Samstag, 27. September 2014

SCHNIPPISCH (oder "Ich bin klein, mein Herz ist rein.") Ein Traumbild

(Da sagst du jetzt nix dazu. Da verbiete ich dir jetzt mal den Mund oder das Wort. Da will ich dich nicht haben. Und dabei.)

Ich bin klein. (Damit ist sonst noch nix gesagt oder getan). Trotzdem ist es gut, sich mal klein zu denken. "Nur wer sich klein denken kann, wird groß rauskommen." Hihi. Dabei bin ich in Wahrheit gar nicht zum Scherzen aufgelegt. (Täusch dich nicht!) Denn ich bin so klein, dass ich in eine Schachtel passe. So klein, wie ich wirklich bin, passe ich in eine Streichholzschachtel; in der sitze ich mit ausgestreckten Beinen aufrecht da und schaue hinaus. Das geht so, weil die Schachtel, in der ich ganz ruhig und klein und rein in meinem blauweißgestreiften Schlafanzug sitze, zu einem Drittel aufgeschoben ist, so dass ich drin sitze wie in einem Boot oder in so einem Rennwagen, wie die ganz früher einmal waren, die Zigarren genannten wurden, glaube ich, oder Silberpfeile oder wie, die so schmal und schnittig waren. Aber das ist meine Schachtel ja nun mal nicht. Ich will auch gar nicht flitzen. Ich will sitzen und klein sein. 

Oder schlüpfen. Und klein bleiben. Ich schlüpfe in die Schachtel hinein, nicht hinaus, versteht sich. Ich lasse mich in die Schachtel gleiten und mache mich dazu erstmal noch kleiner, bis ich mich schließlich ausstrecken kann, in der Schachtel. So klein bin ich nämlich. Jetzt liege ich in der Schachtel wie in einem Bettchen und der Deckel ist meine Zudecke. Am liebsten hätte ich jetzt noch ein Kissen. Meine Schachtel liegt auf einem weiß lackierten Tisch, über dem eine große runde Lampe gelb baumelt. Ich kann die Birne in ihr strahlen sehen, wie ich so liege auf meinem Rücken in meiner Schachtel ganz still. 

Dann geht das los. Dann sitzen vier gute Menschen um meinen Tisch und schauen auf meine Schachtel und sehen meinen strubbeligen dunklen Schopf und ein Stück vom Schlafanzug, denke ich, wie die so rausragen aus der zu einem Drittel aufgezogenen Schachtel. Ich kann die nicht sehen, die Menschen, denn ich liege so flach und bin so klein. "Wie sonst soll auch ein gutes Leben im gar nicht so Falschen möglich sein, wenn alles so klar und traurig ist?" Die schnippen. Die guten Menschen schnippen mit den Fingern an meine Schachtel. Hui, wie das poltert und rumpelt. Dann saust meine Schachtel über den Tisch. Hierhin und dorthin und gute Menschen schnippen sie herum. Das wirbelt mich durcheinander und lässt mich fliegen in meiner Sauseschachtel und rumpelt in meinem Bäuchlein. Da muss ich lachen. Wie Kitzeln ist das, wenn meine Schachtel über den Tisch geschnippt wird und ich so klein bin und darin herumrumpele. Ich lache und brülle und kreische. Erst ist es lustig und herrlich und ich kann nicht genug kriegen. So ein Lachen ist das am Anfang; aber es wird noch anders, wird ein Lachen, das nicht aufhören kann, das eine Qual wird, eine Folterlachen, ich lache und lache, hoho, hihi, haa, haaa, hooo, kann nicht aufhören, kann nicht mehr lachen, muss lachen, lachen, lachen. Die guten Menschen merken nichts. Schnippen. Mein Bäuchlein, mein kleines reines Bäuchlein, so durchgekullert, halte ich vor Schmerzen. 

Dann steht das still. Die Finger halten Ruh. Ich lausche. Die guten Menschen schweigen. Ich strecke mich. Der Schmerz. Sitzt links. Nicht mehr im Bauch. Ich bin klein. Ich konzentriere mich auf meinen Atem. Ich halte ein. Ich atme zum Schmerz hin. Ich bin ruhig. Es ist still. Das tut weh.

Dass ich so klein bin, ändert auch nichts.

(Halt den Mund!, sag ich.)

Dienstag, 23. September 2014

OF MICE AND MEN (oder: Stolz und Trägheit)



Ein Beitrag von BenHuRum

Heute frage ich mich, warum ich den Satz jahrelang zu meinem Hass-Mantra gemacht habe: "Das schaff´ ich nicht." Lass kommen. Denn ich schaffe es nicht: C. zu antworten, obwohl ich wohl will, mich bei I. zu melden, obwohl ich wohl will, H. zu danken, obwohl ich wohl will. Schaffe ich nicht. Aufschreiben, was Sache ist. A. zu warnen vor den Fallen der Wissenswächter. Mein Blut giftet, aber ich nicht. "Ich bin klein, mein Herz ist rein." Das schaffe ich nicht. Versuchsweise geht es weiter, aber nicht zu weit. Entzugserscheinungen nicht mehr leugnen. Da heult es sich trotzdem nicht besser. Schaffe ich nicht. Gut so. Und das: Morgen richte ich mich auf. Schaffe zwei Stunden. Übermorgen sechs. Oder ich wanke. Das ist noch keine Depression. Das ist nur Schaffnix. Eine Freundschaft fürs Leben, Stolz und Trägheit: "Ich bin zurückgeblieben. Ich habe keine Lust." 

Samstag, 20. September 2014

HÖRIGKEIT (9): Er ist ein dickes, hysterisches Mädchen

"Die Fähigkeit des Erwerbens ist für die Würde einer Frau, wenn sie kein unabhängiges Vermögen hat, sehr wesentlich."

I. "I´m inside your mouth now" - ein Sodbrennen aus d/meinem überfüllten Magen. 

II. Die erste Frau war dem ersten Manne (nicht) ähnlich, sagen meine Quellen. 

III. Der Brustkorb des Weibes krümme sich zu einer anatomischen Eigentümlichkeit, behauptete er, die sie sich hinneigen ließ unter seine Führung. (Sie lachte dann, natürlich.)


"Eine der wichtigsten Bedingungen für das Glück der Menschen ist, dass sie an ihrer gewöhnlichen Beschäftigung Geschmack finden."

IV. Was wir uns nicht vom Leib halten können, ist die Bewusstlosigkeit jener Ströme, die durch uns fließen: ICH sind die anderen in uns.

V. Die Arbeit der Magd unterscheidet sich im Verhältnis zum Herrn von derjenigen des Knechtes. Aber wie?

VI. Weil auch der Herr eingewurzelt bleibt mit seiner Nabelschnur ins Fleisch der Magd?


"Bedenken wir, dass geknechtete Klassen nie mit einem Male vollkommene Freiheit forderten."

VII. Sie las, was die Andere geschrieben hatte, und ergab sich in deren Autorität wie unter die Fittiche eines großen Bussardweibchens, das reglos am Himmel über seiner Beute stand. 

VIII. Das konnte nicht währen: Die Strategien eines ambivalenten Begehrens. Wen will ich doch?

IX. Die Zusammenstellung der weiblichen Libido lässt jede Rechtfertigung vermissen. 


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Dienstag, 16. September 2014

ROTSTIFT (Kontrollverlust reloaded)


Ein Beitrag von BenHuRum

Anglizismen, wo der Text gescannt wird. Alle mit Absicht. Denn: Gerade jetzt ist der Deutschtümelei auch im Sprachbild entschieden entgegenzutreten ("Ach was.") Die Puristen der vollständigen Sätze und ausufernden Romane werden hier sattsam (ein Wort für den Schatz!) ausgelacht. Es muss noch viel mehr überschrieben oder gelöscht werden. Zu viel Text/e allenthalben und zu wenig nächtliche Streich-Orgien. Alle sind dauernd in ihre eigenen Schriftstücke verknallt. Die Liebe zum Ungesagten (Achtung. Hier nicht: Unsagbaren) wird gänzlich verlernt. Stattdessen stellen Leute (alternativ) ganz unverstellt ihre Bosheit im Schaukasten aus. Hinter alldem stecken verletzte Kinderseelen. Auch ich kann (mich) nicht frei denken und lieben, solange der Schmerz sich weiter ausbreitet. (Das ist trotz aller Abscheu doch auch zu berücksichtigen.) Wie außerdem: Nicht jeder, der eine Lederjacke trägt, ist ein Idiot. Es gibt nämlich auch Menschen, die sich schwarz/grau/weiß kleiden und einrichten, weil sie farbenblind sind (statt Intellektuellendarsteller zu simulieren). Noch ist er jedoch nicht ganz geschafft, der Übertritt ins sanfte Land der Resignation, von wo aus der Blick milde wird und alles verständlich. (Ich hoffe, mir bleiben noch Zeiten. Wäre ihr die Gott nicht gerade besonders unsympathisch, schriebe sie jetzt: Gott sei Dank!)

Jede/r folgt seit eben @tNetFlix, außer mir. Ich nehme mir ein Auszeit und höre auf, noch mehr über den "Propheten" zu lesen, was ihn mir noch unangenehmer macht. Stattdessen schaue ich mir endlich an, was ich mir lang schon versprochen habe: Whit Stillmans "The Cosmopolitans". Und freue mich auf die Verfilmung von Jane Austens "Lady Susan". Whit Stillmans "Metropolitan" ist übrigens nach wie vor ein Lackmus-Test (genau wie die Romane von Jane Austen): Mit Menschenfrauen und -männern, die damit nichts anfangen können, fange ich lieber nichts an. (Es sei denn, ich liebe sie/ihn schon länger.)

(Und: Nein, ich bin niemandem - besonders - böse. Oder unglücklicher als sonst. Nur müde. Die geringfügig verbliebene soziale Kompetenz wird derzeit vollständig professionell, d.h. in diesem Falle durch Erwerbsarbeit, vernutzt.)

Samstag, 13. September 2014

TON LOS (ein Traumbild)

Du bist mir auch gar nicht zu müde, oder? Wie immer ich mich da verstehe, geht dich nichts an. Lass mich noch ein paar Plattitüden aneinander reihen, bevor es los geht.


Unter meinem Fenster quaken die Enten. Das klingt nicht idyllisch, sondern bedrohlich. Enten sind weniger hässlich, als sie sich anhören. Schwäne auch. Wer werten muss, wertet auch. Wie kommt es zu diesem zwanghaften Mechanismus, allem einen Rang zuordnen zu müssen? Als ich L. kennenlernte fiel mir das durchaus als Erstes an ihm auf. Aber ich brachte es fertig, diese Eigenart für eine Weile zu ignorieren. (Fragt sich nur, warum. In diesem Traum soll L. keine Rolle spielen, beschließt mein Unter-Ich.) 



Der Stich unter der Brust ist kein Einstich, auch wenn ich gestern noch einmal über das Attentat an Kaiserin Elisabeth las. Sie ging noch eine Weile fort. Mit vielen Verletzungen kann eine ganz schön lang herumlaufen und -schwätzen. Die Entzündlichkeit der Seele befeuert nichts. Sie stellt sich als ein verschleppter Infekt heraus, der sich von der linken Achsel her über die Seite hin ausbreitet. (Rechts ist weiterhin alles gut, behauptet sie solange es noch geht.)  



Das ergibt ja alles gar keinen Sinn. (Wir haben doch die Sinnfrage vor Jahr und Tag verabschiedet.) Ich kannte mal einen Mann, den ich in diesen Traum integrieren will. Er war wenig belesen und hielt sich nicht auf. Selbstverständlich trug er keinen Bart, schwenkte keine Fahne und glaubte an nichts. Den hätte ich lieben mögen. Aber dann hätte ich ihn nicht gekannt. Seine Stirn ist hoch, seine Auge klar, seine Aussprache feucht. Der lebt nicht mehr. Im Traum werden die Zeiten niemals verwechselt oder ausgetauscht. 



Im Traum gibt es keine Zeitlupe.



Stimmt das?


Ich weiß nicht, wie du das siehst und es ist mir auch egal. Gegenwärtig habe ich keine Kraft, dich von meiner Wut profitieren zu lassen.

Wie es wäre, in Tönen zu träumen...

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Mittwoch, 3. September 2014

"Alle Menschen werden Schwestern" (Links and more)

Auf bzw schreibt Franziska Schutzbach über das allseits  beliebte "Gutmenschen-Bashing". Es wird unter dem Label "PC", das die US-amerikanische Teaparty-Bewegung bekannt gemacht hat, auch gern von (äußerst - einseitig - belesenen) deutschen und französischen Linksintellektuellen, die es sich (selbst) hoch anrechnen "die Moral" (endgültig?) verabschiedet zu haben, dümmlich-aber-gebildet (eine Wortschöpfung, die ich mir eventuell patentieren lasse) angewandt. Denn den PC-"Kritiker_innen" erscheint (post-postmodern) alles vorstellbar ("Universalismus, ick hör dir wieder um die Ecke trapsen!"), außer freilich ein Funken von Einsicht in die eigene kulturelle und sonstige Begrenztheit und die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Die Agenda (nicht einmal versteckt), die hier (kontinentaleuropäisch, gelegentlich eher "links") wie dort (angloamerikanisch, meist eher "rechts) hinter dem modus operandi steckt, ist schlicht: Vorneverteidigung der eigenen Privilegien und Denunziation aller Versuche von Anderen mit ihren Anliegen und Sichtweisen zu Wort zu kommen. Denn die verfolgenden Unschuldslämmer können eben per Eigendefinition (als "Mensch") höchstselbst alles aussprechen, ausschreiben, ausdenken und einbilden. Die "Anderen" (große Auswahl!) sind in deren Denken immer schon mit (und aus-)gedacht, ergo: "Alle Menschen werden Schwestern!" (Stimmt so!?)

Link zum Artikel von Franziska Schutzbach: Political Correctness. Geschichte einer Konstruktion.

Zwischenzeitlich übe ich Figurenpinkeln: Denn jede kann sich einbilden, ein Mann zu sein. "Aber wer legt schon Wert drauf." (Hidden agenda enclosed.) Wir bleiben unwillkommene Kronzeuginnen wider die Macht der Schrift, alle drei. Den Schriftbesitzern spucken wir in die Suppe oder aufs Papier. Manche lesen sich ein Leben zurecht. (Ich kann Emily Dickinson nicht leiden, obwohl sie gut ist.) Wenn ich ein Vogel wäre, könnte ich fliegen. Aber sie  (the other bird) schreibt davon, wie sie dem Kadaver ein Auge auspickt, das dann sacht in den Wüstensand fällt und in eine Kuhle purzelt. Es lässt sich am Bildschirm jede grausliche Szene in eine Gamer-Situation verwandeln. Auch das ist ein Triumph des Bösen, das die bloß Klugen verleugnen müssen, um gelehrt weiter plappern zu können. Ich frage mich, welche Geste hier passend wäre: Eine An-Deutung der Verständnislosigkeit die auf das Verstehen zielt. Und: Verstehen heißt nicht verzeihen. (Zuletzt landen wir stets bei Gemeinplätzen.) Ich stelle mir vor, wie ich als junger Mann im Jahre 1889 in einer Kutsche nach Stettin sitze, einer Frau verzweifelnd folgend, die ich geschwängert habe, aber nicht liebe. Unter meinen Füßen rattern die Räder über holprige Wege. Schlage ich jetzt die Beine über einander? 

Lost in between. 




Montag, 1. September 2014

HIMMELREICHS UND WIRKLICHKEIT (aus: Sternchen und Schnuppe. Familienroman der Zukunft. Entwurf)

"Die Schauplätze unserer Geschichte wirken, als hätte sie ein Location-Scout für eine Vorabendserie des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ausgesucht: Küchen, Parks, AutosFlughafenhallen, Hotel-Bars. Fehlt nur noch ein Krankenhaus-Flur."
Schnuppe lachte, ein wenig gequält.
"Es ist passend. Zeigt, wie sehr wir uns bemühen, nicht originell zu sein. Fast schon verzweifelt."
Sternchen griff nach seiner Hand, löste sie vom Glas, strich sie sanft aus auf dem Teakholz des Tresens. Er wollte sich nicht weich machen lassen, nicht einmal von Sternchen, aber er fühlte sich zu schwach für Widerstand. Die Begegnung mit dieser Frau hatte ihm seine Abhängigkeit von Sternchen vor Augen geführt. Wie sollte er je einem anderen Menschen erklären, was ihm an seiner Mutter, vielmehr an der Frau, die in der Geburtsurkunde als seine Mutter eingetragen war, aber ihn nicht geboren hatte, fehlte? Es gab ja genug andere Adoptivkinder, die damit besser klar kamen. Sternchen und er kannten viele. Hatten sie bewusst gesucht und kennengelernt; damals ganz am Anfang ihres Exils, in Köln, waren sie einer Selbsthilfegruppe für Adoptivkinder beigetreten. 

Das war auch so ein Fehler gewesen. Nicht nur, aber auch, dass sie immer zusammen aufgetreten waren. Keines von ihnen hatte je außerberuflich versucht, sich alleine zu stellen. Wie lächerlich, dass sie ihren Liebeleien den Anstrich der Partnersuche gegeben hatten. Und die getrennten Wohnungen. Wem wollten sie damit etwas vormachen? Marie etwa, die sie seit Jahren nicht gesehen und nicht erwartet hatten? Oder Adam, der sie nicht suchte, sondern floh? Denjenigen, denen sie Gefühle vorgaukelten, die sie nicht einmal für einander hatten? Sich selbst und einander? 

Er wäre am liebsten raus gerannt, raus aus der Bar, dem Hotel, der Stadt, weg, weg, von Marie Himmelreich und Stella Himmelreich und am meisten und weitesten weg von sich selbst: Samuel Himmelreich. Ein Himmel voller Arschlöcher. Er hasste diese Wortspielereien mit ihrem Nachnamen, zu denen sich selbst flüchtige Bekannte bemüßigt fühlten und die auch sein eigenes Gehirn widerwillig produzierte. Ein Familienname, den Adam und Marie ausgesucht hatten. Oder jemand anderes für sie. In wessen Namen hatten Adam und Marie gehandelt? Schnuppe entzog Sternchen seine Hand und krampfte sie um das Glas. 

"Lass mich saufen."
Sternchen zog einen Flunsch. Aber nur ein bisschen. 
"Ich sehe das nicht als Zeichen unserer Verzweiflung. Wir machen das Beste draus. Das Beste, das wir sein können, ist unauffällig."
Schnuppe stöhnte: "Das Beste ist, den Klischees zu entsprechen, die man uns beigebracht hat, Schwesterchen. Wir könnten uns alles aussuchen."
"Der Griff nach den Sternen."
"Und sieh, was wir gewählt haben: Geschwisterlichkeit, Küchenlieben, Yoga, Tanzen."
"Und? Warum sagst du das in so abwertendem Ton? Wir könnten auch Polygamisten sein, Rennfahrer, Immobilienmaklerinnen oder Drogenhändler."
"Physiknobelpreisträgerinnen, Superstars, Philosophinnen."
"Das ist Unsinn. Warum sollten wir mehr oder weniger die Wahl haben als alle anderen?"
"Weil wir uns nicht kennen. Weil sie uns erfunden und zusammengefügt haben: Adam und Marie."
"Das glaube ich nicht. Sie haben uns in Sicherheit gebracht, denke ich. Vor denen."

Schnuppe zögerte. Als er herunter gekommen war mit dem Fahrstuhl, hatte er sich noch selbst versprochen, Sternchen nichts zu sagen. Wozu sie mit diesem neuen sinnlosen Rätsel konfrontieren? 
"Sie sagte etwas, als ich sie in ihr Zimmer hoch brachte."
Sternchen legte ihm den Arm um die Schultern.
"Warum hat sie diese Macht über dich? Warum traust du ihr nicht, aber saugst doch jedes Wort auf, das sie spricht?"
"Weil sie uns geschaffen hat. Und weiß wozu."
Sternchen runzelte skeptisch die Stirn.
"Das wage ich zu bezweifeln."
"Dann kennt uns niemand."
Sternchen lächelte ihn an.
"Und damit wären wir nicht allein, weißt du? Die meisten Menschen glauben das von sich. Mindestens seit der Postmoderne oder so. Sie kennen sich selbst nicht und sind stolz darauf."
Schnuppe nahm einen kräftigen Schluck aus einem Glas.
"Was ich hasse ist die Art, wie du ´Weißt du´ sagst. Obwohl du genauso wenig Ahnung hast wie ich."
"Ich bin eben genauso stolz auf mein Halb- und Nichtwissen wie andere fiktive Charaktere auf ihre Nicht-Identität.", lachte Sternchen.
Schnuppe stöhnte. "Du nervst. Ich lese keine Romane und genau darum. Ich fühle mich schon unwirklich genug, ohne durch dich oder sonst wen in diese Wirklichkeitsverleugnungsschleifen gezogen zu werden."
"Schönes Wort. Aber zurück auf Anfang: Was hat sie gesagt?"
"Ich wusste, dass du fragen würdest. Obwohl du behauptest, dass du mit ihr fertig bist."
" Es beschäftigt dich. Und deshalb mich."
"Sie hat gesagt: ´In Wirklichkeit heiße ich Lilith.´."
Sternchen verschluckte sich beinahe an ihrer eigenen Spucke.
Lilith. Ausgerechnet. Lilith. Sie hatte es drauf, die Marie. Himmelreich. Assoziationen. Sie hatten immer mit Assoziationen und Mythen gespielt. Selbst die NASA benutzte gerne mythologische Namen für ihre Sonden. Was konnte sie als Lilith auskundschaften, was ihr als Marie verborgen blieb? Oder was bildete sie sich ein, herauskriegen zu können?
Es war, als könne Schnuppe ihre Gedanken lesen.
"Was ist, wenn sie wirklich so heißt?"
Nach dieser Vorlage konnte es Sternchen einfach nicht lassen, ihn noch einmal hochzunehmen:
"Schnuppe, mein Armer, hast du es immer noch nicht kapiert: Es gibt keine Wirklichkeit, nur Bewusstseinszustände."

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Was bisher geschah: STERNCHEN UND SCHNUPPE. Familienroman der Zukunft

Samstag, 30. August 2014

EUER GOTT KANN MICH MAL! (Blasphemie für Dummies)

"Die Gesetze Eures Gottes sind mir scheißegal." Wenn ich den Satz schriebe (hier schreibe ich ihn ja), dann wär´ aber was los, denk´ mir. Was allerdings nicht stimmt, sondern nur eine Wunschvorstellung von mir ist. Dass dann was los wäre, weil Hinz und Kunz und Karl und Ida das "Eures" gleich einmal holterdipolter, wie sonst nur Literaten, Künstlerinnen und andere Egozentriker und Narzisstinnen Ästhetizismus, Theoriegeschnack und Identitätsgeschwätz auf sich beziehen täten. Dazu allerdings müsst´ ich den Satz, wie jetzt den Text, also diesen hier, umformulieren: Genitiv raus (zuviel Schriftdeutsch) nämlich. So: "Euerm Gott seine Gesetze geh´n mir voll am Arsch vorbei." Da täte aber auch nix passieren, weil gottgläubige Gotteslästerer, die die Gesetze von ihrem Gott ganz genau kennen, verbreiten und durchsetzen wollen, dieses Blog nicht lesen (glaub´ich) oder gar kommentieren. 

Der Witz, den ich mir wunschträume, wäre aber eben, dass allerlei Ein-Gott-Gläubige aufträten, um die Wahrheit der wahren Religion, der sie anhängen, und die Gültigkeit der Gesetze von ihrem wohlverstandenen und artikulierten Gott (die Schrift, die Schrift!) zu verteidigen anträten. Obgleich nämlich ich mit meinem Satz (z.B. 2. Version) ganz unspezifisch geblieben wäre, wären die notwendig ganz sicher, dass es sich beim Gott und seinen scheißegalen Gesetzen exakt um keinen anderen als den ihren handeln könne. Und das hätte, täte, würde mir (dem kleinen ´ich´, das große macht bei so was Albernem natur- bzw. sachgemäß nie nicht mit) sehr gefallen. 

Ein billiger Rant. Zugegeben. Unterhalb vom Niveau jeder einschlägig bekannten und ernst zu nehmenden Theologie. Religionskritik für Dummies. Leicht gemacht am Samstagmittag. 

Trotzdem, noch mal: EUER Gott kann mich mal!

(Bezieh´ es auf sich und den seinen, wer will!)