Samstag, 13. September 2014

TON LOS (ein Traumbild)

Du bist mir auch gar nicht zu müde, oder? Wie immer ich mich da verstehe, geht dich nichts an. Lass mich noch ein paar Plattitüden aneinander reihen, bevor es los geht.


Unter meinem Fenster quaken die Enten. Das klingt nicht idyllisch, sondern bedrohlich. Enten sind weniger hässlich, als sie sich anhören. Schwäne auch. Wer werten muss, wertet auch. Wie kommt es zu diesem zwanghaften Mechanismus, allem einen Rang zuordnen zu müssen? Als ich L. kennenlernte fiel mir das durchaus als Erstes an ihm auf. Aber ich brachte es fertig, diese Eigenart für eine Weile zu ignorieren. (Fragt sich nur, warum. In diesem Traum soll L. keine Rolle spielen, beschließt mein Unter-Ich.) 



Der Stich unter der Brust ist kein Einstich, auch wenn ich gestern noch einmal über das Attentat an Kaiserin Elisabeth las. Sie ging noch eine Weile fort. Mit vielen Verletzungen kann eine ganz schön lang herumlaufen und -schwätzen. Die Entzündlichkeit der Seele befeuert nichts. Sie stellt sich als ein verschleppter Infekt heraus, der sich von der linken Achsel her über die Seite hin ausbreitet. (Rechts ist weiterhin alles gut, behauptet sie solange es noch geht.)  



Das ergibt ja alles gar keinen Sinn. (Wir haben doch die Sinnfrage vor Jahr und Tag verabschiedet.) Ich kannte mal einen Mann, den ich in diesen Traum integrieren will. Er war wenig belesen und hielt sich nicht auf. Selbstverständlich trug er keinen Bart, schwenkte keine Fahne und glaubte an nichts. Den hätte ich lieben mögen. Aber dann hätte ich ihn nicht gekannt. Seine Stirn ist hoch, seine Auge klar, seine Aussprache feucht. Der lebt nicht mehr. Im Traum werden die Zeiten niemals verwechselt oder ausgetauscht. 



Im Traum gibt es keine Zeitlupe.



Stimmt das?


Ich weiß nicht, wie du das siehst und es ist mir auch egal. Gegenwärtig habe ich keine Kraft, dich von meiner Wut profitieren zu lassen.

Wie es wäre, in Tönen zu träumen...

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Mittwoch, 3. September 2014

"Alle Menschen werden Schwestern" (Links and more)

Auf bzw schreibt Franziska Schutzbach über das allseits  beliebte "Gutmenschen-Bashing". Es wird unter dem Label "PC", das die US-amerikanische Teaparty-Bewegung bekannt gemacht hat, auch gern von (äußerst - einseitig - belesenen) deutschen und französischen Linksintellektuellen, die es sich (selbst) hoch anrechnen "die Moral" (endgültig?) verabschiedet zu haben, dümmlich-aber-gebildet (eine Wortschöpfung, die ich mir eventuell patentieren lasse) angewandt. Denn den PC-"Kritiker_innen" erscheint (post-postmodern) alles vorstellbar ("Universalismus, ick hör dir wieder um die Ecke trapsen!"), außer freilich ein Funken von Einsicht in die eigene kulturelle und sonstige Begrenztheit und die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Die Agenda (nicht einmal versteckt), die hier (kontinentaleuropäisch, gelegentlich eher "links") wie dort (angloamerikanisch, meist eher "rechts) hinter dem modus operandi steckt, ist schlicht: Vorneverteidigung der eigenen Privilegien und Denunziation aller Versuche von Anderen mit ihren Anliegen und Sichtweisen zu Wort zu kommen. Denn die verfolgenden Unschuldslämmer können eben per Eigendefinition (als "Mensch") höchstselbst alles aussprechen, ausschreiben, ausdenken und einbilden. Die "Anderen" (große Auswahl!) sind in deren Denken immer schon mit (und aus-)gedacht, ergo: "Alle Menschen werden Schwestern!" (Stimmt so!?)

Link zum Artikel von Franziska Schutzbach: Political Correctness. Geschichte einer Konstruktion.

Zwischenzeitlich übe ich Figurenpinkeln: Denn jede kann sich einbilden, ein Mann zu sein. "Aber wer legt schon Wert drauf." (Hidden agenda enclosed.) Wir bleiben unwillkommene Kronzeuginnen wider die Macht der Schrift, alle drei. Den Schriftbesitzern spucken wir in die Suppe oder aufs Papier. Manche lesen sich ein Leben zurecht. (Ich kann Emily Dickinson nicht leiden, obwohl sie gut ist.) Wenn ich ein Vogel wäre, könnte ich fliegen. Aber sie  (the other bird) schreibt davon, wie sie dem Kadaver ein Auge auspickt, das dann sacht in den Wüstensand fällt und in eine Kuhle purzelt. Es lässt sich am Bildschirm jede grausliche Szene in eine Gamer-Situation verwandeln. Auch das ist ein Triumph des Bösen, das die bloß Klugen verleugnen müssen, um gelehrt weiter plappern zu können. Ich frage mich, welche Geste hier passend wäre: Eine An-Deutung der Verständnislosigkeit die auf das Verstehen zielt. Und: Verstehen heißt nicht verzeihen. (Zuletzt landen wir stets bei Gemeinplätzen.) Ich stelle mir vor, wie ich als junger Mann im Jahre 1889 in einer Kutsche nach Stettin sitze, einer Frau verzweifelnd folgend, die ich geschwängert habe, aber nicht liebe. Unter meinen Füßen rattern die Räder über holprige Wege. Schlage ich jetzt die Beine über einander? 

Lost in between. 




Montag, 1. September 2014

HIMMELREICHS UND WIRKLICHKEIT (aus: Sternchen und Schnuppe. Familienroman der Zukunft. Entwurf)

"Die Schauplätze unserer Geschichte wirken, als hätte sie ein Location-Scout für eine Vorabendserie des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ausgesucht: Küchen, Parks, AutosFlughafenhallen, Hotel-Bars. Fehlt nur noch ein Krankenhaus-Flur."
Schnuppe lachte, ein wenig gequält.
"Es ist passend. Zeigt, wie sehr wir uns bemühen, nicht originell zu sein. Fast schon verzweifelt."
Sternchen griff nach seiner Hand, löste sie vom Glas, strich sie sanft aus auf dem Teakholz des Tresens. Er wollte sich nicht weich machen lassen, nicht einmal von Sternchen, aber er fühlte sich zu schwach für Widerstand. Die Begegnung mit dieser Frau hatte ihm seine Abhängigkeit von Sternchen vor Augen geführt. Wie sollte er je einem anderen Menschen erklären, was ihm an seiner Mutter, vielmehr an der Frau, die in der Geburtsurkunde als seine Mutter eingetragen war, aber ihn nicht geboren hatte, fehlte? Es gab ja genug andere Adoptivkinder, die damit besser klar kamen. Sternchen und er kannten viele. Hatten sie bewusst gesucht und kennengelernt; damals ganz am Anfang ihres Exils, in Köln, waren sie einer Selbsthilfegruppe für Adoptivkinder beigetreten. 

Das war auch so ein Fehler gewesen. Nicht nur, aber auch, dass sie immer zusammen aufgetreten waren. Keines von ihnen hatte je außerberuflich versucht, sich alleine zu stellen. Wie lächerlich, dass sie ihren Liebeleien den Anstrich der Partnersuche gegeben hatten. Und die getrennten Wohnungen. Wem wollten sie damit etwas vormachen? Marie etwa, die sie seit Jahren nicht gesehen und nicht erwartet hatten? Oder Adam, der sie nicht suchte, sondern floh? Denjenigen, denen sie Gefühle vorgaukelten, die sie nicht einmal für einander hatten? Sich selbst und einander? 

Er wäre am liebsten raus gerannt, raus aus der Bar, dem Hotel, der Stadt, weg, weg, von Marie Himmelreich und Stella Himmelreich und am meisten und weitesten weg von sich selbst: Samuel Himmelreich. Ein Himmel voller Arschlöcher. Er hasste diese Wortspielereien mit ihrem Nachnamen, zu denen sich selbst flüchtige Bekannte bemüßigt fühlten und die auch sein eigenes Gehirn widerwillig produzierte. Ein Familienname, den Adam und Marie ausgesucht hatten. Oder jemand anderes für sie. In wessen Namen hatten Adam und Marie gehandelt? Schnuppe entzog Sternchen seine Hand und krampfte sie um das Glas. 

"Lass mich saufen."
Sternchen zog einen Flunsch. Aber nur ein bisschen. 
"Ich sehe das nicht als Zeichen unserer Verzweiflung. Wir machen das Beste draus. Das Beste, das wir sein können, ist unauffällig."
Schnuppe stöhnte: "Das Beste ist, den Klischees zu entsprechen, die man uns beigebracht hat, Schwesterchen. Wir könnten uns alles aussuchen."
"Der Griff nach den Sternen."
"Und sieh, was wir gewählt haben: Geschwisterlichkeit, Küchenlieben, Yoga, Tanzen."
"Und? Warum sagst du das in so abwertendem Ton? Wir könnten auch Polygamisten sein, Rennfahrer, Immobilienmaklerinnen oder Drogenhändler."
"Physiknobelpreisträgerinnen, Superstars, Philosophinnen."
"Das ist Unsinn. Warum sollten wir mehr oder weniger die Wahl haben als alle anderen?"
"Weil wir uns nicht kennen. Weil sie uns erfunden und zusammengefügt haben: Adam und Marie."
"Das glaube ich nicht. Sie haben uns in Sicherheit gebracht, denke ich. Vor denen."

Schnuppe zögerte. Als er herunter gekommen war mit dem Fahrstuhl, hatte er sich noch selbst versprochen, Sternchen nichts zu sagen. Wozu sie mit diesem neuen sinnlosen Rätsel konfrontieren? 
"Sie sagte etwas, als ich sie in ihr Zimmer hoch brachte."
Sternchen legte ihm den Arm um die Schultern.
"Warum hat sie diese Macht über dich? Warum traust du ihr nicht, aber saugst doch jedes Wort auf, das sie spricht?"
"Weil sie uns geschaffen hat. Und weiß wozu."
Sternchen runzelte skeptisch die Stirn.
"Das wage ich zu bezweifeln."
"Dann kennt uns niemand."
Sternchen lächelte ihn an.
"Und damit wären wir nicht allein, weißt du? Die meisten Menschen glauben das von sich. Mindestens seit der Postmoderne oder so. Sie kennen sich selbst nicht und sind stolz darauf."
Schnuppe nahm einen kräftigen Schluck aus einem Glas.
"Was ich hasse ist die Art, wie du ´Weißt du´ sagst. Obwohl du genauso wenig Ahnung hast wie ich."
"Ich bin eben genauso stolz auf mein Halb- und Nichtwissen wie andere fiktive Charaktere auf ihre Nicht-Identität.", lachte Sternchen.
Schnuppe stöhnte. "Du nervst. Ich lese keine Romane und genau darum. Ich fühle mich schon unwirklich genug, ohne durch dich oder sonst wen in diese Wirklichkeitsverleugnungsschleifen gezogen zu werden."
"Schönes Wort. Aber zurück auf Anfang: Was hat sie gesagt?"
"Ich wusste, dass du fragen würdest. Obwohl du behauptest, dass du mit ihr fertig bist."
" Es beschäftigt dich. Und deshalb mich."
"Sie hat gesagt: ´In Wirklichkeit heiße ich Lilith.´."
Sternchen verschluckte sich beinahe an ihrer eigenen Spucke.
Lilith. Ausgerechnet. Lilith. Sie hatte es drauf, die Marie. Himmelreich. Assoziationen. Sie hatten immer mit Assoziationen und Mythen gespielt. Selbst die NASA benutzte gerne mythologische Namen für ihre Sonden. Was konnte sie als Lilith auskundschaften, was ihr als Marie verborgen blieb? Oder was bildete sie sich ein, herauskriegen zu können?
Es war, als könne Schnuppe ihre Gedanken lesen.
"Was ist, wenn sie wirklich so heißt?"
Nach dieser Vorlage konnte es Sternchen einfach nicht lassen, ihn noch einmal hochzunehmen:
"Schnuppe, mein Armer, hast du es immer noch nicht kapiert: Es gibt keine Wirklichkeit, nur Bewusstseinszustände."

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Was bisher geschah: STERNCHEN UND SCHNUPPE. Familienroman der Zukunft

Samstag, 30. August 2014

EUER GOTT KANN MICH MAL! (Blasphemie für Dummies)

"Die Gesetze Eures Gottes sind mir scheißegal." Wenn ich den Satz schriebe (hier schreibe ich ihn ja), dann wär´ aber was los, denk´ mir. Was allerdings nicht stimmt, sondern nur eine Wunschvorstellung von mir ist. Dass dann was los wäre, weil Hinz und Kunz und Karl und Ida das "Eures" gleich einmal holterdipolter, wie sonst nur Literaten, Künstlerinnen und andere Egozentriker und Narzisstinnen Ästhetizismus, Theoriegeschnack und Identitätsgeschwätz auf sich beziehen täten. Dazu allerdings müsst´ ich den Satz, wie jetzt den Text, also diesen hier, umformulieren: Genitiv raus (zuviel Schriftdeutsch) nämlich. So: "Euerm Gott seine Gesetze geh´n mir voll am Arsch vorbei." Da täte aber auch nix passieren, weil gottgläubige Gotteslästerer, die die Gesetze von ihrem Gott ganz genau kennen, verbreiten und durchsetzen wollen, dieses Blog nicht lesen (glaub´ich) oder gar kommentieren. 

Der Witz, den ich mir wunschträume, wäre aber eben, dass allerlei Ein-Gott-Gläubige aufträten, um die Wahrheit der wahren Religion, der sie anhängen, und die Gültigkeit der Gesetze von ihrem wohlverstandenen und artikulierten Gott (die Schrift, die Schrift!) zu verteidigen anträten. Obgleich nämlich ich mit meinem Satz (z.B. 2. Version) ganz unspezifisch geblieben wäre, wären die notwendig ganz sicher, dass es sich beim Gott und seinen scheißegalen Gesetzen exakt um keinen anderen als den ihren handeln könne. Und das hätte, täte, würde mir (dem kleinen ´ich´, das große macht bei so was Albernem natur- bzw. sachgemäß nie nicht mit) sehr gefallen. 

Ein billiger Rant. Zugegeben. Unterhalb vom Niveau jeder einschlägig bekannten und ernst zu nehmenden Theologie. Religionskritik für Dummies. Leicht gemacht am Samstagmittag. 

Trotzdem, noch mal: EUER Gott kann mich mal!

(Bezieh´ es auf sich und den seinen, wer will!)

Samstag, 23. August 2014

WIE IM RICHTIGEN LEBEN? (Ein Traumbild)

Dann war ich also auf der Flucht. Es ist lang her, dass ich so was geträumt habe. Dafür gibt es, wie für alles, Gründe. Und keine. (Ich glaube mehr an Kontingenz als an Folgerichtigkeit. Als ich mich das letzte Mal flüchtend träumte, trug ich aus, war also beschwert und unbeweglich. Wie eben jetzt. Nichts beschleunigt die Träume mehr als das Gewicht der sogenannten Wirklichkeit...der Körper.)

Als Erstes entledigte ich mich meines Smartphones. Es genügt nicht, sagte ich mir, es abzuschalten. Auch abgeschaltet kann es jederzeit geortet werden, bildete ich mir ein, irgendwo gelesen zu haben. Doch schaffte ich es nicht, mich endgültig davon zu trennen. Ich wickelte es in ein altes T-Shirt und schloss es im Bahnhof in einem Schließfach ein. Bahnhöfe sind keine guten Aufenthaltsorte für Menschen auf der Flucht, erinnerte ich mich. Auf Bahnhöfen wird die Flüchtende geradezu erwartet. Abgepasst. Bloß nicht zu lange am Bahnhof verweilen. Auf dem Weg zum Fluss kam ich an einem Sparkassen-Automaten vorbei. Das Konto räumen, solange es noch geht. Dumm, dass ich nicht sofort daran gedacht hatte. Meine Kontakte. Wie schnell könnten sie meine Kontakte überprüfen? Sollte ich versuchen, mich nach Bremen durchzuschlagen? Ich hatte seit Jahren nicht mehr mit L. telefoniert oder gemailt. Aber L. hat einen kleinen Sohn. Der muss jetzt vier sein. Vielleicht sogar fünf. Was sollte ich L. nur erzählen? 

(Im Traum fragte ich mich nicht, warum ich nicht einmal wusste, weshalb ich verfolgte wurde. Es beunruhigte mich auch nicht. Ich hielt auch keine Ausschau nach meinen Verfolgern. Sie hatten weder Gesicht noch Körper. Keine Schatten. Nur Technologien. Aber das machte ich mir nicht klar. Ich hatte diese Fragen abgeschaltet. Beinahe bewusst.) 

Beim Saturn kann man Burner kaufen. Jemand hatte erst kürzlich davon gesprochen. Da wusste ich noch nicht einmal was Burner sind. Wenn ich mir beim Saturn einen Burner holte, hatte ich ein paar Anrufe. Am Ende kannst du dich in so einer Situation doch nur an die wenden, die dir am Nächsten stehen. Außer deiner Familie. Die Familie musste ich heraushalten, wusste ich. Die wurde jetzt sowieso überwacht. Ein Treffen mit T. am Hafen. Von T. aus weiter zu J. Mein Kontakt zu J. war lose, aber ich vertraute ihm. Vor allem, weil T. ihm traute. J. setzte mich an einem Provinzbahnhof 30 km entfernt ab und in einen Zug nach F. Dort kannte ich D., die sicher nicht mit mir rechnete, aber weiterhelfen würde. Ich war noch nie bei D. gewesen, die aber sofort ihre Ferienwohnung auf Rügen anbot. Als Zwischenstation. So lange wie nötig. Ich schlief in den Zügen. Regionalbahnen sind besser als ICEs. Alte Agentenregel, bildete ich mir beinahe belustig ein. Die Hand in der Hosentasche um den Schlüssel gekrampft, den F. mir gegeben hatte. Diese Erleichterung und Erschöpfung schließlich, nachdem ich den Kühlschrank der Ferienwohnung in S. gefüllt und die Tagesthemen eingeschaltet hatte. Eine Verschnaufpause. 

Es gibt kein Zurück mehr. Nur kurze Episoden des Verweilens. 

(Wie im richtigen Leben?)

Fluchtträume enden immer abrupt. Eigentlich weiß ich die ganze Zeit, dass ich nicht auf der Flucht bin. Es ist ein Test, denke ich. Mein Gehirn testet, wen es gibt und welche Orte ihm einfallen. Wohin ich könnte mit wem und wann, wenn...Eigenartig bloß, dass du noch nie in einem meiner Fluchtträume vorkamst. 

Mittwoch, 20. August 2014

Leander Sukov rezensiert PUNK PYGMALION auf literaturglobe.de

Ich (?) habe ein "wunderbares Erstlingswerk" geschrieben. Schreibt Leander Sukov. Und ich freue mich sehr über das Lob.



Hier der Link zu seiner Rezension auf literaturglobe.de: Wunderbares Erstlingswerk


Dienstag, 19. August 2014

SELFIE-PARADE mit Schwermut

Schwierige Tage: Ein sonderbarer Schmerz unter der Achsel, den sie lieber ignoriert, als sich der Angst zu stellen. Nur dass das Ignorieren immer schlechter gelingt. Sie will sich Träume erzeugen, die den Schmerz betäuben: ein Haus am Meer, das Geräusch der Wellen, die gegen den Strand plätschern, ein weiter Horizont. Sie ist zu müde und zu verstört, um originelle Träume zu produzieren. Diese Erschöpfung, wenn sie zweimal die Treppe hinauf und hinunter läuft. Wäscheberge türmen sich, seit sie wieder einmal zu viert leben. Truhen und Schränke sollen leerer werden, bevor der Umzug naht.

Soviel Bettwäsche hat sich angesammelt über die Jahre. Sie bindet drei Säcke mit Textilien zusammen, die kommen morgen in den Container. Im Treppenhaus findet sie im Einbauschrank Spielebücher und Schatzkisten, kaputte Teleskope und Gimmicks,  aber auch Briefumschläge und Kartons vollgestopft mit alten Fotos. Wer war die Frau, die so konzentriert in die Kamera schaut, mit dem fast schwarzen, kurzen struppigen Haar? In der Ecke links hängt Wittgenstein über dem Sofa. So waren wir damals. Wir? Lasen weiße Männer. Fast ausschließlich. Damals glaubte sie dran, das verstehen zu müssen. Bevor - was? Ließ sich täuschen und hielt sich für "mitgemeint". Sie wollte - ein letztes Mal - dazu gehören und dieses "Dazu" waren die, die sich über und mit Kant, Hegel, Heidegger, Foucault, Derrida, Luhmann etc.pp. bzw. Joyce, Th. Mann, Kafka, Walser, Bernhardt, A. Schmidt und so verständigten. Außerdem, selbstverständlich: vier- oder mehrköpfig Boygroups. Indie Pop. Punk. Usw. Alle liebten außerdem "die Bachmann" und manche Susan Sontag. Frauen, die sich beim Mitspielversuch anstrengten und außerdem fotogen waren. Sie anerkannte blindlings Autoritäten, die sich durch je neue Generationen junger, weißer Männer, die die Wahrheit (Sgl.) suchten und "das System" kritisierten, zu universalen aufplustern ließen. Das war einmal. Sie kennt diese Frau nicht mehr, die ein Mädchen war. 

Sie erinnert sich kaum mehr an deren Anstrengungen und schämt sich ein wenig dafür, wie gleichgültig die ihr geworden ist. Dennoch weiß sie, dass die schon etwas hatte und mitbrachte, was sie der Falle entkommen ließ, auch wenn sie es damals noch nicht auszuspielen verstand. Seither hat sie viele beobachtet, Väter-Töchter, die sich wieder und wieder in der Falle verheddern, die schon der erste Mann für sie aufgestellt hatte. So einer war der ihre, ihr Vater, nicht und nie gewesen. Der hat sich für sie interessiert, nicht für den Eindruck, der sich mit ihr machen ließ. Der war keiner, der die Tochter stolz als einen Besitz vorführte, schön und geschmeidig mit Augenaufschlag zum Vaterstolz. So ein Besuchsvater eben, der nie da ist, selbst wenn er da ist, aber alle Macht für sich abonniert, der die Mutter seit je demütigt und erniedrigt, aber die Tochter auf ein Söckelchen stellt, ihm zur Zierde und zum Triumph. So ein autoritärer, charmanter Drecksack, den eine Mutter, steckte sie nicht selbst tief in der Falle, aus der Wohnung und dem Leben längst schon hätte schmeißen müssen, aber es nie geschafft, so einen hatte sie nicht gehabt. Das kann eine gar nicht als Glücksfall überschätzen. Schlimmer geht´s freilich immer. Sie kennt auch Töchter, die von ihren Vätern oder Vaterersätzen wahrhaftig sexuell missbraucht wurden. Es fängt jedoch vor dem schon an: Das perverse Verhältnis der Geschlechter, wo eine getrimmt wird, zu gefallen und sich dem lustvoll unterwirft. So gelingt der Einstieg in die nur scheinbar selbstgewählte Prostitution, in der sich der Wert des Mädchens schon, das zur Frau dann wird, in ihren eigenen Augen ausschließlich bestimmt durch die Bewunderung des Mannes, der erst der Vater ist und später dem immer wieder gleichen soll. Der "Vater-Komplex" so mancher Tochter muss sich nicht zwingend auf eine älteren Mann richten. Es kann einer reichen, für eine Weile zumindest, der sich genug aufpumpt und wertet. Eine banale  und gewöhnliche Tragödie ist das, deren Nachhall noch am koketten Gezwitscher mancher über 70jährigen abzuhören ist, die es nicht lassen kann, sich vor jedem männlichen Blick, dessen Besitzer mit der Autorität des Geldes, der Macht, der Gewalt oder des Einflusses ausgestattet ist, zu produzieren. Kaum dass so einer auftaucht, werden der alle anderen Frauen, die nicht ganz aus dem gängigen Schönheitsideal fallen, zur Konkurrenz. Das bleibt traurig und ist einer der Ursachen jener steten, so schwer zu durchbrechenden Komplizenschaft mancher Frauen mit dem Patriarchat.


Ein anderes Foto zeigt sie Jahre später zwischen ihren Söhnen. Die Haare sind etwas länger nun und kastanienbraun gefärbt. Was weiß sie noch über die zu sagen? Sie war gewichtiger und müde, erinnert sie. Sie fügte sich ein und gab sich Mühe. In jener Zeit blühten im Garten die Stauden üppiger. Sie buk zu Weihnachten Nikolaus-Amerikaner mit Spekulatius-Gewürz und kaufte Muffins-Formen. Das Foto, weiß sie, entstand am Bodensee. War sie glücklich? Es blieb wahrscheinlich wenig Zeit, sich das zu fragen. In einem Leben mit Kindern, sagte sie das nicht neulich noch zu Morel, stellt sich die Sinn-Frage irgendwann nicht mehr. 

Dass auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis auch in diesem Jahr kaum weibliche Autorinnen auftauchen, ärgert sie indes kaum noch. (Dana Buchzik hat´s auch bemerkt und in der WELT drüber geschrieben: Hier.) Neulich hat sie irgendwo in einem Blog die Klage eines männlichen Krimi-Autors gelesen, dass die Krimi-Szene von weiblichen Autorinnen, die langweilige Wohlfühl-Stories mit Lokalkolorit schrieben, dominiert werde. Auch die Amazon-Ebook-Bestseller-Liste wird von Autorinnen angeführt. Das nervt offensichtlich. Dummerweise lesen ja auch viel mehr Frauen viel mehr als wenige Männer weniger lesen. Auf die monatlichen Krimi-Empfehlungen in der ZEIT dagegen kann sich der arme Blogger in seiner gefühlten Notdurft jederzeit verlassen, denn seit sie die verfolgt, hält sich dort stetig eine Quote von 8 männlichen zu 2 weiblichen Autor_innen. E-Literatur (hihi) hingegen ist und bleibt weiß und männlich, mit nur ein ganz bisserl weiblichen Farbtupfern fürs Auge und den Hosenschlitz zwischen drin. Qualität halt. Grade so sieht´s in der Philosophie, in den sogenannten Wissenschaften und Vorstandsetagen aus. Auch ein Blick ins Kinoprogramm hebt die Stimmungslage nicht. Finde mal einen Film, der den umgekehrten Bechdle-Test nicht besteht (mindestens 2 Männer, die einen Namen haben, und sich über was anderes als Frauen unterhalten). "Männer zeigen Filme und Frauen Brüste". 

Heute morgen im Feed-Reader ein Bericht von VICE darüber, dass viele Menschen zusammengekommen seien, um vor der Berliner Moschee, die möglicherweise einem Brandanschlag zum Opfer gefallen ist, zu beten. Auf den Bildern und im Texte zeigte sich dann, dass diese Menschen offenbar ausschließlich Männer waren. Keine Frau war zu sehen oder kam zu Wort. So ist das eben. Wenn Männer über Männer reden, geht es um Menschen oder gar um die Menschheit. 

Wenn Frauen zusammenkommen und keine Männer anwesend sind, wird zweifellos erwähnt, dass es sich um eine Frauenveranstaltung handelt. Wenn Frauen über Frauen schreiben wird es "Frauenliteratur". Wenn Männer Fußball spielen ist es Fußball und wenn Frauen spielen, ist es Frauenfußball. Und so weiter.  Aber selbstverständlich geht es überall und immer um Qualität (und/oder Wahrheit). Es wahrzunehmen, ändert noch nicht viel. Sprache hilft ein bisschen: Nenn einfach  Männer-Sachen Männer-Sachen, sagt sie sich immer öfter. Männer-Fußball. Männer-Filme. Männer-Literatur. Gibt´s viel davon. Ist nicht alles schlecht. Interessiert nun aber nur noch bedingt. Hat nur begrenzte Autorität. Oder keine. Insbesondere wenn die Männer-Sache vom Männer-Autor/-Macher/-Spieler nicht als Männer-Sache verstanden wird, sondern als menschlich/universal (siehe oben). 

Die (eigene) Welt sieht dagegen schnell schon ganz anders aus, wenn von zehn Büchern, die eine liest, nur zwei von Männern geschrieben wurden, wenn sie sich mehr mit Teresa von Avila beschäftigt als mit Thomas von Aquin, wenn sie öfter Ani DiFranco hört als Morrissey und vor allem wenn sie die Autorität der autoritären weißen Männer, weder der jungen noch der alten, weder der toten noch der lebenden, nicht mehr anerkennt. Wenn sie deren Urteile für Meinungen hält, an denen nicht selten besonders starrsinnig festgehalten wird, weil noch der schärfste Systemkritiker doch seinen Anteil an der patriarchalen Dividende nicht preisgeben mag. Sie ärgert sich immer seltener. Die junge Frau, die sie mal war, wollte mitspielen. Die Mutter, die sie wurde, hatte was Wichtigeres zu tun. Die sie jetzt ist, will sich mit dem beschäftigen, was für sie Autorität hat. 

Sie hat sich derweil festgelesen bei Martha Nussbaum. Widerspruch fast zu jeder Seite. Zwischendurch blättert sie bei Luisa Muraro. Wie geht das zusammen? Immer noch: Was Freiheit sei, Macht, Stärke und Gewalt, Gemeinschaft, Staat. Unschlüssig. Die Schmerzen lassen auch nicht nach. Will sie sich jetzt etwa mit Denken betäuben? Ein sehr "männliches" Konzept, scheint ihr, das wenig taugt. Sie versucht es lieber doch noch einmal mit Träumen. Eine Zeichnung über den Dächern einer Wüstenstadt. Der Himmel blutet sich aus. Wie tief können Engel fallen? Sie sehnt eine Religion herbei, die den Zweifel anbetet und eine Gemeinschaft, die der Bedürftigkeit huldigt. Sie lässt den Traumsand durch ihre Hände rieseln.

(Welchen Grund hat sie, heute kein Ich zu setzen? Ich weiß es nicht.)