Samstag, 9. September 2017

DUMMHEIT OHNE POESIE. Und: Wovor ich mich konkret fürchte

avenidas 
avenidas y flores

flores
flores y mujeres

avenidas
avenidas y mujeres

avenidas y flores y mujeres
un admirador

Eugen Gomringer


Alleen, Blumen, Frauen
und
und?
Ein Betrachter


Keine korrekte Übersetzung ins Deutsche hier. Ein und? mit Fragezeichen. Denn: Man (d.i. der Asta der Alice-Solomon-Hochschule Berlin) liest hinein in die konkrete Poesie, es handele sich hier um die Fortführung einer "patriarchalen Kunsttradition", in der Frauen "ausschließlich schöne Musen sind".

Und? Wenn schon.

Nein, das meine ich, selbstverständlich, nicht so. Wenn Frauen "ausschließlich" schöne Musen sein könnten, dann wäre das nicht schön. Schön ist aber doch, dass und wenn Frauen schöne Musen sein können, auch. Finde ich. 

Wie ist das mit der Konkreten Poesie noch mal gedacht? Die Konkrete Poesie entkleidet die Worte von ihrem semantischen Sinn, ohne freilich damit jemals vollständig erfolgreich sein zu können. Denn die Konkrete Poesie spielt mit den Worten, ihrem Klang, ihrem Zeichencharakter und - ein wenig, ein wenig, trotz alle dem  - mit ihrer Bedeutung. Sie scheitert damit zwangsläufig, je gelungener sie ist, mit jedem Mal, das sie Worte verwendet, an ihrer Konkretisierung. Und darum geht es. 

Und dann:
Alleen (pl.), Alleen (pl.) und Blumen (pl.) 
-as - es
y

Es gibt Alleen und es gibt Alleen und Blumen. Gleichzeitig. In einem Bild? In zwei Bildern, aneinander geschnitten? Alleen- breite, große, belebte, leere, laute, leise? Blumen - kleine, blättrige, blühende, große, kelchige, knospende? Kultur und Natur. Diese Interpretation geht schon zu weit. 

Man muss das auch hören. Auf Spanisch.

Und dann gibt es nochmal Alleen und es gibt Alleen und Frauen. Gleichzeitig. In einem Bild. In zwei Bildern, aneinander geschnitten? Frauen - große, kleine, dicke, dünne, helle, dunkle, kluge, dumme? Kultur und Natur. Diese Interpretation geht zu weit. Man muss zuhören.

Es gibt keine "Frauen und Blumen".

(Denken Sie doch mal darüber nach!)

Es gibt einen Bewunderer. Unbestimmter Artikel. Männlich.
-or
un

Das Gedicht gibt das: einen unbestimmten, männlichen Bewunderer. Zuletzt. Von dem aus schaut die Leserin zurück auf Frauen und Blumen und Alleen. Keine schönen Musen weit und breit. Es bleibt aber ein männlicher Bewunderer nach der Mehrzahl von Frauen und Blumen und Alleen. Niemand sagt, übrigens, dass die schön sind, alle. Steht da nicht. Blumen sind schön, meistens. Und Frauen, oft (Ansichtssache). Aber Alleen? Vielleicht. Manchmal. Blumen und Frauen stehen nicht zusammen, da. Sondern: Ein Bewunderer. Männlich. Es ließe sich lesen: Ein männlicher Bewunderer sieht auf Straßen, Frauen und Blumen. Für männliche Bewunderer seien Frauen und Blumen und Straßen dasselbe oder mindestens auf derselben Schauwert-Ebene. Aber vielleicht auch nur "Straßen und Frauen", denn "Frauen und Blumen" gibt es nicht. Oder umgekehrt? Weil Blumen und Frauen Straßen gleichermaßen "beleben" für den Bewunderer? 

Und wenn?

Wenn es so wäre, wäre das Gedicht Eugen Gomringers ein hochgradig ironischer Umgang mit jener "patriarchalen Kunsttradition", von der der Asta der Hochschule schreibt, - und das Gedicht mithin selbst Kritik an dieser Tradition. (Und an einer männlichen Sichtweise, die die Wahrnehmung von Frauen bewundernd auf ihre äußere Erscheinung, ihren Schauwert einschränkt. Andererseits: Man könnte auch sagen, dass Männern, pl. die Bewunderung für den Schauwert ihrer Erscheinung traditionell allzu oft versagt bleibt. Auch und gerade in der Dichtung.)

Und: Das ist es wohl. Eine ironische Kritik am männlichen Schauen und Dichten. Auch. 

Und aber: Poesie. Konkret.

Es gibt hier keine Verben. Niemand belebt nichts. Niemand liest. Niemand sieht. Niemand denkt. Auch der Bewunderer nicht, Asta.

Es sind Worte. Auf die wir reagieren. Als Betrachterinnen und Leserinnen. Auf ihren Klang, ihre Form, ihre Bedeutung. Aber unsere Reaktionen auf sie und die Worte sind nicht dasselbe. Dass die Worte nicht sind, was sie bedeuten, darauf will die Konkrete Poesie nämlich aufmerksam machen. 

Was hier ganz offensichtlich gleichermaßen gelungen wie gescheitert ist, also sehr konkret, aber nicht poetisch: Der Asta der Hochschule versteht keine Poesie und liest die Worte nicht als Worte. An der Fassade oder sonstwo.

Sondern: Die Tradition. 
Die Klischees. 
Belästigungen von Frauen auf Straßen.
(Wo bleiben die Blumen? Asta.)
Es liest sich selbst. Ins Gedicht hinein. 

Und wenn schon? Das wäre ja weiters nicht schlimm. 

Die Hochschule hat aber entschieden - um des Schulfriedens willen -, das Gedicht auf der Fassade der Alice-Solomon-Hochschule zu übermalen. 

Zensur ist das (noch) nicht. (Weil das Gedicht ja damit nicht verboten ist.) 
Aber es ist dumm. 

Und es gibt guten Grund, die Dummheit* zu fürchten. 
Eine dumme Welt ohne Poesie. 
Konkret.


* Dass die Dummheit im Gewand des Feminismus daherkommt, stimmt mich persönlich besonders traurig.

Dienstag, 25. Juli 2017

MEAT JOY. Meet Joy. Carolee Schneemann im MMK Frankfurt - noch bis zum 24. September


Carolee Schneemann veröffentlichte 1974 ein Künstlerbuch unter dem Titel „Cezanne. She was a Great Painter“. Der Titel verweist gleichermaßen auf den Anspruch der Künstlerin als „große“, d.h. bedeutende Malerin anerkannt zu werden und auf die Zurückweisung, die dieser Anspruch bis heute durch männliche „Kunsthengste“ (Schneemann) erfährt, wenn er von einer Frau formuliert wird. „Great Painter“ wird als Mann gedacht, beinahe unwillkürlich (was auch ein Kommentar zur - vermeintlichen - Geschlechterindifferenz der englischen Sprache ist).
 
Katalog zur Ausstellung
hrsg. von Sabine Breitwieser
Prestel Verlag 2015

Schneemann war immer wieder im Verlauf ihrer Karriere mit dieser Sichtweise konfrontiert: Man riet ihr statt Beauvoir den „Meister“ Sartre zu lesen, man verwies sie vom College, weil sie sich selbst als Akt malte, wohingegen es unbeanstandet blieb, dass sie männlichen Kollegen nackt als Modell saß. Carolee Schneemann hatte aber auch Glück in ihren Beziehungen: Sie verwirklichte mit James Tenney eine gleichberechtigte Lebens- und Arbeitsgemeinschaft, der sie im Film „Fuses“ von 1964 ein berauschendes Denkmal setzte. „Fuses“ zeigt Schneemann und Tenney durch die Augen der Katze des Paares, nackt, sich liebend, müßig, frei, lebendig. Der Blick auf weibliche und  männliche Genitalien ist offen, neugierig, lustvoll, jedoch niemals voyeuristisch oder pornographisch. Was den Unterschied ausmacht? Die wechselnde Perspektive der Kamera, die sich immer wieder auch mit dem Blick der Katze vereint, die Zeitspanne (der Film entstand über 3 Jahre), die im Wechsel der Jahreszeiten, der Frisuren und Behaarungen, im Geschwindigkeits- und Rhythmuswechsel der Filmspuren sichtbar wird, die Bearbeitung des Zelluloid-Materials durch Schnitte, Collagen, Klammern, Bemalungen, so dass beide im Film weder als „Objekt“ noch „Subjekt“ dargestellt werden, sondern in ihrer beweglichen und bewegenden (sexuellen) Beziehung, in der sich die Rollen und Zuschreibungen wandeln.

Fuses (1964-67)
Carolee Schneemann ist in der Kunstwelt vor allem als Performance-Künstlerin bekannt, durch ihre bahnbrechenden Performances wie „Eye Body“ (1963), „Meat Joy“ (1964)  oder  „Body Collage“ (1967). Stets arbeitete sie dabei auch mit ihrem eigenen Körper. Schneemann beschreibt, wie in der männlich dominierten Kunstwelt der nackte weibliche Körper – auch noch und gerade in den frühen Happenings der 60er Jahre – ausschließlich als Objekt benutzt worden ist. Indem sie sich selbst, die Künstlerin, das „Subjekt“ der Inszenierung, an dieser Stelle eingesetzt hat, durchbricht sie diese „territorialen Potenzlinien“. Schneemann geht es darum, sich – die Frau! –in ihrer archaischen Kraft zu entdecken und zu inszenieren, nicht bruchlos und ohne Bezugnahme auf die Verletzungen und die Verletzbarkeit, die diesem symbolischen Körper durch die Geschichte (der Kunst) zugefügt wurden und werden. Das zeigen die Materialien und Gegenstände, mit denen sie ihre Inszenierungen verbindet: Spiegel, zerbrochenes Glas, Bandagen, Leim. Es entstehen visuelle Fragmentierungen, Schnitte, Erschrecken, Schmerz. Aber immer wieder gelingt es Schneemann Bilder der Freude, der Lust, des Entdeckens und der weiblichen Macht zu entwerfen. Sie schreibt: „Ich fühlte mich gezwungen, mir meinen Körper unter mannigfachen Aspekten ´vorzustellen´, die der mich umgebenden Kultur entgangen waren. Acht Jahre später sollten sich die Implikationen der Körperbilder, die ich erkundet hatte, klären als ich 4000 Jahre alte, sakrale Artefakte der Erdgöttin studierte.“

Vulva´s Morphia (1995)
Eine Retrospektive des Werkes von Carolee Schneemann wird derzeit im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main (MMK 1) unter dem Titel „Kinetische Malerei“ gezeigt. In der Tat offenbart der Blick auf die frühen Werke der Künstlerin und ihre Entwicklung aus diesen Anfängen heraus, wie sehr Carolee Schneemanns Arbeit durch die Malerei geprägt ist. Die frühen expressionistisch anmutenden Gemälde drängen zur Bewegung, zur Auflösung der vierkantigen Begrenzung, gerade so wie ihre Performances und Filme in den späteren Jahren malerische Elemente enthalten: das Experimentieren mit Schattierungen, Schriftzügen, Pinselstrichen und Überschreibungen. Die Malerei entgrenzt sich, indem „das Bild“ aufgegeben wird und die Inszenierungen werden als bewegte Bilder vorgestellt, immer wieder auch in großartigen Fotografien und Foto-Collagen festgehalten. Dabei bewegen sich Schneemanns Arbeiten häufig auf ein gefährliches und gefährdendes Chaos (die scharfen Kanten der Spiegel und Spiegelungen)  zu und sind zugleich in ihrer Offenheit und Lebendigkeit ungeheuer lebensbejahend, ja fröhlich.

Und während des Betrachtens entdecke ich: Es sind solche Bilder und Filme und dieser fröhlich, freie und gefährliche, (sich) gefährdende Feminismus, den ich brauche, auch oder gerade weil (mir) das gegenwärtig so "Retro" vorkommt; heute, da Feminismus von einigen (nur noch?) als Teil einer Bewegung von Minderheiten begriffen wird. Es kann selbstverständlich immer etwas schiefgehen, wenn kulturelle Tabus gebrochen werden: SNAFU (Situation normal all fucked up) heißt eine Arbeit aus dem Jahr 2004 von Schneemann. Daher fehlt zuletzt denn bei dieser Ausstellung, die Frauen (und Männer) in ihrer Nacktheit und mit ihrem (auch) sexuellen Begehren zeigt, nicht der Hinweis, Kinder und Jugendliche könnten in ihrem „sittlichen Empfinden“ verletzt werden. (Ein Hinweis, den ich im Übrigen noch niemals gesehen habe, wenn es um die Ausstellung von christlichen Kreuzigungs- und Folterbildern geht). Der Angriff der weiblichen Lust, die nicht dem Mann dient, die Lebendigkeit des Frauseins jenseits der patriarchalen Muster hebelt offenbar schmerzhaft all die lieb gewonnen (religiösen und anderen) Illusionen über Unverletzlichkeit, Unverfügbarkeit und Unberührbarkeit, über Reinheit und Idealität ("der Frau") auf. Da mag ein "sittliches Empfinden", dem die Darstellung körperlicher Gewalt wenig anhaben kann, sich winden. 

1995 entstand „Vulva´s Morphia“, eine Lecture-Performance und Wandinstallation. Schneemann ging es darum, die „Darstellungen der Macht genitaler Sexualität, die sich in Kulturen finden, die nominell von der westlichen Kunstgeschichte ausgeschlossen sind“ zu untersuchen. Sie häufte Berge von Materialien, Texten, Bildern und Anmerkungen an: „Genitalverstümmelungen bei Frauen, der gegen Feminismus und Hexerei protestierende Papst, lacansche Entstellungen weiblicher Sexualität, Bestrafungen schwangerer halbwüchsiger Mädchen in Highschools, wirre aktuelle Forschungen zum weiblichen Orgasmus.“ Schließlich entschied sie sich: „Eines Nachts hatte ich einen Traum, in dem mir eine gebieterische Stimme erklärte: ´Du wirst nie wieder als Künstlerin mit deinen Händen in deinem Atelier arbeiten, solange dieser riesige unordentliche Haufen mit Notizen dort über den ganzen Boden verstreut herumliegt. WARUM ÜBERLÄSST DU DAS REDEN NICHT DER VULVA?´

Und sie tut´s auf den 35 farbigen Laserprints der Wandinstallation, wo u.a. zu lesen ist: „VULVA DECIPHERS LACAN AND BAUDRILLARD AND DISCOVERS SHE IS ONLY A SIGN, A SIGNIFICATION OF THE VOID, OF ABSENCE, OF WHAT IS NOT MALE…(SHE IS GIVEN PEN FOR NOTES)…“

 Lol.



Zitate aus dem Katalog zur Ausstellung
Carolee Schneemann: Kinetische Malerei, hrsg. Von Sabine Breitwieser (Museum der Moderne. Salzburg), Prestel 2015 (€ 49,95)

Samstag, 8. Juli 2017

LINE LEUCHTE 1 (Was hat das mit den "Drei Sabinen" zu tun?*)

Wir können im Falle Karoline Pfeifers kaum durch Rückgriffe auf Briefe, Tagebücher, Notizen den Eindruck erwecken, was wir erzählen wollen, könne beglaubigt werden durch Dokumente, geschrieben von der eigenen Hand der Protagonistin. Denn Line hatte, mindestens in den letzten 30 Jahren ihres Lebens, nichts aufgeschrieben, nicht einmal hatte sie noch von eigener Hand die Beileidsbekundungen, die sie von Jahr zu Jahr häufiger zu verschicken hatte, verfasst. Die diktierte sie vielmehr erst der Tochter, später der Enkelin. Der Verdacht, dass Line in Wahrheit gar nicht schreiben konnte, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Denn das Schreiben spielte in Lines Leben, nachdem sie die Volksschule verlassen hatte, keine Rolle. Sie schob es auf ihre rauhen Hände, dass sie sich weigerte, einen Stift in die Hand zu nehmen, um die schwarz geränderten Karten zu beschriften. Vielleicht aber wusste sie auch längst nicht mehr, wie die Buchstaben zu malen waren. Lesen allerdings konnte Line: die Koch- und Haushaltskladden ihrer Mutter und Tanten, eng liniert und sorgfältig geführt in Sütterlinschrift, Lore-Hefte, die sie unter dem Spülstein verbarg und, von vorne bis hinten an jedem Sonntag, das Gemeindeblatt. Als Lines Todesanzeige im August 2001, wenige Wochen vor den Anschlägen auf das World Trade Center, in eben jenem Sonntagsblatt erschien, betrauerten zwei Töchter, ein Sohn, eine Schwiegertochter, ein Schwiegersohn, drei Enkelinnen und zwei Enkel die „nach langer schwerer Krankheit im Kreise der Familie Verstorbene“.  Das stand so da und war doch nur ein Schein, denn in Wahrheit hatte Line niemals ein Kind geboren, war ihr Leib unfruchtbar geblieben und die da zeichneten als ihre Kinder und Kindeskinder waren ihr nicht anverwandt. Den einen war sie Stiefmutter geworden in der zweiten Hälfte ihres Lebens und die anderen hatten sie als „Oma“ immer gekannt. Wer Line gewesen war, was sie verbarg und jenen immer verborgen bleiben sollte, die da an ihrem Grab standen, war die Tatsache, dass Line eine der großen Liebenden ihres Jahrhunderts gewesen war. 

Woher glauben wir das zu wissen? Wir sahen die Blicke und Gesten, vor allem die vermiedenen, mehr als ein halbes Jahrhundert.  Einige von uns wurden Zeuginnen jener beiden unvergesslichen, verräterischen Ausbrüche, auf die jedoch keine von uns jemals die beiden ansprach, weder auf den Vorfall im Jahre 1970, als Peter Leuchte seine Frau Antonia, genannt Toni, beinahe geschlagen hätte, noch auf Lines Weinkrampf an seinem Grab siebzehn Jahre später. Wir besitzen zwei Briefe, die ganz hinten in Lines Bibel abgelegt waren und einige verschwommene Fotos, die Peter Leuchte sorgsam vor seiner Frau in der untersten Schublade seines Schreibtisches im Laden versteckte, eines mit einer Widmung Lines darauf. Wir sind dennoch, trotz dieser dürftigen „Beweislage“  vom Wahrheitsgehalt unserer Erzählung überzeugt, davon auch, dass diese Liebesgeschichte, der wir den Namen „Line Leuchte“ geben werden, in Nichts den großen Liebesdramen der Literatur nachsteht, weder in ihrer Tragik noch, ja auch dies, in ihrer Komik. 

Alles andere in Lines und Peters Leben ist gesichert. Beide verließen einen Radius von 80 km rund um Haselberg nie. Ihre Geburts- und Sterbeurkunden, die  Überschreibungen des Geschäfts und der Äcker an Lines Stiefkinder und Peters Neffen, die Aktordner mit Steuerbescheiden und Stromrechnungen wurden über die Jahre sorgfältig aufbewahrt. Es scheint keine Lücke zu geben. Zwei offenbar unspektakuläre Leben, die wie alle ihrer Generation zwar von Weltkrieg Nr. 2 geprägt wurden, jedoch dem Anschein nach weniger dramatisch, als es bei vielen anderen der Fall gewesen war. Wegen seiner Behinderung hatte Peter nicht zur Wehrmacht gemusst und Haselberg war auch noch in den letzten Kriegsjahren von Bombenangriffen verschont geblieben. 


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* Ich weiß es noch nicht. Das kollektive Erzähler-"Wir". Vielleicht. 

Fantastischer Claus?


Dienstag, 25. April 2017

LUGMERTRUG. Ein Traumbild. "Es ist immer wahr, was mir keiner glaubt."

"Mir träumte", sage ich, "von einer Frau Lugmertrug." Pause. Lange Pause. "Und?" fragst du. "Weiß nicht.", sage ich. 

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Sagen wir: Sie lugte. Um die Ecken. So gut wie sie log. Beispielsweise. Wie ich log. Ich lüge immer gut, wenn es nicht drauf ankommt. "Es spinnt sich was z´ammen." "Sie glaubt´s selbst.", sagt die Frau Mama. Was wahr ist. Es ist immer wahr, was mir keiner glaubt. Und nur das. Lugt um die Ecken. Er. Sie. Es. 

Was passiert, wenn eine um die Ecke lugt. Wie sich das Bild bildet, das verruckte. 90 Grad verdreht, wie der Kopf schief liegt. Der Mond auf halber Höhe. Könnte ihn auftippen lassen wie einen Ball. Und einlochen. -  Dabei scheint gar kein Mond. ("Das war doch nur ein Beispiel." "Aus dem Romantik-Fundus." "Woher sonst?")

Wir könnten ans Meer fahren. Lug. Meer. Trug. Ich ziehe einfach das "e" in die Länge. Schon sitze ich in einem weißen Spitzenkleid mit hochgeschlossenem Kragen unter einem seidigen Sonnenschirmchen auf einer Bank am Meer. Das Wetter ist zugig, aber die Luft wird silbrig, mit bläulichem Schimmer. Das Meer unterm Himmel jadebusiggrün. Wie ein Smaragd, nein, ein Opal, wenn er um meinen Hals liegt als schimmerndes Oval, gefasst in mattes Gold. Weil ich edel bin, hilfreich und gut. Ein echtes Luxusweibchen. Immer am Meer. Reich mir den Arm, geleite mich zu meiner Kutsche, hilf mir hinein. Leg die Hand an die Hosenbeine, steif! Benimm dich!

Und trug es uns dahin. Wie ein Betrug. Rattert das fort. "Jeder Betrug zeugt einen Tod in meinem Herzen." (Ja, ja, ja. Wie du die pathetischen Wendungen hasst. Aber lass mich doch. Ein wenig trudig sein. Ein bisschen 19.Jahrhundert-Madam. Warum denn nicht?) Die Leute (also die andern) denken beim Betrug immer an Geschlechter+Liebesverhältnisse, Eheversprechen, so Zeugs, weißt schon? Wir nicht. Wir nicht. Dieser Schmerz, jemanden an seinen eigenen Maßstäben scheitern zu sehen. Oder geschätzte, mindestens ("Minimum!") geachtete Mitmenschen sich selbst entblödend beobachten zu müssen. Wenn sie unterhalb ihrer Möglichkeiten bleiben. Moralisch-ästhetisch gesehen. Bei Leuten ist es egal. Leute bleiben immer unter. Wir nicht. Bei uns ist es am schlimmsten. Der Trug. 

Wie ich dich niemals sehen wollte. Mich niemals sehen wollte. 

Danach ist alles anders. 

Und möglich.

Kein guter Anfang. Kein schlechtes Ende.

Danach ist Danach.

Lugmertrug.



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"Sahst du auch einmal, im Traume, meine ich, Herrn Lugmertrug? Aus dem Schatten treten? Dunkel?" Pause. Lange Pause. Keine Antwort.

Montag, 17. April 2017

Frust-Post oder Schluss mit diesen Forderungen nach Liebe undsoweiterundsofort

Morgen muss ich nach 2 Wochen Urlaub wieder zur Arbeit antreten. Unvermeidlich dabei zugleich: Die Begegnung mit nicht wenigen jener Türkischstämmigen, die "Evet" gewählt und damit die Demokratie in der Türkei zugunsten eines Autokraten abgewählt haben. Das frustriert mich. Mehr noch: Das dümmlich-dreiste Argument, das mir  - wie schon seit Wochen - entgegenschlagen wird: das Demokratische des Verfahrens sei ja gerade dadurch bewiesen, dass die Mehrheit sich schonungs- und rücksichtslos durchsetzen könne. Erdogans Anhänger verstehen Demokratie als Diktatur der Mehrheit bzw. "des Volkes", mit dem sie sich ähnlich blöde wie die Anhänger der hiesigen AfD- und Pediga-Apologeten oder der "Front National" mirnichtsdirnichts gleichsetzen. Wer anderes will, ist ein "Verräter" (Frauen denken sie gelegentlich gar nicht oder - behauptet - irgendwie immer mit). 

Jetzt wird wieder mal von interessierter Seite behauptet, das Wahlverhalten der in der BRD zum Teil schon in der 3. oder 4. Generation Ansäßigen (über 60% für Erdogan) sei darauf zurückzuführen, dass ihnen die Integration verweigert worden sei. Hätten "wir" nur..., wären "wir" nur....Die Hybris dieser - meist sich als "links" verortenden - Denkschablone ist unüberbietbar: Was immer "unsere Opfer" tun, es liegt an dem, was "wir" getan oder unterlassen haben. Das ist auf seine Weise eine nicht weniger herablassende (oder im Duktus dieser Leute: "rassistische") Sichtweise als jene rechtsnationale, deutschtümelnde, die sie so vehement und in der tiefen Überzeugung ihrer moralischen Überlegenheit bekämpfen. 

Die aus der Türkei stammenden Menschen haben ganz überwiegend so gestimmt wie die Verwandten und Bekannten aus ihren "Heimatregionen". Stammen sie aus ländlichen Regionen, so verehrt eine Mehrheit von ihnen den religiös motivierten Despoten, stammen sie aus säkularen Familien und urbanen Verhältnissen, so verabscheuen sie dessen Stil und Politik zumeist. So einfach ist das. Und so unangenehm. Denn es heißt tatsächlich, dass die Bindungen und Prägungen aus dem "Herkunftsland" (das für die meisten ja gar keines mehr sind), tiefer reichen als jene neu geknüpften im Alltagslebensland Deutschland. 

Vielleicht muss man bei der Analyse dieses Phänomens (des Wiedererstarkens dumpf-nationaler, religiös-ausgrenzender, illiberaler Politikangebote), das sich ja nicht auf die Türkei beschränkt, tiefer schürfen: Ganz offensichtlich handelt es sich fast überall um einen Konflikt, der sich zwischen urbanen liberalen Lebensstilen und ländlich geprägten, kollektivistisch-"volkstümlichen" abspielt (siehe Österreich, Frankreich, USA...etc.pp.) Es sind zwei verschiedene kulturelle "Prägungen", die offenbar auch tief in familiären Bindungen verwurzelt sind: ein Verständnis von "Kultur" als Angebot zur Selbstbildung trifft auf ein Verständnis, das "Kultur" als identitätsstiftenden, stabilisierenden und abgrenzenden Panzer gegen eine unverständlicher werdende komplexe, vielfältige Welt einsetzt. 

Es kann politisch gegenüber jenen Bewegungen, die auf Ausgrenzung, Hass, Diskriminierung des Anderen setzen, kein "Entgegenkommen" geben, auch keinen "sozialpädagogischen" Ansatz der Belehrung durch mehr "Angebote" zur Teilhabe an deren jeweilige "Identitätsgruppen" (seien sie durch Religion, Nation, Heteronormativität oder was immer bestimmt). Solche Zugeständnisse sind schlicht deswegen ausgeschlossen, weil sie menschenfeindliche und diskriminierende Rückschritte darstellen würden. 

Was tun? "Kultur" als Angebot zur Selbstbildung, Selbstreflexion und Selbstkritik zu verstehen, ist eine Chance, die jeweils immer nur eine Einzelne, ein Einzelner für sich, geleitet von ihrem je eigenen Begehren ergreifen kann. Die Wege sind unterschiedlich, trotzdem lohnt es sich vielleicht, hinzuschauen, wo, wie und warum das Einzelnen gelingt. Es geht um "Prägungen", wie ich oben schrieb, tief sitzende, die dennoch überwunden, mindestens modifiziert werden können. 

Der Vater einer Schülerin, dessen Deutsch sehr schlecht ist, trotz vieler Jahre, die er in Deutschland gelebt und gearbeitet hat, ist für mich ein solches Beispiel. Der Mann kommt sicher aus dem, was man "einfache Verhältnisse" nennt oder "bildungsferne" Schichten. Im - sprachlich holprigen - Gespräch erlebte ich ihn als einen Vater, der sich für seine drei Töchter einsetzt, der sich für sie und ihre Gedanken, Hoffnung und Träume interessiert und um sie sorgt. Das ist der Unterschied ums Ganze: In jedem Satz wurde deutlich, dass ihm wichtig ist, seine Töchter als jeweils Einzelne und Unterschiedliche zu verstehen und ihnen dabei zu helfen, das zu werden, was sie sein wollen. Ich habe das in den vielen Jahren immer wieder erlebt: Den Ausschlag, ob ein Kind sich frei entwickeln kann, seine Potentiale verwirklichen, gibt nicht allein der Bildungsstand oder die Einkommensgruppe der Eltern (obwohl es hier Korrelationen gibt), sondern vor allem dieser Wille, diese Bereitschaft von Eltern, das eigene Kind nicht als Besitz, als Fortführung des "Eigenen" zu begreifen, sondern "über ihren Schatten zu springen", um ihr Kind auf seinem eigenen Weg zu begleiten. Und natürlich gibt es eben auch die anderen: die ihr Kind nicht sehen (wollen oder können), denen es fremd bleibt und die diese Fremde, die alle Menschen voneinander unterscheidet und trennt, zukleistern mit "Identität", klebrigem "Wir-gegen-die-anderen-Gefühl", mit dem Ersticken von Neugier auf die "Ungläubigen", die "Fremden", die "Schwarzen", die "Schwulen" undsoweiterundsofort. 

Was lässt sich politisch daraus folgern? Wenig vielleicht. Und doch, was mir wichtig ist: Ich kann politische Bewegungen, die Identitätspolitiken unterstützen, in denen die Zugehörigkeit zu diskriminierten Minderheiten markiert wird, die sich am Konzept der "Intersektionalität" oder der "Privilegienkritik" orientieren, nicht länger unterstützen. Denn aus meiner Sicht stärken sie mit diesen Ansätzen in letzter Konsequenz genau jene grundsätzlich aus- und abgrenzende Perspektive auf "Kultur", die sie nur noch da bekämpfen, wo sie nach ihrer Ansicht hegemonial ist (also hier: der viel zitierte "alte, weiße Mann"). (Diese Dramatisierung von Minderheitenzugehörigkeiten führte in der Praxis u.a. zu problematischsten Allianzen von linken und feministischen Gruppen mit Anti-Israel-Aktivistinnen, bei denen ich schaudere.) Stattdessen geht es mir um eine Politik, die ihre Hoffnung aus der je Einzelnen und dem Einzelnen hernimmt, deren/dessen Vermögen sich zu ändern, neue Bindungen einzugehen (gelegentlich, indem sich von alten gelöst werden muss - was eben kein "Verrat" ist - , gelegentlich in jener Ambivalenz zwischen Altem und Neuem, die schwer auszuhalten, aber auch sehr bereichernd und verbindend sein kann). Solidarität gilt also nicht "Schwulen" oder "Muslimen" als Gruppe, bewertet wird nicht (auch nicht positiv) eine sexuelle Orientierung, die Zugehörigkeit zu einer Minderheitenreligion oder welche Gruppenidentität auch immer. Wer Menschen beleidigt, kränkt, verfolgt und entrechtet, weil sie lesbisch sind, weil sie Muslime oder Christen oder Ungläubige sind, weil sie schwarz, weiß oder gelb sind, wer bewertet, was Menschen sind und nicht, was sie tun, kann auf Solidarität eben gerade nicht setzen. 

"Liebe für Alle" ist keine Lösung. (Auch, obwohl und weil es so "nett" klingt.) Die Wahrheit ist nämlich: Es gibt keine Lösung. Wir müssen mit Menschen leben, deren Lebensentwürfe uns fremd, auch abstoßend erscheinen. Es gibt nur Hoffnung. Auf die Bewegung der Einzelnen, auf die Vielfalt der Begegnungen, der Ablösungen und Konflikte. Darauf, dass immer mehr Menschen begreifen, wie gefährlich und falsch die Sehnsucht nach "Harmonie" (völkischer, religiöser, nationaler etc.ppp.) ist. Ich werde Menschen, die die AfD wählen oder mit "Evet" gestimmt haben, morgen noch genauso wenig mögen wie heute. Ich betrachte sie als politische Gegner, aber ich nehme sie ernst. Sie sind kein Fall für die Pädagogik oder die Psychologie. Sie folgen ihrem Begehren. Dahinter stecken Sehnsüchte nach Gemeinschaft, Verantwortungslosigkeit und Herrschaftswillen. Zum Beispiel. Sehnsüchte, die ich nicht teile und durch die ich mich und meine Lebensweise zurecht bedroht sehe. Denen stelle ich meine eigenen entgegen: Sehnsucht nach Höflichkeit und Distanz, nach Individualität und Schönheit. Zum Beispiel. 

Aber: Ich kann damit werben, auch bei denen: Dass meine Sehnsüchte ihre Lebensweise nicht bedrohen. Weil es mir egal ist, wie sie ihren Gott verehren, sich kleiden, welche Musik sie hören oder wie sie feiern. Die Kränkung, dass es mir egal ist, die kann ich ihnen allerdings nicht ersparen, sofern sie dies als Kränkung wahrnehmen. Denn ich verlange von ihnen auch nichts weiter, als was ich zu geben bereit bin: Nicht "Liebe statt Hass", sondern "Leben und leben lassen" und das friedliche Austragen von Konflikten, selbstverständlich. 

Deshalb: Ich werde die Beleidigungen und Verunglimpfungen nicht vergeben und nicht vergessen, mit denen Erdogan Menschen wie mich überzogen hat. Ich merke mir das. Es ist wichtig, den Gegner zu kennen und ihm auch mit der gebotenen Härte zu begegnen, wo es nötig ist. Man muss gelegentlich unfreundlich werden und dennoch höflich bleiben. Jene, die Erdogan bestätigt haben, werde ich auch nicht als seine Opfer betrachten, sondern als seine Komplizen. Und daher an der Seite all der anderen stehen: Jener fast 50% in der Türkei, die mutig HAYIR gesagt haben. 

Zum Beispiel.



Sonntag, 5. März 2017

NICHT DIREKT GEMEINT. ("Jetzt kann plötzlich alles passieren.") Ein Traumbild.



Du magst es direkt, sagst du. Obwohl direkt ein hässliches Wort ist. Ich widerspreche dir leise. Denn so habe ich dich nie erlebt. Direkt.


Die Grimms kannten dieses Wort noch nicht. "Das halte ich für keinen Zufall." Ohne Umschweife. Verzicht auf Vermittlung: Mittellos. Es ist ein Wort für die Fastenzeit. Für die Fastenden. Für jene Distinguierten, häufig aus dem protestantischen Milieu, die sich auch dieses letzte Distinktionsmerkmal nicht versagen wollen in ihrer ostentativ zur Schau gestellten Demut der Reichen: Sehet her, wie ich mir´s versage! (Auto, Süßigkeiten, Social Media, Alkohol, Fleisch, Billigklamotten - "Nicht, dass ich sonst zu Primark gehe, außer..." - etc. ppp.) Direkte Umsetzbarkeit von gar nicht guten, nutzlosen (Un-)Taten. Man gönnt sich ja sonst nichts. Direkt. ("Nur indirekt, sozusagen.")

Ich träume von diesen Leuten, sage ich dir. Du lachst. Ein bisschen schäbig, finde ich. "Ich möchte jetzt mal direkt etwas loswerden.", setze ich noch mal an. Damit bin ich dich los. Plötzlich. Löst du dich auf. Vor meinen Augen nur noch Helligkeit. Du löst dich nicht ins Dunkle, das ahnte ich immer schon. "Jetzt kann plötzlich alles passieren." "Schmarrn!"

Ein Flipchart wird aufgestellt im weißen Nichts. Rechts: "Direkt", Links: "Plötzlich". Ich versuche verzweifelt, mich zu erinnern: Wie konnte ich mich an diese Stelle verlieren? Wo bin ich fehlgegangen? Ein gackerndes Lachen aus dem Hinterhalt. Ich habe mich überreden lassen. Von einem sehr direkten Menschen. Unverblümt kam der "zur Sache". Prompt. Hop oder top. So. Dem hatte ich nichts entgegenzusetzen. Einmal, in seiner Gegenwart, war ich plötzlich weggetreten, wie ausgeblendet, sah noch seine Lippen sich bewegen, mit seinen direkten Fragen und direkten Ansagen, aber hörte nichts mehr. Als ich zurückkam, ebenso plötzlich, war nichts geschehen. Er sprach weiter und weiter. Alles verloren von da an. Ich wusste es, aber was hätte ich vorbringen können? Wir saßen in großer Runde. Hätte ich sagen sollen: Das ist mir zu direkt. ("Ja!")

Ich weiß seit langem, dass ich die Eindeutigen meiden muss. Das ist keine Idiosynkrasie. Sie gefährden mich in meiner Existenz. Sie bringen mich vom rechten Weg ab. Ich stolpere unter ihren unmissverständlichen Beteuerungen in undurchdringliche Dickichte. Je direkter sie rundweg aussprechen, was "Sache ist", häufig in dozierendem Ton, meist in missionarischer Absicht, desto ungewisser, verworrener, lustloser wird mir alles. Vor meinen Augen verschwimmt mir unter ihren Aussagen und rhetorischen Fragen die Welt. 



die sinnliche plötzlichkeit des widerspruchs zwischen mittel und zweck. 

Jean Paul



Denn meine Welt ist kryptisch. Zögerlich. Verfranst. Unaufgeräumt und noch nicht ausgeträumt. Wohin ich sehe: Plötzlichkeiten. Es kann einer das Herz erschrecken, wie plötzlich sich die Farben ändern, der Wind dreht, der Boden wankt. Ich kann hier jetzt keine Synonyme auf Flipcharts schreiben. Denn plötzlich bin ich daheim. Im Augenland, wo ich gezähmt werde. Wo alles sich ändern kann. Im Plötzlichen verbirgt sich die Möglichkeit dessen, was nicht geschieht. Es ist mehr und anders als "Schwarze Schwäne." Gegenwärtige Wundersamkeit. Ohne Aussage und Ansage. ("Versöhnt dich das nicht? Zeige dich doch! Ich verspreche dir, dass ich den Direkten den Rücken gekehrt habe.") Dieses unsagbare Glück, wenn plötzlich, alles, alles, alles unsinnig sinnlich wird...Der Schein eines unscheinbaren Augenblicks. ("Nicht wahr"?)

"Ich werde plötzlich da sein." 

Wieder. 

Man kann sich nicht trauen. Niemand. 

"Du, ich bin nicht traumatisiert. Mir geht´s gut."

Doch plötzlich....

Ich werde dir das nicht durchgehen lassen. Wir werden uns in die Augen sehen. Selbstverständlich. Aber nicht direkt!