Mittwoch, 21. März 2012

KEINE KONTAMINATION. Zur Moral des Erzählens


„So wissen wir jetzt tatsächlich was Sätze und Absätze sind und sie haben alles zu leisten in der erzählenden Literatur so wie bisher alles Erzählende geschrieben worden ist. Denn wie Erzählendes zumeist geschrieben worden ist ist es davon abhängig dass Dinge aufeinander folgen dass ein Ding einen Anfang eine Mitte und ein Ende hat.

Nun sind das zwei Dinge vergessen Sie nicht dass sie nicht dasselbe sind. Aufeinanderfolgen ein Ding das auf ein anderes folgt ist Aufeinanderfolgen und einen Anfang eine Mitte und ein Ende haben ist eine völlig andere Sache.“
Gertrude Stein: Erzählen

Das ist so. Und so ist das auch hier, dass ein Ding auf ein anderes folgt, ein Wort auf das nächste, das kann sich nicht ändern, solange man Sätze schreibt und keine Bilder, also solange man erzählt. Dass aber alles einen Anfang und eine Mitte und ein Ende hat und das, was erzählt wird, im Präteritum erzählt wird, ist eine Form, die nicht zwingend ist, obwohl das zwanghaft angenommen wird. Wenn ich ein Epos sehe wie „The Wire“, dann weiß ich, dass kein Text damit, mit dieser Fülle des realistischen Erzählens in Bildern konkurrieren kann. Es ist dumm, so zu tun, als lebte und schreibe man 1930 oder 1950 oder 1970. Ich will das zur Kenntnis nehmen und eingestehen und aushalten, dass ich keinen zeitgenössischen Roman gelesen habe und auch keinen lesen werde (und keinen schreiben), der als Epos an diese Fülle von Figuren und Handlungsweisen und SCHAUplätzen, an die Dichte und Kraft von „The Wire“ heranreicht. (I´ve got a crush on Omar Little.) Was also die erzählende Prosa kann, ergibt sich mehr als je daraus, was sie nicht kann.

Gestern Nacht schien die Lösung nah, plötzlich fügten sich die Ironisierung der Herausgeberin-Figur und der Punk-Werther-Briefroman in eine Struktur, die das einlöste und auflöste, wie wenn am Ende das Liebespaar eines Austen-Romans ("Das wilde Biest") sich und den Leser:innen noch einmal erzählt, wie es gekommen ist, dass alles so gekommen ist. Es wird also drei Teile geben: ANSGAR ("Weites Land", LARS ("Vaterlos"), EMMI ("Ich bin sie los.") – Der Ansgar-Teil (das werden so knapp 100 Seiten) ist damit beinahe abgeschlossen (wenn er auch noch - viele Male - überschrieben werden muss). Jetzt wird der Sohn wiedererzählen, was geschieht und es wird eine andere Erzählung sein, die Gegenwart ist, nämlich seine. Ganz am Ende kommt Emmi und Emmi gibt etwas vor, was sie die ganze Zeit getan hat; sie scheint alles aufzulösen, aber es ist eben nicht wahr. 


Am Anfang trieb eine Leiche im Kanal und Emmi war ich und Ansgar war "Der dänische Steinmetz" und alles war ein Jahr später (soviel zu autobiographischen Bezügen, nach denen mich gestern jemand fragte). Wenn es jetzt Emmi ist, die den Toten fand und er hatte ein Gesicht, wie sie behauptet, ändert sich alles. Am Grunde jeder Geschichte liegt eine Leiche. Zumindest metaphorisch ist das wahr. Man muss nur erzählen, wenn man etwas zu verbergen hat. Daher kommt das Verlangen, die Leiche verschwinden zu lassen. Das wird gelingen, aber nur wenn und weil zwei sich opfern: NO FUTURE hat eine Zukunft ;-)! 

"When there’s no future how can there be sin
We’re the flowers in the dustbin
We’re the poison in the human machine
We’re the future, your future!"
Unter der Hand sind mir in den dreist-schiefen Punk-Roman über die viel geschmähten (auch von mir!) 80er Jahre auch die alten Mythen geraten: Vater-Mutter-Kind, die ursprüngliche verhängnisvolle Dreiecksbeziehung,  verschoben am einen Eck auf die Unfruchtbare. Daraus konnte selbstverständlich nur Unheil entstehen. Deshalb braucht alles einen Rahmen, denn ich schreibe für Menschen und nicht für Roboter oder Avatare und die Herausgeberin der Gleisbauarbeiten wird dafür einstehen, dass nichts kontaminiert (Leichensäcke!).


Daran werde ich heute arbeiten und anderntags, wenn ich nicht daran arbeite, Geld zu verdienen mit "Rhetorischen Mitteln" und "Frauen auf dem Sprung" und "Wettbewerblichem Dialog" (Sie wollen nicht wissen, was das ist.) oder den einen Sohn beruhige, der morgen und übermorgen schriftliche Abiturprüfungen hat, oder für den anderen Sohn Fragebögen in der Rubrik "Altersklasse ab 40" zu den Marktchancen eines Produktes namens "Memory Sticks" ausfülle.


Einen schönen Frühlingstag Ihnen allen! 
(Den ich auf der Terrasse genieße, dankbar für das Privileg, einen Teil der Arbeit, sogar der bezahlten, von dort aus in der Frühlingssonne erledigen zu können.)


"Alle fragen immer schreiben Sie für ein Publikum schreibt man für eines und was ist ein Publikum und ist es fast unmöglich oder ist es möglich sich selbst zum Publikum zu machen und ist es fast unmöglich oder ist es möglich sich von sich selbst als Publikum loszumachen. Und was hat schon ein Publikum damit zu tun. Nun in einer Weise alles und was sie freilich tatsächlich unter einem Publikum verstehen wenn sie Publikum sagen und vielleicht in Wirklichkeit nichts überhaupt nichts und doch vielleicht alles."
Gertrude Stein: Erzählen

Kommentare:

  1. wunderbare Getrude Stein.
    Aber dieser Satz von Ihnen: "Man muss nur erzählen, wenn man etwas zu verbergen hat." über den muss ich noch nachdenken. Ist es nicht eher so, dass sich nachdrücklich und unentwegt, etwas vor mir verbirgt und ich deswegen schreibe, um dem auf die Spur zu kommen? Wohlwissend [und das mit Erleichterung] das wird nie geschehen [also doch das Verbergen?]

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  2. Genau so - in dieser Doppelung ist es gemeint. Die Leiche ausgraben, um sie noch tiefer zu vergraben - in der Hoffnung, man könne sie verschwinden lassen. Darum geht es auch in PUNK PYGMALION - um den Wunsch den Kreislauf zu durchbrechen, in dem ein Mensch w i r k l i c h verschwindet, also keine Leiche hinterlässt.

    Das Erzählen, glaube ich, entspringt dem Wissen, das NICHTS wirklich verschwindet. Also wird es erzählt, um es zu verbergen. Das hat auch mit Ihrem heutigen Thema zu tun, dem ERINNERN. Indem man die Erinnerungen in Geschichten einbettet, wird das in ihnen verdeckt, was man still gestellt hat. Sie werden in die Chronologie wie in einem guten Sarg eingefügt, damit die Leiche an ihrem Grund nicht anfängt zu kontaminieren.

    Herrje -Das bringt mich drauf, dass ich bis Freitag noch einen Text über die Sinai-Erzählung und die Einfügung des Dekalogs in diese Erzählung schreiben muss. ---Dasselbe Verfahren??? Ich werde mal überlegen, ob die Priesterschrift von daher gedeutet werden kann.

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  3. Ja, an dieses Phänomen glaube ich auch, dass nichts wirklich verschwindet und ich glaube auch, dass sich das im Schreiben manifestiert.
    Maurice Blanchot schreibt zu der Doppelung, die Sie ansprechen: "Wenn ich Roman schrieb, entstanden Sie dann, wenn die Worte anfingen, vor der Wahrheit zurück zu schrecken."

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