigkeiten. Ich bin kein Wild. Ich bin so wild. Reiß mich! (Bleibt zärtlich!) HELLBOY. Dark Knight. Immer wieder. Der dunkle Schopf. Das widerspenstige Kinn. You are my sweetest downfall. 

Es ist alles so widerlich banal. Und so süß. Fuck off. Lean in. Surrender. Lass die Hosen runter! (Bloß nicht! Such dir einen besseren Schneider.) Ich danke, also bin ich. Dir. Immer noch. Gut.

Mittwoch, 11. Mai 2016

Alter und alteration...(Worte des Tages)

"Love is not love, which alters when it alteration finds, or bends with the remover to remove."


William Shakespeare

Sonntag, 10. April 2016

SPIESSBÜRGER_INNEN ALS FORTSCHRITTSMOTOREN. Die Roman-Autorin Alice Berend

ALICE BEREND (1875 - 1938)

Porträt von Emil Stumpp (1928)
Sie war eine der Erfolgsschriftstellerinnen des ausgehenden Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Ihre Romane erschienen im S.Fischer-Verlag. Die Nationalsozialisten setzten, nachdem sie an die Macht gekommen waren, ihre Werke auf die Liste des „unerwünschten Schrifttums“. Alice Berend emigrierte, gemeinsam mit ihrer erwachsenen Tochter, nach Florenz, wo sie 1938 vergessen und verarmt starb. Kaum jemand kennt ihren Namen oder ihre Romane noch, obwohl viele von ihnen jetzt wieder, beinahe oder vollständig kostenlos, als E-Books zu haben sind.

Ihre Romane schildern bürgerliches Leben, klein- und großbürgerliche Milieus am Anfang des 20. Jahrhunderts. Verniedlichend wurde sie auch „ein kleiner Fontane“ genannt. Die Erzählweise ist scheinbar unmodern: die Handlung wird chronologisch entwickelt, viele und vieles gelegentlich ausschweifend beschrieben, Dialoge nehmen großen Raum ein. Eine auktoriale Erzählerin hat alle Fäden in der Hand, kommentiert das Geschehen mit bisweilen altklug erscheinenden Lebensweisheiten. Diese sind aber niemals ganz ernst gemeint, sondern werden mit einem Augenzwinkern vorgetragen. Auf den „gesunden Menschenverstand“ wird einerseits durchaus gebaut, (pragmatische Charaktere, die dem Heroismus widerstehen, genießen Sympathien, während exaltierte Figuren karikiert werden), andererseits aber auch durchaus misstraut (nicht immer ist, was „sich schickt“ oder gerade angesagt ist, letztlich empfehlenswert). 

Eine kleine Auswahl (als Appetizer):

Frau Hempels Tochter“ (1913) erzählt vom gar nicht märchenhaften Aufstieg der Hempels, einer Hauswartin und ihrem schusternden Mann, die in einer feuchten Kellerwohnung hausen, aber für die Zukunft ihrer Tochter Laura sparen. Die Hempels kaufen vom ersparten Geld zunächst eine Badeanstalt. Herr Hempel stirbt und Laura heiratet einen Verehrer, für dessen Familie sie, die als Dienstmädchen hat arbeiten müssen, lange nicht gut genug gewesen ist. Die Mutter kann von dem mit der Badeanstalt erworbenen Geld ein großes Mietshaus in Berlin erwerben. „Man ist, was man geworden ist. Es war Laura ganz selbstverständlich dass sie ihren reizenden Knaben das Spielen mit den wilden Straßenkindern verbot.“ Die Kritik der Berend an Standesdünkel kommt leise daher, ist aber nicht minder scharf. 

Die Bräutigame der Babette Bomberling“ (1915) ist ein hinreißend komischer Roman über aufgestiegene Kleinbürger_innen, bornierte Studenten und dünkelhafte Adelige. Babette Bomberling, ein hübscher Teenager mit romantischen Träumen, soll von der Mutter an den Mann gebracht werden. Ein Hindernis für die mütterlichen Ambitionen ist die Herkunft des Bomberlingschen Vermögens aus der Sargfabrik des Herrn Bomberling. Kandidaten werden geprüft, Babette schwärmt für den Bruder einer Freundin, eine Italien-Bildungsreise wird unternommen, um geeignete Bekanntschaften zu schließen. Die Damen Bomberling kehren jedoch desillusioniert nach Berlin zurück. Babette nimmt Paul, der einmal Lehrling bei Bomberling gewesen ist und zuletzt die in den Konkurs schlingernde Fabrik durch eine Sortimentsänderung rettet. Die Mutter ist zufrieden, nicht nur weil sie jetzt nicht länger Diät halten und seltsame Sportübungen in ihrem Schlafzimmer aufüben muss, um schlank genug für die höheren Schichten zu werden. „Immer wilder purzelte alles in ihrem Kopf zusammen. Wie heißer Kaffee durchströmte sie die Freude. (...) Es gibt nämlich keine modernen Mütter. Es gibt nur Mütter.“

In „Spreemann und Co.“ (1916) wird der Aufstieg eines Berliner Handelshauses von den Befreiungskriegen bis zum Kaiserreich nachgezeichnet. Politik spielt eine Rolle, aber nur am Rande. Es ist die Perspektive der Ehefrauen und Mütter, die Berend stärkt, die sich um ihre Männer und Söhne sorgen, darum dass sie heil nach Hause kommen, unverwundet an Leib und Seele, während, was am Stammtisch der Männer diskutiert wird: feiger Liberalismus, der nichts kosten soll, oder plumper Nationalismus, der pseudoheroisch herausposaunt wird, karikiert werden. Die Brüder Spreemann, Erben des Firmengründers, verlieren einen erheblichen Teil ihres Vermögens bei der Spekulationsblase, die 1878 platzt, aber die Mutter sorgt dafür, dass dadurch die familiären Bindungen nicht zerstört werden. „Das Leben geht weiter. Sofort nach der Beerdigung des Vater mussten die Söhne zu einer amtlichen Besprechung, die ihren Neubau anging. (...) So ist es nun einmal. Zu irgendeiner Stunde müssen wir fort und alles zurücklassen. Unsere Träume, wie das Erworbene, nimmt eine neue Zeit als Erbe. Doch gerade daher kommt´s, dass niemand umsonst lebt.“ Klaus Spreemann, der verstorbene Patriarch, so hatte die Leserin am Anfang von Berends Roman erfahren „hatte nie in einer Wiege gelegen. Auf einem alten Sack, der mit Lumpen aller Art gepolstert war, hatte er sich hineingeschlafen ins emsige Leben.“ Eine bitter-süße Aufstiegsgeschichte: Denn die Söhne geben am Ende das Textilkaufhaus am Dönhoffplatz, das der ganze Stolz des Vaters gewesen ist, auf.

Das verbrannte Bett“ (1926) trägt schon beinahe kafkaeske Züge (freilich nur, wenn man in Kafkas Werken auch den Humoristen mitliest). Aus der personalen Perspektive von Josef Blümel, seines Zeichens Kanzleioffizial in Wien, wird von einer tragisch-komische Werbung des alternden Mannes um eine Berliner Ladenbesitzerin erzählt, die tatsächlich aber den adeligen Hallodri Udo verliebt ist, den sie seit ihrer Kindheit kennt. Herr Blümel, seiner eigenen Gefühle keineswegs sicher, aber von paranoiden Einbildungen darüber getrieben, wie sein Umfeld das Verhalten des Hagestolz wahrnimmt, gibt sein behagliches Junggesellenleben auf, sein Bett brennt sogar, aber am Ende ist alles umsonst: Die Umworbene sagt ab. DochHerr Blümel weiß, dass er sogar Glück gehabt hat: „Sogar sein Bett kam zurück. Mit einem neuen Pfosten. Die Unkosten waren gering. Besonders für jemanden, der sich berechnen konnte, welche Ersparnisse er in diesen Tagen erreicht hatte.“

Alice Berends Romane sind unterhaltsam im besten Sinne des Wortes. Sie kritisiert die (klein-)bürgerliche Weltsicht  ihrer Protoganist_innen scharf, aber durchaus mit Verständnis für deren Idiosynkrasien, Abstiegsängste und Aufstiegswillen. Wo Fontane ironisch ist, wirkt ihre Darstellung bisweilen schon satirisch. Den Zeitgenossen galt soviel Humor bei einer Frau fast als unheimlich. Keineswegs idealisieren diese Romane eine nostalgisch verklärte „Gute alte Zeit“. Schon in ihrem gleichnamigen Essay-Buch, das u.a. Kants Testament auseinander nimmt,  hatte Berend einer solch rückwärts gewandten Sicht einen satirischen Riegel vorgeschoben: „Der Spießbürger ist der notwendigste Bestandteil der menschlichen Gesellschaft. Sein Wohlbehagen, seine Gesunderhaltng, sein Zerstreuungsbedürfnis, seine Sehnsüchte und Träume und seine sonstigen Ansprüche an das Dasein sind es, die Wissenschaft und Kunst in Bewegung setzen, von Fortschritt zu Fortschritt treiben, von Versuch zu Versuch anspornen. Der Spießbürger ist zur Seele des Staates geworden.“


Erst die Nazis schnitten sie von ihrer Leserschaft ab. Deren Verdikt, das Alice Berend der Vergessenheit anheim fallen ließ, sollte nicht das letzte Wort bleiben. Eine Autorin ist wieder zu entdecken, deren humorvolle Charakterzeichnungen oft überraschend aktuell wirken. 


Viele Romane von Alice Berend stehen auf Projekt Gutenberg kostenlos zur Verfügung:

Viele sind auch als Kindle E-Books kostenlos oder günstig herunterzuladen:
Die Bräutigame der Babette Bomberling, Kindle Edition kostenlos
Spreemann und Co., Kindle Edition kostenlos
Das verbrannte Bett, Kindle Edition kostenlos
Frau Tempels Tochter, Kindle Edition kostenlos
Die gute alte Zeit, Kindle Edition kostenlos

Taschenbuchausgaben und antiquarische Ausgaben sind ebenfalls nicht allzu teuer.

Dienstag, 5. April 2016

HYGGELIG + UN-HYGGELIG. Heimisch unter kühlen Himmeln (Abschied von Kopenhagen)

Edvard Eriksen:
Kleine Meerjungfrau
Kopenhagen kann auch trist sein. Der Himmel statt graublau schwarzgrau sich verdüstern. Und es schüttet wie aus Gießkannen, zwischendrin hagelt´s, kurz vor der kleinen Meerjungfrau, die ziemlich weit draußen sitzt und bei deren Anblick fast alle rufen: "So klein ist die. Die hat ich mir aber größer vorgestellt." Sie ist tatsächlich kleiner als ich, ganz zierlich, aber figürlich offensichtlich ohne OP-Optimierung oder Nachbearbeitung mit Weichzeichner konzipiert. Die Ehefrau des Bildhauers Edvard Eriksen soll Modell gesessen haben. Das Bildnis ist semikitschig geraten, demonstrativ bescheiden, -> wenn das kein Widerspruch ist, sondern eben...dänisch.



Nordische Lichtmetaphorik. Kühle (Selbst-)Distanzierung. Die Scheu/der Abscheu vor jeder Form von Exaltation. Das ist (natürlich) ein Widerspruch. Denn: Du kannst nicht nicht repräsentieren. Konstituiert wird auch hier ein "Wir", das sich kenntlich machen will als..."offen, funktional, schlicht, echt". Dänisches Design. Wird überall in Kopenhagen ausgestellt. Die Entwürfe von Arne Jacobsen, Hans Wegner oder Børge Mogensen sind zeitlos schön präsent. Hier aber nicht, wie weiter südlich gegenwärtig Mode (statt modern) feige zu schwarz-grau-weißer Pseudo-Edel-Tristesse kombiniert (mutlos 5-Sterne-Hotel-Design von der Stange ohne persönliche Note kopierend), sondern mit farbenfrohen Accessoires verknüpft: Gemütlichkeit statt große Geste. Aber auch hier gilt natürlich: Du kannst nicht nicht repräsentieren. Ausgestellt wird: Lässigkeit. Auch das (selbstverständlich) ein (Selbst-) Widerspruch. 



Königliche Bibliothek ("Den Sorte Diamant"/Schwarzer Diamant)


Gründe, warum ich den Norden liebe. Die Kälte. Die Vermeidung des öffentlichen Eklats. Die Ferne Gottes, der bekanntlich in der Wüste haust und brennt. Das Zweifelhafte und Verbohrte. Nur unterdrückte Leidenschaft brodelt (auf Dauer). Die peinliche Wahrung des Scheins, der aber an ein Sein (Understatement! Selbstverständlich! Kreditkarte gedeckt!) gebunden sein sollte. Rote Backsteine. Bloß kein lautes Palaver auf dem Gehweg. Unvermeidlich sind es südeuropäische Touristen, die in größeren Gruppen Eingänge blockieren und wild gestikulieren. Dänen grüßen knapp: Hej! Das glücklichste Volk der Welt ist bestenfalls zufrieden. Das ist viel, wird aber den Operetten-Liebhabern nie nicht genügen. Vermeide Purpur und Gold. (Außer du bist Königin - noch so ein liebenswerter Selbstwiderspruch der egalitären Royalisten!)



Christiansborg, Großer Saal mit den Tapiserien von Bjorn Norgaard
1000  Jahre dänische Geschichte



Ausschnitt aus einer Tapisserie
(u.a. porträtiert: Virginia Woolf, Groucho Marx und Walter Benjamin)

Politisch ist es heikel. Denn der Wohlfahrtsstaat braucht das "Wir", das ohne Ab- und Ausgrenzung kaum zu haben ist: dazu gehören, sich ein- und anpassen, geschmeidig sein, individuell, aber nicht individualistisch. Ambivalent bis in die tiefsten Schichten der Selbst-Konzeption hinein. Kein Platz für heroische Gewissheiten oder religiöse Wahrheiten. Annahme des Schmerzes ohne Märtyrer-Versprechen. Die Kleine Meerjungfrau wird nicht erlöst. Aber sie ist daheim. Dänen reisen in Campingmobilen, behauptet das Vorurteil, wie die Niederländer. Immer alles wie gewohnt am Platz. Fast jede/r hat ein Sommerhaus. Meer. Wind. Dannebrog. 

Ich häufe Klischees an. Man kann kein Land kennenlernen oder verstehen in 5 Tagen oder 5 Wochen und vielleicht - als Fremde - nicht einmal in 5 Jahren. Man kann sich nur in der Fremde mehr oder weniger zu Hause fühlen. Bei mir führt das Heim-Weh immer gen Norden. Im Süden schwitze ich. Nicht nur. Zu laut. Zu scharf. Zuviel Olivenöl und zuwenig "gute Butter". Die Fülle des Mangels, statt der mangelhaften Fülle. Geordnete Verhältnisse und die gemeinschaftliche Vermeidung einer scheinbar pittoresken Armut. Die Scham, wenn eine/r kein Obdach hat. Kenne ich nur aus nördlichen Ländern. Es flieht ja in Wahrheit niemand gen Süden. Nur mal so in den Wind gesprochen. 

Außerdem brauche ich Brot. Richtiges. Echtes Brot. Knusperkruste für nicht verfaulte Zähne. Im Restaurant Höst aßen wir "neue dänische" Küche: salzige Krabben-Krapfen, fette Hühnerbrühe mit Ei, brennende Kräuter an geröstetem Hühnerfuß, Schweinerollbraten unter fermentiertem Knoblauch, Birkenrinden-Eis. Und so. War spannend. Manchmal wäre weniger mehr gewesen (z.B. brauchte die fantastische Hühnerbrühe keine Calamaris-Einlage). Das Design des Restaurants ist preisgekrönt und spiegelt angeblich dänische Bauernhöfe wieder. Mir erschien es eher wie eine frugale Variante des derzeit angesagten "Industrial Designs". Andererseits: Die dänische Landwirtschaft ist zweifellos durch und durch industrialisiert. Größter Schweinefleisch-Exporteur der Welt.


Restaurant Höst: Malzbrot mit Butter

Ist was faul im Staate Dänemark? Keine Ahnung. Heimelig. Hyggelig. (Das kann eng werden oder sein.) In Hamburg am Hauptbahnhof dagegen wieder kontrovers: Un-hyggelig. (Das kann von ungemütlich bis unheimlich oder katastrophal Vieles bedeuten.) Raus aus der Idylle. Muss (Protestantismus? Pur/e? Vernunft darf niemals siegen.)*!


* Diese Weisheit, freilich, kann nur im Norden gedeihen. Südwärts, rund ums Mittelmeer und so, könnte  ein bisschen leidenschaftslose Liebe zur Vernunft nicht schaden. Vielleicht.

Dienstag, 29. März 2016

SUPERMAN vs. DANISH DRAGON. 1. Tag in Kopenhagen


Und wer, zum Teufel, ist Tubal-Kain? Ein Bruder im Geiste Kains, vielleicht? Ein nordischer Bruder-Mörder? Falsch. Von Kain stammt er ab, aber im Norden hat er sich nicht verloren. Wikipedia weiß Rat: Tubal-Kain war der biblisch-hebräischen Sage nach ein Schmied, der seine Herkunft vom ersten der Zunft herleiten konnte, dem Mörder Abels, der diesen wohl, wie ich jetzt vermute, mit seinem Handwerkszeug erschlug. Scheint so als hätten Adam und die Seinen in der Bronzezeit gelebt. Gottes sieben Tage waren halt lang und länger; Sommerzeit kannte der Schöpfer nicht. Da mag sich das über tausend Jahr wohl hingezogen haben bis die erste Familie mit all ihren Dysfunktionen geschaffen war. Mit den Freimaurern schließlich müssen Kerl und Namen ihren Weg in den Norden nach Kopenhagen genommen haben, wo ich auf diese Bronzestatue des mir bis dato Unbekannten stieß und prompt annahm, einen neuen, nordisch blonden Helden in meinen Pantheon aufnehmen zu können. Nix war´s. Hinterm Bauzaun steht der Hebräer in Nähe der Statens Museum for Kunst und des Botanischen Gartens.


In Kopenhagen wird eh grad viel gebaut. Leider. So konnte ich nicht einen Kaffee vor dem Hotel d´Angleterre auf dem Kongens Nytorv trinken, wie ich´s mir vorgenommen hatte, in Erinnerung an Metzgermeister Külz und Fräulein Trübner, die sich hier begegnen, ganz zu Beginn von Erich Kästners Unterhaltungsroman "Die verschwundene Miniatur" von 1935, der lakonisch und bitter-heiter erzählt ist. In Kürzest-Sätzen geschrieben, die aber nicht einen Short-Story-Hyper-Realismus erzeugen, sondern eher jene Verkürzung des Denkens und Fühlens, die die Umstände den Menschen abnötigten, die trotz der Umstände noch Menschen bleiben wollten. Was fragwürdig ist, als Haltung und als Schreibmodus, aber auch so erscheint. Jedenfalls gäbe der Roman ein "prima" (auch so ein Retro-Wort) Drehbuch her und in einer etwas gelasseneren und lässigeren, also einer glücklicheren und weniger nach Heroismus schreienden Zeit und Gesellschaft hätte das eine Screwball-Comedy werden können, bisschen frivol und bisschen romantisch, ohne Tiefgang, aber mit Esprit. Das lag den Deutschen aber nicht und liegt ihnen immer noch nicht, mindestens nicht den "Künstlern" und "Literaten", denn unter denen ist "Unterhaltungsliteratur" immer noch und immer wieder ein Schimpfwort. (Schreiben se nich und lesen se nich, nü nich.)

In Kopenhagen also wird gebaut und die schönsten Plätze vor den prächtigsten Hotels sind verstellt mit Baugittern und schwerem Gerät. Auch keine Karten mehr für das viel gelobte Ballett sind zu kriegen. Und der Tivoli, der Tivoli öffnet erst wieder am 6. April. (Mit dem Tivoli verbinde ich verklärte Kindheitserinnerungen, ein Wundertraumverlorenland, das vielleicht nie so bezaubernd war, wie ich es mir rückblickend vorgaukle. Ich war wohl 8 oder 9 Jahre alt damals und hatte "sowas" noch nie gesehen: Riesenrad, Puppentheater, Clowns, Geisterbahn....Wie in den Büchern war´s und tausendmal schöner noch, denn ich war mittendrin. Später fuhren wir in den Hafen zur kleinen Meerjungfrau, wo mein Bruder über die Steine sprang. Viel mehr weiß ich nicht mehr von jenem einen Sommertag in Kopenhagen vor mehr als 40 Jahren. Aber die Erinnerung umgibt ein Zauber, etwas Märchenhaftes und Zartes und ich gestehe mir das zu, diese neue Art zu reisen, nicht mehr auf der Suche nach etwas "Neuem", sondern mit Neugier zurück an Orte, an denen ich ein schon einmal war, verbunden mit verschwommenen Erinnerungen und warmen Gefühlen.)

Es wahr ein strahlender Morgen heute früh, blauer Himmel über der Stadt, violette und weiße Krokusse vor dem Schloss Rosenborg. Dennoch waren Schal und Mütze noch angebracht beim Aufstieg auf die Plattform des Runden Turms von wo aus man einen wunderbaren Ausblick auf die Stadt hat: den Hafen, die Vor Frue Kirke, den klassizistischen Dom von Kopenhagen, Christiansborg, Amalienborg, das rote Rathaus. Im klassizistischen Dom mit den Apostelstatuen von Thorvaldsen bittet ein schmucker Christus alle zu sich an den Altar, auch jene, die sonderbarer Weise mit dem Rücken zu ihm sitzen müssen, denn die Bänke in der Kirche sind einander gegenüber angeordnet wie in einem Zugabteil.

Im sonnigen Kopenhagen von heute erkennt Morel mehr von "Borgen" wieder, mit seiner idealistischen Ministerpräsidentin Brigitte Nyborg, als von der düsteren Stadt aus "Kommissarin Lund", die beim Bürgermeisterkandidaten Troels Hartmann und seinen Konkurrenten im roten Rathaus einen Mädchen-Mörder sucht. Dem kleinen Volk der Dänen jedenfalls gelingen ohne Frage bessere Fernsehserien als den öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehanstalten des großen deutschen Nachbarn. Die Dänen, das zeigen sie der Touristin auf Schritt und Tritt, sind mit ihrer eigenen Kultur (dem Essen, dem Kino, der Literatur, dem Fernsehen, der Mülltrennung, den Shampoos) hoch zufrieden. Dieser Nationalstolz trägt durchaus Züge von Selbstzufriedenheit und wirkt dennoch recht charmant. Selbst das Frühstück in unserem Hotel wird als authentisch-nordisch gepriesen und in der Tat schmeckt der warme Beeren-Porridge wirklich lecker.


Dänische Drachen werden auch mit Supermännern fertig. Jederzeit. "We are red, we are white. We are Danish Dynamite." Es geht nämlich nicht immer um´s gewinnen. Sondern zum Beispiel um: Glorie, Grazie und Gemütlichkeit. In dieser oder einer anderen Reihenfolge. Ich beobachte weiter: die glücklichen Dänen und das Geheimnis ihrer Gelassenheit. Morgen ist auch noch ein Tag. In Kopenhagen.