Dienstag, 21. September 2010

Goethes Eros und die neue Melusine

Erlesen: Buchempfehlung

Christa Bürger: GOETHES EROS

1. Willkommen und Abschied

„Der Abschied, wie bedrängt, wie trübe!
Aus deinen Blicken sprach dein ganzes Herz.
In deinen Küssen, welche Liebe,
O welche Wonne, welcher Schmerz!
Du gingst, ich stund, und sah zur Erden,
Und sah dir nach mit nassem Blick;
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden,
Und lieben Götter, welch ein Glück.“

Goethe war gut. Keine, die „Willkommen und Abschied“ liest, könnte das leugnen. In der ersten Fassung dieses Gedichtes wird das lyrische Ich verlassen: „...ich stund, und sah zur Erden“. Erst in der 1789 für die Gesamtausgabe redigierten Fassung änderte er die letzte Strophe: „Ich ging, du standst und sahst zur Erden/ Und sahst mir nach mit nassem Blick.“ Er konnte das: Den Schmerz nach-fühlen und auf-schreiben, den es bedeutet, verlassen zu werden, zu bleiben, wenn der andere geht. Ob es auch weh tut zu gehen? Das schreibt er nicht. Er lässt sie stehen. Und reitet davon. Nicht im Gedicht, sondern in „Dichtung und Wahrheit“, wo er gelassen festhält, dass ihm keine Erinnerung verblieben sei an seinen Abschied von der Sesenheimer Friederike, der das Gedicht gewidmet ist. In „Goethes Eros“ sucht Christa Bürger nach Spuren der Triebe und Antriebe, die jenes Meisterwerk  deutscher Sprache hervorbrachten, dessen Wirkung sich auch eine weibliche Leserin kaum entziehen kann. Bürger will in ihren „Textdurchquerungen“ sich einlassen auf das Geständnis des alten Goethes, dass in seinen Texten „Leben niedergelegt“ sei. Einen Weg also lesend beschreiten, den sich die etablierte Literaturwissenschaft versagt, dem sie entsagt. Wie das Leben in die Schrift kommt und was die Schrift vom Leben nimmt, davon soll nicht die Rede sein, wo Texte bloß mit Texten kommunizieren. Christa Bürger hingegen greift die Spur, die Goethe über Eckermann legen ließ, auf. Bei Goethe, jede Leserin ahnt es, liegt der Verdacht nahe, dass jene Spurensuche am Eros anzusetzen habe: „Goethes Eros freilich“, schreibt Bürger, „ist nicht der alles besiegende Liebesgott, sondern ein Dämon, unbeschuht, unbehaust, nicht göttlich, nicht menschlich, ein Sohn der Armut aus Mangel, wie wir ihn aus der Rede des Sokrates in Platons Symposion kennen. Es ist ein Eros, der ruhe- und rastlos die Welt durchstreift, getrieben von dem Begehren nach dem Schönen, ein Eros des zeugenden Wortes, das aus dem gestaltlosen Raum der Mütter Gestalten ins Leben zu ziehen vermag.“

2. Leben und Schreiben
Christa Bürger folgt den Lebensspuren Goethes nicht auf eine Weise, der es darum ginge, detektivisch aufzudecken, was „tatsächlich“ zwischen Goethe und dieser oder jener geschehen sei. Es geht vielmehr darum nachzuvollziehen, wie Leben sich in Schrift bannt und umgekehrt, wie ein Schreibender sich erst schriftlich das eigene Leben „lebendig“ macht. Bürgers Buch beginnt mit einem wunderbaren Kapitel, das der verschollenen Schwester Goethes, Cornelia, gewidmet ist, jener ersten „gebildeten Frau“ in seinem Leben, der doch fehlte, was für Goethe, in Goethes Augen, allein einer Frau Glück bedeuten konnte: „das Glück eines schönen Körpers.“ Dennoch löst schon Cornelia in Goethe offenbar jene Beunruhigung aus, die sein Verhältnis zu Frauen, seine Weise sich ihnen liebend zu nähern, sie zu verlassen, um sich immer wieder neu zu verlieben, bestimmen und – auf eigentümliche Weise – auch bereichern wird: Er ahnt, dass „die Frau“, dass manche Frauen sich nur wirklich leben könnten, bewahrten sie sich „vor dem Mann“, lebten sie „zwischen den Geschlechtern“, in einer Sphäre, in der die Geschlechterordnung aufgehoben und eine „reine Liebe“ möglich wäre,  „wie die Liebe der Engel, die sich im Himmel umarmen.“ (Lavater, zitiert nach C. Bürger). Goethe kommt und geht im Leben der Frauen, deren Augen und Lippen, Brüste und Füße sich in seinen Gedichten und Romanen abbilden. Er erscheint, er spielt sich vor und auf in der Rolle, die ihn jetzt, in dieser Phase seiner Selbst- und Werkschöpfung an-, um- und vorantreibt: ein schöner Dämon, der sie verfolgt, dem sie verfallen, dem sie sich hingeben, den sie erhöhen und die er verewigt. Bürger folgt diesem selbstverliebt Liebenden von Gretchen und Kätchen zu Friederike und Lotte, Hersilie und Ottilie, bis hin zu der, die sich in ein androgynes Kind verwandelt, zu Füßen seiner Mutter sitzend, dem anderen Kind sich vertraut machend, das er war: Bettine.

3. Die neue Melusine
Erneut ist mir bei der Lektüre von Christa Bürgers faszinierenden Streifzügen durch Goethes Werk klar geworden, wie angesprochen und mitgeliebt, vom Glück gestreift sich noch bis heute eine Leserin in Goethes Zeilen fühlen kann und doch zugleich: wie unheimlich diese Geste ist, mit der er sich das Leben greift, um es in die Schrift zu holen.  Bürger geht ausführlich auf eine seltsam in Goethes „Wilhelm Meister“ eingelassene Erzählung von der „neuen Melusine“, ein die auch mich seit langem beschäftigt und beunruhigt, ja mehr noch, ich fühle wie Christa Bürger: „- es stößt mich ab; ich fühle mich, auf eine schwer zu bestimmende Weise, um etwas gebracht: ein Pathos, einen Laut der Klage, dass es so ist, wie es ist.“  Goethe gibt in „Dichtung und Wahrheit“ an, er habe diese Erzählung erstmals im Sesenheimer Pfarrhaus erzählt. Eine verschlüsselte Botschaft an Friederike?  Der seine Liebesschwüre dann sehr wohl von Anbeginn bedrohlich erscheinen konnten. Das „Kunst-Märchen“, das Goethe in der ersten Person erzählt, hat „zum Helden“, schreibt Christa Bürger, „eine Art Desperado, der nur mit Frechheit und Leichtsinn ausgestattet, sich durch die Welt bringt.“ Dieser begegnet einer schönen und reichen Frau, erhält von ihr einen Geldbeutel, der nie leer zu werden scheint und soll als Gegenleistung hierfür lediglich auf ein Kästchen achtgeben, das sie ihm anvertraut. Dann und wann verschwindet die Schöne, die bald schon auch seine Geliebte wird. Wie der Gatte in der alten Legende von der Drachin Melusine, ist auch dieser der Prüfung nicht gewachsen und zwingt sie, ihr Geheimnis zu verraten. Sie ist die Erbin eines Zwergengeschlechtes, das von Zeit zu Zeit mit Menschenblut aufgefrischt werden muss, um nicht auszusterben. Dies Anti-Märchen, wie Bürger es nennt, setzt vor die Gesetze des Werdens und Vergehens umgekehrte Vorzeichen (und stellt damit die, interpretiere ich, Ordnung der Mütter, die die bürgerliche Geschlechterordnung nur verdeckt, wieder her): die Frau wählt den Mann als Erzeuger, er muss, um das Sein in Gang zu halten pures Geschlecht werden: Samenspender. Diese Entmenschlichung soll ihm angenehm gemacht werden durch eine warm und gemütlich eingerichtete Zwergenwelt, auf die er durch einen Spalt(!) in jenem ihm anvertrauten Kästchen schaut. Der geschrumpfte Ich-Erzähler jedoch hat „ein Ideal von mir selbst“, das Ideal eines Riesen, dem es notwendig ist, der Zwergenwelt zu entfliehen.

4. Die geheimnisvollen Kästchen: Das weibliche Geschlecht
Der Gestus der Flucht durchzieht Goethes Leben und schlägt sich vergoldet nieder in seinem Werk als tränenreich, vom Liebesglück gleichwohl bestrahlter Abschied. Die romantische Liebe darf nicht im Kästchen verschlossen werden. Solch verschlossene, nur gegen ausdrückliche Weisung zu öffnende Kästchen kehren im Werk Goethes immer wieder, wie Christa Bürger zeigen kann. Schon als zehnjähriger Knabe habe er, berichtet er in „Dichtung und Wahrheit“, verbotenerweise ein Kästchen, das der bei den Goethens einquartierte Franzose  Graf Thoranc besaß, heimlich aufgeklappt: „Das darin enthaltene Gemälde war freilich von der Art, die man den Augen nicht auszustellen pflegt...“ Eine erotische Darstellung offenbar, vor Knabenaugen zu verbergen, jedoch anregend vielleicht in trauter Herrenrunde oder allein mit der begehrten Frau. Im „Wilhelm Meister“ entdecken Wilhelm und sein Sohn Felix ein Kästchen, von dem ihnen gleichfalls abgeratenen wird, es zu öffnen. Hersilie, die romantisch-flirrige Liebende, ist es, die den Schlüssel hierzu findet. „Schuld und Neugier“ sind die Gefühle, deutet Bürger, die das Kästchen bei dieser auslöst. Liebesbriefe schreibt sie an Felix, in denen sie das Geheimnis des Kästchens beschwört. In diese Erzählung um die Verliebtheit des Knaben in die schöne Hersilie und deren Hin- und Hergerissensein zwischen Vater und Sohn hat Goethe das Kunstmärchen um die Neue Melusine eingebettet.„Ein Blick in die Wirklichkeit der bürgerlichen Gesellschaft bezeichnet den Wendepunkt in der Geschichte der neuen Melusine und ihres Liebhabers“ und zugleich den Wendepunkt in der romantischen Liebe zwischen Hersilie und Felix. Wo die Liebe sich in einen „bürgerlichen Kontrakt“ wenden müsste, kann es um Liebe nicht mehr gehen. Hersilie reißt sich los: „Im Nu wird sie zur sich versagenden, entsagenden Dame.“ Und Felix reitet davon. Wie Goethe aus Sesenheim. Sie weiß es, weiß, was auch die neue Melusine weiß, was dem durch den Spalt spähenden Menschenmann so ungeheuerlich erscheint: das Geschlecht, die Bestimmtheit der Frau, der Mutter. Dies ins Recht gesetzt wird ein Mann ein Zwerg.  Ja, mir fehlt sie in diesem „Kunst-Märchen“, erzählt in einer Männerunde, auch, die Trauer, das Pathos, die Klage darum, dass es so sei, wie es sei.

5. Vater und Sohn
Goethe ist gut. Weil er es auch weiß. Und verborgen hält, sich verborgen hält. Und Kästchen erfindet, in die es eingeschlossen bleibt. Dennoch: Die Kälte, mit der er sich umdreht, sie stehen lässt, entschlossen, sich zu retten im Wort. Ein männliches Begehren, das sich losreißen muss, um zu bestehen. Es muss auch wehtun, zu gehen. Davon schreibt er nicht. Er kennt und erkennt jedoch einen Weg aus dieser auf den Verrat ausgehenden Bindung: den „ekstatischen Augenblick  wechselseitigen Erkennens von Vater und Sohn“: „Geh ich Dir zu weit“, schreibt Christa Bürger, „wenn ich mich frage, ob nicht das Blut, das...sich in diesem unvergleichlichen Romanschluss mit den sachten Wellen des besänftigten Stromes vermischt, das Ende einer uralten Opfergeschichte besiegeln soll, die von Herrschaft und Gewalt gezeichnete Geschichte des Verhältnisses zwischen Vater und Sohn?“ Das Verhältnis zum eigenen Sohn ist Goethe wohl nicht „gelungen“, nicht so, wie ihm das Werk gelang.  „Der mann-männliche Eros“, er strömt nur im Untergrund dieser Texte mit. Eine andere Entsagung, eine noch weitgehend unentdeckte Quelle des Erzählens: „Auch Wilhelm und Felix sind Entsagende, sie lassen in der alten Welt eine längst verjährte Schuld zurück, die Erinnerung an eine verlassene Frau, an den Ursprung des Lebens, der mit dem Tod zusammenfällt, und eine junge Frau, Hersilie, mit einem Kästchen, das auf immer verschlossen bleiben wird, weil es das Geheimnis des Geschlechts bewahrt, vor dem dem Erzähler der Wanderjahre schaudert, wie Faust, wenn er von den Müttern reden hört.“

Wenn Sie einen Anlass suchen, wieder einmal oder zum ersten Mal „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ zu lesen oder sich in die Gedichte Goethes zu versenken, dann lassen Sie sich von Christa Bürgers „Textdurchquerung“ inspirieren. Wenn Sie verstehen wollen, wo (männliches) Erzählen dunkel entspringt, dann können Sie mit Christa Bürger dort hinunter tauchen. Wenn Sie  - wie ich – wissen wollen, wie ein (weibliches) Erzählen jenseits davon zu verwirklichen sei, dann werden Sie zu den Müttern geleitet, den Schwestern und den zurückgelassenen Geliebten: ein frau-fraulicher Eros, den wir zu entdecken hätten.

 Christa Bürger: Goethes Eros, Insel Taschenbuch 2009   € 12,00





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Von Fontanes Gräfin Barby stahl ich mir dreist den Namen, am Stechlinsee entstand im Sommer 2009 die Idee, eine als zwei erzählen zu lassen, was geschehen sei vom November 2009 zurück zum November 1989. Doch schlummerte wohl der Name "Melusine" schon länger in mir, auch jene "neue Melusine", deren Kasten-Heim so sehr dem gleicht, woran Armgard sich (vergeblich) anzugleichen sucht. Das hier ist ein noch nicht eingefügter Ausschnitt aus einem Anne/Armgard-Eintrag in "Melusine featuring Armgard" vom Oktober 2009, der sich auf jene Melusine aus dem Anti-Märchen Goethes bezieht:

"Wie weich sein Gesicht im Schlaf ist, der schmale Mund ganz entspannt, seine langen Wimpern, die sich als Strahlenkranz auf die Wangen legen, die zitternden Nasenflügel beim Ein- und Ausatmen. Seine Haut hat die Arbeit im Freien mit tiefen Falten gefurcht in den Jahren. Sie stehen ihm gut, verstärken das immer noch Abenteuerliche seiner Erscheinung, geradeso wie der grause, schon leicht ergraute Seemannsbart, den er sich in Chicago wachsen ließ, vielleicht als ein Versuch, gegen die glattrasierte Einheitlichkeit der Vorstadtamerikaner ein Zeichen zu setzen. Bert Barnhelm – er war eine Legende, als er sich in mich verliebte und ich mich in ihn vor fast 25 Jahren. Und ist nun bloß noch: mein Mann. So gelassen er da liegt, so sehr empfinde ich, wo wir gelandet sind, als eine doppelte Entsagung. War ich das, seine „neue Melusine“, die ihn in den Kasten zwang, den Giganten in einen Zwerg verwandelte, der sich zufrieden gibt mit dem Lehnstuhl am Feuer? Wie schlossen wir einander in diesen Kasten Resignation? Wer von uns hielt die Schlüssel in der Hand? Welchem Königreich dienten wir? Hätten wir nur ohne einander aus dem Kasten entfliehen können?

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Kommentare:

  1. Danke für die Anregung. Die Melusine als Hausmütterchen. Vielleicht der "wahre Drache"?

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  2. @Sanne Ich glaube, die Hobbit-hafte Heimeligkeit (Hausmütterchen) ist als Bild zu verstehen, das weiter greift: Es geht darum, sich in der Komfortzone einzurichten. Sich - als Paar - gegenseitig den Mut zum Risiko nehmen, den Willen einen Schritt weiterzugehen, mit durchaus vernünftigen Gründen, die das Bild bei Goethe ja auch zeigt: Sie ist schwanger. Das Paar wird für Kinder sorgen müssen. Das ist noch gar nicht ausgemacht, wie das gelingen kann und gleichzeitig "Grenzgänge" möglich bleiben.

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  3. "... ein Eros des zeugenden Wortes, das aus dem gestaltlosen Raum der Mütter Gestalten ins Leben zu ziehen vermag"

    Phantastisch:
    "Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung.
    Umschwebt von Bildern aller Kreatur" (Finstere Galerie, Faust II)
    Vollzieht Goethe den Platonschen Schöpfungsmythos nach (Tímaios ...)

    Danke für diesen illustren Hinweis auf das Buch.

    Ich mußte unmittelbar denken an:

    "Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt.
    Gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide." Du weißt schon, die Elegie ...

    Du wirst diesen Klassiker sicher kennen. Wenn nicht, nimm es als Revanche für diese Empfehlung:
    Hermann Schmitz: Goethes Altersdenken (Bonn, 1959)

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  4. Lieber Metapher,
    danke für den Tipp. Ich kannte diesen Klassiker nicht, auch scheint er gegenwärtig nicht greifbar zu sein, ich werde jedoch in der Deutschen Bibliothek reinschauen (sobald ich mal wieder Zeit finde, einen Nachmittag dort zu verbringen.) Der Abstieg zu den Müttern in Faust II gehört - für mich - zum Unbegreiflichsten und zugleich verstörend Faszinierendsten, was Literatur "gezeugt" hat. Aus einer männlichen Perspektive hat Toni Tholen sich hierauf in - wie ich finde - sehr spannender Weise bezogen:
    Toni Tholen: Verlust der Nähe - Reflexion von Männlichkeit in der Literatur (Zürich 2005)
    Ich könnte mir vorstellen, dass du den Blickwinkel, aus dem Tholen das Buch Hiob, Goethe, aber auch Rilke liest, interessant findest. Als eine Möglichkeit, die eigene Männlichkeit (anders) zu verstehen.

    (Ich halte eben daran fest: Wir sind keine geschlechtsneutralen Wesen. Und wir sollten auch denkend nicht versuchen, so zu tun als ob. Daraus muss kein "Geschlechterkampf" entstehen, sondern ein neue Bewusstheit hiervon könnte neue Dialogformen hervorbringen. Mindestens hoffe ich das.)

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  5. Liebe Melusine,
    schön, daß du den Hinweis auf deine Limnologie hinzugefügt hast. Sie lag mir bei deinem Anstoß "männliche Perspektiven" nahe. Das magst du auch in meinem Blogartikel erkennen:
    http://amorphismen.wordpress.com/2008/11/10/epiphanie-aus-dem-meer/
    Das Thema ist unerschöpflich. Wie könnte eine Meer-Metapher auch anders sein.

    Die Mütter im Faust II. Das wird sicher (und hoffentlich) so "verstörend faszinierend" bleiben. In unzähligen Faust-Seminaren, die ich veranstaltete, ist man immer wieder dort hängengeblieben. Meist "schillernd": Die Männer schauten mutig drein und in den Schoß die Schönen.

    Es mündet unmittelbar in die ideengeschichtliche Apotheose der maskulinen Erotik: "Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan". Der Goethesche "Chorus mysticus", der dies singt, ist ein Männerchor!

    Und Tholen scheint mir ein Muss. Wenn du nicht aufhörst, so interessante Winke zu gebe, wie soll ich je den zu lesenden Bücherstapel bewältigen? :-)

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  6. Liebe Melusine,

    das Buch von Toni Tholen interessiert mich auch. Ist das eine literaturwissenschaftliche Arbeit? Mich interessiert, inwieweit sich Männer- und Frauensprache voneinander unterscheiden lassen. Ob neben den Themen (die allseits bekannte Unterscheidung von Stricken und Autos), eine spezifische Verwendung von maskuliner und femininer Sprache nachgewiesen werden kann. Ob es Theorien dazu gibt. Ist das Buch hier hilfreich? fragt etwas erschöpft
    Aléa Torik

    (Ich wollte gestern Abend ausgehen, habe mich dann kurzfristig dagegen entschieden und diese verneinende Bewegung des Kopfes hat mich mehr Kraft gekostet als wenn ich hingegangen, Kopf und Hüften bejahend bewegt hätte und dann wieder nach Hause gefahren wäre.)

    Was man im Leben alles lernen muss! Und vor allem wie oft! Ich habe genau diesen Umstand sicher schon zehn Mal gelernt.)

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  7. Lieber Metapher!
    Die Bücherstapel...sie wachsen und die Lebenszeit wird kürzer. Ich weiß keine Lösung dazu. "Strömungen, Bewegungen, die im Hinschauen die inneren Bewegungen der Seele unausweichlich oktroyieren und sie zur Identifikation zwingen? Ist das ruhige Fließen des Stromes ebenso wie die brechende Woge nicht ein Abbild für die innere Bewegung der Seele in ihrer Lust und Begierde par excellence?", schreiben Sie. Und ich kann das gut nachvollziehen. Doch eines bleibt: Ein Weibliches i s t, worin ein Männliches fließt, wogt, sich bewegt. Im Bild. An dem Frauen sich bilden. Als Verehrerinnen männlicher Autoren. Er w i r d durch diese Woge (Schiller hat diesen Bildungsweg über die Frauen in Goethes "Wilhelm Meister" sofort erkannt.) Bei aller Vielfalt der wogenden und fließenden Frauengestalten, durch die hindurch er sich bildet, geht es in diesen Meer-Frauen immer um "die Frau", nicht einzelne reale Frauen, die vielleicht auch einen finden mögen, in dem sie sich wiegen könnten. Verstehen Sie: Männer bilden sich durch "die Frau" als Bild, die andere Männer literarisch geschaffen haben. Frauen sehen sich in diesem Blick. Und finden nicht eine Person, sondern ein "Wesen", bewusstloses Sein. So werden Frauen nicht "Ich" ("Nicht-Ich").

    Liebe Aléa,
    wenn ich ihn recht verstehe, dann geht es Toni Tholen nicht um die Analyse einer männlichen oder weiblichen Sprache, sondern um die Konstruktion und Dekonstruktion von Männlichkeitsbildern in der Literatur (in die eben der Preis, der in einer politischen Auseinandersetzung um Machtpositionen zwischen den Geschlechtern ungenannt bleibt, weil hier Männer fälschlich als klare Sieger erscheinen, eingetragen ist). Es ist ein spannendes Buch. (Leider auch sehr teuer.)

    Herzliche Grüße

    Melusine

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