Donnerstag, 10. Januar 2013

Vermischtes: Kommentare, Trolls, Sexismus

Im Internet findet sich für jede_n eine Nische. Das hier ist meine. Wenn ich hier Kommentare lösche bzw. nur frei schalte, was ich möchte, dann ist das daher keine "Zensur". Wer seine Textbeiträge unbedingt veröffentlichen will, kann es ja woanders tun.

Ich greife das Thema noch einmal auf, weil ich heute früh beim Aufwachen einen Kommentar gefunden habe (neben dem üblichen Spam und einigem anderen Schwachsinn), in dem mich einer, der hier häufiger kommentiert (allerdings immer "anonym", was ich in Zukunft ohnehin komplett ignorieren werde) "mein lieber schatz" nennt. Ich müsste da einfach drüber weg gehen können, genauso wie über die Volldeppen, die mich an der Tanke "Püppchen" nennen usw. usw. Fast jede Frau wird mit so was konfrontiert. Ich habe gehofft, es wird besser (und das heißt: seltener), wenn ich älter werde, aber bisher ist das noch nicht der Fall. Fakt ist leider, dass ich mich über solche Ansprachen immer noch sehr ärgere. Wie kommt irgendein daher schwadronierender Blödmann, den ich nicht persönlich kenne und auch nicht kennen will, dazu mich mit "mein lieber Schatz" anzusprechen? (Die Frage ist rhetorisch gemeint. Ich weiß schon, wie so einer dazu kommt oder warum so einer meint, dass sei witzig-ironisch oder sogar "irgendwie" nett.)

Antje Schrupp hat kürzlich eine Paar Punkte dazu veröffentlicht, wann und warum sie Kommentare freischaltet bzw. löscht: Hier. Ich konnte mich darin gut wiederfinden. Zu Beginn des Bloggens war ich überzeugt, dass die Kommentarfunktion offen sein sollte. Das hat auch ganz gut funktioniert, bis ich begonnen habe, zu feministischen Themen zu bloggen. Auch vorher gab es ein paar Trollereien, aber erst dann begannen die Unverschämtheiten und ich habe die Kommentarfunktion auf Moderation umgeschaltet. Das fiel zusammen mit einer Phase, in der ich auch vermehrt Kommentare von der Sorte hatte, die Antje unter fünftens (apodiktische Behauptungen, die bloße Meinungen sind, aber "belegt" durch irgendwelche Namen als "Wahrheiten" ausgegeben werden), sechstens (Beleidigung von anderen Gästen), siebtes ("Derailing" - über irgendwas ganz anderes loslabern) und neuntes ("Erklärbär" - erklärt dir immerzu wieder und wieder etwas, das du schon weißt, aber anders bewertest als er) darstellt. Solche Kommentare sind nicht auf die gleiche Weise inakzeptabel wie der sexistische Müll, den ich direkt auf hatr.org eingestellt habe. Dennoch habe ich mich entschieden, mich mit solchen Kommentatoren ("meine" waren alle männlich) nicht mehr auseinanderzusetzen. Es geht dabei, wie auch bei Antje fast nie um den Inhalt, sondern um den Ton. Wer ein Gespräch will, wird sich auch um einen Ton bemühen, der eines ermöglicht. Wer keines will, sondern nur seine eigenen Ansichten, Ticks oder Botschaften "los" werden, der soll das in einem eigenen Blog machen oder wo er/sie sonst willkommen ist.

Wie es anders geht, können sich Interessierte (die "Betroffenen" gehören leider wohl eher nicht dazu) beispielhaft in der Diskussion über das neue Buch der Diotima-Gruppe "Macht und Politik sind nicht dasselbe" im Podcast von Antje Schrupp und Benni Bärmann anhören (ca. ab Minute 14). Benni Bärmann trägt darin seine Einwände gegen die Positionen vor, die von Diotima (und auch von Antje) vertreten werden. Insbesondere geht es um den Begriff "Gesellschaft", den er in diesen Texten für unterreflektiert hält. Wie anregend und für mich bedeutsam die Texte von Diotima sind, darüber habe ich hier im Blog in einer ganzen Serie geschrieben. Ich finde die Entgegnungen von Antje gegenüber Bennis Kritik überzeugend, halte aber seine Einwände für wichtig und werde denen sicher noch auf die eine oder andere Weise nach-denken. Ob ein solches Gespräch gelingen kann, liegt ganz offenbar nicht an den inhaltlichen Positionen, die sehr kontrovers sein können, sondern am Ton. Benni Bärmann trägt seine Kritik nicht als feststehende Behauptung vor, der nur aus Unwissenheit oder Widerspenstigkeit, widersprochen werden kann, z.B. indem er seine Definitionen vorgibt : "Gesellschaft ist..." oder feststellt "Das kann man doch nur so verstehen...", sondern indem er sagt "Ich vermisse dabei..." oder "Mir fehlt da...". Mit anderen Worten: Er geht von sich aus und kann deshalb auf die andere zugehen. 

Ein anderer Text von Antje hat mich in den letzten Tagen ebenfalls sehr beschäftigt: "Ich bin kein Sexist"- so what? (Im Kommentarthread dazu kann man übrigens noch mal ganz gut beobachten, welche Formen des Kommentierens ein Gespräch in Gang bringen können und welche nicht.) Ich glaube, nachdem ich lange darüber nachgedacht habe, in welchen Situationen solch ein Satz gesagt wird, dass jemand, der diesen Satz benutzt, auf jeden Fall sexistisch ist.  Genauso, wie eine, die von sich sagt: "Ich bin keine Rassistin.", rassistisch ist. 

Das sind - scheinbar - "steile" Thesen. Wie ich sie begründe? Ich bin der Überzeugung, dass "wir" (hier also: weiße Mitteleuropäer_innen) in einem durch sexistische und rassistische Vorurteile geprägten Umfeld aufgewachsen sind und wir nolens volens einen großen Teil dieser Vorurteile als Prägungen so verinnerlicht haben, dass sie uns nur selten zu Bewusstsein gelangen. Wer also über Sexismus und Rassimus reden will, kommt nicht darum herum, sich auch mit sich selbst und den eigenen rassistischen und sexistischen Vorstellungen zu beschäftigen.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang zu begreifen, dass weder Sexismus noch Rassismus einfach "herumgedreht" werden können - sich also gegen Männer oder Weiße richten können, wie es einige Diskutant_innen immer wieder versuchen. Denn es geht bei Diskriminierungen nicht um individuelle Benachteiligungen oder gar "Befindlichkeiten" ("Tut mir leid, wenn ich dich gekränkt habe. Das war nicht so gemeint."), sondern um strukturelle Benachteiligungen und Ausgrenzungen. Solange der weiße Mann als die Norm gilt, an der alle anderen gemessen werden, kann er selbst nicht "Opfer" von Sexismus oder Rassismus sein. (Dass er die Norm ist, lässt sich an vielen Beispielen zeigen, u.a. im bürgerlichen Recht, aber auch jeden Tag in der Zeitung, wo die Abweichung - Frau, Schwarzer, Muslim - immer benannt wird, während "weiß" oder "Mann" sein, keine Merkmale sind, die der Erwähnung bedürfen.) Das heißt nicht, dass nicht auch Männer Einschränkungen und Leid durch die Geschlechterordnung erfahren. Sie erfahren sie aber dann, wenn sie als Mann  aktiv von der Norm abweichen, während "die anderen" per se passiv abweichend sind

In welchen Situationen werden Sätze wie "Ich bin keine Rassistin." oder "Ich bin kein Sexist." gesagt? Aus meiner Erfahrung dann, wenn jemand sich als rassistisch oder sexistisch "angegriffen" fühlt, in den meisten Fällen durch eine_n Betroffene_n, also zum Beispielen eine_n Schwarze_n oder  eine Frau. Statt sich jetzt zu fragen, ob die eigenen Prägungen rassistisch oder sexistisch wirksam werden, wird die Abwehrposition bezogen. Eine Weiße, die in einer solchen Situation den Satz sagt: "Ich bin keine Rassistin.", will sich offenbar nicht mit der eigenen rassistischen Prägung auseinandersetzen, sonst könnte sie ja fragen: "Warum ist das aus deiner Sicht rassistisch?"  Wer als Mann sagt: "Ich bin kein Sexist.", will sich offenbar nicht mit seiner sexistischen Prägung auseinandersetzen. Sonst könnte er ja fragen: "Was war denn an meiner Aussage/Handlung deiner Meinung nach sexistisch?" Diese Sätze bedeuten also nichts anderes als: Lass mich bitte mit dem Mist in Ruhe und weiter meine rassistischen oder sexistischen Vorstellungen pflegen. Das bedeutet selbstverständlich nicht unbedingt, dass so jemand ein "Rundum-Harcore-Sexist" ist oder so eine ein vollständiges rassistisches Menschenbild hat. Aber es bedeutet auf jeden Fall: Rassismus oder Sexismus sind für mich nur dann Themen, mit denen ich mich beschäftigen will, wenn gewährleistet ist, dass ich mich dabei nicht mit mir selbst und meinen Prägungen auseinandersetzen muss. 

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich glaube nicht, dass irgendeine intelligente Person, die sich ernsthaft mit Sexismus oder Rassimus befassen will, diese Sätze jemals benutzen würde. 

Kommentare:

  1. "Das sind - scheinbar - "steile" Thesen. Wie ich sie begründe? Ich bin der Überzeugung, dass "wir" (hier also: weiße Mitteleuropäer_innen) in einem durch sexistische und rassistische Vorurteile geprägten Umfeld aufgewachsen sind und wir nolens volens einen großen Teil dieser Vorurteile als Prägungen so verinnerlicht haben, dass sie uns nur selten zu Bewusstsein gelangen."

    Ich kann fast allem zustimmen, aber diesem Satz einfach nicht. Du verallgemeinerst mir hier zuviel. Ich bin nicht in einem Umfeld aufgewachsen, indem ich als weiße Deutsche als normal galt als Kind. Ich bin in einem kleinen Ort aufgewachsen, indem viele unterschiedliche Kulturenu und Menschen leben.
    Und da ich zustimme, dass das Umfeld in dem man aufwächst einen prägt, kann ich nicht zustimmen, dass es Rassismus oder Sexismus nur in eine Richtung gibt. Mein Umfeld war eben nicht so geprägt, dass das die Normalität war.

    Irgendwie habe ich noch mehr im Kopf zu deinem Text, kann es aber gerade nicht in passende Worte fassen, vielleicht kommt noch was :)

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    1. Danke für den Einwand. Aus meiner Sicht muss man an der Stelle zwischen Normalität und Norm unterscheiden. "Mann zu sein" ist ja auch nicht "normal" in dem Sinne, dass die Mehrheit männlich wäre, sondern eine bestimmte Form von Männlichkeit gilt als Norm. Ein anderes Beispiel wäre die geltende Schönheitsnorm. "Diversity", also Vielfalt der Lebensformen und Kulturen ist wichtig, aber es kommt auch darauf an, mit wie viel oder wenig kulturellem Kapital sie aufgeladen sind.

      Um es auf mich selbst zu beziehen: Ich bin eine Frau und in einem Umfeld aufgewachsen, indem Frauen viel "zu sagen" hatten und in einer Familie, in der mein Vater nicht "der Herr" war. Dennoch prägen mich kulturell vermittelte Zuschreibungen zu "Weiblichkeit" und "Männlichkeit" und fällt es mir auf vielerlei Ebenen schwer, mich davon zu lösen. Oder in Bezug auf Rassismus: Meine Eltern hatten enge Freunde, die schwarz waren. Das schützt mich nicht davor, auf bestimmte Situationen mit einem rassistischen, eben durch das kulturelle Umfeld geprägten, Blick zu schauen, zum Beispiel bestimmte Erwartungen damit zu verbinden, dass jemand schwarz ist und ihn oder sie auch durch die Hautfarbe zu definieren. Das geschieht nicht bewusst, sondern vorbewusst. Davor, glaube ich, ist niemand gefeit, man müsste dann ja in einem Umfeld leben, das einem völlig gegen die "herrschende" Kultur und ihre Medien abschirmt.

      Ich hoffe, dass "noch was" kommt und bin gespannt drauf!

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  2. Wer koennte von sich behaupten, das Fremde unvoreingenommen zu akzeptieren?

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    1. Ich denke auch dass xenophobie und Rassismus menschlich sind. Heisst nicht das es das gut machen würde, aber ich denke, eine der wichtigen Eigenschaften des Menschen ist Situationen& Menschen schnell einzuordnen. Das kommt zu dieser sozialisation-Familien bis Stämme-> Furcht vor Außenseitern, vor "dem fremden". Las mal von einer Studie, in dem schon sehr kleine Kinder lieber denen näher blieben, die ihnen und ihren Eltern ähnlich sehen-dh es gab differenzierjng nach aussehen

      Heisst aber nicht dass man das nicht überwinden sollte, sich nicht weiter entwickeln sollte. Denke nur dass so ein verhalten für viele menschen unterbewusst so normal ist wie auch Fleisch essen oder anderes destruktives verhalten. Etwas das nicht hinterfragt wird weil menschen einsortieren einfach menschlich ist.

      Denke daher fühlen sich viele so angegriffen-weil das rassistische handeln unterbewusst abläuft, das Resultat nicht intendiert ist und es hart ist sich zu entschuldigen wenn man noch nicht gerallt hat warum das verhalten was absolut normal war plötzlich das böse schlechthin[zudem fühlen sich viele Dänen mit Nazis und vll Sklavenhändlern verglichen und empfinden das überzogen->beleidigt-> denkt dass ALLES im Argument so überzogen ist wie der !!vermutete!! Vergleich[der ja auch nur durch die Problematik der alle rassisten sind Nazis Prämisse gewisser Medien zustande kommt]

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    2. Vieles an diesem Beitrag verstehe ich nicht wirklich, insbesondere den letzten Abschnitt über "viele Dänen".
      Auch von Nazis war hier nicht die Rede und wird auch nicht die Rede sein.

      Alles ist "menschlich", was Menschen tun, auch das, was als "unmenschlich" gilt. Menschen können sich vor dem Fremden fürchten, aber auch neugierig auf es sein. Beides kommt vor. Worauf es ankommt, ist, was jemand will und noch mehr darauf, wie er oder sie tatsächlich mit anderen, mit "fremden" Menschen umgeht, denke ich.

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  3. 1. Vielleicht hast du ein anderes Verständnis davon, was es bedeutet, ein Sexist zu sein. Denn wenn ich lese "Das bedeutet selbstverständlich nicht unbedingt, dass so jemand ein "Rundum-Harcore-Sexist" ist oder so eine ein vollständiges rassistisches Menschenbild hat." , dann denke ich, dass du da noch ein Unterscheidung machst zwischen "Rundum-Hardcore-Sexist" und "Sexist". Wenn man das weiß, dann würde man im Falle einer Anmerkung, dass man ein Sexist sei evtl. auch ganz anders reagieren. Aber wenn mir jemand sagen würde, ich wäre ein "Sexist" oder "Rassist", dann würde ich mich als erstes sehr angegriffen fühlen. Und wäre mir nicht sicher, ob ich dann noch vernünftig in der Lage wäre über die Handlung zu urteilen, daher sollte auf jeden Fall gesagt werden, die Handlung sei sexistisch und nicht der Mensch.
    Denn für mich bedeutet Sexist zu sein bereits das, was du vermutlich unter "Rundum-Hardcore-Sexist" verstehst: Jemand mit einem vollkommenen rassistischen Menschenbild. Und als so jemand möchten die meisten Menschen verständlicherweise nicht bezeichnet werden bzw. es trifft ja auch nicht zu.

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  4. 2.Zu deinem Kommentar: Also klar ist, das die Norm sich immer auf die gesamte Gesellschaft bezieht. Aber als kleines Kind erlebt man das nicht so, sondern die Norm ist das, was eben im engsten Umfeld als Norm gelebt wurde (und so viel aus den Medien bekommt man da auch noch nicht mit). Und da war es eben nicht die Norm, weiß und deutsch zu sein. Wenn man als Kind nicht mitspielen darf, weil man deutsch ist - so die Begründung der anderen Kinder. Oder mitbekommen muss, wie Freundinnen sich darüber unterhalten, dass die deutschen Mädchen Schlampen sind und keine Ehre haben. (Auch wenn einem dann gesagt, wird du bist natürlich nicht so), dann fühlt man sich eben auch nicht wirklich verstanden und ernst genommen, wenn gesagt wird, dass es Rassismus nur in eine Richtung gibt. Denn für mich ist das immer Diskriminierung aufgrund der Herkunft und die kann auch ein weißes Kind erfahren. Und genau so wurde ich geprägt und ich glaube, dass das Erlebte in der Kindheit schon einigen Einfluss haben kann auf die spätere Einstellung.
    Klar kann man später erkennen, dass es Strukturen gibt, die eben den Rassismus in die eine Richtung auch noch begünstigen. Aber ich nehme z.B. jeden Menschen unabhängig von Herkunft oder Geschlecht wahr und mehr abhängig von seinen Handlungen. Eine Tatsache über die ich oft nachdenke, wenn ich mir z.B. denke, die Person scheint ja nicht so die Ahnung von ihrem Beruf zu haben (schon passiert bei einer Frau in der Autowerkstatt), habe ich in dem Moment überlegt, würde ich das gleiche denken, wenn ein Mann genauso handeln würde und war mir sicher: ja, denn es geht eben darum, was getan wird und nicht von wem. Das einzige Vorurteil, was mir selbst aufgefallen ist, ist dass ich Menschen, die nicht gut deutsch sprechen häufig unterbewusst als etwas dumm wahrnehme und wenn ich das merke gerne in englische Sprache (die häufig viel besser beherrscht wird) umschalte, um dieses Vorurteil zu revidieren.
    Ich muss zugeben, dass mir auch schon eine rassistische Beleidungung rausgerutscht ist, aber nicht weil ich diese Meinung vertrete, sondern weil mir in dem Moment nichts anderes eingefallen ist, um mich gegen eine Beleidigung einer mir völlig fremden Person zu wehren, was mir im Nachhinein natürlich auch leid tut - speziell für andere Umstehende Personen, die evtl. ebenfalls betroffen waren.

    Du schreibst weiterhin, dass deine Eltern schwarze Freunde hatten und dich das nicht davor schützt, mit einem rassistischen eben durch das kulturelle Umfeld geprägten Blick zu schauen. Und man müsste in einem Umfeld leben, das einem völlig gegen die herrschende Kultur der Medien abschirmt.
    Ich habe tatsächlich - speziell, da mein Umfeld als Studentin in einer Stadt jetzt ein ganz anderes ist - den Eindruck, dass der Ort meiner Kindheit ein Umfeld war, dass völlig entgegen der herrschenden Kultur war. Natürlich gab es auch die Medien, aber da hatte ich als Kind nicht so das große Interesse für und das eigene Erleben war viel prägender als irgendwelche Nachrichten oder Filme.
    In einem Ort, in dem die Norm eben nicht der typisch als deutsch gelesene Mann ist, sondern ca. 70% - 80% der Mitmenschen als nicht typisch deutsch gesehen werden würden und sich zu einem Großteil auch selbst nicht als "deutsch" bezeichnen aufzuwachsen ist vielleicht schon etwas ganz anderes als ein paar befreundetet schwarze Personen in einem ansonsten typisch deutsch geprägten Umfeld (irgendwie schwer mit der Bezeichnung, weiß aber nicht, wie ich das sonst ausdrücken soll). In meiner Grundschulklasse waren wir beispielsweise ca. 5 oder 6 deutsche Kinder von 30.

    Jetzt habe ich viel mehr geschrieben als ich wollte, das sind einfach Gedanken, die mir zu deinem Text und deinem Kommentar noch gekommen sind. Bin ebenfalls auf eine Antwort gespannt :)

    Liebe Grüße,
    Miria

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  5. Liebe Miria,

    diese Unterschiede finde ich spannend. Deine Kindheit scheint eher "untypisch" gewesen zu sein. Ich glaube durchaus, dass unterschiedliche Erfahrungen Normen und vor allem die Einstellungen dazu verändern. Ansonsten wäre es ja unmöglich, dass sich überhaupt mal was ändert. Und das käme mir sehr ungelegen, da ich mich zum Optimismus entschieden habe :-) Spaß beiseite: Ich bin sehr für Programme in Unternehmen, Ämtern, Schulen, Universitäten, die auf Vielfalt (der Herkunft, des Geschlechts, der Religion) achten und homogenen Gruppenbildungen entgegenwirken. Das ist wirksamer, denke ich, als analytisches Gerede über alle möglichen *ismen. Trotzdem glaube ich, dass gesamtgesellschaftlich der Mainstream immer noch vom weißen Mann als Norm ausgeht und dass es schwierig ist, dieser Norm etwas entgegenzusetzen, eben gerade auch für Menschen, die aus ganz anderen kulturellen Zusammenhängen und Umgebungen stammen.

    In einem viel weniger diskriminierenden Kontext habe ich das selbst erlebt, als ich von der sogenannten "Gesamtschule" auf eine gymnasiale Oberstufe gewechselt bin. Ich habe vorher in einem Umfeld gelebt, in dem so gut wie niemand einen akademischen Hintergrund hatte. Dort habe ich mich nie als "unterprivilegiert" empfunden. Aber auf dem Gymnasium waren "wir" dann eine Minderheit; im Studium wurde das noch deutlicher. Und es war nicht so, dass "unsere" Erfahrungen auf Interesse gestoßen wären oder gleichberechtigt in den Diskurs hätten Eingang finden können. Von "uns" (den "Arbeiterkindern") wurde die Anpassungsleistung verlangt, nicht von den "anderen". Es kann durchaus sein, dass in einem bestimmten Stadtviertel sich "Deutsche" anpassen müssen. Bezogen auf die Gesellschaft im Ganzen denke ich aber, dass es immer noch die Nicht-Deutschen, die Nicht-Weißen und die Nicht-Männer (:-)) sind, die sich anpassen sollen. In der feministischen Debatte zeigt sich das z.B. darin, das "Fortschritte" daran gemessen werden, ob Frauen das Gleiche erreichen können wie Männer. Der Maßstab ist also der männliche Lebensentwurf. Und dagegen richtet sich meine Kritik. Weil ich mit diesem Feminismus, je älter ich werde, desto weniger anfangen kann. Dennoch halte ich es für richtig, sich weiter für Chancengleichheit und gleiche Bezahlung etc. einzusetzen. Das ist der Spagat. Ich denke, dass wichtiger als Konsens über eine Analyse der gegenwärtigen Situation oder über Begriffsdefinitionen, eine Aufweichung der Abgrenzungsmechanismen ist, dadurch, dass mehr "gemischte Gruppen" entstehen, mehr überraschende Situationen, in denen nicht die erwarteten Reaktionsmechanismen ablaufen und in denen sichtbar und lebbar werden kann, dass Identität vielfältig ist und niemand nur eine hat.

    Was du zu Sexisten bzw. Rassisten und dem Umgang mit "ihnen" schreibst, kann ich nachvollziehen. Den Unterschied habe ich versucht sprachlich dadurch deutlich zu machen, dass ich geschrieben habe: "Wer sagt: ´Ich bin kein Sexist´. ist sexistisch." - und eben nicht: ist ein Sexist. Das würde ich auch nicht zu jemandem sagen, denn es ist - außer vielleicht in Beziehungen, die so stabil sind, dass sie sehr krasse Worte vertragen - ein Vorwurf, der einen Gesprächsabbruch signalisiert. Mit ausgemachten Sexisten oder Rassisten habe ich gar keine Lust zu diskutieren. (Ich denke, gegen die hilft nur das Strafgesetzbuch und die übrigen Rechtsvorschriften). Aber selbst sehr sympathischen Leuten kann es passieren, dass sie sexistische oder rassistische Stereotype verwenden, meistens ganz unbewusst. Ich ertappe mich selbst, wie ich geschrieben habe, dabei oder - noch unangenehmer - werde dabei ertappt ;-). Dann ist es nicht einfach, nicht in diese Verteidigungsstarre zu verfallen: "S o bin i c h doch nicht", sondern sich ehrlich zu prüfen: Ist da was dran? Darum geht es mir, dass man sich darum bemüht, statt diese Kritik so abzuwehren.

    Liebe Grüße
    Melusine/Jutta

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  6. Liebe Melusine/Jutta,

    das die eigene Kindheit bzw. das kindliche Umfeld "untypisch" ist, begreift man aber erst spät. Für mich war es gerade im feministischen und antirassistischen Umfeld immer sehr schwer, meine Einstellung deutlich zu machen. Ich konnte lange Zeit einfach nicht verstehen, warum die Herkunft eine so große Rolle spielt für viele. Denn ich kannte keinen deutlichen Rassismus nur in eine Richtung. Bis ich mich mal mit einem guten Freund darüber unterhalten habe. Er ist russischer Herkunft und hat als Versicherungsmakler gearbeitet. Man hört eindeutig einen russischen Akzent, obwohl er einwandfreies deutsch spricht. Und er hat mir erzählt, dass er häufig die Erfahrung gemacht hat, das Kunden ihm gegenüber distanzierter sind als den anderen Mitarbeitern bzw. ihm auch nicht die nötige Kompetenz (die er definitiv hat) zutrauen.
    Und er sagte mir auch, dass das eindeutig an seiener Herkunft liegt, da andere bei den Kunden nicht diese Erfahrung machen, die deutsch sind. Und als ich gesagt habe, ich kann das gar nicht nachvollziehen, weil es doch egal sein kann, woher jemand kommt, es geht schließlich um die Versicherung. Da hat er zu mir gesagt, dass das mir so geht liegt vermutlich an der Umgebung, da eben hier die Menschen mit deutscher Herkunft nicht die Mehrheit darstellen und es völlig normal ist, dass man täglich mit den unterschiedlichsten Kulturen zu tun hat.
    Erst da ist mir das klar geworden, dass es was Besonderes ist. Erst daraufhin habe ich erkannt, dass es eben nicht überall so ist wie bei uns. Dass es einige Ecken gibt, wo weiße deutsche Kinder selten bis nie andere Kulturen sehen. (Es handelt sich bei meinem Ort übrigens nicht um ein bestimmtes Stadtviertel, sondern um eine eigenständige Gemeinde mit ca. 10000 Einwohnern)

    Das mit den Programmen, die homogener Gruppenbildung entgegen wirken hört sich für mich sehr spannend an, wie sieht sowas denn genau aus? Denn wenn es zur Normalität gehört, dass man eben viele unterschiedliche Kulturen kennt, dann entstehen weniger Vorurteile.

    Ich weiß nicht, wo du zur Schule gegangen bist oder studiert hast, aber diese Erfahrung habe ich glücklicherweise nie machen müssen. Ich war auch als "Arbeiterkind" auf dem Gymnasium und auf der Uni. Ich hoffe jetzt einfach mal, dass es vielleicht daran liegt, dass sich mit der Zeit etwas gebessert hat :)

    Das mit dem männlichen als Norm sehe ich ähnlich. Ein Beispiel hierzu ist meiner Meinung aber auch die Forderung nach mehf Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten, statt mal die Strukturen zu ändern, die bedeuten, dass ein Vorstandsmitglied 60 h oder mehr arbeiten muss, versucht man sich diesen männlichen Strukturen anzupassen. Dazu hätte ich kein Lust. Warum mit Betreuung und ähnlichem ermöglichen, dass auch Frauen sich kaputtarbeiten statt nach einem besseren Modell zu suchen?! Ein Modell, in dem eben ein Vorstandtsposten vielleicht nur 30 oder 40 Arbeitsstunden bedeutet. Dann wären vielleicht auch mehr Frauen daran interessiert.

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  7. Was das Thema mit den Sexisten oder Rassisten angeht, denke ich dass es auch eine große Rolle spielt, wie die Kritik vorgetragen wird. Aber hierzu ist mir letztens auch aufgefallen, dass es einige Dinge gibt, die von manchen als rassistisch gesehen werden und von anderen wieder nicht. Ein Beispiel hierzu war das Wort "Kanake", dass ich letztens in irgendeinem Blogpost las. Codiert als "K-Wort", da es Gewalt enthalte. Darüber war ich ehrlich verwundert, da ich das bisher nur als positive Selbstbezeichnung kannte und auch häufig mal selbst im Freundeskreis verwende. Nie wäre ich darauf gekommen, dass das jemand als rassistisch auffassen würde. Wenn mir nun jemand sowas sagen würde, ohne dass ich jemals davon gehört habe, dass das rassistisch ist, würde ich evtl. auch angegriffen reagieren. Ich meine, in dem Moment hätte ich keine Möglichkeit mich objektiv zu informierenu und mein Wissen sagt mir, dass das nicht rassistisch ist.
    Mittlerweile weiß ich, dass es wohl auch rassistisch gemeint sein kann, aber nicht muss.
    In so einem Fall ist es glaube ich noch viel schwieriger angemessen zu reagieren.

    Liebe Grüße,
    Miria

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  8. Der Trick mit den Selbstbezeichnungen durch Worte, die eine beleidigende Geschichte haben, ist, damit sie als Selbstbezeichnungen positiv wirken können, müssen sie von Leuten von sich selbst für sich selbst benutzt werden. Nicht von anderen damit benannt werden. (Deswegen auch ja _Selbst_bezeichnung)

    Ich empfehle Jay Smooth zur Frage, wie man gut darauf reagiert, wenn man Rassismus vorgeworfen bekommt: http://www.youtube.com/watch?v=MbdxeFcQtaU

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  9. @Nicole: Kanake hat aber eben keine beleidigende Geschichte wie das N-Wort, sondern bedeutet einfach Mensch. Es wurde nur teilweise abfallend verwendet und dadurch ist wohl der beleidigende Charakter hinzugekommen (hab mich ja jetzt informiert).

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  10. Vermutlich ist es für die meisten ziemlich egal, wenn ich schreibe, dass ich sowohl "weiß" als auch "nichtweiß" bin - abhängig von der Situation, abhängig auch davon, wie ich mich kleide, und sogar auch, wie ich mich gebe. Doch, bei mir ist das so. Vermutlich ist es vielen hier auch im Prinzip egal, wenn ich schreibe, dass es mehrfache, teils überlagernde, teils sogar ausgesprochen widersprechende Dimensionen von Diskriminierung gibt, was die ganze Thematik sehr schwierig macht, denn nicht einmal die hübsche Formulierung von den "opression olympics" hilft hier wirklich zu hilfreichen oder gar neuen Erkenntnissen. Es gibt eine Vielzahl wesentlicher Perspektiven, und es ist meiner Meinung nach ausgesprochen schwierig, diese Vielzahl überhaupt zu begreifen, und auch zu begreifen, welche Wirkung dies für das eigene Weltbild hat bzw. haben kann.

    Für die meisten dürfte auch egal sein, wenn ich schreibe, dass Rassismus nicht allein eine Frage struktureller Zusammenhänge ist. Für mich, aus Betroffenenperspektive, spielt immer auch die jeweilige Begegnung und der jeweilige Mensch eine ganz besondere Rolle, und zwar weitgehend völlig gleichgültig, welche Hautfarbe, Schuhgröße oder sonstige Äußerlichkeit an ihm/ihr zu sehen sind. Ich unterhalte mich zum Beispiel auch gerne und ziemlich oft mit Menschen, die als "Penner" sehr unangenehm nach Urin und Alkohol stinken. Ich spreche sogar mit Neonazis, jedenfalls wenn ich mich nicht bedroht fühle, mehr noch, ich spreche sogar solche Menschen aktiv an. All dies mag falsch sein, und mehr noch ist dies zugleich ein Privileg, das ich in Anspruch nehme, und zwar ganz ohne jedes schlechte Gewissen wegen meiner Privilegiennutzung. Ich musste mir das übrigens erst einmal erarbeiten. Früher hatte ich hier und da vor allem Angst. Es wird vielen sehr klugen Menschen ausgesprochen gleichgültig sein, und zwar aus guten Gründen, wenn mir Menschen lieber sind, sogar deutlich lieber, welche von sich sagen, keine Rassisten zu sein, als solche, die das Gegenteil von sich sagen. Ich komme auch gut damit klar, wenn jemand andere weltanschauliche Positionen hat, und in Fragen von Rassismus vielleicht weniger theoretisches, historisches, praktisches Wissen hat als ich, und komme auch gut damit klar, wenn ein Mensch andere Rassismustheorien für sich für wesentlich erachtet: Solange dieser Mensch an einem gedeihlichen Miteinander interessiert ist.

    Ich bin Jude, arm und krank.

    Das lässt mich ein paar Dinge etwas anders beurteilen. Ich könnte das im Detail ausführen, aber damit würde ich viele Leser_innen hier damit ärgern, auch deshalb, weil ich an manchen Punkten andere Auffassungen vertrete, und bestimmte theoretische Konzepte sogar für hochproblematisch halte, obwohl diese eigentlich sogar die theoretische Avantgarde der Antirassismus darstellen möchten bzw. dies für sich in Anspruch nehmen. Wenn ich es richtig erkannt habe, bin ich darum (also oft auch wegen meiner Andersmeinung) mitunter umso problematischer, umso rassistischer, umso mehr ein ignoranter und unbelehrbarer Mann, überhaupt, umso wasauchimmmer.

    Immer, wie es jeweils passt. Nein, bei dir (du Leser_in im Augenblick) ist es etwas anderes. Du beurteilst mich mutmaßlich jeweils richtig, ganz besonders darum, weil du die richtigen Anschauungen über die wichtigen Fragen besitzt, mehr noch, weil du dich seit sehr vielen Jahren mit diesen Dingen intensiv beschäftigst hast. Im Gegensatz zu mir zum Beispiel. Oder?

    Was meine Position betrifft, um mich einmal an einem sehr wesentlichen Punkt zu outen: Ich wünsche mir mehr wechselseitiges Wohlwollen. Ganz insgesamt. Auch dann, wenn schwierige, konfliktträchtige Themen behandelt werden. So trivial und banal das klingen mag - es ist weder banal, noch trivial. Es ist sogar wichtig, jedenfalls meiner Meinung nach.

    Vielleicht aber irre ich mich an diesem Punkt.

    John Dean

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    1. Vielen Dank für diesen mich nachdenklich stimmenden Kommentar. Ich teile die Skepsis und auch - bis zu einem gewissen Punkt - das Desinteresse an immer komplexeren, spezialisierteren und mit immer ferner von der Alltagssprache und Alltagssituationen operierenden Rassismustheorien, vor allem im Hinblick auf ihren Nutzen für den Umgang miteinander.
      Ein Erlebnis in einem anderen Zusammenhang hat mir gezeigt, wie zentral das von Ihnen angesprochene "Wohlwollen"ist. Ich habe eine Diskussion in einer größeren Gruppe über den Umgang mit diskriminierenden Begriffen in literarischen Texten moderiert. Ausgangspunkt war die Lektüre eines Textes von Hemingway, in dem ein schwarzer Koch mehrmals, auch in beleidigender Weise, als "Nigger" bezeichnet wurde. Sollten diese Worte im Text erhalten bleiben, als Teil der damaligen Kultur und der originären Ausdrucksweise des Autors oder sollten sie gestrichten bzw. ersetzt werden? Zuvor hatte ich eher Beiträge zu diesem Thema aus dem Umfeld von literarisch sehr Interessierten, von Autor_innen und Übersetzer_innen usw. gehört bzw.gelesen. Hier zeigte man sich empört über Versuche der "Zensur", der "Sprachhygiene" usw. Man machte sich lustig über die "Gutmenschen", die jetzt sogar die Literatur "klinisch" rein machen wollten. In dieser anderen, sehr heterogenen Gruppe aus jungen Menschen lief die Diskussion völlig anders. Zwei schwarze Teilnehmer brachten zum Ausdruck, wie sehr sie sich durch das Wort "Nigger" in einem Text verletzt fühlen und dass sie keine Lust hätten, einen solchen Text weiterzulesen. Andere solidarisierten sich mit ihnen. Wieder andere wiesen darauf hin, dass in dem Zusammenhang, in dem das Wort aufgetaucht wares nicht sinnvoll durch etwas anderes ersetzt werden könnte, weil es genau um diesen historisch "wahren" Rassismus gehe (und eben auch um den von Hemingway). Ich habe zugehört und moderiert, mich aber nicht an der Diskussion beteiligt. Und dabei habe ich mir vor meinem inneren Auge vorgestellt, wie diese Diskussion ablaufen würde, wenn meine Bekannten, die Literaturfreunde, sich an ihr beteiligten: polemisch, selbstgerecht, ohne jedes "Wohlwollen". Sehr schnell wäre es sicher zu Beschimpfungen wie "Rassist" gekommen und umgekehrt vielleicht zu dem Satz: "Ich bin kein Rassist, aber..."

      In dieser großen, sehr heterogenen Gruppe aus jungen Leuten lief die Diskussion heftig, bisweilen auch hitzig, aber sie war immer von Wohlwollen geprägt. Ich habe viel dabei gelernt. Und auch meine eigenen Position zum Thema noch einmal überdacht und verändert. Während ich früher eher auf der Seite derjenigen gestanden habe, die die literarischen Texte nicht verändern wollen, glaube ich inzwischen, dass jeder Einzelfall betrachtet werden muss. Dabei spielt eine Rolle, für wen der Text lesbar werden soll (z.B. Kinderbuch oder Erwachsenenbuch) und vor allem auch, in welchem Kontext rassistische und diskriminierende Aussagen auftauchen. Und in vielen, aber nicht in allen Fällen, würde ich inzwischen (wenn es sich nicht um eine historisch-kritische Ausgabe handelt) für eine vorsichtige Anpassung plädieren.

      Das war jetzt ein langer Exkurs, entschuldigen Sie. Mir ging es darum zu zeigen, dass es auch in Debatten über Sexismus und Rassismus nicht darauf ankommen sollte "Recht" zu haben, sondern einander zuzuhören und mit Wohlwollen zu begegnen. Problematisch wird es dann, wenn eine Seite dieses "Wohlwollen" nicht aufbringt und nicht aufbringen will. Was dann?

      Und auch darauf gibt es keine einfache Antwort. Auch das hängt von der Situation und den jeweiligen Personen ab. Manchmal wird es möglich sein, auf einer anderen Ebene Kontakt herzustellen und das Thema von daher aufzugreifen. Manchmal wird es möglich sein, den Kontakt abzubrechen, weil man ganz gut auf einander verzichten kann. Und manchmal wird es verdammt schwierig.

      Herzliche Grüße
      M.

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