Samstag, 28. August 2010

DER SCHWARZE SCHWAN

DER SCHWANENBRUNNEN
Eingelassen in die Säule sollen - sagt die Legende - sich ein goldenes Buch und ein goldener Stift befinden.

ein freund,
der es nicht anders sagt als meynt,
ist so gemein, als wie ein schwartzer schwan,
und wie die raben,
die weisse flügel haben.   Johann Christian Günther

DER SCHWARZE SCHWAN

Es begab sich aber in der Stadt der Schwäne, dass die weiße Königin zum dritten Male schwanger war und überall herrschte große Freude, denn man erwartete und hoffte, dass den zwei zauberhaften weißen Prinzessinnen dieses Mal ein Bruder geboren werde: Ein Schwan so strahlend und hell, elegant und nobel wie sein Vater, der weiße König. Dieser aber bemerkte die Veränderung an der weißen Königin zu ihrem großen Kummer kaum. An den Tagen saß er grübelnd auf seinem goldenen Thron, doch in den Nächten schrieb er unermüdlich mit goldenem Stift Zeile um Zeile in ein goldenes Buch. Fragte die Königin ihn: „Was tust du, mein edler Gemahl?“, so sah er nur unwirsch auf, warf gar nicht gediegen den langen Hals zurück und zischte: „Unterbrich nicht den Lauf der Geschichte, Frau. Die Nacht ist schnell vorüber.“

So ging es alle Tage und alle Nächte bis die Königin es nicht mehr ertrug und sich am helllichten Tag in sein Gemach stahl, das Buch aufschlug, in das er Nacht um Nacht schrieb, und begann zu lesen: „Es war einmal in schwarzer Nacht ...“ Und sie las sich fest und las Seite für Seite, zum Essen musste sie von der Kammerdienerin fast mit Gewalt geschleppt werden. In der Nacht lauschte sie nun dem Stift, der über die Seiten kratzte, wohlwollend und sehnte sich dem Tag entgegen um zu lesen, was ihr Gemahl in den Nächten schrieb. Doch sprachen sie nie miteinander darüber. Still schrieb er in den Nächten und heimlich las sie bei Tage und schweigend saßen sie sich bei den Mahlzeiten gegenüber.

Am Ende einer düsteren Nacht schließlich schrieb der König schwungvoll das Wort Ende auf die letzte Seite,  legte den Stift beiseite und lehnte sich erschöpft zurück. Kaum hatte er den Raum verlassen, eilte die Königin an den Tisch, um die Seiten aufzuschlagen. Doch bevor sie lesen konnte, durchfuhr sie ein heftiger Schmerz. Und sie gebar einen Sohn im Morgengrauen, wiewohl dies wider alle Natur war, denn Schwäne gebären nicht unter Schmerzen, sondern brüten und die Königin bezahlte für diesen Frevel mit ihrem Leben. Ausgeblutet lag sie, noch immer weiß strahlend, in ihrem purpurroten Blut auf den ebenholzschwarzen Brettern. Unter ihren Fittichen fand sich das verschreckte Küken: der Thronfolger.

Das Entsetzen am Hof war groß, doch gelang es vor der Stadt die Umstände der Geburt des jungen Schwanes zu verbergen. Schwestern und Vater aber hatten die schöne Leiche der Mutter gesehen und betrachteten voller Abscheu den hässlichen kleinen Vogel. Daher wurde er weit entfernt von den königlichen Gemächern in einem Seitenflügel des Schlosses groß gezogen. So kam es, dass erst spät bemerkt wurde, was nicht sein durfte: Die weiße Königin hatte sterbend einem schwarzen Schwan das Leben geschenkt.

Als der König gewahr wurde, welch ungeheuerliche Begebenheit sich vollzogen hatte, brach er auf seinem Thron zusammen. Schluchzend fanden ihn seine Töchter. „Es darf“, stieß er unter Tränen hervor, „keine schwarzen Schwäne geben. Alle Schwäne sind weiß. Wer also schwarz ist, kann kein Schwan sein.“ Die Töchter wiegten ihren Vater in den Armen und gaben ihm Recht. So verabredeten sie, den Henker herbeizurufen. In der Frühe traf er ein. Man ließ nach dem schwarzen Bruder rufen, der noch ein wenig tölpelhaft herbei watschelte. Es war der glücklichste Moment seines Lebens, denn noch nie hatte sein Vater nach ihm gerufen und auch seine Schwestern hatten nie nach ihm gefragt. Voll Grauen sahen sie auf den schwarzen Schwan, dessen Schritte langsam sicher wurden, als er den langen Saal hinunter kam. Elegant drehte er seinen Hals auf und mit einem Mal wurden sie gewahr, wie berückend schön er war: der erste schwarze Schwan in der Stadt der Schwäne. Doch durfte es nicht sein. 

Sie baten ihn, seinen Kopf auf den Henkersblock zu legen. Arglos tat er, wie ihm geheißen. Das Beil fiel herab. Das Blut floß auf den weißmarmornen Boden und ein paar Tropfen trafen das Gefieder der Schwestern. Der verendete Körper des schwarzen Schwanes und der abgeschlagene Hals wurden auf Geheiß des Königs in das von ihm seit dem Tod der Königin gemiedene Zimmer gebracht. Dort schloss er sich in der Nacht mit der Leiche seines Sohnes ein. Den Kopf in die Hände gestützt saß er regungslos am Tisch mit dem goldenen Buch und dem goldenen Stift. Erst als der Himmel vor den Fenstern sich schon aufhellte, wagte er es, das Buch aufzuschlagen. In schönster Schrift hatte er in goldenen Lettern den Titel der Geschichte auf der ersten Seite eingetragen: Der schwarze Schwan.

Kommentare:

  1. Liebe Melusine,

    erfreut habe ich festgestellt, dass Sie inzwischen auch im Märchen-Metier angekommen sind. Obwohl ich da eigentlich schon wieder weg bin. Ich komme mit dem Tonfall nicht gut klar.

    Wäre es bei dem traurigen Ende Ihres Märchens nicht treffender, Sie gäben Ihrer Geschichte auch den Titel, den der letzte Satz vorgibt: „Der schwarze Schwan“? Das ist nur eine Idee, weil sich beim Lesen durch die Überschrift eine bestimmte Erwartung festgesetzt hat, die eigentlich die Entwicklung vorwegnahm, auf die ich neugierig war. Ansonsten hat mir, die ich keine Märchenleserin bin, das sehr gut gefallen.

    Ich verabschiede mich in den Urlaub, auch ins Märchenland, zu den sieben Bergen und den sieben Zwergen, und werde mit neuen Kräften in drei Wochen wieder in Deutschland sein.

    Herzlich
    Aléa

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  2. Das mache ich doch gleich (den Titel ändern). Sie haben recht. Viel Spaß bei den sieben Zwergen. Ein rothaariges Schneewittchen:) Wo nehmen wir das Schwarz wie Ebenholz her?

    Herzliche Grüße

    M.

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  3. Die rote Farbe wäscht sich bereits heraus, es war nur Henna, in Wirklichkeit sind die Haare braun. Für das Schwarze ist der Liebehaber zuständig. Allerdings steht mir der Sinn gerade nicht danach. Oder vielmehr weiß ich nicht, wonach mir der Sinn steht. Kommt wieder zurück, ich muss mich erst neu orientieren.
    A.

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  4. Ein schwarzhaariger Liebhaber - hmm.
    Liebe Aléa, ich besuche heute eine blinde Freundin, mit der ich in die auf Ihrem Blog veröffentlichten Texte aus "Berlin am Meer" hineinlesen will. Freu ich mich schon sehr drauf. Weil sie - wie Ihr Protagonist - auch "sieht", auf ihre Weise (die mich schon oft manches hat "sehen" lassen.)

    Liebe Grüße

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  5. Ob sich diese Texte dazu eignen? Bestellen Sie auf jeden Fall bitte unbekannterweise schöne Grüße!
    Aléa

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  6. Mit Blinden hat es die Frau Torik nicht, denen taut sie nix zu, selbst Borges hat schon sein Fett abbekommen

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  7. @Liebe Aléa, wir haben viel geredet, die Freundin und ich. Über Sehen und Gesehen-werden. Darüber, dass im Persischen das Wort für "blind" "hellsichtig" ist. Augen-Blicke. Liebe auf den ersten Blick. Ihre Hände, die sehen, was ich fühle. Die trügerische Sicherheit der Sehenden.

    Aber sie möchte mehr über Manuel und Leontien lesen. Und jetzt kennt sie ja die "Web-Adresse".

    Dass auch Sehende blind sein können, sehen Sie oben, am Kommentar des Anonymous ;-)

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  8. ach je, sie und ihr niedlicher schreibkreisel, sie werden sich noch drüber ärgern, die immerzu zu loben, selbst wenn sie mist schreiben.

    Lesen sie das doch mal über Borges, ich habe nie etwas dümmeres gelesen

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  9. Ich schon. Was Dümmeres, meine ich. Na, raten Sie mal! Sie kommen bestimmt drauf.

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  10. "Die trügerische Sicherheit der Sehenden"
    Sie sprechen mir aus der Seele, liebe Melusine.

    Kennen Sie auch die beinahe unheimliche Hellhörigkeit beim Telefonieren? Jede noch so kleine Veränderung einer vertrauten Stimme wird registriert. Sogar die winzigsten Abweichungen in den üblichen Sprechpausen geben Hinweise - ein veränderter Rhythmus. Mit Zeit und Übung entsteht die Kunstfertigkeit, Hörbilder in Stimmungsbilder zu übersetzen. (Mit den Ohren schauen zu lernen wäre eine lohnende Angelegenheit für alle "Sehenden")

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  11. Ja, Hans. Das ist mir immer klar, wenn ich Azar (lassen Sie uns ihr diesen Namen geben, ich weiß, dass sie ihn liebt) treffe. Die hören kann (aus meiner Stimme oft mehr als ich selber verstehe) - und fühlen. Doch gleichzeitig weiß ich auch, dass die Bilder mir, die von ihnen her, aus ihnen heraus denkt, unentbehrlich sind. Der Betrug der Bilderwelt erzeugt d i e Illusionen, denen ich glaube. Wir müssen ja alle glauben, was wir nicht wissen können. (Also eigentlich alles...)

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  12. Wir müssen alle glauben, ja. Zum Beispiel auch, dass das Leben trägt - sogar schwarze Schwäne. Sie ahnen kaum, wie sehr mich Ihr Märchen bewegt hat.
    Vielleicht kann Azar hier mitlesen. Bestimmt würde sie lächeln über meine spontane Erinnerung, dass von blinden Menschen eine besondere Sprache gelernt werden kann: Berührung.

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  13. Azar liest mit. Allerdings ist es mit den Kommentaren ein bisschen schwierig für sie. Ich werde ihr also in jedem Fall den Ihren noch mal per e-mail senden. Sie lehrt mich auch das: Berührung (und das ist ein Gebiet, wie ja vielleicht deutlich geworden ist:), auf dem ich viel zu lernen habe.)

    ...Es gibt schwarze Schwäne. Ich fand zwei. Metaphorisch und "real". Zum einen: Man kann ihnen nicht helfen, wenn sie nicht an die eigene Existenz glauben (wollen?). Zum anderen: Ein "Schwanen-Ripper" ging hier um und tötete die schwarzen. Kein schöner Anblick.

    --Ich möchte Sie "berühren", aber nicht "verstören".

    Gute Nacht, lieber Hans.

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  14. Anonymus, dann erkläre mir doch mal, was daran
    http://www.aleatorik.eu/2009/10/16/das-handwerk-des-dichters/ so dumm ist. Das kannst du auch bei mir tun. Voraussetzung ist dort allerdings, dass du deinen Namen schreiben kannst.

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  15. Ich heisse Gudrun Brüller bin aus Iserlohn und liebe Borges..reicht das und seine blindheit war niemals eine Behinderung für ihn gewesen, was bitte hat denn Dein schlechter und peinlicher Beitrag mit einem Namen zu tun, ich könnte auch Kuno Klötzer heissen, das würde nichts daran ändern dass es einfach peinlich ist zu schreiben, zu dieser Zeit war er schon blind und das im Bezig darauf dass Du enttäuschst warst weil der Herr Borges keine Lust hatte dir zu erklärung was Dichtung ist

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  16. Frau Gudrun Brüller aka Anonyma,
    Liebe macht bekanntlich blind. Aber nicht nur Liebe allein kann blind machen. Tatsächlich ist es so, dass ich das Buch nicht sonderlich erhellend fand. Ihre Liebe zu Borges macht es nun nicht besser und die Gelegenheit zu Argumenten, warum das Buch denn gut ist, die haben Sie leider verpasst. Von meiner Seite aus werde ich die Diskussion nicht fortführen. Es schickt sich nicht in fremden Blogs herum zu pöbeln.

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  17. Liebe Aléa, ich sehe, Sie sind mir zuvor gekommen. ich hatte auf den Kommentar von Frau Brüller aka Der Fasan aka Matrosen-Liebhaber (1918) etc. auch schon in gebührender Weise reagieren wollen, musste aber noch ein paar dringende Arbeiten abschließen. In der Tat ist es ja keine Diskussion, denn diese ist offenbar unmöglich, da schon die Grundvoraussetzungen fehlen: Behauptungen werden von dem Herrn (denn um ein männliches menschliches Wesen handelt es sich trotz des letztgewählten Pseudonyms und ich will höflich bleiben) apodiktisch gesetzt und nicht begründet. Es handelt sich offenbar nicht um zu überprüfende Thesen. Sie halten auch einer Prüfung am kritisierten Text nicht stand, in dem Borges die Blindheit keineswegs "zum Vorwurf" gemacht wird. Punktum. Auch ich finde eine Weiterführung dieses Strangs überflüssig.

    Allerdings, "Gudrun Brüller", blind zu sein ist "behindernd", wie andere körperliche und seelische Einschränkungen auch. Wie und wo eine Einschränkung behindernd wirkt, muss man wissen, um die Einschränkung minimieren zu können durch Hilfestellungen technischer, medizinischer, persönlicher Art. Und genau darauf kommt es an.

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  18. Liebe Melusine,
    ich bin froh, dass Sie das ähnlich sehen. Es fehlt einfach an der Grundlage zu einer interessanten oder gewinnbringenden Diskussion. Ich hatte auch mal so jemanden, der sich offenbar in jedermanns Haut wohler fühlte als in der eigenen. Bei mir kann ich inzwischen damit umgehen, aber wenn ich in anderen Blogs kommentiere, kann ich das nicht. Letztlich sind solche Leute nichts als pure Zeitverschwendung. Obwohl es, da musste ich meine anfängliche Meinung revidieren, auch gute Trolle gibt. Aber das ist jetzt wirklich "ein weites Feld"
    Aléa

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