Freitag, 18. April 2014

GAR NICHT LUSTIG: Begegnung mit einem Klein-Pirinçci, live.

Hohes Aggressionspotential gestern Abend. Scheiß-Spiel der Eintracht. - Und - der F. ----

Der F. hat sich meinen Hass über Monate verdient. Der F. beschimpft Spieler und Zuschauer wahlweise als "Hurensöhne", "Pussys" oder "schwul". Schwarze Spieler begrüßt er mit Affenlauten und -gesten. Der F. lästert über "Dumme", womit er, wie der Kontext hergibt, Leute mit einem "lächerlichen Jahreseinkommen" meint. Wenn ihm jemand auf die Nerven geht, stellt er zu seiner Beruhigung fest, dass der oder die "im Gallus" wohnt, wo nach seiner Meinung, eben die "Dummen", die schlechter Verdienenden, die "Pussys" und "Hirnlosen" wohnen, die er miteinander gleichsetzt. Der F. träumt davon, sich einen Cheyenne zu kaufen, aber erstmal nimmt er einen Land Rover. Der F. muss dauernd irgendwelche Mandanten auf irgendwelchen Flughäfen treffen, wo er sein dickes Auto ins Parkverbot stellt, weswegen er Strafzettel kriegt und dann "doofe" Bullen anpöbelt. Neben dem F. sitzt seine Kollegin und Freundin, die mit ihrem Sportcoupé im Urlaub ins Hundehotel nach Südtirol braust. Sie hat, wie sie ziemlich häufig durchblicken lässt, genau wie der F. kein "lächerliches Jahreseinkommen" und findet, dass man im Fußballstadion auch mal die Sau rauslassen darf, wenn man eben eine ist (das sagt sie aber nicht) und pustet jedem und jeder, der oder die sie geflissentlich übersieht, den Rauch ihrer ekligen Zigarette ins Gesicht. Der F. und die S. gehören, wie man sieht, zum wohlverdienenden Bodensatz der Gesellschaft, zu den Asozialen des Systems, deren Aussterben kommt, aber eben zu langsam.

Der F. kippt seit Monaten, im Verein oder unabhängig von der S., rund um seinen Sitzplatz im Stadion ein-, zwei- oder dreimal pro Heimspiel sein Bier über die Sitze oder Hosen von Unbeteiligten. Mal triffst mich, mal den Helmut. Mal sonst wen. Als er einmal nach der Pause den ganzen Stuhl vom Helmut eingesaut hat, guckt er runter auf die Schweinerei und sagt: "Macht nix." "Macht nix", sagt der F. gern, wenn er andere Leute belästigt oder ihnen was beschädigt oder sie vollspritzt. Denn das gehört seiner Meinung nach zum Fußball und/oder zu den Rechten derjenigen mit den gar nicht lächerlichen Jahreseinkommen, sobald sie ihren Anzug ausgezogen und sich unters gemeine und dumme Volk gemischt haben. "Macht nix", sagte der F. auch gestern Abend, nachdem er den Stuhl neben mir demoliert hatte und "Macht nix", sagte er, nachdem er seine Bierbrühe unter die Füße vom Helmut gekippt hat. "Macht ja nix." 

Gestern ist mir der Kragen geplatzt (Wie man so sagt. Aber es hat sich so angefühlt, als wäre ein solcher, hätte ich einen getragen, tatsächlich an den Nähten aufgeplatzt.) Ich hab´ mich rumgedreht und zum F. gesagt: "Wenn du mich mit deinem Bier noch einmal triffst, bist du tot." Für mich und meine Verhältnisse ist das starker Tobak. Denn ich hab´ dazu kein bisschen gelächelt oder Ironie angedeutet oder so was (Ironie wird eh total überschätzt. Ironie ist meistens nichts weiter als auf klug polierte Feigheit plus Selbstschutz.) Das hat der F. nicht erwartet. Da hat er sich aufgeregt. Damit müsse ich im Fußballstadion rechnen. Eben: Dass einer wie er da rumhängt, Scheiße labert und Leute mit Bier bekleckert. (So hat er das natürlich nicht gesagt.) Und in England wär´s noch viel schlimmer, hat die S. eingeworfen. Da würde ich erst was erleben. Und überhaupt: Diesmal hätte ich doch noch gar nichts abgekriegt. (Das hat der F. echt so gesagt.)

Leute wie der F. müssen komische Eltern haben. Stelle ich mir vor. Die denen nie erzählt haben, dass man "´Tschuldigung." sagt, wenn man jemanden vollspritzt. Zum Beispiel. Oder die Eltern haben´s denen doch erzählt, aber dann kam das nicht so lächerliche Jahreseinkommen dazu und da haben sie´s vergessen. Das könnte auch sein, denke ich. Ich halte das sogar für sehr wahrscheinlich, weil diese Asozialen zu einem sehr hohen Prozentsatz SUVs fahren, die sich eine oder einer nur mit eben einem solchen Jahreseinkommen leisten kann. Da gibt es einen Zusammenhang, mehrere sogar. Behaupte ich.

Trotzdem: Es bleibt dieses für mich psychisch überaus anstrengende Missverhältnis zwischen meinem Verhalten und meinen Gefühlen. Gegenüber Leuten wie F. und S. Harmlosigkeit und Feigheit  vs. Hass und Mordlust. Das ist so und ungut. 

(Bleibt festzuhalten, dass auch deshalb viel für ein sehr restriktives Waffengesetz spricht. Zu meinem Schutz.)

Scheiß-Spiel. S...-F. 

Kein Karfreitagstext das. Aber man wird das ja mal sagen dürfen, oder? 


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Sonntag, 13. April 2014

"And I would give you my heart. That´s if I had one..." (Laue Erinnerungen + Sonntagslied)

Er wirkte immer durchtrieben und sexy. "Metrosexuell", lange bevor das Wort aufkam. Als The Fall hart und böse klangen, wirkten The Smith mit ihm als Frontmann schön und gewissenlos. Während eines Konzertes verfiel ich ihm. Das ging vorüber. 

Georg strich sich die Haartolle mit derselben Geste aus dem Gesicht wie Morrissey (1987). Damals hielt ich es für ein billiges Imitat. Heute bin ich mit nicht mehr sicher. Hinter dieser asozial inszenierten Selbstironie steckt genau die Verzweiflung, wie sie auch Georg und Electric Slim zu tarnen versuchten. Jägermeister in der Cola-Dose morgens um halb zehn. Georg und Electric Slim liebten zweimal dieselbe Frau (nicht: dieselbe Frau zweimal). Ihre Freundschaft hat nur das erste Mal überlebt. Dann zogen sie an verschiedenen Strippen und verhedderten sich. Das konnte nicht gut ausgehen. (Im Nachhinein ist das immer leicht gesagt.)

Lange nicht gesehen. Die Verletzungen ("Glück ist eine junge Braut, der man ihn die Fresse haut."), längst verheilt. Letztlich zählt doch das Elternhaus. Wer nicht geliebt war, geht unter. Die anderen brauchen sich nicht mal zu retten. (Sind es schon. Immer. Schützen sich selbst. Nur zu gut. Auf Kosten. Von wem?) Erinnern heißt sich schuldig fühlen (oder machen?). Es ist doch alles gelogen. Weil es für die anderen ganz anders war. Noch immer ist. Die Freundin, der ich ausweiche, seit Monaten, weil sie sich nicht ändern kann. Ich will mich nicht im Spiegel dieser Augen sehen, die mich noch immer sehen, wie ich war, als ich die war, die ich jetzt nicht mehr bin.  

Zurück zu den Zügen, außerdem. Wir ziehen an die Gleise (um). Once again. Zugverkehr. (Dann lest das doch mal.) Listig. (Mir liegt ein Kalauer auf der Zunge, aber ich verkneife ihn mir.) Our house in the middle of our street: For sale. Bücherberge. Spenden an die Schulbibliothek: ("Frankfurter Schule." Brauch ich nicht mehr. "Wer erschoss John F. Kennedy?" - in die Papiermüll-Tonne. "Irgendwann bis du auch für die lustigsten Verschwörungstheorien zu alt." Ich glaube trotzdem nicht, das Shakespeares Werke der Mann aus Stratford-upon-Avon geschrieben hat, von dem nicht mal 40 handschriftlich geschriebene Worte überliefert sind.) Wie rauh die Hände werden von dem Staub auf den Büchern. An die obersten Regalbretter komm ich nicht ran. Da müssen die Riesen schauen. Im Hobby-Keller finden sich verdächtig viele leere Spirituosen-Flaschen. 



Morrissey: To me you are a work of art


***

"Wir sehen keine Dinge, meinte Philipp Otto Runge, dem die Ausstellung in der Kunsthalle gewidmet ist, sondern Bilder, die uns etwas bedeuten. Ich weiß nicht, was sie mir bedeutet. In diesem Moment ist es viel. Aber nicht Runges ´Weltenmaler Sonne´, sondern das künstliche Licht der Birne unter dem gefältelten Lampenschirm im Café Liebermann zeichnet dieses Bild für mich, das ich  nicht vergessen werde. Ihr Haar leuchtet warm vor dem sienesischen Marmor mit einem zarten grünen Schimmer am Scheitel. Der Braunton ihres Jackets und das Orange des Pullovers lassen ihre Gestalt mit dem Hintergrund des Cafés, dessen Wände und Dekoration diese Farben aufgreifen, verschmelzen. Sie ist keine scharf konturierte Figur in diesem Bild, sondern eine Erscheinung im sanften Licht. Wie getupft. Sie trägt Jeans und flache Sneakers."

Lars an M., Dezember 2010 (aus: PUNK PYGMALION, 2014)

Sonntag, 6. April 2014

BÖSE KUNST. Verfall oder süße Resignation? (+ Sonntagslied)

Letzthin habe ich erstmals von Enkelkindern geträumt (nicht im Sinne eines Wunsches; im Traumschlaf setzten sie sich mir auf den Schoß. Es könnte natürlich eine der unbewiesenen Theorie des Dr. Freud anhängen und behaupten, alle Träume seien Wunschträume, dann aber wäre dieser besonders schlicht gewesen. Oder verdiente tieferer Analyse der Details, die ich - aus Gründen - hier nicht ausbreiten werde.). Die Baby-Boomer (ich bin 1965 geboren) werden alt, habe ich anderswo gelesen - und dafür scheint mir auch dieser Traum ein Zeichen. 

Wahr ist indes: Wir werden nicht alt, wir sind es. Gemessen an einer Lebenserwartung, wie sie über Jahrhunderte galt, und sich in unsere Kultur eingeschrieben hat, gehören wir längst zu einer Altersgruppe, die nichts mehr zu erwarten hat als den Tod. Dass wir inzwischen davon ausgehen können (oder müssen), auch nach dem 50. Geburtstag noch ca. 30 Jahre zu leben, schlägt sich erst nach und nach in den Geschichten, Bildern und Filmen nieder. "Menschen in mittleren Jahren" nennen wir uns jetzt und wollen immer noch alles: Sex, Leidenschaft, Perspektiven, Abenteuer, Alkohol und spontane Partys. Nur eines nicht: Bilanz ziehen. 

Ich lasse nach. Wie meine Augen. Da ist der schmale Grat zwischen Selbstoptimierungszwang, den die Werbung suggeriert, und Selbstvernachlässigung, die sich wieder mal (oder immer noch?) rechtfertigt mit der Hierarchie von Körper und Geist bzw. Oberfläche und tiefem Grund. (Meine Sozialisation sorgt dafür, das mir letzteres widerwärtiger als ersteres erscheint und ich mich also eher etwas mehr um Äußerlichkeit und Präsentation bemühe - Mode, Make-up, Schuhwerk - als etwas zu wenig. Aber meine Fingernägel kann ich immer noch nicht selbst ordentlich bemalen.) Trotzdem: Der Hang zum Nachlassen. Zum Einrichten. Zum Grau, statt zu Schwarz/Weiß. Die versöhnliche Haltung gegenüber Kitsch und Idylle. Die Lächerlichkeit jedes Widerstands, der notwendig verkrampft. Und die Resignation, die sich so süß anfühlt. 

Da kann eine was dagegen tun. Wandern? Yoga? (Dehnung, Streckung, sich spüren und fordern!) Lesen? 




Dead Kennedys: Forward to Death

"It seems so unreal to me

So much hate and so much pity..."




Musik hören! Auch retro, klar! Aber dahin geht´s immer: Vorwärts. Rückwärts ist dagegen immer Irrtum, Selbstbetrug, Religionsersatz (böse Kunst!):

"Wenn also, so schrieb ich, sie sich entschließen könnten die Sagrada Famiglia zu schließen, für immer zu verschließen, so dass keiner sie jemals wieder betritt, wenn sie einmal freiwillig verzichteten, einfach, weil es richtig ist, wenn das möglich wäre, dass sie in einem großen Entschluss das Feld überlassen der wahren Sühne für alle, die gesündigt haben und also für ALLE und ließen es einfach stehen als ein Heiligtum, das keiner betreten dürfte, nicht einmal ein Priester. Mit der Zeit verschwänden alle Erinnerungen daran, wie es im Inneren der Kathedrale aussieht, die niemals vollendet werden kann, und zwischen den steinernen Stämmen könnten Bäume wachsen bis zur Decke. Es wäre eine Zuflucht, für alle quälenden und gequälten Phantasien und endlich eine Anbetung des Heiligen, die sich nicht  selbst feiert. Sie nähmen sich zurück, verstehst Du, an einer einzigen Stelle, nähmen sich alle zurück und ließen etwas stehen und von alleine zerfallen."

Brief von Ansgar an Emmi, Spätsommer 1984 (Auszug aus PUNK PYGMALION, 2014)


Es gibt, selbstverständlich, Heilung von dieser Anmaßung (unter anderem der Kunst und der Künstler) in der Moderne: Einsicht und Einwilligung in Gebürtlichkeit und Sterblichkeit.

Mittwoch, 2. April 2014

HAARIG (BenHuRum im Trend)


 Ein Beitrag von BenHurRum

"Heutzutage ist es unheimlich wichtig, im eigenen künstlerische Schaffen die Trends der Zeit zu verarbeiten."
"Für jedes ´Heutzutage´ erlege ich dir eine Strafe auf und außerdem erlasse ich ein Einkaufsverbot."
"Themawechsel: Der behaarte Schoss wird wieder begehrt."
"Jedem Tierchen sein Pläsierchen."
"Ich hasse es, wenn du die Sprüche deiner Oma bringst."
"Die hat immer `Futt` gesagt, aber gar nicht gewusst, wovon sie spricht."
(Jetzt muss sie doch lachen.)
"Dieser ganze Reinlichkeitswahn geht mir eh schon immer auf die Nerven. Die Hygienefreaks. Sonnenanbeter und Weichspüler."
"Und der willfährige Masochismus: Wachsen. Epilieren. Um zu gefallen. Einer Norm zu entsprechen."
"Wir sind eben Post-Hippies."
"Komm mir jetzt nicht mit Natur, bitte."
"Themawechsel: Harter Tobak, die Story vom Minotaurus."
"Hmmm...."

(Text: J.S.P./M.B.)


Montag, 31. März 2014

SPÄTVORSTELLUNG. Un Flic (1972)

Ein Beitrag von Morel

Jean-Pierre Melville ist vor allem durch Kriminalfilme bekannt geworden. Un Flic, zu übersetzen vielleicht als „ein Bulle“, heißt in Deutschland warum auch immer „Der Boss“. Ein Jahr später ist der Regisseur tot, der seine Filme gerne komplett im Griff hatte und auch den Schnitt übernahm. Das ist zu sehen in den ersten Szenen dieses Films. Es beginnt am Atlantik, Wellen wie auf dem berühmten japanischen Holzschnitt. Moderne Architektur. Eine Filiale der BNP, davor ein Auto mit vier Männern, die sich mit Gangsterhüten als Gangster verkleiden. So beginnt ein Banküberfall, bei dem ein Kassierer erschossen wird, weil er Held sein möchte. Das möchten die Protagonisten dieses Films nicht, darunter ein Barbesitzer und ein arbeitsloser Bankdirektor. Sie wollen Geld, um dem französischen Winter zu entkommen. Dann Paris. Alain Delon, heute Front-National-Anhänger und homophober Verteidiger der traditionellen Ehe, damals der gerade noch schöne, grazile, aber gefühlskalte Mann, der sich von seinen schwulen Verehrern gerne anhimmeln ließ, um sie dann stehen zu lassen, als Polizeiermittler in einer Limousine. Er bekommt einen Telefonhörer gereicht. Melville feiert in diesem Film die damalige Moderne: Telefonzentralen, Schnellzüge, Hubschrauber, Bürogebäude, die Verwandlung der poppig bunten Sechziger in die blau-grauen Siebziger. Delon spielt keinen Held, sein Ermittler ist ein Bürokrat der Staats-Gewalt, routiniert schlägt er Verdächtige und droht mit Folter, alles um effizient zu sein, die Akte schnell zu schließen. Danach entspannt er einmal beim Klavierspielen in einer Bar. Eine Szene kehrt immer wieder: er sitzt in seiner Limousine, bekommt einen Anruf und fährt zu einem Tatort. Der erste in einem Mietshaus, eine Prostituierte wurde ermordet. Die toten Augen der Frau, dann ein Gegenschnitt auf die noch nicht ganz toten Augen Alain Delons. Drei blonde Frauen gibt es in diesem Film, die eine aber ist ein Mann, ein Transvestit, der als Informant für die Polizei arbeitet. Das erfahren wir erst am Ende, wenn Delon sie demütigend outet, dann sehen wir auch ihr ins Gesicht, das als einziges noch nicht tot ist in diesem blaustichigen Film Noir, denn sie hatte die Hoffnung auf ein anderes, besseres Leben noch nicht ganz verloren. Der Gegenschnitt auf Delon verdeutlicht, wie nah am Tod er ist. Ihr Hinweis auf einen Drogenschmuggel hatte zuvor zu der einzigen Actionszene in dieser Meditation über Frankreich im Winter geführt. Denn für die Drogen die in einem Nachtzug nach Lissabon geschmuggelt werden sollen, interessiert sich auch die Bande, die zu Beginn des Films die Bank überfallen hat. Ihr gehört Simon an, der Nachtclubbesitzer, vielleicht befreundet, zumindest aber bekannt mit dem von Delon gespielten Polizisten. Beide schlafen mit derselben Frau, was Simon wohl weiß, ihn sicher aber nicht stört. Es ist die dritte Blondine, gespielt in eine Pose der Unnahbarkeit von Catherine Deneuve. Sie ist Teil der Verbrecherbande und in einer grandiosen Szene, die Tarantino für Kill Bill geklaut hat, dringt sie als Krankenschwester verkleidet in das Zimmer eines verletzten Gangster ein, um ihn mit einer Giftspritze zu töten. Während Delon an einem Bahnhof in Bourdeaux die Übergabe der Drogen beobachtet, die Festnahme an der spanischen Grenze anordnet und nach Paris zurückfährt, fliegen die Gangster mit einem Hubschrauber über dem Zug (überdeutlich, beinahe schon komisch mit Kinderspielzeug gedreht) und Simon springt auf das Dach des Schlafwagens. Dort dringt er in das Abteil des Drogenschmugglers ein, der mit seiner platinblond gefärbten Frisur wie ein später Rocker oder früher Punker aussieht, betäubt ihn und stiehlt die Drogen. Das Ganze dauert endlose 20 Minuten, in denen nur wenige Worte mit einem Schaffner gewechselt werden. Zurück in Paris kommen die Polizisten den Bankräubern langsam auf die Spur (ohne zu wissen, dass sie auch die Drogen geklaut haben). Einer nach dem anderen fliegen die Gangster auf, bis der Polizist schließlich nur noch Simon festnehmen muss. Er weiß inzwischen auch, dass die Deneuve zur Bande gehört. Auf einer leeren Straße erschießt er Simon, als der in seine leere Anzugstasche greift (so wie vor 4 oder 5 Jahren Delon in der letzten Szene von Melvilles Samourai, wenn der Polizist rechtfertigend sagt, er glaube der Gangster wollte Selbstmord begehen, ist das auch eine Art metafiktionaler Insiderwitz). Dann blickt er kalt auf seine Ex-Geliebte, setzt sich in sein Auto, wo ihm der Hörer gereicht wird. In der zeitgenössischen Filmkritik waren Klagen über den kalten Formalismus dieses Films zu hören. Dabei sind Melvilles Filme nicht unlesbar, nur dürfen die Posen nicht übersehen werden, in denen sie sprechen. Die Gangster und Polizisten in diesem Film sind austauschbar, sie sind in ihr Leben eingefroren. Wie Kafkas Maus, die auf eine Katze zuläuft, könnten sie sich einfach umdrehen, um ein neues Leben anzufangen. Delon tut dies regelmäßig, dann allerdings blickt er nur in unsere Augen und er weiß, was wir von ihm erwarten. Also bleiben Posen aus Filmen und Büchern. Und nur in diesen vorgegebenen Bahnen gibt es die Freiheit zu handeln. Delon vor allem ist der Mann der Pose, der Narziss, der sich in den anderen spiegelt, und voller Wut reagiert, wenn sie ihre Rollen aufgeben wollen: der Mann, der Frau sein will, die Geliebte, die fliehen will, der Freund, der kein Voyeur mehr sein möchte. Er garantiert mit seiner Leere, dem Tod schon vor dem Sterben, die normative Ordnung, alle anderen bezahlen für ihre Rollen mit dem Leben.

Samstag, 29. März 2014

WECHSELHAFT. Zwischenmeldung

Nicht krank. Nicht in Urlaub. 

Trotzdem keine Texte. Schreiben ist zur Zeit nicht drin. Nicht für das Blog zumindest. Keine Zeit? Auch keine Zeit. Wichtiger aber: Der Kopf ist zu leer und zu voll zugleich. 

Alles ist in Bewegung und ungewiss: eine neue Wohnung und eine neue berufliche Aufgabe; der Amazing wird eventuell für ein Studiensemester nach Valencia gehen und wohin es den Mastermind nach dem Abitur verschlagen wird, ist noch völlig offen. 

Blicke durch die Räume, all die angesammelten Erinnerungen, Bücher- und Zeitschriftenberge, wacklige Regale und schrottreife Schränkchen: Was wird bleiben, von was wird sich getrennt werden? 

Schön war es, die letzten vier Wochen noch einmal zu viert zu leben, weil der Amazing ein Praktikum in Frankfurt absolvierte und für diese Zeit wieder in sein altes Zimmer zog. Die lauten Gespräche der Brüder über Basketball und Computerspiele und Fernsehserien, von denen ich kaum was verstehe (weil sie von Abkürzungen und Namen wimmeln, die ich nicht kenne oder nie gehört habe). Gemeinsame Abendessen. Streitereien um den Fernseher. Und viele Gespräche. Der Amazing belehrt die Laien im Juristen-Deutsch: Vertragsrecht. Sachenrecht. Schuldrecht. Eine Hausarbeit im Strafrecht (unglaubliche Fallkonstruktion). "Es kann nie schaden, einen Juristen in der Familie zu haben." (Mit meinem Bruder wären´s dann schon zwei.) Der Mastermind traut sich noch nicht Pläne zu schmieden, vertritt aber an diesem Wochenende die Vereinigten Staaten von Amerika bei eine UN-Planspiel in Kiel und organisiert die Terrorismusbekämpfung. "Mannomann, alle werden mich hassen. Und ich hab´ ja auch einiges auf dem Kerbholz." "Ich sag nur: Guantanamo." 

Ich werde das vermissen. Fürchterlich. Das Familien-Leben zu viert, das nun endgültig ausklingt. Wir bleiben eine Familie. Aber wir werden nicht mehr zusammen leben. Oder nur noch gelegentlich. So wie in den letzten vier Wochen. Es ist ein Aufbruch. Momentan kommt es mir mehr wie ein Abschied vor.

Keine Zeit zu schreiben. Ablenkung. (Krimis?) Wie geht´s weiter? Eine Sonder-Edition von PUNK PYGMALION ist in Planung. Dazu später mehr. Ein lange vergessenes Roman-Projekt und eine Figur (Dizzie) sind aus der Versenkung aufgetaucht (nicht ohne - unwissentliche - Inspiration durch den angehenden Juristen) und haben sich zwischen die Sabinen gedrängt. Oder werden mit diesen und ihren Erzählungen verknüpft? (Doch ein Krimi?) Ich hätte nichts dagegen. Aber weiß es noch nicht. Am Anfang steht nie der Plot. Am Anfang stehen die Bruchstücke. Situationen. Figuren. Dialoge. Disparate Geschichten mit losen Verbindungen. Jetzt scheint sich der Plot zu formieren. Ganz anders als erwartet. Aber nichts Schriftliches. Lange Spaziergänge. Alte Suchtverhalten neu entdecken. In Gedanken die noch fiktive neue Wohnung einrichten. Hängeleuchten. Tiefe Schränke. Hohe Regale. Ein Gründerzeittisch?

Ach was. An die Arbeit! 

Dienstag, 25. März 2014

MUTANTEN STATT TIERE? Politik als Macht wird noch menschlicher.


Ein Beitrag von BenHuRum

Politik als Machtspiel. Zyklop, Frau, Claus, pathetisch.
Das Tier seufzt. Es räkelt sich. Nicht wohlig. Das Tier. Will. An. Die. MACHT. ("Das macht doch nichts."). Da sitzt schon der Zyklop. Claus oder Frau? (Die Frau  hat keinen Namen. ) Sie IST. Pur. Und ohn-MÄCHTIG. Deshalb muss die Frau, die die Macht hat, ein Zyklop sein, der das Tier trifft. Mit einem einzigen Schuss. Was ist ein Zyklop? Mit einem Auge sieht man besser! ("Mit der Zyklop-Speed-Knarre haben Sie fünf Knarrentypen in einer. Sie können nichts mehr verfehlen." "Tricky.") Zyklopen sind gern mit Säufern unterwegs, heißt es. Auf sie trifft das nicht zu. Sie erträgt das bloß. Die Hand von B. auf ihre Schulter. Oder P., der sich über sie beugt. Ihr Griff ist eisern und kühl. Niemand könnte ihr Pathos vorwerfen. Sie bauen auf, die Zyklopen, und tauchen unter. Ihr haftet so gar nichts Fischiges an. Sie steht fest auf ihren starken Beinen. Unbeweglichen Monster gegenüber. Und Claus? Bleibt tierisch. Kein Fisch. Ein Säugetier aus dem Märchenwald. Fiktiv verschont. Er schnarrt seine großen Reden herunter. Die Begegnung von Zyklop (weiblich) und Claus (neutral) bringt den Fort-Schritt. Der Berliner Republik ins 21. Jahrhundert. Rhetorisches Niemandsland. Pur. Ruppig. Sexy.

(Text: J.S.P./M.B.)

Sonntag, 23. März 2014

THE BEAUTIFUL PEOPLE ARE UGLY, TOO. Beziehungskisten und Blutklöpse, Frauen erfinden

"All those feigning difference
Whether to be, or become, past tense

The forgotten part of all the cretins
/or/
The forgotten part of old acquaintance"


The Clash: The Beautiful People are ugly, too.


Gespräche über Beziehungen und Liebe, Konstruktion und Magie (I don´t want to change a thing, when there´s magic). Die vertrackte Falle heterosexueller Anziehungs- und Abstoßungskräfte (The rotten heart of heterosexuality). Und trotzdem: Freundschaft. Das unbemerkt bleibende Kopfschütteln, wenn einer "Mensch" bleiben will. Gender difference reloaded, forever and ever again. Das Tauschgeschäft, das sich seit zweitausend Jahren als Liebe tarnt. Immer wieder erzählt von Männern. So: Die Andere, das unbekannte Wesen; Faszination pur. Der Spruch: "Ich liebe die Frauen." - ist nämlich eine Beleidigung! (Es kommt hierbei sehr auf den Artikel an. Haben Sie das schon mal eine Frau sagen hören: "Ich liebe die Männer." ?) 

Wenn es bei einem Paar in unserem Kulturkreis (weiß, europäisch, klein- oder groß-bürgerlich) nicht mehr so klappt, geht die Frau zum Friseur, kauft sich ein schickes Kleid oder beginnt eine Diät; der Mann kauft Blumen oder Schmuck für sie. Modernisierter-avancierter: die Frau denkt über sich nach und versucht ihren Attraktivitätswert zu steigern; der Mann denkt nach, wie er sich die Frau mit Aufmerksamkeiten (Komplimente, Geschenke, Urlaube) gewogen machen kann (polemisierend: womit sie sich "kaufen" lässt). Sie überprüft ihre Mängel, er überprüft, wie er sie aufwerten kann. Beide schauen auf sie. Keine/r auf ihn, denn die Frau ist das Objekt der Begierde. Selbst in ihren eigenen Augen. (Wenn sich das ändert, wenn z.B. sie auf ihn schaut, gerät das Beziehungsgefüge aus der Balance. Unter diesem Blick wird ihm unwohl, meistens. Wenn zum Beispiel er aufhört, auf sie zu schauen, wird sie sich vernachlässigt fühlen - meistens zu Recht, denn er wird auch dann kaum auf sich schauen, sondern auf eine andere. So enden "Beziehungen". Liebe. In unserer Kultur. Nicht zwangsläufig, aber häufig.)

Das läuft natürlich nicht immer und immer noch überall so. Denn so eine Frau ist ja  in Wahrheit noch gar keine Frau:

"Hinter der Bezeichnung Frau, die von der West-Liebe an alles geklebt worden ist, was die Regale schmückt zum Verkauf, verwendbar für Alles, was irgendwelchen Wert trägt im System der Codierungen der männlich beherrschten Gesellschaften, hinter dieser Ubiquität FRAU wird leicht übersehen, dass es Frauen, einzelne, wirkliche Frauen in dem Maße erst geben wird, wie sie sich erfinden als Nicht-mehr-Töchter. (...) Auf dem Weg dahin (sagen Analytikerinnen wie Luce Irigaray) liegt eine Verwandlung des Tochter-Status: von einer Tochter-des-Vaters zu einer Tochter-der Mutter zunächst zu werden; eine Verschiebung in der weiblichen Psyche von unabsehbaren Folgen. (...) Der Grundtypus der (männlichen) Anlehnungsliebe dürfte weiter sein, nach einer Frau zu schauen, die man treten kann, wie man die Mutter trat. Die Hitzeentwicklung der Objektwahl, - ein Budenzauber für anfällige Mädchen, denen man etwas vormacht. Mann macht etwas vor, das ist sein Leben. Anlehnung und kein Ende...die Liebe macht weiter...angelehnt an die Schrecklichkeiten der Eltern, seltener an ihr Schöneres. Das liegt daran, dass die Zerstörungen in der Geschichte der einzelnen Körper stärker nach Bearbeitungen verlangen als die weniger häufig ausgestreuten Schönheiten. 
Es gibt auch Leute, die sagen, daran läge es nicht. Der Mensch sei so. Widerspricht wer?"

(Klaus Theweleit: Objektwahl. (All you need is love ...), 1990)

Bis dahin: In allen Gesprächen über Beziehungen und Liebe zwischen Menschen unterschiedlichen Geschlechts bleiben die Leerstellen, das Schweigen am aufschlussreichsten: die unaussprechlichen Katastrophen.

***

"Ich kann überall hindurch sehen, wie Du weißt. Ich habe gesehen, wie das Blut durch Deine Adern pumpt. Ich habe in Dein Herz gesehen. Es ist nichts weiter als ein blutiger Klumpen. Auch Dein Herz, Emmi, ist nichts weiter als ein Blutklops."

Brief von Ansgar an Emmi (ohne Datum, Sommer 1984), aus: PUNK PYGMALION



The Clash: Every little bit hurts

Samstag, 22. März 2014

SUU GITT´S ! (Wäj merr bei us dahoam spreche dutt)


Facebook bildet. Zurück und vor. Als ich ein Kind war und eingeschult wurde, achtete mein Mama sehr drauf, dass ich "Hochdeutsch" (naja, die mittelhessische Variante davon) sprechen konnte. Was anderes hätte Frau P., die gestrenge Lehrerin, auch nicht akzeptiert. Platt konnte ich verstehen, aber schon bald nicht mehr sprechen. Auf Facebook hat sich nun eine "Heimatgruppe" gegründet, in der Bilder von jenem Ort gepostet werden, in dem ich aufgewachsen bin. Und in den Kommentaren wird auf Platt kommuniziert. Ich lern´s wieder. Und heimwehle (nur ein bisschen!). 

Auszug aus den Kommentaren:

"Off 'm Kerchekonggress traffe saich 3 ehemoaliche Parre'n voo A. Sääd de ieschd: Wäj aich do Parre woar,harr aich eammer 3 Flearrermäus ean de Kerch. Däj wud aich ned luus! Aich hat se gefoange,waajd ean de Wesderwaald gefoarn. Wäj aich hoamkoom,woarn se wearre do! Säd de Zwaade: Däj harr aich aach! Aich huu mer e Gewiir geliind,droff geschosse,oawwer naud devoo gehodd,wäj Licher ean de Kerchedegg! 
Säd de 3.:Aich sain se luus worrn. Wäj aich Sonndoag fiirm Goddesdeanst die Preerichd fiirbereid huu,sasse se en de iieschd Boank ean guggde maich goanz traarich oo. Do huu aich se genomme,gedaafd ean konfermiirt ean doann huu aich se ned mi gesee!" (J.R.)


Postkarte von meiner Tauf- und Konfirmationskirche, 80er Jahre

(Es ist kein zweckfreies Wieder-Lernen: Ich werde in Teilen des Sabinen-Romans die Figuren Platt sprechen lassen. Danke, Facebook! ;- ) )