Dienstag, 4. August 2015

"NOW, I USE MY POWERS FOR GOOD..." Menschenfreundin in Hamburg

Burka Avenger (pakistanische Animations-Serie seit 2013, entdeckt im Museum für Kunst und  Gewerbe, Hamburg)
Die ganze Stadt funkelte regenbogenfarben, alles gestellt auf hanseatisch-unterkühlte LIEBE FÜR ALLE.  Im Rathaus wurde schon der Empfang für die Aktivist_innen vorbereitet. Den CSD-Umzug haben wir jedoch nicht gesehen. Der fand erst Samstag statt. Da fuhren wir am frühen Morgen mit dem Taxi durch die noch leeren Straßen, schon gesperrt für den großen Umzug. Sicher wurde es später heiß. "Die machen sich frei.", lachte unser umsichtiger Taxifahrer. "Manche ganz." Das mussten wir nicht unbedingt sehen. Nackte Körper, unterschiedlicher und weniger normiert, vermutete ich, würden wir auch an der Ostsee sehen (können). Allerdings: Ruckzuck nach der "Wende" wurde an deutschen Stränden die Freiheit eingeschränkt, nackt baden war nur noch erlaubt in ausgewiesenen, an den Rand verlegten Zonen, nahe Hundebadestrand, fast immer. Denn der Wessi kannte und kennt nur eine kommerzialisierte und zu kapitalisierenden Sexualität und Erotik, die ihm der unverstellte Blick auf die Vielheit der Körper, die sich dem Diktat der "Schönheits"industrie nicht unterwerfen, glatt verderben könnte. So was will er sich nicht angucken: echte Falten, echtes Fett, echte Flecken, Brüste in unterschiedlichsten, ungleichmäßigen Formen, Vorhöfe bei Männern und Frauen, dunkler und heller, breiter und schmäler, ein (Selbst-)Bewusstsein von Körpern, die weder käuflich sind, noch schamhaft zu verbergen, damit der (kapitalistische) Geist sich ausbreiten und die Wände mit Körper-Waren bekleben kann. 

Wir fuhren also - letzten Donnerstag - nach Hamburg. Das Blog, hatte ich mir einmal gesagt, solle mir auch Erinnerungstagebuch sein, vor allem der Reisen (Unterwegs). In den letzten anderthalb Jahren ist das spärlicher geworden: Krankheit, Erschöpfung, zu viel Erwerbsarbeit vor Ort, der Hausverkauf, der Umzug. Es gibt viele Gründe. Sie verdecken etwas, was eine die Wahrheit (?) nennen könnte. (Die sich auch hier, gerade hier, nicht sehen lässt.) Nicht nur die Berichte, auch die Reisen wurden in dieser Phase seltener. Seltener unterwegs war ich nicht nur beruflich, auch die große Sommerreise fiel im letzten Jahr wegen des Hausverkaufs aus. Aber: Zur diesjährigen Reise nach München über Pfingsten habe ich im Blog auch (noch) nichts geschrieben: das Wiedersehen mit dem Gasthof in Aying (bayrisch-konservativ, bürgerlich-gediegen im besten Sinne), die großartige Ausstellung zu Louise Bourgeois im Haus der Kunst "Strukturen des Daseins. Zellen" (darüber - vielleicht - werde ich doch noch einmal etwas schreiben, Notizen und der Katalog liegen zu Hause, im "neuen" Zuhause bereit), die kuratorische Arbeit von Okwui Enwezor, der das Haus der Kunst in München weit öffnet, so dass - anders als beispielsweise in Frankfurt, wo Max Hollein einen Publikumsrenner nach dem anderen kreiert, aber doch weitgehend im Umfeld männlich-weiß- europäisch/nordamerikanisch-white-cube-autonome-Kunst-Betrieb verharrt - aus sehr unterschiedlichen, sehr fremdartigen (für den europäischen, weißen Blickwinkel) Perspektiven Welten vor- und dargestellt werden. Wir sahen eine begeisternde Ausstellung zur Arbeit des ghanaisch-britischen Architekten David Adjaye, die nicht nur Eindrücke über die fertig gestellten privaten Bauwerken des Architekten vermittelte, sondern vor allem Einblicke in seine Ideen zur Städteplanung. Weitere Erlebnisse und Erfahrungen in München, auf die ich aufbauen will: die erneuerte Faszination an Technik, vor allem an der Luftfahrt, die ein Besuch im im Deutschen Museum wiedererweckte und Nachdenken über das Anthropozän, in dem wir leben und für das wir Verantwortung übernehmen müssen, auf neue und uns vielleicht als Gattung überfordernde Weise. Zu all dem also habe ich - wie früher, vor dem Bloggen - Notizen gemacht, aber keine Texte geschrieben.Ich brauche Zeit, um zurückzufinden in den Schreibmodus, den beinahe täglichen, auch Zeit, um herauszufinden, ob und wie ich das überhaupt noch will (und brauche). 

In diesem Jahr, endlich, wieder: MEER, eine Erholungsreise, wie vor zwei Jahren schon einmal, an die Ostsee. Diesmal - wieder, wie vor vielen Jahren mehrfach mit unseren Söhnen, Amazing und Mastermind -  nach Rügen. Zuvor zwei Nächte in Hamburg. Die Hanseaten sind anders, stellte ich fest. Anders als die wenige Wochen zuvor erlebten Münchner. Dabei sind das, selbstverständlich, bloß kursorische, vorurteilsbehaftete Eindrücke. In München wirkte alles adrett und verkaufsoffen als Einkaufs- und Erlebnisparadies für kaufkräftige Touristen aus aller Herren Länder, insbesondere für die Patriarchen und ihre Entourage aus dem sogenannten "Nahen Osten". "Sind´s halt wias sind.", sagt sich der Bayer und zählt Scheine. In München ist man liberal und weltoffen gegenüber allem und jeder, wenn die Bezahlung stimmt. Geschäft ist Geschäft. Dabei gilt doch eigentlich (einen 50er für jedes "eigentlich") Hamburg als liberale Weltstadt: der Hafen, die international vernetzten Pfeffersäcke, die Matrosen, die Tante "ZEIT" und nicht zuletzt Helmut Schmidt, der "Mann, der in der falschen Partei ist" (wie seit ihm beinahe alle "führenden" Sozialdemokraten, nur dass sie meist noch weniger sozial und noch weniger liberal daher kommen als ihr Ur-(Vor)Bild aus der Hansestadt). 

In Hamburg ballt sich die Nobel-Verkaufszone um den Jungfernstieg, alles wie Goethestraße/Frankfurt, nur üppiger und weniger Chinesen. Aber: In Hamburg, dachte ich, werden vielleicht noch Geschäfte jenseits des Konsums oder der virtualisierten Finanzwirtschaft gemacht, sitzen vielleicht immer noch hinter dicken Türen an voluminösen Schreibtischen Wirtschaftsmagnaten und wickeln Transfers ab, bei denen "echte" Güter umgeschlagen werden. Auf den Gassen jedenfalls sind sie nicht zu sehen oder jedenfalls weniger als in München: die Schönen, Gestylten und Kaufkräftigen, auch weniger landestypisch dekoriert. Hamburg ist bunter und kaputter und zugiger. Es drückt weniger schwer und zieht kräftiger durch. In Hamburg muss man sich warm anziehen. Besonders wenn man, wie Flüchtlinge und Obdachlose, unter den Brücken der Außenalster haust, in kleinen Zeltlagern, eng aneinander gerückt, nah und doch so fern dem Touristentrubel um die Binnenschifffahrtsanleger. In Hamburg ist mehr Armut und Angst und Widerstand auf den Straßen sichtbar. Bilde ich mir ein. Nach anderthalb Tagen. Ich bin leicht und gern zu widerlegen.



Kaiserkeller, ein halbes Jahrhundert nach den Beatles

Wir gaben uns ganz offen als die Touristen, die wir waren (nichts lächerlicher als Reisende, die sich von den "anderen" Touristen distanzieren und über diese mokieren...): Hafenrundfahrt, Speicherstadt und sogar ein geführter Reeperbahnrundgang, allerdings nicht die Zoten-Huren-Tour (oder so), sondern die Beatles-Tour, ein Geburtstagsgeschenk für Morel, dem die Fab Four zwar nicht - wie Bob Dylan - eine Religion sind, aber doch wichtig. Geführt wurden wir von Peter, der die Beatles als Junge noch im Viertel getroffen hatte, sich jedoch erst später darüber klar wurde, wer die jungen Engländer, die im Hinterhof feines Kinos Quartier bezogen hatten, gewesen waren. Er zeigte uns Fotos von John in Unterhose vor dem Eingang zu ihrer damaligen Unterkunft, von John, Paul und George auf dem Dach des ehemaligen Top Ten, eines damals viel frequentierten Clubs, dessen Gebäude heute als Porno-Kino dient. Der Radius der blutjungen Musiker aus Großbritannien in Hamburg war eng: in wenigen Straßen rund um die Kreuzung Reeperbahn/Große Freiheit befanden sich die Clubs, in denen sie spielten, ihre Unterkünfte und nur ein paar hundert Meter weiter die Polizeistation Davidwache, in der Paul und George eine Nacht wegen angeblicher Brandstiftung festgehalten wurden. Peters Erzählungen machten deutlich, wie sich das Viertel in den vergangenen Jahrzehnten verändert hatte: von der Clubszene zur Partymeile. Drogen, Prostitution und Gewalt spielten immer eine Rolle. Damals aber bewegten sich in dieser Szene die  Ausgestoßenen, die Anderen, die Mutigen, die etwas Neues ausprobieren wollten, heute sind der Schmutz, der Rotz und der käufliche Sex zur Kulisse für die Polterabende und Gruppenbesäufnisse der Massen geworden. 

Diese Umwertung ist auf ihre Weise so erstaunlich (und vielleicht in ähnlicher Weise erklärlich) wie die Entwicklung des Tattoos vom Kennzeichen der gesellschaftlichen Außenseiter zum Haut-Accessoire der Schickeria und ihrer Mode- und Lifestyle-Magazin-geschulten Anhängerschaft. Das Dunkle, Harte, Abenteuerliche hat offenbar eine besonders große Anziehungskraft in Zeiten und Kreisen der umfassenden Vollkasko- und Lebensversicherung, wo die größte Herausforderung des Lebens eine Umstellung des Zugplanes darstellt. Ich werde zynisch. Wir gehören ja eben genau zu jener Mittelschicht, die sich mal eine amüsante Führung über die Reeperbahn gönnt. Bloß dass das Dunkle draußen, der Schmutz, die Gewalt, die Käuflichkeit mich nicht verlockend anziehen, da sie inwendig in mir wohnen und vor meiner gut restaurierten und voll etablierten Fassade täglich andersrum hausieren gehen. 

Hanseaten - im Übrigen - sind offenbar sehr viel weniger prüde "als bisher angenommen" (ich liebe und hasse diese Wendung, die eine in den Nachrichten öffentlich-rechtlichen Zuschnitts immer öfter hört). Schon Barthold Heinrich Brookes fand ein "Irdisches Vergnügen in Gott" und besang "alle Dinge":


Alle Dinge, große, kleine

flüssig, trocken, weich und hart,

Tiere, Pflanzen, Holz und Steine
zeigen Gottes Gegenwart.


Das haben sich die Hamburger Stadtväter (und -mütter?) zu Herzen genommen und in der Brockes-Straße, nahe des Hauptbahnhofes, an einer Rückseite des Hamburgischen Museums für Kunst und Gewerbe diese Tür angebracht, deren unprüde Darstellungen allenfalls dadurch irritieren können, dass die Körper fragmentarisch bleiben:

Tür am Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg
Barthold-Hinrich-Brockes-Straße

Wir suchten das Museum auf, um uns die legendäre SPIEGEl-Kantine anzuschauen, die hier rekonstruiert aufgebaut ist. Dieses Gesamtkunstwerk (eigentümliches Wort, unterstellt es doch es gebe Halb- und Dreiviertelkunstwerke, als die dann - vielleicht gar nicht so falsch - all jenes künstlerisch Gestaltete zu gelten hätte, dass neben dem Darstellungs- und Kritik-Wert sowie dem Tausch-Wert keinen Gebrauchswert anzubieten hätte) hat die SPIEGEL-Redaktion mit dem Umzug in ein neueres, hässlicheres und zeitgemäßeres Gebäude mit Elbesicht aufgegeben. Diese Aufgabe muss der SPIEGEL-Belegschaft erst mal eine/einer nachmachen, soviel Selbstverleugnung und Selbsthass drücken sich in dieser Geste aus, getarnt freilich, als Zeitgeist und Selbstüberhebung. 

Spiegel-Kantine von Designer Verner Ponton

Die Tante "ZEIT" derweil residiert weiterhin unweit der Brandstwiete und weist mit sechs Ausrufungszeichen darauf hin, wohin die Zeitungen zu liefern sind, aus denen ab- und mitgeschrieben wird. Qualitätsmedienstadt Hamburg! Live und in Farbe. Geschmackvoll, stilsicher, relevant.


Wir indes entdeckten wenige Meter weiter das Chilehaus, einen Architekturjuwel, in das Sie unbedingt, sollten Sie einmal in Hamburg sein, auch hineingehen müssen, um die Innengestaltung der Treppenhäuser zu bewundern. Zwischen Hafenstraße und Schanzenviertel stießen wir auf erstaunlich viele spanische und/oder portugiesische Lokale. In einem (dem La Sepia) speisten wir leckeres Kaninchen bzw. Paella und tranken dazu den einfachen, aber guten Hauswein. Noch mehr Service-Tipps: Wir haben auch in Hamburg ein Lieblingshotel gefunden. Das Eilenau Hotel liegt idyllisch an einem Kanal, zentrumsnah (U-Bahnstation Uhlandstr.) und doch ruhig, mit einem schönen Garten, verspielt, blumig und individuell eingerichteten Zimmern. Es wird ein nicht billiges (€ 14,50), aber ganz besonderes Frühstück serviert (Eierspeisen frisch, dazu ein Buffet, das alles bietet, was man so aus guten Hotels kennt und dazu viele Extras: russische Eier, Eier mit Lachs gefüllt. geeiste Himbeeren mit Vanille-Creme, Griespudding mit Erdbeeren, gefüllte Törtchen und und und... Ein Mittagessen braucht eine dann nicht mehr!). Hier ließe es sich auch länger als 2 Nächte gut aushalten. 

Mit der Deutschen Bahn fuhren wir weiter, nachdem wir unser Fahrzeug am Alleen gesäumten Kanal an einen Baum gesetzt hatten. Aber das ist eine andere (fiktive) Geschichte. 



(Wenn Sie nach Hamburg kommen, schauen Sie doch einmal nach, ob es noch dort steht.) Der Intercity war überbucht, Urlauber mit kleinen Kindern, Rucksacktouristen und Rentnerinnen drängten sich in den Gängen, mein Menschenüberdruss wurde gedämpft, denn trotz der Enge verhielten sich fast alle hilfsbereit, freundlich und nahmen es mit Humor. Ab Schwerin wurde es leerer, Stralsund und dann schon: die See, blautürkis schimmernd wie in allen Träumen. Von meinem Balkon aus kann ich sie sehen und rauschen hören, während ich schreibe. Und nun.. muss ich hinaus, hinein!




Mittwoch, 29. Juli 2015

BILDER-KÄMPFE (Druckgrafik von William Hogarth im Städel/Frankfurt)

Das Frankfurter Städel verfügt über eine umfangreiche Sammlung des druckgraphischen Werkes von William Hogarth, die gegenwärtig in einer Ausstellung unter dem Titel "Laster des Lebens" zu sehen ist (noch bis zum 6. September). Als ich gestern diese Ausstellung mit Claudia Kilian besuchte, konnte ich mich gut an die Nachmittage im Keller des Städels  vor beinahe 20 Jahren erinnern, an denen ich mich mit der Lupe über dieselben Blätter gebeugt  und Notizen in meine dünnen Hefte eingetragen hatte. Es waren damals auch kleine Fluchten der jungen Mutter, kostbare, seltene Stunden, die nicht der Pflege, Sorge, Betreuung von zwei kleinen Jungs geschuldet waren. (Babysitting ließ sich nur finanzieren, weil meine Dissertation durch die Vermittlung Christa Bürgers mit einem Stipendium gefördert wurde.) Auch heute noch verstehe ich beim Anschauen von Hogarth´ Bildern unmittelbar, warum ich über sie schreiben wollte, denn ich las und sah in seinem Werk jene Verhältnisse, Widersprüche und Brüche wirken, die mich beschäftigten: Werk und Ware, Kunst und Handwerk, Identität und Repräsentation, Öffentlichkeit und Privatheit und  - zuletzt, zunehmend -  auch, wie sich diese Verhältnisse ausdrückten in und über das Geschlechterverhältnis. Ich habe hier im Blog verschiedentlich (redigierte und z.T. auch erheblich umgeschriebene) Auszüge aus meiner damaligen Arbeit veröffentlich: z.B. zu Hogarth´ berühmter Serie "A Harlot´s Progress": "Die andere Maria" oder zu meinem "Lieblingsblatt" "Strolling Actresses Dressing in a Barn": "Die andere Diana".

Die Frankfurter Ausstellung beschränkt sich auf den Grafiker Hogarth´ und im Titel der Ausstellung deutet sie ihn als Moralisten und Propagandisten des aufstrebenden, arbeitsamen Bürgertums. Nichts daran ist falsch und doch verfehlt diese Interpretation und Darbietung damit aus meiner Sicht das Wesentliche an Hogarth´ Werk. Er hatte (und wusste darum) schon zu seinen Lebzeiten den Bilder-Kampf verloren, indem er sich und seine Kunstauffassung wähnte: gegen die Akademie, gegen die Dichotomie von hoher und niederer Kunst, gegen die Idee der "autonomen" Kunst. Hogarth hatte jenen kurzen historischen Zeitraum, in dem die Kunstproduktion sich aus der Auftragsarbeit für Höfe und Kirche befreite und bevor sie "autonom" wurde, zu nutzen versucht, um seine Kunstauffassung zu propagieren, die den Künstler als freien Unternehmer und sein Werk als Teil des öffentlichen Diskurses freier Bürger etablieren wollte. Am Ende seines Lebens musste er einsehen, dass andere sich mit anderen Auffassungen durchgesetzt hatten (mehr dazu: hier).


William Hogarth: The Battle of the Pictures (1745)

"The Battle of the Pictures" fertigte Hogarth als Eintrittsticket für eine Auktion seiner Gemälde. Die ´modern moral subjects´, die er gemalt hatte, kämpfen auf diesem Ticket mit den ´alten Meistern´(oder deren Fälschungen). Hogarth´ begriff seine Gemälde als "moderne Historiengemälde" (´comic history painting´ nannte sein Freund, der Romancier Fielding das Genre), die im künstlerischen Anspruch nicht hinter den älteren Historiendarstellung zurückzustehen hatten. Ihre Sujets waren jedoch nicht mehr die Geschichten der Heiligen und adeligen Helden, sondern die Kämpfe und Passionen der einfachen Menschen, denen der Maler in den Straßen Londons begegnete. 

Auf dem Ticket werden die Hogarth´schen Bilder von einer zahlenmäßig weit überlegenen Armee der ´dark pictures´ alter Meister in ihrem offenen Atelier angegriffen. Die Kampf-Paarungen, die Hogarth erfindet, sind nicht zufällig: ein Heiliger Franz zersticht Hogarth´ "Morning" aus der Serie "Four Times of the Day". Auf dieser Grafik geht eine alte Jungfer, der ein Diener das Gebetbuch nachträgt, an einem bitterkalten Morgen zur Kirche. Sie straft das ordinäre Leben, an dem sie vorbei stolziert, durch Ignoranz. Thema der beiden miteinander ringenden Bilder ist die Frömmigkeit, die Hogarth in der Gegenwart als Bigotterie geißelt. Über diesem "Paar" sticht eine bußfertige Magadalena in das Himmelbett der Hogarthschen Harlot, die gerade von einem Richter verhaftet wird. Buße, zeigt Hogarth hier, hilft vor dem bürgerlichen Gesetz - anders als es die christliche Tradition verheißt - nicht. Der Richter wird die Hure ins Arbeitshaus bringen. Hinter diesen beiden zerstört eine "Altobrandinische Hochzeit"  eine "Marriage-a-la-Mode"-Gemälde, auf dem nicht Götter sich lieben, sondern Gegenwartsmenschen einander betrügen. Ganz oben schlägt sich der Rake im Bordell mit einem Putto, der Pfeil und Bogen mit sich führt und im Eck des offenen Ateliers streiten die volltrunkenen Teilnehmer der "Modern Midnight Conversation" mit einem Baccantenzug. Gegen die mythischen Bilder und Geschichten, überwiegend aus der christlichen Tradition, läßt Hogarth seine modernen Sittenbilder antreten. Er führt seinem Publikum mit diesem programmatischen Ticket auf diese Weise auch sein künstlerisches Verfahren vor: In den "modern moral subjects" hatte er immer wieder die Ikonographie der alten Meister zitiert, um mit ihnen die Gegenwart auf ihren Sinn und umgekehrt durch die Abbildung der Realität die Tradition auf ihre Bedeutung hin zu befragen. 

Die einfachen stilistischen Mittel, die Hogarth für "The Battle of the Pictures" wählte, stellen den Zweckcharakter des Tickets aus und betten es in die Tradition der Pamphletliteratur und deren massenhafter Verbreitung ein. Zugleich erhob er aber gerade mit diesem Ticket den Anspruch, als ernstzunehmender Konkurrent der "alten Meister" anerkannt zu werden. Er zeigte, wie die Formulierung dieses Anspruchs ihn in einen Kulturkampf verwickelte, weil er ein völlig neues Kunstverständnis einforderte: eine Kunst, die nicht mehr aus der Tradition die eigene Autorität und den eigenen Wert herleitete, sondern aus der Fähigkeit, die Gegenwart in Bildern darzustellen und zu verstehen. 

Dieser Kampf ist in "The Battle of the Pictures" von 1745 noch nicht entschieden. Ronald Paulson hat darauf hingewiesen, dass Hogarth in diesem Blatt auch seine eigenen Gewalttätigkeit - als ihm von den Verhältnissen des Marktes aufgezwungene - darstellte: Im Bilde Europas, die schon auf dem Weg in Hogarth´ Atelier ist, erkennt Paulson "die Frau" als im Mittelpunkt dieses Kampfes Stehende. Wie Jupiter Europa "ihrer" Welt entriss, so versuche Hogarth die Betrachter/das Publikum den mythischen und christlichen Darstellungen zu entreißen, um sie in sein offenes und chaotisches Atelier zu entführen. "Die Frau" als Trophäe oder Ware im Mittelpunkt eines Geltungskampfes zwischen Männern ist ein gebräuchlicher Topos. Was Hogarth´ Darstellungen häufig von anderen unterscheidet, ist jedoch, dass er die Rolle des im Konkurrenzkampf gefangenen Mannes, seine eigene also, selbstkritisch wahrnahm und darstellte. Immer wieder gab er "der Frau" in seinen Bildern Gelegenheit, vom Objekt im Zentrum des Handelns zur Handelnden selbst zu werden (Mehr dazu: hier). 

Der Hogarth´sche Versuch einer Grenzüberschreitung zwischen "hoher" und "niederer" Kunst trieb im Laufe seines Schaffens unweigerlich auch immer schärfer ein Misstrauen in die Sprachfähigkeit bildender Kunst überhaupt hervor. Denn er musste erfahren, dass die Achtung, die er sich als Grafiker und Moralist erwarb, seinem Ansehen als Künstler schadete. Es waren nicht nur die Sujets seiner Gemälde: die Alltagsgeschichten, das Gassenleben, die Huren und Lehrlinge, die Häftlinge und Wärterinnen, denen die Anerkennung als "künstlerisch wertvoll" verweigert wurde. Es war vielmehr sein Festhalten an einer Idee von Kunst, die sich auf ein Gespräch einlässt, Partei ergreift, statt "Werke" zu setzen, die sein malerisches Werk in den Augen eines Publikums, das die Kunst zunehmend als "autonome" (und damit zunehmend und zuletzt beinahe ausschließlich als museale) goutieren wollte, herabsetzte. Die eigene Produktion als warenförmige zu begreifen, die eigene Identität als eine spielerisch erworbene und wandelbare, die eigene Endlichkeit als nicht durch das Werk zu überwindende zu verstehen, das hieß (und heißt?), den Kunstcharakter der Kunst in Frage zu stellen. Hogarth wusste das und litt darunter.

Die Frankfurter Ausstellung zeigt einen großen Ausschnitt aus seinem druckgraphischen Werk. Ihm gerecht werden könnte indes nur eine Ausstellung, die sein malerisches Werk  (z.B. hier und hier) damit konfrontiert. 

Samstag, 25. Juli 2015

ANKUNFT (6) / Wortschatz (19): (Sich) ANHEIMELN

dasz sie ietz und nicht anheimbs sei.


Um alle Heimligkeit wirkt etwas Unheimliches: Was uns anheimelt, umgibt uns mit jener sauer-süßen Aura, die den Duft des Todes schon ausstrahlt. Ich rieche es, wenn ich die Nase in meine vertrauten, ausgeknutschten und eingeschlafenen Kissen presse. Wo ich mich heimelig gemacht habe, ahne ich den Erstickungstod herbei. Inkonsequenz prägt mich auch hier: Ich schaffe emsig jene  Trautheit, in der ich anzukommen wünsche, aber doch nicht sterben will. So sesshaft bin ich und stetig, dass ich mich immer auf Trab halten muss. Ich habe als Anspruch an mich verinnerlicht, treu zu sein und verlässlich und möchte doch immerzu aus- und aufbrechen, lange bevor es mir heimisch genug wird.

Noch immer suche ich im neuen Heim des Nachts die Lichtschalter, die keine Routine blind schon findet. Hierhin begleitet haben mich Bilder, innere und äußere, die Wände zieren oder verunstalten oder gar nicht sichtbar werden, mich nur abbilden. Die Druck-„Hose“, gegen die das Audi rebelliert, ein Werk BenHuRums (aka Thomas Hartmanns)

Thomas Hartmann: Hose

aus den frühen 0er Jahren, hängt nun ebenso in der Küche, wie Tuborgs „Durstiger Mann“, der mich schon durch 4 Wohnungen und 25 Jahre lang begleitet.

Im Spiegel (14)

Über der goldgelben Chaiselongue hängt im Wohnzimmer neuerdings Charlotte Malcolm-Smith´ "Waiting Room", eine Mischung aus Skulptur-Gemälde-Installation:


Charlotte Malcolm-Smith: Waiting Room

Mein Hogarth-Ticket "Peeping at Nature" ist ergänzt worden um einen Original-Stich der "Strolling actresses dressing at a barn", die beide über dem kleinen Nähtischchen angebracht sind, das mein Großvater in den frühen 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts meiner nie gekannten leiblichen Großmutter als Verlobungsgeschenk angefertigt hat. Über dem Esstisch ist eine Fotogalerie, die – nur für Insider, also 2 – das "Paarleben" dokumentiert: Bahndamm/Gießen mit Pommes rotweiß (frühe 80er), der Turner-Blick auf Petworth Park (späte 80er), Bellini-Brunnen in Rom (2011, unser letzter gemeinsamer Urlaub mit den Kindern).

Neu-Anfang nach 17 Jahre. Ein Zimmer für mich allein. 



Es dünkt sich traulich. Es heimelt. Und stinkt zum Himmel. Wie immer zu Hause. Bin ich anheimgefallen der Sehnsucht danach, mich anheimisch zu machen. Was nie gelingen kann. Und dennoch werde ich´s anheimschen. Weil das Leben (nicht) dialektisch ist, (sondern) endlich.

Donnerstag, 16. Juli 2015

OXI - Wenn nichts mehr geht...


Schäuble sei eben, höre ich, ein Jurist. Die Einhaltung der Regeln ihm deswegen geradezu Herzensangelegenheit. Es ist bei dieser Einlassung, wohlgemerkt, von jenem Herrn die Rede, der im Köfferchen nach gutem Speisen in trauter Waffenhändlerrunde 100.000 DM in bar annahm, durchaus regelwidrig. Das ist allerdings nur, was wir wissen, weil es unter Druck gestanden wurde.  (WIR - plurales majestatis - erinnern uns hierbei unwillkürlich an die grausliche Szene aus Kafkas Brief an den Vater, in der der bei Tisch Nägel schneidende und Ohren putzende, schmuddelnde Vater dem Kinde Tischmanieren beibringen will. Die Welt, in der wir leben, ist, wissen wir schon lange, durchaus kafkaesk). Indes bewundern die meisten am meisten derartige Heuchler und Minderleister in Macht und/oder mit Geld. WIR dagegen wundern uns längst nicht mehr über die Mächtigen, desto mehr graut uns vor ihrem beifallklatschenden Sklavenvolk, das sich in den Kommentarspalten von spon und faz und vor den Asylbewerberunterkünften tummelt.) 

Freilich hat ein jeder und eine jede, auch der Herr Schäuble, nach vollzogenem Rechtsbruch und moralischem Versagen eine zweite, ja ich sage, gar dritte oder vierte Chance verdient (Die brauchen wir doch alle.) WIR können im Falle dieses seit Jahren resozialisierungsverweigernden Menschen allerdings keine Einsichtsfähigkeit erkennen. Der Herr erzählt mit Stolz von seinen Verbrechen: als "Architekt der deutschen Einheit". WIR erinnern uns - schaudernd - an die "Treuhand" (Orwell lässt grüßen. - Sowieso ist´s mir, als übertrumpfe die Phantastik der "powers to be" und ihrer symbolischen Ordnung jeden fiktiven Schein.) Selten trifft eine auf Menschen, deren Weltbild und -anschauung über Jahre so konsistent ist und bleibt, wie das des Herrn aus dem Badischen. Seine Koordinaten sind klar: Er richtet nicht nach Recht und Gesetz, sondern nach "für oder gegen Deutschland", wobei er mit dem Land eben jenes meint, das seines ist und meines niemals wurde, seit 1989 nicht mehr, nicht einmal mehr kritisch. Ich lebe hier nur. Mit andern. 

Schäubles Deutschland dagegen ist jenes von den hinter der CDU/CSU stehenden Kapitalinteressen (Spender, Spender!) und zutiefst konservativen, um nicht zu sagen reaktionären Wertvorstellungen ("christliche" Kernfamilie, abwesender erwerbstätiger, verantwortungsscheuer Vater, treu sorgende, faktisch alleinerziehende Mutter, homophob, nationalistisch, chauvinistisch) geprägte Land, das Fremde und Fremde bestenfalls (aber nicht um jeden Preis!) duldet und diese Duldung Toleranz nennt. Für die wohl verstandenen Interessen dieses Sch´land ist ein Rechtsbruch allemal gerechtfertigt. Denn das Recht hat dem Sch´land zu dienen.

Es verlohnt sich eigentlich nicht, dem Herrn Schäuble einen Blogpost zu widmen. Der Dreckarbeiter (nie mussten WIR so tief in die Kloake, obwohl WIR so manches Klo putzten) ist ja nicht allein und nicht mal besonders abstoßend. Er steht halt nur grade am Pranger und um so verdächtiger macht sich, wer mit der Masse auf ihn eindrischt. Wie also WIR hier. Und dennoch: Manche, nicht wenige sähen ihn gern als Kanzler und schreiben das auch, wo immer wir´s nicht lesen wollen. Das wird selbstverständlich nicht passieren, geschenkt. Steht aber für was: Für die Sehnsucht nach dem "harten Hund", der nicht nur hinter den Kulissen durchsetzt, was eben durchgesetzt werden muss (dazu hat auf ihrer Titelseite heute auch noch mal die gute, alte Tante "ZEIT" den Spaniern die Leviten gelesen: Links wählen und abkassieren...., geht nicht! Wählt was wir euch sagen - oder seht zu, wie wir a) euch die Luft abschnüren und b) die von euch Gewählten entweder zum Rücktritt zwingen oder vor euren Augen in unsere Marionetten verwandeln.) Es reicht halt manchem und mancher jetzt nicht mehr, dass die Politik der gigantischen Umverteilung von Unten nach Oben vollzogen wird, nein, man will das nicht länger heimlich tun müssen. 

Unser Kampf gilt nicht Schäuble. Ein Schäublexit hilft nix. Wir können auch nicht wählen. Nichts anderes. Eine deutsche Sozialdemokratie gibt es längst nicht mehr. Die Grünen trügen und tragen - mit eifrig inszenierten Bauchschmerzen - noch jedes Abkommen mit. Und wählten wir die LINKE, so erlebten wir eine Variante dessen, was wir erlebt haben (Ypsilanti, Tsipras...). Erinnern wir uns: Niemand im Europäischen Rat hat je grundsätzlich das Vertrauen in Urban verloren oder ekelte sich öffentlich vor Herrn Berlusconi.  Zum Beispiel. Man wird zur Not auch mit Madame Le Pen speisen. Das sind die Eliten, die uns regieren, und ihre Benimmregeln. Hinter ihnen stehen die, die sie beherrschen. 

Ich weiß keine bessere Welt. Und keine schlechtere. Es gibt keine Hoffnung, nutzen wir sie! Von unten: Kooperativen. Genossenschaften. Bedingungsloses Grundeinkommen. Versuchslabore gegen die Politik der Angst und des "Keine Experimente!"




Eine Wahrheit über mich (ganz ohne Majestät) ist allerdings, 
dass ich mich im Kampfmodus nicht leiden kann. Und daher Schlachten meide.

Dienstag, 14. Juli 2015

DIE WAHREN FREMDEN oder Das schändliche Denken in Landesgrenzen

I confini scellerati
Cancelliam dagli emisferi!
I nemici, gli stranieri
Non son lunghi, ma son qui!

("Die schändlichen Landesgrenzen 
reißen wir nieder.
Die Feinde, die Fremden,
sind nicht fern, sondern mitten unter uns.")

Italienische Arbeiterhymne




Donnerstag, 9. Juli 2015

ES IST NIE ZU SPÄT (für C.)

Nur wenig später wünschte sie, dass nicht nichts passiert wäre. 

Die Hand, die sie der nicht in den Nacken gelegt hatte.
Das Knie, das sie nicht zwischen deren Knie gedrückt hatte.
Die Brust, die sie nicht an deren gerieben hatte.
Der Fuß, mit dem sie nicht an deren Außenseite entlang gestrichen war. 
Die Halsschlagader, die sie der nicht unter den Mund gestreckt hatte.
Die Zunge, mit der sie nicht an der hinunter geglitten war.

Alles brannte. Besonders die linke Seite, die sie der einmal zugeneigt hatte, ein winziges Stück Milimeterabstand noch haltend.


Ein anderes Mal: Deren Hand an ihrem unteren Rücken, der kurze Druck aller fünf Fingerspitzen. Sie konnte das jederzeit fühlen.

Blicke. Wie die sich festgesaugt hatten an ihr, in ihrer Erinnerung. Ein einziges KOMM. Oder hatte sie sich auch das nur eingebildet? Beider Stimmen so rau, unwillkürlich ins Flüstern verfallend, obwohl sie doch niemand belauschte. "Und du?" Der Klang dieses "du", der in ihr widerhallte. 

"Please stop dancing in my mind."

Gespräche, die kreisten und sich tiefer schraubten. Fühler ausstrecken, um sich abzutasten, nicht invasiv. Ehemalige Lieben, stilles Versagen, Eingeständnisse an der Grenze zur Indiskretion. Sie hätten hier sehr leicht ihre Liebsten verraten können, längst vor einer ersten Berührung. 

Nur dieser eine Kuss dann. Herbeigesehnt seit Wochen. Tagen. Minuten. Jetzt. Das Zurückschrecken. Lippe an Lippe. Diese Hitze. Der Druck. Ein Hauch von Feuchtigkeit. "Wir dürfen nicht." Welche von beiden hatte das gesagt? Wie sie einander umtänzelt hatten beim rausgehen, ohne sich noch einmal anzusehen. Kurzes Nicken dann bei zufälligen Begegnungen tagsüber. Weinkrämpfe in der Nacht auf dem Klo. 

Sie hatte es richtig gemacht. Sie wünschte sich was anderes. Schon wenig später. 

Montag, 6. Juli 2015

Die Last der lauen Tage (oder: "I want you so much I could burst")


Wie tief er getaucht war, der dunkle Tom ("Your turn, my turn."). Ich dachte schon, ich könnte ihn nie wieder spüren: Um zu schreiben von dieser düsteren Liebe, die die Ehe beinahe sprengte und das kleine Glück am See zerstörte...:"He told me he could feel me. It made me feel myself again." All die Projektionen, die sie mit Liebe verwechselte: Anne/Armgard. Und in ihrem Schatten die Melusine, durch den See gleitend, dessen Oberfläche sich nur leise kräuselte. Es kräht kein Hahn danach, wenn es der das Herz zerreißt.

Was ich nicht leben kann, werde ich schreiben. Fing das so an? Wir hatten die Blicke vermieden, die uns entlarven könnten, einander vor allem. Was zum Schreiben führt, ist die Entsagung, das Versagen der Liebe. Das habe ich nie glauben wollen. Es muss doch auch vom Glück zu berichten sein. Aber jedes noch so eingebildete und herbei phantasierte Unglück wirkt glaubwürdiger. Ich kann mir das suggerieren. Als Ausflucht bilde ich mir ein, dieses jubelnd-heulend-zitternd Herz sei meine eigene Erfindung. Wir Schreibenden leben den Wahn, die Herrinnen unserer Geschichten zu sein, bis wir ihnen erliegen. Ich schmiege mich nächtens in die Kissen und träume von ungeküssten Küssen. Ein neues Kapitel der Ehe-Saga entsteht zur Zeit, ein Selbstgespräch der Sünderin unter den Wolken, die sich im See spiegeln: "Sometimes I want you so much I could burst..." 

Seitenaufrufe im Counter, die mich zurückführen an die Anfänge des Bloggens: "Der Freund meiner Freund ist ein Filou." Das Gespräch im Kommentarstrang mit Cazou: Frauen, die sich in den Sänger vergucken, Frauen, die auf den Leadgitarristen stehen, Frauen, die dem Bassisten verfallen, Frauen, die dem Drummer schöne Augen machen. Muster des Verliebens, die keinen Sinn machen, aber Wellen schlagen. (Ich sollte es mal mit einer reinen Frauenband versuchen.) Oder: Können eigentlich auch Nicht-Narzissten verzücken? Der grobe Charme der Selbstverliebten, dem wir erliegen. Wieder und wieder und wieder. Mir hatte es immer schon der Solist angetan, der die Augen niederschlägt. Kein Blick ins Publikum. Selbstgefangen. Unbefangen. Unfangbar. 

Ich habe noch nie den Anfang gemacht. So altmodisch bin ich. Lasse ich Anne sein. Der dunkle Ritter muss sie überfallen: "Das aufgescheuchte Wild". Ich arbeite an der Perspektive. Seiner. Ein Mann, der weiß, dass die Frau, die er will, nicht erobert, sondern überwältigt werden will. Woher weiß er das? Die Art, wie sie ihn nicht ansieht. Das Flattern ihrer Hände auf halber Höhe. Die linke Schulter, wie sie verkrampft. Dass sie ihn immer sieht und immer ausweicht. Er scheint nur so selbstbewusst. So ist er noch nie vorgegangen. So planlos. So rabiat. So verzweifelt. "I want you so much I could burst..."

Während ich schreibe, haben die Griechen mit NEIN gegen die Austeritätspolitik gestimmt, ist Jannis Varoufakis, der erste gut aussehende Finanzminister Europas (eine Sänger-Rampensau, nicht mein Beuteschema, also), zurückgetreten, hört man seit Tagen nichts aus der Ukraine, wo weiter geschossen wird, verteidigt der nationalistische griechische Verteidigungsminister die griechischen Verteidigungsausgaben, wird in Berlin vom dicken Siggi das Erbe Willy Brandts oberdreist verscherbelt, machen sich alle angeblich Sorgen um Europa und taumeln doch mit schlafwandlerischer Sicherheit auf ein Verhängnis zu. Bilde ich mir ein. Denn vielleicht geht ja noch einmal alles gut, im Sinne der Gläubiger, was also heißt schlecht im Sinne der meisten Menschen. Aber die interessieren ja nicht. Die marktkonforme Demokratie bleibt vielleicht trotz oder deswegen in Form. Vielleicht drehen sie tatsächlich nur eine nächste Runde. Vielleicht rumpelt weiter alles dahin. Das dachten wir schon einmal. Dass es immer so weiter geht, mehr schlecht als recht, aber weiter. Im selben Trott, unaufhaltsam. Ich kann selbstverständlich den großen Kladderadatsch nicht wünschen. Wer Konsequenzen fordert, muss den Preis zahlen können. Wer von uns hat dazu den Mut? Die Griechen? Es macht mir auch Angst, wenn Begriffe wie Ehre und Stolz als Motive politischen Handelns auftauchen. 

Das heiße Begehren nach etwas anderem wird wie stets auf lau gestellt. Mehr lässt die Feigheit nicht zu. "Love, music, wine and revolution." Letzteres, wie immer, abgesagt. Pragmatism rules. Wir haben immer noch viel zu verlieren. Ich schreibe mich derweil (Eskapismus rules, too) weiter, zurück in den Herbst des Jahres 1989 hinein. Als nichts begann, bevor schon alles verloren war. Blaupausen: Treuhand revisited. Ein Land wird geplündert und verramscht, nicht immer an die Meistbietenden. Niemand muss für solche Verbrechen bezahlen, das haben wir gelernt: Beamte, Berater, Bestatter. Später gehen sie auf Vortragsreisen. Von Kriegen berichten immer die Sieger.

Und Wahrheiten, die sich keine gern eingesteht: "Die Dame badet lieber lauwarm."





Versäumen Sie nicht, den Links zu folgen. So wird Netzliteratur gelesen. ;-). Nichts steht für sich allein. Alles ist mit allem kryptophantastisch verbunden. 


Samstag, 20. Juni 2015

ROHE MENSCHLICHKEIT STATT ROMANTISCHE LIEBE. Laurie Penny über "Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution"

Quelle: http://www.crieur-public.com/cpwp/wp-content/uploads/2014/11/penny.jpg

Laurie Penny schreibt in „Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution“ von der Liebe in Zeiten des Spätkapitalismus: einer unseeligen Kombination aus Geschäftssinn (Funktions- und Synergieeffekte, Steigerung des Wirtschaftswachstums via Marktwert der Körper) und Romantizismus (Treue light als exklusiver Gebrauch der wechselseitigen Geschlechtsorgane, serielle Monogamie als Leitbild). Es geht bei dieser „Liebe“, die Penny „Liebe®“ nennt und die für uns von überall her beschworen wird,  vor allem um die repressive Beschränkung möglicher Intimität auf mit Liebesschwüren aufgeladene Sexualität. So werden wir, die scheinbefreiten Individualisten auf Linie gehalten: Arbeit am Körper und der Beziehung kostet und steigert das Bruttosozialprodukt. Über die „Liebe“, wie Hollywood, Werbung und Heftchenromane sie uns verkaufen, werden wir beschäftigt und gefügig gehalten, weil wir nicht einmal mehr begehren können, was uns befreien könnte: die Vielfalt der Lieben, die uns möglich sind, der Nähen und Vertrautheiten, der Treuen jenseits  sexueller Verfügbarkeit und wechselseitiger Besitzverhältnisse. Weil Liebe® das beste Instrument geworden ist, uns zu angepassten Wesen zu machen, die sich nicht trauen und nichts zutrauen, haben wir vergessen, das revolutionäre Potential der Liebe auszuschöpfen. Denn Liebe kann: Vertrauen produzieren, Besitzverhältnisse auflösen, Verbindung und Verbindlichkeit ermöglichen über monogame Zweierkisten hinaus (Gegen die allerdings, wo sie zwei Menschen glücklich machen, nichts zu sagen ist. Bloß als Norm, der wir alle hinterherhecheln sollen, entfaltet das heteronormative Zweierkisten-Ding seine zerstörerische Wirkung).

Penny gilt scheinbar derzeit in Deutschland als neuer Star am Firmament des Feminismus. Ich bin von ihrem Buch etwas weniger begeistert als viele andere Rezensentinnen. Über weite Strecken erscheinen mir ihre Analysen zum Geschlechterverhältnis stark vereinfachend, zum Teil zu sehr auf angelsächsische Dating- und Medien-Gepflogenheiten abgestellt, deren universelle Gültigkeit ich nicht erkennen kann, ihre Schlussfolgerungen aus persönlichen Erfahrungen auch zu sehr verallgemeinernd und redundant. Gleichzeitig ist es sicherlich eine Stärke des Buches, dass Penny sich nicht scheut, die Wirkung des spätkapitalistischen Patriarchats auf den eigenen Körper und das eigene Selbstbewusstsein darzustellen. Denn eine jede kann nur von sich selbst ausgehen und nicht für die andere mitsprechen. Daher denke ich, dass Pennys Analyse in diesen Grenzen verstanden werden muss: ihrer Altersgruppe (Penny ist Jahrgang 1986), ihre kulturellen und sozialen Backgrounds und ihrer persönlichen Erfahrungen und Lebensentscheidungen. Unterrepräsentiert (wenn auch nicht ausgeblendet) bleibt zum Beispiel die Perspektive von Frauen, die Mütter sind und sein wollen, die Perspektive von Frauen, die aufgrund ihres sozialen Status oder ihrer kulturellen Prägung kaum oder gar nicht „Zielgruppe“ der spätkapitalistischen Geschlechterkulturindustrie sind, die Perspektive alter Frauen oder die Perspektive von Feministen, die biologisch Männer sind.


Großartig aber ist, wie Penny auf den Punkt bringt, mit welchen Mechanismen ihre Generation, die oberflächlich betrachtet so viele Optionen hat, klein gehalten und in ihrem Begehren eingeschränkt wird: „Ich kann euch sagen, was wir wollen sollen: schwere Arbeit, schale Schönheit und romantische Liebe, gefolgt von Geld, Ehe und Kindern. Diese Definition von völliger Freiheit hat Besitz von unserer Fantasie ergriffen und lässt keinen Raum für andere Lebensweisen.“ Mit Verve setzt sich Penny für die Erkenntnis ein: „Liebe® ist nicht die wahre Liebe, denn viele andere Arten von Liebe sind auch wahr.“ Aus dieser erlebten und erfahrenen Erkenntnis zieht Penny ihre Hoffnung: Liebe kann die Welt verändern: „Die rohe Menschlichkeit der anderen ist die unsagbare Wahrheit, die der moderne Sexismus mit seinen Mechanismen zu verschleiern sucht. Wenn wir den Mut haben, sie einzufordern, wird eine Bewusstseinsänderung einsetzen und eine sexuelle und soziale Revolution in Gang bringen, die uns die Freiheit geben wird, erfüllter zu leben und zu lieben und das wird genauso furchterregend sein, wie es klingt.“

Dienstag, 16. Juni 2015

"IT´S SPROUTING" - Charlotte Malcolm-Smith in der Frankfurter Weißfrauenkirche






Überall wuchert und breitet sich alles aus: Wunden, Körperöffnungen, Haushaltsmüll, Gewalt und Schmutz. Das muss verpackt und eingemacht werden!? Charlotte Malcolm-Smith malt, strickt und häkelt. Aus den Leinwandbildern, die Comicmotive (von Robert Crumb) und kunsthistorische Stiche (Goya, Dürer et. al.) zitieren, wuchern die bunten Fäden aus synthetischer Wolle. Die Ausschnitte aus den meist schwarz-weißen Vorlagen, die Malcolm-Smith wählt, zeigen häufig männliche Körper(teile), versehrt, verunstaltet, gefesselt. Die Gewalt des Menschen gegen den Menschen, die die Kunstgeschichte konserviert, wird in Malcolm-Smith Arbeiten noch einmal ausgestellt und zugleich überführt in eine sonderbare Form geschnürter, farbiger Schönheit: „It´s sprouting.“ Der Körper wächst über seine Wunden hinaus, wird eingefasst, von gehandarbeiteten Fäden gehalten: Eingemachtes. Deutsch-gemütliche Häkelei begegnet einem schwarzen schottischen Humor. In Malcolm-Smith visueller Welt begegnen sich Kunstgeschichte, Handarbeit, Schmerz, Gewalt und Witz auf eine höchst eigentümliche Weise. In der Frankfurter Weißfrauen-Diakonie-Kirche hat Malcolm-Smith für ihre Arbeiten gleichsam eine kleine Kapelle aus Stellwänden geschaffen, die den sakralen Raum gleichzeitig aufgreifen und konterkarieren.

Charlotte Malcolm-Smith: eingemachtes
12. Juni 2015 – 24. Juli 2015
Montag bis Freitag von 12.00 – 16.00 Uhr  
Weißfrauen Diakoniekirche
Weserstraße Ecke Gutleutstraße