Samstag, 2. Mai 2015

ANKUNFT (2): Brezelautomat und Dominas

In dieser Stadt, so lasse ich mir sagen, müsse die Dose immer dicht am Fuß gehalten werden. Noch bin ich nicht streetwise und hardcore. Meine Röcke wippen, mein Brunnen wispert, mein Märchen beginnt immer : "Es war einmal eine Rapunzel und schor sich das Haar raspelkurz..." Es gibt aber gar keine Märchen in Lack und Leder. Jedoch: Was lässt sich nicht sagen und schreiben? Beispielsweise: "Erzähl doch mal vom Brezelautomaten." (Schwör!)


Es war einmal ein Galanteriesattler, der hatte sieben Töchter, eine schöner als die andere. Die hob er, wenn ihre Röcke lang genug waren, hinauf auf die Ladenschilde und band ihnen die ledernen Riemchen an die Fesseln. So standen sie gülden und rötlich und braun und schwarz und gescheckt und warben für sein Geschäft.


Um die Ecke dort wohnen heutzutage Darth Vader und seine Kumpel. Der Herbst-Kaiser lebt Parterre. Das scheint mir eine Allegorie auf das Handwerk, die Kunst und das Leben. Oben wird's derzeit düster und väterlich. Der Patriarch zieht die Treppe hinunter und richtet sich beschaulicher ein. Im Vorgarten werden derweil von Migrantengärtnern Palmenkübel aufgestellt. Die Gartenmöbel dazu wirken albern mediterran. Allerdings: Das Klima wandelt sich. (Schwör!)


Da kam ein Prinz geritten auf einem schäbigen Gaul vom Messegelände her. Die alte Mähre trug einen verschlissenen Sattel, doch der Prinz heroben machte eine stattliche Figur und warf seine dunkle Mähne verführerisch über die Schulter. Die Mädchenaugen zuckten und eine nach der anderen stiegen sie herab von ihren Schildern, um dem Gaul in die Zügel zu greifen und den Prinzen aus dem Sattel zu heben.


"Bitte haben Sie Geduld.", mahnt eine blecherne Stimme aus der Wand des Süpi-Discount- Supermarkts. Grad werden die Brezeln gebacken. Immer frisch und frank. Dann öffnet sich das Schiebetürchen. Sie fallen, scheinbar, voll automatisch und hygienisch in den Greifschlitz: eins, zwei, drei, vier. Nur wer sich traut, tritt hinter die Wand und sieht die Einheimischen als Niedriglöhner die Teigwaren in die Ofen schieben. (Schwör!)

Da stand er nun, schön, stumm und ohne Penunzen. Aber die sieben Weiber überschlugen sich geradezu. Eine nach der anderen eilten sie in die Werkstätte, grapschten die Peitschen, die vergoldeten Sättel, die ledernen Wamse und Augenmasken, die Mieder und Handschuhe. So standen sie zuletzt vor ihm, dem schüchternen Prinzen und seinem elenden Pferd: Sieben Dominas in der Lederstadt und öffneten lüstern ihre Münder. 


Den Rest kann ich nicht entziffern. Im Bahnhof wirbt ein Gott ohne Telefonnummer um Anrufe. Er weiß: "Gut, dass ich dich nicht sehe, wenn das Licht ausgeht." Alles wird aus Versatzstücken wahllos zusammengepfercht. Nur so entsteht Schönheit. Wer etwas anderes behauptet, lügt. Es kann die Kargheit sich nicht mehr attraktiv machen in unserer Zeit. 

Er stotterte, sie plapperten. Er zögerte, sie fassten zu. Halb zogen sie ihn, halb sank er hin. Als der Vater, der auf einem Kundengange gewesen war, zurückkam, war es längst um ihn geschehen. Nichts blieb dem Alten, als verzweifelt die geschundenen Gerberhände vors Gesicht zu schlagen. Den armen Prinzen hatten sie zwischen sich unter galanten Geschenken begraben, ach die ledrigen Luxusweiber. Als er sich nicht mehr rühren konnte, kletterten sie geschwind zurück auf ihre Schilde. Der alte Mann führte den klapprigen Hengst, der vor der Türe gewartet hatte, in seinen Stall und gewährte ihm fürderhin ein Gnadenbrot. 

Und wenn sie nicht gestorben sind, so lassen sie den Prinzen, der so dünne geworden ist wie seine Haartracht inzwischen, noch immer nach ihren Peitschen tanzen.

Die Gentrifizierung schreitet ungebrochen voran. Im Hafen wird wieder nach Gold geschürft.   Läuft doch. Happy End.(Schwör!)

Sonntag, 19. April 2015

INTRIGATIVE FESTE oder KEINE KONFLIKTE IN DER MODERNE

"Unter all den Lügen", sagte sie, "bricht etwas auf." Das erste Kichern unter der Haube. (Jetzt setzen die Kontexte ein: Motor oder Bändel?) "Intrigativ." Das war keine Verwechslung, kein Sprachfehler, keine Wortverdreherei. Eine Schöpfung. "Lass uns doch bitte noch mal darüber reden." Wie sehr er diesen Satz hasste. Schon die Fülle der Füllwörter wirkte, so empfand er es, entlarvend. Diese unwiderstehlichen Befehle im Bittstellerton, darin war sie groß. Er vermutete, dass Frauen ihres Milieus und Alters schon als Mädchen darauf getrimmt worden waren. Vielleicht war das ungerecht. Er redete Klartext, bildete er sich ein. In Wahrheit schützte er sich durch verbale Vorne-Verteidigung, besser als jeder Panzer.  (Die Rollen sind mal wieder geschlechterstereotyp verteilt. Ich kann es nicht ändern. Doch es wird sich ändern. Beim nächsten Paar.) Er schob das vegetarische Grillgut auf die Vorspeisenplatte.


Sie rutschte aus auf diesem aalglatten Parkett rücksichtslos belangloser Kommunikation mit hohem Anspruch, immer wieder, stolperte, nahm ernst, was nur gemeint war und lachte so, dass es nur als Auslachen verstanden werden konnte. Dabei hatte sie sehr gemocht werden wollen in dieser Runde: Schöne kreative, junge Menschen, die sich mit Fleiß verunstaltet hatten. Überlange schräge Ponys, schmuddelige Pullover, tiefsitzende Hosen über gerippter Unterwäsche, dicke Wollmützen bei 20 Grad im Schatten, neuerdings immer öfter auch Bärte wie Propheten, Boyfriend-Jeans über schlanksten Hüften, alle Berührungaufhänger vermieden. Körper mit Starpotential, wo sie hinsah, aber eingepfercht in die Seelen von Kaninchen in warmen Gehegen. Engagiert und wütend immerhin: das Unbegreifliche, die Toten im Mittelmeer,  diese Herzlosigkeit, die Kleinlichkeit der Kleinbürger und die eigenen Existenzängste, stinkende und lärmende Mitbewohner in Billigst-WGs, Einreisebestimmungen, Scheinehen und so. Alles wie gehabt. Palaver, Palaver, aber voll ernst, todtraurig, ganz zynisch oder total abgeklärt. Jung halt. Wie wir auch mal waren. Vor tausend Jahren. "Und die Bullen." Da wäre es ihr beinahe herausgerutscht: "Sind auch Menschen." Sie nahm noch einen Hähnchenflügel.

Dabei war es schön. Eingetaucht in den samtenen Sonnenschein eines überfrühen Frühfrühlingsabends. Hinterhofidyllen, rosa Wäsche auf der Leine, keine führt keinen am Band. Sie sind so frei, dass sie sich nicht binden können. Generation: "Kommt noch was Besseres?" Auch darüber werden Artikel geschrieben, die keine lesen braucht. Das ist ungerecht und alt. Zuckerschock in der rechten Backe. Diese moderne Welt ist scheinbar voll individualisiert und doch ganz nett. Selbst der Hipster hat eine Mama, die ihm zum Geburtstag Kuchen backt. Es gibt immer irgendwo eine alte Frau, die einen jungen Mann mag. Oder umgekehrt. Reine Mädchenaugen, märchenhaft umflort, erheben sich zu grauen Brauen. Wir haben viel weniger Generationenkonflikte als alle unsere Vorfahren. (Und: "Wer war schon im Krieg?") Er griff nach den Chipstüten im letzten Karton.

Alle Einschusslöcher übermalt. Tanz den Bären mit deinem heimlichen Bewegungdozenten. Zwei vor, eins zurück. Posiere auf einem Motorrad: Wer hat, der hat. Kinn vorgeschoben, Härte simuliert aus dem weichen Leben heraus. Nur Idioten sehnen sich nach mehr Einsamkeit, Schmerzen und Hass. Auch sie leben unter uns und frönen ihrer Leidenschaft. "Die Menschen sind voll die Arschlöcher", sagte zuletzt der Aktivist. Darauf noch ein Schlappeseppel. 

Nach Hause gehe ich durch den idyllisch beleuchteten Park. Die Turmuhr schlägt. Ich bilde mir ein, dass meine Röcke rauschen. Den zarten Beginn einer großen Liebe beobachtet, das hätte ich gern. Es ist eine Möglichkeit. Ein Kichern habe ich gehört, bevor die Tür zuschlug. Dann fielen sie über einander her. 

Auch wir waren einmal jung und gut.

Sonntag, 29. März 2015

SELBST LOS (Aus der Serie: WIR)

Pippilotta Rist: Selfless in the battle of love
Und trugen wir nicht ohne Klage deine Kinder in unseren Leibern? Wir riefen nicht: Kehret um, unsere Töchter! Wir ließen es zu. Wir wurden alt und gaben sie hin, wie vordem uns. Sprachen wir nicht so: "Nehmet einen Mann und gebäret." (Doch nicht: ihm. Diesen Zusatz ließen wir weg, wenn wir unseren Töchtern rieten. Den fügtest du hinzu oder die in deinem Namen sprachen, den wir nicht nennen.) Wir verlangten nicht, dass sie, die Erzeuger, blieben, bis unsere Töchter groß wären. Auch das kam erst durch dich auf uns: die Sorge um die bleibenden Herren. Wir, damals, ließen sie gehen. Aber, fragten unsere Töchter, später: Liebtet ihr nicht? Wer liebt, hält nicht zurück, sagten wir. (Warum erfandest du Eifer und Sucht und führtest ein: Nur mich! als Zeichen der Liebe? Warum nur?) Wir gaben selbstlos und waren frei. Erst du nahmst in Besitz und sprachst von der Liebe als Gehören und Gehorsam. Stumpf klingen nun die Töne aus dem Loch, in das du unsere großen Lieben versenkt hast. Wir hatten mehr als du zu geben. Ach, was weinten wir um die Liebe, seit du die sprechen und klagen ließest: "HERR, tue mir dies und das." und "Nur der Tod noch kann euch scheiden." Ach, was? Wir mochten lachen darüber zuerst und doch verging es uns. Du siegtest auf ganzer Linie und machtest auch die Liebe zum Kampffeld, wo Sieger und Besiegte ausgerufen wurden, bis wir sie nicht mehr erkannten. 

   

Sonntag, 22. März 2015

ANT.WORTE (und MO: Weil wir es sind!?)

MO:
Sie sagte: „Was wäre wenn..?“ Sie fügte nicht hinzu: „Du und ich.“ Aber später: „Wir sind es.“ (Ihr Gesicht ist so stark, dass ich es immer sehen kann, wenn ich die Augen schließe. Spröde und sinnlich zugleich. Nachdenklich, ohne Denker-Pose.)

Versuchte Ant-Worte
Ich kam bis hierher, weil ich es wollte, behaupte ich gern. In Wahrheit folge ich einem Stern, der mich will. (Das ist der einzige Trick.) Ich bin sehr zuverlässig und versage jetzt nicht. Systemen habe ich niemals vertraut, ebenso wenig wie Systemtheoretikern und Systemkritikern.

MO:
Wiederum: „Was wäre wenn...?“ (Jede Antwort zieht eine Frage hinter sich her.)

Wenig Ant-Worte
Ich bin schnell und wendig, ich wechsle ständig die Stellung, aber niemals die Haltung: Ich bin eine flüssige Echse. Stundenlang. (Sammeln liegt mir nicht. Ich verschwende.)Ich halte die Realität nicht für wirklich. Nein. Jede Nacht springt ein Tiger auf meine Decke. Ich wache immer auf, bevor er mich frisst.

MO:
Spring! (Ich möchte so gern. Mo.)

Noch weniger Ant-Worte
Ich kann, ohne mich zu langweilen, stundenlang die Decke anstarren und nichts dabei denken. Meine Haut ist dünn und wird faltig (Einzahl). Ich lebe. Gut. MO. Kein Mal.

MO:
Du kannst! (Ich bin klein, mein Herz ist rein. Mo.)

Was für Ant-Worte?
Die mich lieben. Ich weiß es von Rennfahrerinnen und Holzverarbeitern, Bäckern und Malerinnen, Putzmännern und Lichtgestalten. Immerzu. Weihnachtsglühen. Küsse. Nein.

MO:
Nur die.

Ziemlich kurze Ant-Worte
Hmm. Vier immer, manchmal bis zu sieben. Ich bin eine kryptophantastische Realistin. Ich bleibe. Tanzen im Kreis.
Sehr troy. Aus der Büchse. Keines. Es ist eine Träne. 
Ich kann fliegen.

MO:
Heb ab!

Ganz kurze Ant-Worte
Schleierhaft. (Mir.) Nie. Nö. Nie. Es gibt keine Information. Nein. Blöd. Nö.

Ich bin gültig. MO.

***

Obwohl ich kein "potentieller Geliebter" bin, nehme ich die Fragen. An. Mich. Ant-Worte. Können sich schon morgen ändern. Weil Fragen immer interessanter ist, als Behaupten. Deshalb gebe ich Ant-Worte. Gegen-Worte. Die sich mir entgegenstellen. 

***

Frage
Wofür steht MO?


Mittwoch, 18. März 2015

#Blockupy (et.al.) KEIN KRIEG MEHR DEN PALÄSTEN!? Luisa Muraro über "Stärke und Gewalt"

"Ich finde es daher richtig, damit aufzuhören, auf die Politik der Paläste zu schauen, und ich finde es zwecklos, noch etwas von ihnen zu erwarten, um dann zwangsläufig enttäuscht zu werden."
Luisa Muraro



Luisa Muraro beginnt ihren Essay über "Stärke und Gewalt" mit der Reflexion über ein Graffiti, das ihr, als sie es entdeckte, "wie von mir im Traum geschrieben erschien":

Dio è violent !

"Gott ist gewalttätig!" heißt das und eine andere Hand sprühte unter diesen schwarzen Schriftzug auf die sandsteinfarbene Wand in Lecce in Rot: "Und belästigt mich". Kleiner. Undeutlicher. 

Muraros Essay über die Gewalt sorgte in Italien nach seinem Erscheinen 2012 für Aufruhr. Die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, auf die er sich in spezifischer Weise bezieht, sind jedoch längst nicht mehr italienische, sondern - auch wenn in den Medien und von Macht-"Politiker_innen" weiterhin nationalstaatliche Diskurse bevorzugt werden - längst europäische. Was das heutige Blockupy-Desaster in Frankfurt gezeigt hat - und wenigstens das kann als ein Erfolg gewertet werden - ist: Es gibt eine europäische Öffentlichkeit und Ansätze einer europäische Politik jenseits des Austausches nationaler Macht-Eliten in den Hinterzimmern von "Institutionen". 

Für Muraro ermöglicht das Wort "Gott" es, in den bürgerlichen, rationalistischen Diskurs Denkweisen und Wissen einzuführen, denen er sich sonst verschließt. Die Verbindung von Gott und Gewalt eröffnet auf diese Weise gleichsam einen neuen Blick auf die Bedeutung und den Bezugsrahmen von Gewalt, meint Muraro. Denn "Gott", so die rationalistische Erzählung, lässt sich vergewaltigen, wird zur Gewalt missbraucht  Das Graffiti aber wendet diesen laizistisch-rationalistischen Blick: Gott ist gewalttätig. Muraro liest das nicht als Vorwurf, sondern als distanzierte Feststellung. Gewalt ist aus dieser Perspektive keine Option, sondern eine Potenz, die wir nicht strategisch einsetzen können, sondern die uns in bestimmten Situationen gebraucht.

Muraro setzt sich in ihrem Essay mit der Konstruktion des Gesellschaftsvertrages auseinander, durch die zu Beginn der Moderne mächtige Männer eine Erzählung schufen, um den Status der Machtbeziehungen zwischen Männern und Frauen, Reichen und Armen, Fremden und Einheimischen ohne den Rekurs auf Gott zu rechtfertigen. Muraro gibt zu, dass die Fiktion des Gesellschaftsvertrages mit seiner Begründung eines staatlichen Gewaltmonopols für eine gewisse Phase "nützlich" gewesen sei. Dies gelte aber nicht mehr, seit die "Autoritäten" jede Autorität eingebüßt hätten. Diesen Zustand konstatiert sie für die Gegenwart. Die Institutionen, die aus der Erzählung vom Gesellschaftsvertrag hervorgingen, existierten weiter, aber sie hätten jede Glaubwürdigkeit eingebüßt. Das Ideal, von dem her sie ihre Autorität bezogen hätten, sei hinfällig geworden: der Glaube an den Fortschritt, daran, dass die Bedingungen des Vertrages allen mehr Wohlstand ermöglichen (das gilt gleichermaßen für die Hobbesche, die Lockesche oder die Rousseausche Variante des Vertrages). Mit dem Verlust dieses Ideals kehre indes das Gesetz der Stärkeren zurück, das eben von jenen Institutionen durchgesetzt werde, die es eigentlich kontrollieren und seine Gewalt einhegen sollten.

Was also tun? Muraro schaut das Graffiti genau an. Jemand hat mit weißer Farbe einen Buchstaben zwischen dem t von "violent" und dem Ausrufungszeichen hinter dem Satz entfernt. Hätte dort ein o gestanden, so wäre Gott männlich gedacht, hätte dort ein a gestanden, so wäre Gott eine Frau. Gott hat kein Geschlecht, oder? Von einer Frau her kann jedoch vielleicht etwas Neues gedacht werden, nicht weil Frauen klüger wären als Männer, sondern weil sie jene Erfahrungen mitbringen, die dem männlichen Denken fehlen. Denn der Gesellschaftsvertrag, die Fiktion, auf der unser Gemeinwesen so lange basierte, hat gleichermaßen negative wie positive Veränderungen bewirkt: sexistische Unterdrückungsverhältnisse und die Verschleierung der Ausbeutungsverhältnisse ebenso wie die Ideale von Recht und Gleichheit. Die Erfahrung der Frauen gegenüber dieser Erzählung im positiven wie negativen Sinne ist ihre Abwesenheit. Aus dieser Erfahrung heraus können Frauen das Andere denken, eine Vision von Freiheit für Männer und Frauen entwerfen, die nicht auf der Fiktion der Unabhängigkeit basiert, die die Gebürtlichkeit ignoriert und leugnet. Stattdessen ginge es um Freiheit, die sich aus Beziehungen entwickelt. Der Feminismus der Differenz bricht daher radikal mit dem Ideal der Gleichheit. Es geht ihm nicht darum, sich zu integrieren, also Gleichstellung zu erreichen, sondern frei zu werden für ein anderes Denken, dem dann (unter anderem) die Idee des Gesellschaftsvertrages in ihrem Kern heute als eine Verabredung zur kollektiven politischen Verantwortungslosigkeit erscheint. Denn laut Vertrag tritt ja ***der Einzelne*** seine individuelle Verantwortung für die Politik, für die Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens, an den Staat und seine Repräsentanten ab, die es über Gesetze regeln. Politische Stärke hieße, diese Verantwortung wieder zu übernehmen, also sich nicht länger auf den "Vertrag" zu beziehen, den "wir" nicht nur nie geschlossen haben, sondern in dem "wir", die Frauen, auch fiktiv nicht als Subjekte mitgedacht waren. Daher kann "uns" dieser Schritt leichter fallen als Männern, da wir ihn, den Vertrag, nicht einmal kündigen müssen. (Spannend für mich an dieser Stelle, die Schnittmenge, aber auch die Differenzen von Muraros Thesen zu Martha Nussbaums Kritik am Gesellschaftsvertrag in ihrem 2014 auf Deutsch erschienenen Buch "Die Grenzen der Gerechtigkeit".)

Von dieser Überlegung her denkt Muraro nun auch das Problem der Gewalt um: Gewalt wird  eben nicht mehr als Mittel begriffen, das sich für diese oder jene Zwecke gebrauchen lässt, sondern Gewalt wird als eine Potenz erkannt, die Menschen gebraucht, denen es gerade nicht offen steht, sie zu nutzen oder auf sie zu verzichten, die nämlich in Gewaltverhältnissen schon leben. Weil Macht und Politik nicht dasselbe sind, geht es jedoch nicht darum, diese Verhältnisse gewaltsam zu brechen, sondern sich der eigenen (politischen) Stärke wieder bewusst zu werden. Dieser Stärke kann sich aber gerade keine vergewissern, solange sie sich in ihrem (politischen) Handeln auf die Herrschenden bezieht. Dass das Ende des Fortschrittsglaubens (des Willens zu mehr Wohlstand für alle; an dieser Stelle eröffnet sich eine spannende Verbindung zum "Mangel an Denken" in der traditionellen Ökonomie, nämlich wahrzunehmen, dass "Wirtschaft Care ist") nicht in seiner Konsequenz  gedacht worden ist, führte zum Aufbäumen und Dahinsiechen der autoritätslos gewordenen "Autoritäten", unter ihnen die Institution "Mann", durch die das Gewaltmonopol des Staates in die Familie verlängert wurde. Die auch in der Linken verbreitete Denkfaulheit, diesen Zusammenhang wahrzunehmen, erklärt, so Muraro, "den nicht-intelligenten Gebrauch von Gewalt durch politisch linke Gruppen. Überzeugt davon, tödliche Gegner des Staates zu werden, ahnen sie nicht (abgesehen natürlich von Spitzeln), dass sie genau dadurch zu seinen Komplizen werden. Dieses objektive Komplizentum zeigt sich heute im Schwarzen Block, der perfekten Verkörperung des Komplizentums von privater Gewalt, Kriminalität und Staatsgewalt." 

Frauen wachse, so zeigt Muraro, eine zweifache Kompetenz zu, die Frage der Gewalt neu zu definieren: einerseits hätten sie gleichermaßen innerhalb wie außerhalb des Gesellschaftsvertrages gestanden; zum Zweiten hätten Frauen die Erfahrung sexueller Gewalt gemacht. Die Kompetenz der Frauen entstehe daraus, dass sie aus diesen Erfahrungen eine symbolische Unabhängigkeit gegenüber der Macht erlernt hätten: Die Fähigkeit nämlich, "Gehorsam" - scheinbar - zu leisten, ohne zu glauben. (Eben das, was im "männlichen" Diskurs die Hinterlist, die Un-***Ehrenhaftigkeit***, kurz die Minderwertigkeit der Frau bezeugt, ihr mangelnder Wille, ihren Glauben oder Unglauben mit den Mitteln der Macht durchzusetzen). Symbolische Unabhängigkeit ermöglicht, die Macht nicht mehr anzuerkennen, ohne an ihr zu zerbrechen. Und es bedeutet: Als Maßstab nicht den "Erfolg", nämlich die Anerkennung als individuelle "Heldin" im Kampf gegen "die da oben", zu setzen, sondern das Begehren, den Herzenswunsch: Wie wir leben wollen. Gewalt ist dabei kein Mittel, sondern eine Kraft, die möglicherweise ausbricht. "Die Formel, die ich gefunden habe", schreibt Muraro, "lautet: So viel wie nötig, um zu kämpfen, ohne zu hassen, so viel wie gebraucht wird, Bestehendes aufzulösen, ohne zu zerstören." 

Gewalt dient nicht dazu, "das System" zu "zerschlagen". Gewaltsam kann es aber erscheinen, wenn Altbekanntes und Vertrautes sich verändert, entzerrt, verzerrt - und Neues entsteht. Wichtig ist zu erkennen: Wenn wir den "Institutionen" und ihren Repräsentanten nicht glauben, müssen wir uns auch nicht an sie wenden, sie nicht bekämpfen und nicht zerstören. Wir müssen stattdessen gleichsam an ihnen vorbei agieren: 


"Und belästigt mich" 

Der undeutlichere, offener und rätselhaftere Teil des Graffitis ist es, auf den es ankommt. Vielleicht sind Formen des Protestes wie Blockupy (gewaltfrei oder gewalttätig) längst überholt. Ich persönlich möchte das Neue ohne die Chiffre "Gott" denken können, die für mich durch die Tradition entwertet ist. 


***

Frankfurt, 18. März 2015


"Verschwendet erscheint mir auch die Sprache des Protestes, der sich an die Regierenden wendet. Die Parolen der Entrüstung sind erbärmlich (nicht der Protest, der damit einhergeht)."